Was für ein Buch das ist

„Das Buch der verschollenen Geschichten. Teil 1“ eröffnet 1983 die von Christopher Tolkien besorgte Reihe zur Werkgeschichte seines Vaters und steht in ihr als erster Band. Es ist kein Erzählband im gewöhnlichen Sinn, sondern eine Edition: Vorgelegt werden frühe, zu Lebzeiten des Verfassers unveröffentlichte Handschriften, und der Herausgeber berichtet dazu, in welchem Zustand er sie vorgefunden hat — Bleistiftlagen, darübergesetzte Tintenfassungen, Streichungen, Ansätze, die mitten im Satz abbrechen. Der Band umfasst mehrere hundert Seiten, von denen ein erheblicher Teil auf den Apparat entfällt. Die deutsche Ausgabe erschien bei Klett-Cotta in der Übersetzung von Hans J. Schütz.

Der Aufbau folgt durchweg demselben Takt. Ein Vorwort erläutert die Anlage des Unternehmens und die editorischen Grundsätze; danach wechseln sich Textstücke und Erläuterung ab, wobei jedem Stück Anmerkungen und ein Kommentar folgen, der Datierung, Varianten und die Schichten der Namensformen prüft. Auffällig ist die Erzählhaltung der Texte selbst: Die Geschichten werden nicht berichtet, sondern innerhalb des Buches mündlich vorgetragen, von wechselnden Sprechern vor einem Zuhörer, in einem gehobenen, bewusst altertümlich getönten Ton und unterbrochen von Nachfragen und Einwürfen. Beschlossen wird der Band von einem Anhang zu den Namen, der die Formen der beiden frühen Elbensprachen erklärt, sowie von einem Register.

Als Einstieg in Tolkiens Welt taugt das Buch nicht, und es will es auch nicht sein. Es setzt voraus, dass man die veröffentlichte Fassung der Ältesten Tage bereits kennt, und richtet sich an Leser, die wissen möchten, wie dieser Stoff entstanden ist. Im Legendarium steht es damit an ungewöhnlicher Stelle: Es enthält die früheste zusammenhängende Gestalt der Überlieferung, nicht deren gültige, und was hier steht, ist an vielen Punkten später verworfen oder umgebaut worden. Namen, Verwandtschaften und Abläufe weichen entsprechend ab. Fortgesetzt und abgeschlossen wird die Reihe der frühen Geschichten im zweiten Teil, der ein Jahr darauf folgte.

Entstehung und Veröffentlichung

Die Texte, die dieser Band vorlegt, entstanden während des Ersten Weltkriegs und in den unmittelbar folgenden Jahren. Tolkien hat den Beginn später mehrfach selbst datiert: Die Geschichte vom Untergang von Gondolin schrieb er 1917, während eines Genesungsurlaubs, den ihm eine im Feld zugezogene Erkrankung eingetragen hatte; sie ist damit das älteste der hier gesammelten Stücke und zugleich der Ausgangspunkt der ganzen Überlieferung. In einem Brief an Christopher Bretherton aus dem Jahr 1964 nennt er die Umstände beiläufig und ohne Feierlichkeit, als handle es sich um eine bloße Beschäftigung der Krankheitszeit. Ähnlich äußerte er sich gegenüber W. H. Auden, dem er ebenfalls Krieg und Lazarett als äußeren Rahmen der ersten Niederschrift angab. Die Arbeit lief neben dem Dienst und später neben der beruflichen Tätigkeit her, in Notizbüchern, die er über Jahre mit sich führte.

In den Jahren bis etwa 1920 kamen weitere Geschichten hinzu, und mit ihnen der Plan, sie zu einem geschlossenen Zyklus zusammenzubinden. Vollendet wurde dieser Plan nie. Die Reihe bricht ab, einzelne Stücke bleiben Entwurf, andere sind nur als Gliederung vorhanden, und noch während der Niederschrift begann Tolkien, Früheres wieder umzuarbeiten. Was danach folgte, war kein Neuanfang, sondern ein Umgießen desselben Stoffes in andere Formen — in Verse, in gedrängte Abrisse, in immer neue Prosafassungen —, wobei die frühen Geschichten als Grundlage dienten und zugleich hinter den späteren Gestalten verschwanden. In seinem ausführlichen Rechenschaftsbericht an Milton Waldman hat Tolkien diesen Vorgang als das Wachsen eines Zusammenhangs beschrieben, der seit der Jugend mit ihm ging und den er nie zum Stillstand brachte.

Zu Lebzeiten kam von alledem nichts an die Öffentlichkeit. Christopher Tolkien hat im Vorwort zur 1977 erschienenen Ausgabe der Ältesten Tage festgehalten, in welchem Zustand er die Papiere übernahm: ein über Jahrzehnte gewachsener Bestand ohne endgültige Fassung, in dem sich Späteres und Früheres überlagerte. Für jene Ausgabe entschied er sich, einen einzigen lesbaren Text herzustellen und die Schichten dahinter nicht sichtbar zu machen. Der 1980 vorgelegte Band mit unvollendeten Erzählungen ging bereits den umgekehrten Weg und stellte die Stücke mitsamt Datierung, Lücken und editorischer Erläuterung nebeneinander. Damit war das Verfahren erprobt, das der vorliegende Band auf den ältesten Bestand anwendet.

Die englische Erstausgabe erschien 1983 bei George Allen & Unwin in London, die amerikanische im selben Jahr bei Houghton Mifflin in Boston; nach dem Übergang des Verlagshauses erschienen die Nachdrucke unter dem Namen HarperCollins. Der Band trägt die Bandzahl eins der Reihe, deren Fortsetzung ein Jahr später folgte und die sich über ein Jahrzehnt hinzog, ohne dass ihr Umfang zu Beginn festgestanden hätte. Eine inhaltliche Überarbeitung hat der Text nicht erfahren: Spätere Auflagen und Sammelausgaben geben ihn unverändert wieder, was daran liegt, dass es sich um eine Edition handelt und nicht um ein fortschreibbares Werk. Korrekturen und Nachträge des Herausgebers wanderten stattdessen in die folgenden Bände, in denen er auf früher Gesagtes zurückkommt, sobald neue Handschriften eine Datierung verschoben.

Aufbau und Inhalt

Der Band versammelt zehn durchnummerierte Geschichten, die eine Rahmenhandlung zusammenhält. Sie setzt gleich mit dem ersten Stück ein: Ein Seefahrer namens Eriol erreicht die Einsame Insel Tol Eressea und wird in der Stadt Kortirion in ein Haus aufgenommen; seine Gastgeber Lindo und Vaire führen ihn in den Raum des Kaminfeuers, an dem abends erzählt wird. Die Anordnung der Geschichten ist von da an eine Folge solcher Abende, und die Sprecher wechseln — der Gelehrte Rúmil, die Herrin Meril-i-Turinqi, zuletzt Gilfanon. Wer sich im Band zurechtfinden will, liest diese Rahmenstücke als Klammer und nicht als eigene Erzählung; sie erklären zugleich, warum manche Geschichte abgebrochen und später von anderer Seite wieder aufgenommen wird.

Der Stoff der zehn Stücke folgt der Weltgeschichte von ihrem Anfang an und reicht bis an die Schwelle der Menschenzeit. Nach dem Rahmeneingang steht die Geschichte von der Musik der Ainur, dann das Kommen der Valar und die Errichtung Valinors, die Fesselung Melkos, das Erwachen der Elben und der Bau der Stadt Kôr, der Raub der Kleinode und die Verfinsterung Valinors, die Flucht der Noldoli, die Erschaffung von Sonne und Mond und schließlich die Verbergung Valinors. Den Schluss bildet Gilfanons Geschichte, die von den Mühen der Noldoli und dem Kommen der Menschen handelt und mitten im Lauf aus der Erzählung in eine bloße Gliederung übergeht. Dort endet der Teilband. Die großen Geschichten von Beren, von Túrin, vom Untergang Gondolins und vom Halsband der Zwerge sowie der Ausgang der Rahmenhandlung stehen sämtlich im zweiten Teil, sodass der erste allein die Vorgeschichte im Westen enthält.

Neben den Geschichten selbst enthält der Band Material, das anderswo nicht greifbar ist. In die Erläuterungen zum ersten Stück sind frühe Gedichte eingerückt, darunter die Verse über die Bäume von Kortirion, die mitsamt ihren älteren Fassungen und einer Notiz zu ihrer Entstehung wiedergegeben werden; weitere Gedichte stehen an passender Stelle in den späteren Erläuterungen. Der Namensanhang ordnet die Eigennamen alphabetisch und zerlegt sie nach den Wurzeln der beiden Sprachen, die Tolkien damals ausgearbeitet hatte, des Qenya und des Goldogrin, sodass er zugleich als frühestes zusammenhängendes Wörterverzeichnis dient. Dazu tritt ein kurzes Glossar, das veraltete, altertümliche und seltene englische Wörter erklärt, die in den Geschichten vorkommen — es hat für die deutsche Ausgabe naturgemäß geringeren Nutzen. Karten enthält der Band nicht; abgebildet ist eine Zeichnung des Verfassers, die die Welt in der Gestalt eines Schiffes darstellt.

Stellung im Legendarium

Was dieser Band vorlegt, ist der Stoff der Ältesten Tage in seiner ersten zusammenhängenden Gestalt: die Kette von der Erschaffung der Welt über das Erwachen der Elben und die Verfinsterung des Westens bis an die Schwelle der Menschenzeit. Dieselbe Abfolge trägt später die gültige Überlieferung, die 1977 an die Öffentlichkeit kam — dort beginnt die Darstellung ebenfalls mit der Musik der Ainur, führt über die Einrichtung Valinors und den Raub der Kleinode zur Erschaffung von Sonne und Mond und zur Verbergung des Westens. Der Unterschied liegt nicht im Gang der Ereignisse, sondern in der Art, wie er beglaubigt wird: Der frühe Bestand erzählt breit und ausmalend, der späte berichtet knapp und aus der Ferne einer Chronik. Wer beides nebeneinanderlegt, sieht dieselbe Anlage in zwei sehr verschiedenen Tonlagen.

Vorausgesetzt wird in diesen Texten ein Vermittler: ein Sterblicher, der nach Westen fährt und dem die Elben erzählen, was er sonst nicht wüsste. Diese Konstruktion hat die spätere Überlieferung nicht behalten; sie gibt den Stoff ohne Zuhörer und ohne Kaminfeuer, als Bestand, der für sich steht. Der Gedanke der Westfahrt selbst blieb jedoch erhalten und wanderte an eine andere Stelle: Im gültigen Zusammenhang ist es Earendil, dessen Fahrt die Trennung zwischen den Ländern überwindet, und die Einsame Insel behält ihren Ort als letzte Station vor dem Segensreich — die Númenórer sehen sie von ihren Schiffen aus, dürfen sie aber nicht betreten. Was im frühen Bestand also erzählerischer Rahmen war, ist später Teil der erzählten Welt geworden.

An vielen Einzelheiten widerspricht der frühe Bestand dem späteren, und zwar sichtbarer bei den Namen als bei den Sachen. Der Widersacher heißt in der gültigen Überlieferung Melkor und wird erst durch die Elben mit dem Schimpfnamen belegt, unter dem er dann geführt wird; das Volk, dem die Kleinode geraubt wurden, heißt dort Noldor, und die Stadt, die es im Westen erbaute, trägt einen anderen Namen als in den frühen Fassungen. Auch die Ordnung der Mächte, ihre Zahl, ihre Zuständigkeiten und ihre Verwandtschaftsverhältnisse untereinander sind später anders gefasst worden. Für die Frage, was gilt, entscheidet in solchen Fällen nicht das Alter der Handschrift, sondern die spätere Fassung — die frühe bleibt Vorstufe.

Gegenüber den zu Lebzeiten veröffentlichten Büchern steht der Band ohne bindende Kraft. Der Ringkrieg-Roman setzt von den Ältesten Tagen nur so viel voraus, wie er selbst mitteilt: die Verse, die Bilbo in Bruchtal über den Seefahrer Earendil vorträgt, die Anrufung der Sternenkönigin, die zusammengezogene Vorgeschichte im Anhang. Nichts davon verlangt Kenntnis der frühen Geschichten, und wo diese abweichen, bleibt das Gedruckte maßgeblich. Der Band trägt damit eine eigene, tiefer gelegene Schicht: Er zeigt, woraus die Überlieferung geworden ist, ohne selbst zu ihr zu gehören.

Aufnahme und Wirkung

Der Band blieb nach seinem Erscheinen dauerhaft lieferbar. Auf die gebundene Erstausgabe folgten Taschenbuchausgaben, und über den Wechsel des britischen Verlagshauses hinweg wurde der Text in immer neuen Nachdrucken weitergereicht; später erschien er auch in Sammelbänden, die mehrere Titel der Reihe unter einem Deckel zusammenfassen. Getragen wurde diese Verfügbarkeit von der Fortsetzung des Unternehmens selbst: Was 1983 als offener Plan begann, wuchs bis 1996 auf zwölf Bände an, deren letzter die Papiere zum Ringkrieg-Roman und zu dessen Anhängen behandelt. Ein gesonderter Registerband für die gesamte Reihe kam nachträglich hinzu. Der erste Band wird darin durchgehend mitgeführt, weil die späteren Herausgeberberichte auf ihn zurückverweisen, sobald eine Handschrift neu datiert oder eine Namensform berichtigt werden musste.

Eine deutsche Fassung lag rasch vor. Klett-Cotta brachte den ersten Teil unter dem Titel „Das Buch der verschollenen Geschichten. Teil 1“ heraus, der zweite folgte im Jahr darauf; übersetzt hat beide Hans J. Schütz. Die Zweiteilung des englischen Originals wurde dabei beibehalten, ebenso die Anordnung von Text, Anmerkungen und Kommentar. Der Reihentitel dagegen blieb im Deutschen unübersetzt und wird in der englischen Form geführt, sodass die Bandzählung zwischen beiden Sprachen ohne Umrechnung übereinstimmt.

Über die Reihe hinaus hat der frühe Bestand später einen zweiten Weg in den Buchhandel gefunden. Christopher Tolkien stellte in seinen letzten Ausgaben je eine der großen Geschichten in ihrer Entwicklung zusammen und setzte an den Anfang dieser Bände jeweils die älteste Fassung aus den verschollenen Geschichten — 2017 die Erzählung von Beren und Lúthien, 2018 die vom Untergang Gondolins. Beide Stücke stammen aus dem zweiten Teil; für den ersten gibt es kein solches Gegenstück, sodass sein Inhalt allein in der Reihe und deren Nachdrucken zugänglich bleibt. Ein eigener Preis ist für den Band nicht überliefert, und belastbare Auflagenzahlen sind nicht veröffentlicht.