Namen und Herkunft
Der Name „Ainur“ ist Quenya und bedeutet sinngemäß „die Heiligen“; er bezeichnet keine Rasse im biologischen Sinne, sondern eine Ordnung von Geistern, die Ilúvatar vor allem anderen Werk aus seinem Gedanken hervorbrachte. Jeder von ihnen entstand einzeln und war seinem Ursprung nach dem anderen fremd, bis Ilúvatar ihnen die Musik lehrte, mit der sie später gemeinsam sangen. Vor dieser Musik gab es unter ihnen also weder Gemeinschaft noch einen Namen, der sie als Ganzes fasste — der Name „Ainur“ bezeichnet mithin ein Ergebnis, nicht einen Ausgangspunkt: die Gemeinschaft derer, die Ilúvatars Gedanken kannten, bevor die Welt war.
Die Erzählung unterscheidet innerhalb dieser einen Ordnung nach Rang und Macht, nicht nach Herkunft: Manche Ainur waren von Anfang an mächtiger und tiefer in Ilúvatars Gedanken eingeweiht als andere, und aus diesem Gefälle erwuchsen später die Bezeichnungen Valar und Maiar für jene, die in die Welt eintraten. Der Name Ainur selbst kennt diese Unterscheidung noch nicht; er umfasst beide Gruppen gleichermaßen und bleibt auch nach dem Eintritt in die Welt der weitere, übergeordnete Begriff, unter dem die engeren Namen erst entstehen.
In Tolkiens eigenen Erläuterungen wird diese Herkunft aus dem Gedanken Ilúvatars ausdrücklich als Schöpfung vor der Zeit und vor der Welt beschrieben — die Ainur sind mithin älter als jede Geschichte, die von ihnen erzählt wird, und ihr Name verweist auf diesen vorweltlichen Ursprung, nicht auf eine Herkunft aus Mittelerde selbst.
Geschichte
Nach dem Erklingen der großen Musik zeigte Ilúvatar den Ainur, was aus ihrem gemeinsamen Werk werden könnte, ehe er ihm wirkliches Sein verlieh und die Welt ins Dasein rief. Diese Vision reichte weiter, als jeder von ihnen zuvor gesehen hatte, und ließ erahnen, wie viel von dem, was sie gemeinsam ersonnen hatten, erst noch Wirklichkeit werden musste. Damit begann für die Ainur eine Scheidung, die keine Frage des Ranges mehr war, sondern eine Frage der Wahl: Ein Teil von ihnen empfand den Wunsch, das nur Geschaute zu vollenden und selbst in das Werdende einzugehen, während andere der Welt fernblieben und außerhalb ihrer verharrten. Erst mit diesem Entschluss beginnt im eigentlichen Sinn eine Geschichte der Ainur, die sich in Ereignissen und Taten erzählen lässt und nicht mehr allein in Gesang und Vision.
Der Eintritt in die Welt war kein bloßes Betreten, sondern eine Bindung: Wer hinabstieg, nahm Anteil an ihrem Stoff und blieb ihr fortan verhaftet, bis ihr Werk vollendet sei, wodurch die vormals freie, gestaltlose Natur der Ainur eine erste, dauerhafte Einschränkung erfuhr. Da der Zwiespalt, den Melkor schon in die Musik getragen hatte, mit den Ainur in die Welt kam, setzte sich dieser Widerstreit im Werk der Gestaltung Ardas fort, so dass die Geschichte der in die Welt eingegangenen Ainur von Beginn an ebenso eine Geschichte des Streits wie des Aufbaus ist.
Das Machtgefälle, das schon vor der Musik zwischen den Ainur bestand, wurde erst mit dem Eintritt in die Welt zu einer wirksamen Ordnung: Die Mächtigsten unter ihnen übernahmen die großen Aufgaben der Gestaltung — Land, Meer, Gebirge, Himmel — und damit auch Herrschaft über diese Bereiche, während die ihnen zugeordneten Geister geringerer Macht sie bei dieser Arbeit unterstützten. So wurde aus einem Unterschied des Ranges im Lauf der Zeit ein Unterschied der Aufgabe, aus dem die Namen Valar für die Herrschenden und Maiar für ihre Gefolgschaft erwuchsen.
Der in der Musik begonnene Widerstreit setzte sich in offener Feindschaft fort: Melkor, selbst einer der mächtigsten Ainur, durchkreuzte wiederholt das Werk der übrigen. Ihre erste große Schöpfung, zwei gewaltige Lampen, mit denen sie Mittelerde erhellten, wurde durch seinen Angriff zerstört, und diese Verwüstung zwang die anderen, ihre erste Wohnstatt in Mittelerde aufzugeben und sich stattdessen im fernen Aman jenseits des Meeres niederzulassen. Von dort aus setzten sie ihre Herrschaft über die Welt fort, besaßen sie jedoch nie ungeteilt, denn Melkor blieb, obwohl er später nicht mehr zu ihrer Zahl gerechnet wurde, ein Gegenspieler, dem sich auch andere Ainur anschlossen.
Auch nachdem die großen Kriege der Frühzeit entschieden waren, blieb die Geschichte der Ainur nicht abgeschlossen: Aus ihrer Zahl wurden über die Zeitalter hinweg immer wieder einzelne in die Angelegenheiten Mittelerdes gesandt oder griffen dort ein, am sichtbarsten, als im Dritten Zeitalter mehrere Maiar in der Gestalt alter Männer als Istari nach Mittelerde geschickt wurden, um dem Widerstand gegen aufkeimende Schatten Beistand zu leisten. So reicht die Geschichte der Ainur, die mit einem Lied vor aller Zeit begann, bis in die Ereignisse der geschriebenen Zeitalter Mittelerdes hinein und bleibt darin gegenwärtig, auch wenn die meisten von ihnen der Welt seit der Gründung Amans ferngeblieben sind.
Wesen und Wirken
Ihrem Wesen nach sind die Ainur reine Geister ohne eigenen Leib; einen Körper besitzen sie nicht von Natur aus, sondern nehmen ihn erst an, wenn sie sich entschließen, sichtbar und greifbar zu wirken. Diese angenommene Gestalt gleicht eher einem Gewand als einem Teil ihrer selbst: Sie lässt sich, anders als der Leib eines Elben oder Menschen, mit Willenskraft wieder ablegen, auch wenn dies mit fortschreitender Bindung an die Welt immer schwerer fällt. Wie prächtig oder schlicht diese Hülle ausfällt, spiegelt Rang und Wesen des Einzelnen: Die Mächtigsten unter den Ainur können sich Gestalten von großer Schönheit, aber auch von Schrecken geben, während geringere schlichter auftreten.
Was ein Ainu in Arda wirkt, folgt der Neigung, die sich schon in der Musik vor der Welt zeigte: Jeder von ihnen hatte an bestimmten Themen größere Freude und tieferes Verständnis als an anderen, und aus dieser Vorliebe erwuchs später eine eigene Kunstfertigkeit. Die einen wandten sich dem Schmieden von Metall und Gestein zu, andere dem Wachsen der Pflanzen, wieder andere den Wassern, den Winden oder dem Lauf der Gestirne. Diese Verteilung der Neigungen, nicht Ausbildung oder Übung, bestimmt Handwerk und Vorliebe eines jeden Ainu und unterscheidet ihre Art des Schaffens von der erlernten Kunst, die Elben und Menschen sich erst mühsam aneignen müssen.
Von Tod und Alter, wie die Kinder Ilúvatars sie kennen, bleiben die Ainur unberührt: Weder Krankheit noch Alter zehrt an ihnen, und ihr Gedächtnis reicht ungebrochen bis in die Zeit vor der Erschaffung der Welt zurück. Damit unterscheiden sie sich sowohl von den Menschen, die nur kurz in Arda verweilen, als auch von den Elben, deren Leben zwar lang, aber an die Dauer der Welt und an das Schicksal ihrer Leiber gebunden bleibt. Für die Ainur gilt diese Bindung an den Leib gerade nicht: Ihr Fortbestehen hängt nicht am Erhalt einer bestimmten Gestalt, sondern an ihrem Wesen selbst.
Stämme, Ränge und Gefolgschaften
Innerhalb der Valar unterscheidet die Valaquenta eine noch engere Rangstufe: die Aratar, die acht Erhabenen unter den Ainur, deren Macht und Würde alle anderen überragt. Zu ihnen zählen Manwe und Varda, Ulmo, Yavanna und Aule, Mandos, Nienna und Orome – benannt nicht nach Aufgabe oder Wohnsitz, sondern allein nach dem Maß ihrer Macht, das sie selbst unter den Herrschenden noch einmal heraushebt. Diese Rangstufe bleibt jedoch eine Unterscheidung der Macht, nicht der Abstammung: Sie begründet kein Haus im Sinne einer Sippe mit Ahnen und Erben, wie es unter Elben oder Menschen üblich ist.
Unterhalb dieser Rangstufe ordnet die Erzählung einzelne Maiar ausdrücklich bestimmten Valar als Gefolge zu, wodurch sich lockere Gruppierungen bilden, die sich nach Dienst statt nach Herkunft richten. So werden Osse und Uinen als Gefolgsleute Ulmos genannt, die über die Meere wachen, während Eonwe als Banner- und Herold Manwes gilt und Ilmare als Dienerin an Vardas Seite steht. Solche Zuordnungen benennen Aufgabe und Nähe zu einem bestimmten Vala, nicht Verwandtschaft; sie sind Gefolgschaften, keine Geschlechter mit eigener Erbfolge.
Über Rang und Dienstzuordnung hinaus kennt die Überlieferung der Ainur keine weitere Gliederung in Stämme oder Häuser: Was sich hier unterscheiden lässt, ist die Stellung innerhalb der Hierarchie und die Nähe zu einem bestimmten Herrscher, nicht eine Herkunft aus einer gemeinsamen Sippe. Die Ordnung der Ainur bleibt damit grundverschieden von den Stammes- und Hausgefügen der Elben und Menschen, die sich erst innerhalb der Welt und über Generationen hinweg herausbilden.
In der Erzählung
Innerhalb der eigentlichen Erzählung tritt der Name „Ainur“ kaum in Erscheinung: Wer Der Hobbit oder Der Herr der Ringe liest, begegnet einzelnen Gestalten wie Gandalf, Saruman oder Sauron, ohne dass ihre gemeinsame Herkunft dort ausdrücklich benannt würde. Erst das mythologische Grundwerk, das Tolkien selbst als einen „hohen“, der eigentlichen Handlung vorgelagerten Erzählstoff verstand, liefert den Begriff, der diese scheinbar getrennten Figuren nachträglich zu einer einzigen Ordnung zusammenschließt. Für die Lesenden fungiert „Ainur“ damit weniger als Anrede innerhalb der Geschichte denn als Erklärungsraster, das man erst gewinnt, wenn man über die vordergründige Handlung hinausblickt.
Gerade weil er diese Funktion erfüllt, macht der Begriff im Rückblick sichtbar, was die Handlung selbst oft nur andeutet: Dass etwa Sauron oder Melian, die Königin von Doriath, demselben Ursprung entstammen wie die Mächte, die über Mittelerde wachen, verleiht den Auseinandersetzungen der Erzählung eine zusätzliche Tiefe. Freund und Feind erweisen sich als Abkömmlinge derselben Ordnung, die sich lediglich durch Wahl und Weg getrennt hat – eine Verwandtschaft, die den handelnden Figuren selbst meist verborgen bleibt, den Lesenden aber ein Gefühl für die Größenordnung vermittelt, in der sich die Ereignisse Mittelerdes abspielen.
Darüber hinaus prägt die Herkunft der Ainur aus einem einzigen Gedanken das moralische Gefüge der Erzählung: Da auch Melkor und die aus seinem Einfluss entstandenen Mächte des Bösen selbst Ainur sind, kann das Böse in dieser Welt nicht als eigenständige, ursprüngliche Kraft auftreten, sondern nur als Verzerrung eines bereits Geschaffenen. Diese Grundannahme, wonach Zerstörung stets von etwas Vorhandenem zehrt, statt selbst hervorzubringen, gibt den Konflikten der Geschichte – von den frühen Kriegen bis zum Ringkrieg – ihren letztlich abhängigen, nie gleichrangigen Charakter.
Entwürfe und Varianten
Der Begriff „Ainur“ gehört zu den erstaunlich stabilen Elementen von Tolkiens Mythologie: Schon im „Buch der Verschollenen Geschichten“, der ältesten erhaltenen Fassung, trägt ein Kapitel den Titel „The Music of the Ainur“, und die dort geschilderten Geister, die vor Ilúvatar singen, entsprechen im Grundgedanken bereits den späteren Ainur. Was sich über die Jahrzehnte der Überarbeitung wandelte, war weniger dieser Rahmen als seine Ausgestaltung im Einzelnen: Zahl, Namen und gegenseitige Zuordnung der mächtigeren Ainur blieben lange in Bewegung, während der Sammelbegriff selbst und die Grundidee einer vorweltlichen Musik als Ursprung nahezu unverändert von der frühesten bis zur letzten Fassung fortbestanden.
Deutlich später gefestigt hat sich dagegen die Unterscheidung innerhalb der Ainur selbst: Eine feste, eigene Bezeichnung für die Ainur geringeren Ranges, wie sie mit dem Namen Maiar heute selbstverständlich erscheint, fehlte den früheren Fassungen über weite Strecken. Erst in den Überarbeitungen, die Christopher Tolkien für die späte Quenta-Fassung und die zugehörigen Ainulindale-Texte dokumentiert, verfestigte sich die zweistufige Ordnung aus Valar und Maiar zu jener klaren Systematik, wie sie das veröffentlichte Silmarillion voraussetzt. In den älteren Entwürfen erscheinen die geringeren Geister dagegen oft ohne einheitliche Sammelbezeichnung, gleichsam als loses Gefolge der Mächtigeren, dessen begriffliche Ordnung erst spät nachgeliefert wurde.