Name und Herkunft

Unter dem Namen Noegyth Nibin kennt die Überlieferung dieses Volk allein aus dem Mund der Elben Beleriands. Die Bezeichnung ist sindarinisch und bedeutet sinngemäß „die Kleinzwerge“. Sie hebt damit hervor, was die Grauelben an ihnen zuerst bemerkten: ihre geringe Gestalt und ihr ärmliches Auftreten. Eine Selbstbezeichnung ist nicht überliefert. Was man von ihnen weiß, stammt fast ausschließlich aus der Begegnung Turins mit Mim, einem ihrer letzten Angehörigen. Der Name sagt deshalb mehr über den Blick der Sindar auf diese Fremden als über deren eigenes Verständnis.1

Sprachlich gehört der erste Namensteil zu demselben sindarinischen Element, das auch in Naugrim steckt, der gewöhnlichen elbischen Bezeichnung für die Zwerge überhaupt. Es trägt die Vorstellung des Gedrungenen, Verkümmerten in sich. Der Zusatz Nibin verstärkt dies noch und grenzt die Kleinzwerge ausdrücklich von den stattlicheren Zwergen der Blauen Berge ab. So verweist der Name zugleich auf die Verwandtschaft mit dem Zwergengeschlecht und auf den Abstand zu ihm. Die Sindar gaben ihn erst, nachdem sie in diesen Wesen überhaupt Zwerge zu erkennen gelernt hatten.2

Ihrer Abstammung nach waren die Kleinzwerge Nachfahren von Zwergen, die in fernen Zeiten aus den großen Zwergenstädten des Ostens verstoßen worden waren. Sie wanderten lange vor Morgoths Rückkehr nach Mittelerde westwärts nach Beleriand. In der Abgeschiedenheit schwanden ihre Körpergröße und ihre Kunst am Amboss; sie lebten verstohlen und wichen dem Blick anderer aus. Die Sindar, die sie anfangs nicht als Zwerge erkannten, stellten ihnen nach wie Tieren. Erst als die Zwerge aus Nogrod und Belegost über die Berge kamen und die Elben ihre Art verstanden, ließ man sie in Frieden, und von da an trugen sie den Namen, unter dem sie bekannt blieben.3

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 21, Of Turin Turambar
  2. 2Das Silmarillion, Anhang, Elements in Quenya and Sindarin Names; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 21, Of Turin Turambar
  3. 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 21, Of Turin Turambar

Geschichte

Nachdem die Kleinzwerge in Beleriand Fuß gefasst hatten, suchten sie sich verborgene Wohnstätten im Gestein des Westens. Am Narog, unter den Höhen, die später den Kern von Nargothrond bildeten, begannen sie Hallen und Gänge in den Fels zu treiben, lange bevor Finrod Felagund über das Meer kam. Eine zweite, bescheidenere Heimstatt legten sie im Inneren des Amon Rudh an, eines kahlen Berges in den Landen südlich des Teiglin. Von eigenen Reichen, Königen oder Bündnissen weiß die Überlieferung nichts; alles deutet auf eine kleine, in Sippen zerstreute Gemeinschaft, die ihre Hallen eher als Zuflucht denn als Herrschaftssitz verstand.1

Mit der Ankunft der Noldor verschlechterte sich ihre Lage weiter. Die Höhlen am Narog gingen an Finrod über, der dort seine Festung errichtete, und die Kleinzwerge sahen darin einen Raub an ihrem Land und ihren Häusern. Daraus erklärt sich, dass ihr Groll gegen die Heimkehrer aus Valinor tiefer saß als gegen die Sindar, die sie einst gejagt hatten. Zugleich waren sie Feinde der Orks, sodass sie in den Kriegen gegen Morgoth zwischen allen Lagern standen und sich keinem anschlossen. Ihre Zahl nahm im Lauf der Zeitalter stetig ab, ohne dass die Quellen einen einzelnen Krieg oder ein bestimmtes Unglück dafür verantwortlich machen. Zur Zeit, als Turin in die Wildnis ging, war das Volk bis auf Mim und seine Söhne Khim und Ibun erloschen.2

In die Geschichte der Menschen tritt dieses Restvolk durch einen Zufall. Die Geächteten, mit denen Turin nach seiner Flucht aus Doriath umherzog, stießen in der Gegend des Amon Rudh auf Mim und seine beiden Söhne und hielten sie zunächst für Wegelagerer oder Späher. Beim Versuch, sie zu stellen, traf ein Pfeil aus den Reihen der Bande Khim tödlich, ohne dass die Schützen dies sogleich bemerkten. Mim erkaufte sich das Leben, indem er die Männer zu seinen Hallen im Berg führte, die bis dahin kein Fremder betreten hatte. Turin bot ihm für den Tod seines Sohnes eine Buße an und nahm mit seinen Gefährten Wohnung in dem Zwergenhaus, das fortan den Namen Bar-en-Danwedh trug, das Haus der Sühne.3

Das erzwungene Zusammenleben blieb brüchig. Mim fand zwar eine gewisse Nähe zu Turin, doch als Beleg aus Doriath zu der Schar stieß, lebte die alte Feindschaft gegen die Elben in ihm wieder auf. Als Mim und Ibun später außerhalb des Berges in die Hände von Orks gerieten, führte der Zwerg die Feinde auf verborgenen Pfaden hinauf zum Versteck. Der Überfall zerschlug die Schar der Geächteten; Turin wurde gefangen fortgeschleppt, und das Haus der Sühne fiel in die Gewalt der Diener Morgoths. Mit diesem Verrat verknüpft die Überlieferung das Schicksal der Kleinzwerge unauflöslich mit dem Verhängnis des Hauses Hurin.4

Das letzte Kapitel spielt dort, wo die Geschichte des Volkes begonnen hatte. Nach dem Fall Nargothronds und dem Tod des Drachen Glaurung stand die Festung verlassen, und Mim zog in die Hallen ein, die einst seine Vorfahren zu graben begonnen hatten. Er machte sich zum Herrn über den Hort, den der Drache dort zusammengetragen hatte, und hütete das Gold in der Leere der Gänge. Dort fand ihn Hurin, als er nach seiner Freilassung aus Angband mit einer Schar von Geächteten nach Nargothrond kam. Hurin erschlug den Zwerg vor den Toren. Über Ibuns weiteres Schicksal schweigen die Quellen, und mit Mims Tod verschwinden die Noegyth Nibin aus der erzählten Geschichte Beleriands.5

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar
  3. 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar; Die Kinder Húrins, Kap. 7, Of Mîm the Dwarf
  4. 4Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar; Nachrichten aus Mittelerde, Teil 1, Kap. 2, Narn i Hîn Húrin
  5. 5Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 22, Of the Ruin of Doriath

Lebensweise und Werke

Von den Künsten, die man den Zwergen sonst zuschreibt, war den Kleinzwergen nur ein Rest geblieben. Am Amboss hielten sie keinen Vergleich mit den Schmieden aus Nogrod und Belegost aus, und von kunstreichen Werken aus ihrer Hand weiß die Überlieferung nichts. Ihre eigentliche Stärke lag im Graben: Wo sie sich niederließen, trieben sie Kammern, Stiegen und verborgene Zugänge in den Fels, und nach außen verrieten ihre Wohnstätten kaum etwas von dem, was sie im Inneren bargen. Ihren Unterhalt fanden sie offenbar weniger im Handwerk als im Sammeln. Mim und seine Söhne wurden von Turins Gefährten mit schweren Säcken angetroffen, in denen sie Wurzeln aus der Wildnis zu ihren Vorräten im Berg trugen.1

Sprachlich blieben sie dem Zwergengeschlecht verbunden, soweit die spärlichen Reste ein Urteil erlauben. Die Namen Mims und seiner Söhne klingen nicht elbisch, und die Hallen am Narog, die spätere Festung Finrods, nannte Mim in seiner eigenen Zunge Nulukkizdin. Über den Kreis der Sippe hinaus pflegten sie keine Gemeinschaft. Fremde ließen sie nicht in ihre Häuser, Bündnisse gingen sie nicht ein, und ihr Misstrauen galt Menschen wie Elben gleichermaßen. Dass Mim die Geächteten überhaupt in seinen Berg führte, geschah unter Zwang und nicht aus Gastfreundschaft.2

Im Umgang mit Verlust und Zeit zeigt sich das Bild eines Volkes, das sich selbst überlebt hatte. Mim war von hohem Alter und trug das Wissen um das Schwinden seiner Art mit sich. Um den getöteten Khim trauerte er bitter, und dass Turin ihm eine Buße für den Sohn anbot, rührte an einen Sinn für Recht und Vergeltung, der ihm offenbar viel bedeutete. Zugleich hing er an Besitz und Gold. Als er nach dem Fall Nargothronds den Hort des Drachen an sich nahm, suchte er darin weniger Reichtum zum Gebrauch als ein Erbe, das ihm niemand mehr streitig machen sollte. Sterbend legte er einen Fluch auf diesen Schatz, und so wirkte die Bitterkeit der Kleinzwerge noch über ihr Ende hinaus in die Geschichte Beleriands fort.3

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar; Nachrichten aus Mittelerde, Teil 1, III, Narn i Hîn Húrin
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar; Nachrichten aus Mittelerde, Teil 1, III, Narn i Hîn Húrin
  3. 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 22, Of the Ruin of Doriath

Rolle in der Erzählung

Als Volk bleiben die Kleinzwerge in der Erzählung fast unsichtbar. Gegenwärtig sind sie nur als Hintergrund einer einzigen Gestalt. Die Überlieferung führt sie erst ein, als ihr Schicksal schon entschieden ist, und zeigt sie nie in ihrer Blüte, sondern allein als Rest. Damit gewinnt die Geschichte Turins einen Schauplatz, der älter ist als die Kriege der Noldor und von ihnen unberührt scheint. Das Haus im Berg wird zu einer Zwischenwelt, in der Turin für eine Weile Zuflucht findet, ohne dort je heimisch zu werden. Der alte Zwerg dient dabei als Gegenüber, an dem Turins Stolz, sein Mitleid und seine Unbedachtsamkeit sichtbar werden.1

Inhaltlich eröffnen die Noegyth Nibin eine Sicht, die in den Erzählungen vom Ersten Zeitalter selten eingenommen wird: die der Verdrängten. Aus ihrem Blickwinkel erscheint der Glanz Nargothronds als Landnahme, und die Überlieferung lässt diesen Vorwurf stehen, ohne ihn zu entkräften. So bekommt das Bild von Elbenreichen, die in herrenloses Land gebaut wurden, einen Riss. Zugleich verweigert die Erzählung den Kleinzwergen die reine Opferrolle. Ihr Groll hat Gründe, doch er verengt sich zu einem Hass, der am Ende dem Feind in die Hände spielt. Gerade diese Mischung aus berechtigter Klage und kleinlicher Bosheit macht Mim zu einer der wenigen wirklich zwiespältigen Nebenfiguren der Überlieferung.2

Darüber hinaus verkörpern die Kleinzwerge das Motiv des Schwindens, das Tolkiens Werk durchzieht. Ein Volk, das einst den Grund für große Hallen legte, verliert Gestalt, Kunst und Zahl, bis nur noch ein Greis übrig ist, der die Erinnerung verwaltet. Dass Turin, selbst ein Heimatloser, ausgerechnet bei diesem Rest Unterschlupf findet, stellt zwei Formen der Verbannung nebeneinander. Über den Fluch auf dem Gold aus Nargothrond reicht die Wirkung des vergehenden Volkes zudem bis in den Untergang Doriaths hinein. So besteht sein letzter Beitrag zur Geschichte Beleriands in einem Unheil, das andere trifft.3

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar; Die Kinder Húrins, Kap. 7, Of Mîm the Dwarf
  2. 2Nachrichten aus Mittelerde, Teil 1, III, Narn i Hîn Húrin; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar
  3. 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 22, Of the Ruin of Doriath

Entwürfe und Varianten

In den frühesten Fassungen der Legenden gibt es noch kein eigenes Volk der Kleinzwerge. Mim tritt dort bereits auf, doch nur als einzelner, betagter Zwerg, der nach dem Tod des Drachen in den verlassenen Hallen am Narog über das Gold wacht. Als Hurins Gefolge den Schatz forttragen will, wird er erschlagen, und sein Fluch lastet danach auf dem Hort. In dieser Gestalt überdauert die Figur auch die knappen Prosafassungen der Dreißigerjahre. Eine Verbindung zu Turin, ein Haus im Berg oder eine Herkunft aus verstoßenen Sippen ist in diesen Texten noch nicht zu erkennen. Der Hüter des Horts ist hier ein Zwerg unter anderen, kein letzter Rest einer verschwindenden Art.1

Das Volk selbst entsteht erst in Tolkiens späten Arbeiten an der Geschichte Turins und an den Annalen Beleriands. Mit ihm rücken Mim und seine Söhne an den Amon Rudh, und aus dem bloßen Schatzhüter wird der Nachfahre eines verdrängten Zwergenstammes. Auch der Name war zunächst nicht festgelegt. In den späten Annalen und in den sprachgeschichtlichen Erörterungen über die Namen der Völker erscheinen Formen wie Nibin-noeg und Nibin-nogrim neben der später maßgeblichen Bildung. Tolkien behandelt dabei ausführlich, wie die Sindar zu ihren Bezeichnungen für die Zwerge kamen und welche Rolle die Begegnung mit diesen Kleinwüchsigen dabei spielte. Die im veröffentlichten Werk geglättete Darstellung beruht damit auf einer Schicht von Entwürfen, die nie abschließend vereinheitlicht wurde.2

  1. 1Das Buch der verschollenen Geschichten. Teil 2, The Nauglafring; The Shaping of Middle-earth, The Quenta
  2. 2The War of the Jewels, The Grey Annals; The War of the Jewels, Quendi and Eldar