Herkunft und Namen
Valandil war ein Númenórer aus dem Geschlecht Elros' und der Sohn Silmariens, der Tochter des Königs Tar-Elendil. Mit ihm beginnt die Reihe der Herren von Andúnië, jener Stadt an der Westküste der Insel; er ist der erste, den die Überlieferung mit diesem Titel nennt. Damit steht er am Anfang eines Seitenzweiges des Königshauses, der das Zepter nicht führte, dem regierenden Stamm aber durch Blut und Rang eng verbunden blieb. Der Herr der Ringe führt ihn nur in einem einzigen knappen Satz, der seine Mutter, seinen Titel und die Lage seines Herrschaftssitzes im Westen des Landes festhält. Alles Weitere über seine Person – Lebensdaten, Wesensart, persönliche Züge – bleibt in den zu Tolkiens Lebzeiten veröffentlichten Texten unbeschrieben.
Der Name ist Quenya und aus zwei geläufigen Bestandteilen gebildet: dem Stamm für „Macht“ beziehungsweise für die Valar und dem Endglied -(n)dil, das Zuneigung und ergebene Freundschaft bezeichnet, wie es auch in Earendil und Elendil erscheint. Als „Valar-Freund“ gehört er damit zu jener Namensschicht, die im Haus von Andúnië später kennzeichnend werden sollte. Auch der Ortsname trägt seine Bedeutung offen: Andúnië meint den Sonnenuntergang und benennt die Himmelsrichtung, in die Stadt und Hafen blicken. Die posthum herausgegebene Königsliste ergänzt, dass Silmarien mit Elatan von Andúnië vermählt war und Valandil aus dieser Verbindung stammte; sie war das älteste Kind ihres Vaters, doch nach dem damals geltenden Erbrecht ging das Zepter an ihren jüngeren Bruder.
Vom Namen her ist Valandil von Andúnië streng zu trennen von dem gleichnamigen Fürsten des Nordreichs, der viele Jahrhunderte später und in einem anderen Land lebte; die Wiederholung des Namens innerhalb desselben weitverzweigten Hauses ist üblich und begründet keine unmittelbare Nähe. Zwischen ihm und den namentlich bekannten Herren von Andúnië späterer Tage nennen die Anhänge keine einzige Zwischenstufe. Diese Leerstelle ist keine Nachlässigkeit der Überlieferung im Erzählten, sondern eine tatsächliche Lücke des Quellenbestands: Die Reihe ist bezeugt, ihre Glieder sind es nicht, und jede Auffüllung wäre Erfindung.
Geschichte
Für Valandils eigenes Leben nennen die Quellen kein einziges Datum; sein Zeitraum lässt sich nur aus dem Umfeld erschließen. Die posthum herausgegebene Königsliste setzt die Geburt Silmariens in das Jahr 521 des Zweiten Zeitalters und die Herrschaft ihres Vaters Tar-Elendil auf die Jahre 590 bis 740, so dass Valandil in die Generation gehört, die unter dem vierten und dem fünften König Númenors heranwuchs. Er war damit ein Enkel Tar-Elendils, ein Neffe des Tar-Meneldur und ein Vetter des Aldarion, der als sechster das Zepter führte – Verwandtschaftsgrade, die seine Nähe zum Thron bezeichnen, ohne ihm einen Anspruch darauf zu geben. Wann er die Herrschaft über Andúnië antrat, wie lange er sie hielt und wann er starb, sagt kein Text. Der Unterschied fällt auf: Für die Träger des Zepters verzeichnet dieselbe Liste Geburts- und Sterbejahre mit großer Genauigkeit, für die Seitenlinie schweigt sie – die Buchführung des Hauses folgte dem Zepter, nicht dem Blut.
Was mit Valandil begründet wurde, war weniger ein Amt als eine Stellung. Die Beschreibung der Insel schildert den Andustar, den westlichen Landarm, als kühleres, waldreiches Gebiet mit felsigen Küsten; in einer seiner Buchten lag der Hafen von Andúnië, und die Stadt stieg hinter den Kais die Hänge hinauf. Wer hier saß, beherrschte den westwärts gewandten Zugang zur See, in Sichtweite jener Richtung, aus der die Schiffe der Eldar von Tol Eressea kamen. Der Akallabêth hält fest, dass die Herren von Andúnië zu allen Zeiten unter den ersten Ratgebern des Zepters standen und dass sie die Freundschaft mit den Eldar länger und offener pflegten als andere Häuser der Insel. Beides sind Merkmale der Reihe, nicht Taten Valandils; die Überlieferung schreibt sie dem Amt zu, das er als erster innehatte.
Die zu Tolkiens Lebzeiten gedruckten Texte fügen der Person nichts hinzu, wohl aber ihrem Umkreis. Die Zeittafel verzeichnet für das Jahr 600 des Zweiten Zeitalters das erste Erscheinen númenórischer Schiffe an den Küsten Mittelerdes – ein Vorgang, der in Valandils Lebenszeit fällt und die Seefahrt zum bestimmenden Zug jener Jahrhunderte machte. Aus derselben Anhangspartie stammt zudem der einzige Gegenstand, der sich unmittelbar an sein Haus knüpft: der silberne Stab der Herren von Andúnië, der später als Zepter von Annúminas das Wahrzeichen des Nordreichs wurde. Er galt als das älteste erhaltene Werk von Menschenhand in Mittelerde und war bereits mehr als fünf Jahrtausende alt, als Elrond ihn Aragorn übergab. Rechnet man rückwärts, so führt das Alter dieses Stabes genau in die Zeit zurück, in der die Herrschaft über Andúnië begann.
Die weitere Geschichte der Linie ist die eigentliche Wirkung Valandils, und sie verläuft über Jahrhunderte, die ihn nicht mehr nennen. Als die Könige sich von den Valar abwandten und die Sprache der Eldar aus dem öffentlichen Gebrauch verdrängt wurde, wurden die Herren von Andúnië zu Häuptern der Getreuen, die an der alten Freundschaft festhielten und dafür Argwohn und schließlich Verfolgung auf sich zogen. Die posthumen Texte nennen Earendur, den man als fünfzehnten dieser Herren zählt; seine Schwester Lindórie war die Mutter jener Inzilbêth, die mit Ar-Gimilzôr vermählt wurde, so dass das Blut von Andúnië in das Königshaus zurückkehrte und mit Tar-Palantir noch einmal einen König hervorbrachte, der umkehren wollte. Amandil, der letzte Herr, stand Ar-Pharazôn im Rat, bis dieser ihn entließ; danach fuhr er heimlich nach Westen, um für sein Volk Fürsprache zu suchen, und kehrte nicht zurück. Dass die Reihe durchgezählt wurde, auch wo ihre Namen verloren gingen, zeigt, wie genau man ihre Länge in Erinnerung behielt.
Das Ende dieser Geschichte ist datiert, ihr Anfang nicht. Im Jahr 3319 des Zweiten Zeitalters ging Númenor unter; Elendil und seine Söhne entkamen mit neun Schiffen und wurden an die Küsten Mittelerdes getragen, und im Jahr darauf wurden die Reiche in der Verbannung, Arnor und Gondor, gegründet. Von dort führt eine ununterbrochene Herrschaftsfolge bis in das Dritte Zeitalter und zu jenem Tag, an dem der Stab aus Andúnië wieder als Zepter eines Königs erhoben wurde. Valandils Bedeutung liegt vollständig in dieser Fortsetzung: Er hat, soweit die Quellen reichen, keine erzählte Tat vollbracht, aber er steht am Beginn einer Reihe, deren Ausgang die Geschichte zweier Königreiche bestimmte. Enzyklopädisch gesprochen ist er weniger eine Figur mit Geschichte als der datierbare Ursprung einer Geschichte, die andere zu Ende erzählt haben.
Rolle und Vermögen
Was Valandil im Legendarium bedeutet, ist eine Stellung im Gefüge Númenors, nicht eine Wirkung im Erzählten. Der Herr von Andúnië war ein Lehnsträger innerhalb des Inselreichs; die Königsgewalt lag ungeteilt beim Träger des Zepters, und die Anhänge kennen keinen Bereich, in dem ein Herr von Andúnië neben dem König geboten oder eigenes Recht gesetzt hätte. Nach dem Erbrecht seiner Zeit begründete die Abkunft von der ältesten Königstochter keinen Anspruch auf die Krone; erst zwei Regierungen später verzeichnet Der Herr der Ringe eine Königin aus eigenem Recht, und zwar in der Nachkommenschaft eines anderen Zweiges. Fähigkeiten im engeren Sinn schreibt ihm kein Text zu: keine Waffentat, kein Bauwerk, keine Fahrt, kein Ratschluss.
Die posthum herausgegebenen Texte schärfen die rechtliche Seite, ohne sie zu seinen Gunsten zu verschieben. Unter Aldarion wurde die Erbfolge geändert, so dass fortan das älteste Kind des Herrschers das Zepter empfing, ohne Rücksicht darauf, ob Sohn oder Tochter; rückwirkende Kraft hatte diese Neuerung nicht, und die Linie von Andúnië blieb außerhalb der Thronfolge. Was jene Generation an Vermögen besaß, war zudem Merkmal des Volkes und nicht persönliche Gabe: die weit über andere Menschen hinausreichende Lebensspanne, hoher Wuchs, die Kunst des Schiffbaus und der Seefahrt. Von Zauberkraft ist bei den Númenórern dieser Zeit nirgends die Rede, und für Valandil im Besonderen fehlt selbst die Angabe, wie lange er lebte.
Seine eigentliche Funktion im Werk ist eine verbindende: Über ihn läuft die Linie, die das Haus der Verbannten mit Elros und damit mit dem alten Königshaus verknüpft, und ohne dieses Glied bliebe die Herkunft der Fürsten von Arnor und Gondor unbelegt. Dieses Gewicht ist rückwirkend zugeteilt – es entsteht aus dem, was Jahrtausende später geschah, nicht aus etwas, das er selbst betrieben hätte. Zugleich markiert es die Grenze jeder Deutung: Die Haltung, für die das Haus von Andúnië später bekannt wurde, gehört in eine weit spätere Zeit und darf nicht auf ihren ersten Vertreter zurückprojiziert werden. Er ist bezeugt als Ursprung, nicht als Handelnder.
Verwandtschaft und Verbindungen
Sein Rang lief über die Mutter, sein Sitz allem Anschein nach über den Vater: Die posthum herausgegebene Königsliste versieht Elatan mit dem Beinamen des Ortes, während die Abkunft von Elros allein auf Silmariens Seite lag. Von Elatan selbst ist sonst nichts überliefert – keine Herkunft, kein Amt, keine Tat –, so dass die eine Hälfte von Valandils Abstammung nur als Name besteht. Dieselbe Liste führt neben Silmarien noch Isilmë und Írimon als Kinder Tar-Elendils auf; Írimon nahm beim Empfang des Zepters den Namen Tar-Meneldur an. Valandil hatte demnach nahe Verwandte in unmittelbarer Umgebung der Krone, doch von einer Begegnung mit ihnen berichtet kein Text.
Das fällt umso stärker auf, als gerade seine Generation die einzige ist, von der eine ausgeführte Familiengeschichte Númenors vorliegt. Der Bericht über Aldarion und Erendis schildert Werbung, Ehe und Entfremdung über Jahrzehnte hinweg, verfolgt die Wirkung auf deren Tochter Ancalimë und nennt dabei eine ganze Reihe von Personen des Hofes und der Schiffsleute – Valandil ist nicht darunter. Ebenso wenig kennen die Quellen eine Gemahlin, ein Kind oder einen Gefährten an seiner Seite; auch ein Gegenspieler wird ihm nirgends zugeordnet. Sein bezeugtes Beziehungsgeflecht weist damit ausschließlich nach oben: auf die Eltern und, durch sie, auf das regierende Haus.
Nach unten hin besteht die Verbindung nicht aus Personen, sondern aus einer Reihe. Der Herr der Ringe lässt aus Valandil die späteren Herren von Andúnië hervorgehen und gelangt von dort zu Amandil und Elendil, ohne ein einziges Zwischenglied zu benennen; wer ihm unmittelbar nachfolgte, bleibt offen, und nicht einmal ein Sohn wird angeführt. Die Bindungen und Feindschaften, für die sein Haus später bekannt wurde, treten in den Anhängen erst bei Nachkommen auf, die Jahrhunderte nach ihm lebten, und lassen sich auf ihn nicht zurückführen. Für Valandil selbst bleibt genau eine gesicherte Bindung stehen, die zur Mutter; alles Übrige, was man ihm an Verwandtschaft zuschreiben möchte, wäre Vermutung.