Herkunft und Namen
Galadriel entstammt dem Königshaus der Noldor: Sie ist eine Tochter Finarfins, des jüngsten Sohnes König Finwes, und der Earwen, einer Tochter Olwes von Alqualonde. In ihr laufen damit die Linien aller drei Geschlechter der Eldar zusammen, denn Finarfins Mutter Indis gehörte zu den Vanyar, während Earwen von den Teleri stammte. Geboren wurde Galadriel in Aman im Zeitalter der Zwei Bäume, als jüngstes Kind neben ihren Brüdern, unter ihnen Finrod. Die Überlieferung beschreibt sie als hochgewachsen, stolz und von ungewöhnlicher Willensstärke; ihr goldenes Haar galt schon in Valinor als Wunder, als hätte es das Licht Laurelins eingefangen. Früh regte sich in ihr der Wunsch, weite Länder zu sehen und ein eigenes Reich nach eigenem Willen zu ordnen.
Der Name, unter dem sie in die Geschichte des Dritten Zeitalters eingeht, ist nicht ihr Geburtsname. Ihr Vater nannte sie Artanis, „edle Frau“; von ihrer Mutter erhielt sie den Namen Nerwen, „Mannmaid“, der auf ihre Körpergröße und Kraft anspielte. Galadriel ist die sindarisierte Form von Alatáriel, einem Beinamen in der Sprache der Teleri, den ihr Celeborn gab: Er bedeutet etwa „Maid, gekrönt von strahlendem Glanz“ und bezieht sich auf ihr Haar, dessen Gold ein silbriger Schimmer durchzog. Diesen Namen wählte sie selbst als den ihren. Tolkien hielt ausdrücklich fest, dass der Name nichts mit dem Sindarin-Wort galadh („Baum“) zu tun hat, so naheliegend die Verbindung zur Herrin eines Waldlandes scheinen mag; das erste Element ist vielmehr galad, „Glanz, strahlendes Licht“.
Im Herrn der Ringe selbst tritt sie fast ausschließlich unter Titeln auf: Die Gefährten begegnen ihr als Herrin von Lórien, Herrin der Galadhrim oder Herrin vom Goldenen Wald, und im Umland ihres Reiches spricht man scheu von der Zauberin des Waldes. Ihre Abkunft nennt das Buch nur knapp: Die Zeittafel der Anhänge führt sie als Tochter Finarfins und Schwester Finrod Felagunds, des Königs von Nargothrond. Zur Aussprache gilt die Regel der Anhänge, dass g stets hart gesprochen wird; der Ton liegt auf der zweiten Silbe.
Geschichte
Galadriels Geschichte beginnt mit dem Aufruhr der Noldor am Ende des Zeitalters der Bäume. Als Feanor nach der Ermordung Finwes und dem Raub der Silmaril zum Auszug aus Valinor rief, schloss sie sich der Schar an – nicht aus Gefolgschaft, denn seinen Eid schwor sie nicht, sondern aus dem eigenen Verlangen, jenseits des Meeres nach ihrem Willen zu herrschen. Sie zog mit der Heerschar Fingolfins und gehörte zu jenen, die nach Feanors Verrat an den Schiffen das mahlende Eis der Helcaraxe im Norden überquerten und so Mittelerde erreichten. Wie alle, die den Auszug wagten, traf auch sie der Spruch des Mandos, der den Aufständischen die Rückkehr in den Westen verwehrte.
Im Ersten Zeitalter nahm Galadriel unter den Kämpfen der Noldor gegen Morgoth eine eigentümliche Stellung ein: Statt ein eigenes Fürstentum zu gründen, lebte sie lange in Doriath, dem verborgenen Reich Thingols und Melians. Von der Maia Melian, deren Vertraute sie wurde, lernte sie viel über Mittelerde und wohl auch über die verhüllenden Künste, die später ihr eigenes Reich schützen sollten. In Doriath verband sie sich mit Celeborn, einem Verwandten Thingols, und blieb dadurch enger mit den Sindar verflochten als die meisten ihres Hauses. Sie überdauerte die Zusammenbrüche jenes Zeitalters, in denen ihre Brüder fielen, und blieb nach dem Krieg des Zorns, der Beleriand versinken ließ, als eine der letzten Anführerinnen der Verbannten in Mittelerde zurück.
Über ihre Wege im Zweiten Zeitalter gehen die Überlieferungen auseinander; Tolkien hat sie mehrfach umgestaltet, ohne zu einer endgültigen Fassung zu gelangen. Gesichert ist der Kern: Galadriel und Celeborn hielten sich zunächst im Westen auf, in Lindon oder dessen Nähe, und standen später in Verbindung mit Eregion, dem Land der Schmiede um Celebrimbor. Dem Fremden, der sich Annatar nannte und den Schmieden seine Ringkunst lehrte, misstraute sie früh – zu Recht, denn es war Sauron. Als der Betrug offenbar wurde, kam einer der Drei Ringe der Elben, Nenya, der Ring des Wassers, in ihre Hut. Solange Sauron den Einen besaß, wagte sie nicht, ihn zu gebrauchen; erst nach dessen Verlust am Ende des Zeitalters wurde seine Kraft frei. In diese Jahre fällt auch die Geburt ihrer Tochter Celebrían, der späteren Gemahlin Elronds.
Im Dritten Zeitalter wurden Galadriel und Celeborn zu Herrschern Lothlóriens, des Waldlandes zwischen Nebelgebirge und Anduin, mit Caras Galadhon als Hauptort. Unter Nenyas verborgener Macht blieb das Reich vor Verfall und Feind bewahrt; wer es betrat, dem schien die Zeit dort anders zu fließen, als lebte ein Abglanz der Ältesten Tage fort. Als die Weisen erkannten, dass ein dunkler Wille in Dol Guldur im Düsterwald erstarkte, war es Galadriel, die als Erste den Weißen Rat zusammenrief, der sich im Jahr 2463 D.Z. bildete. Sie hätte Gandalf an seiner Spitze gesehen, doch fiel die Wahl auf Saruman – eine Entscheidung, die sich später als verhängnisvoll erwies. Im Jahr 2941 D.Z. vertrieb der Rat Sauron schließlich aus Dol Guldur, ohne ihn damit zu bezwingen.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Zu Beginn des Jahres 3019 D.Z. nahm sie die Gefährten des Ringträgers auf, die nach dem Verlust Gandalfs aus Moria nach Lórien kamen. Bei der ersten Begegnung prüfte sie mit ihrem Blick die Herzen der Einzelnen; Frodo Beutlin und Sam zeigte sie später ihren Spiegel, ein Wasserbecken, in dem sich Vergangenes, Fernes und Mögliches zeigt. Als Frodo ihr daraufhin freiwillig den Einen Ring anbot, stand sie vor der Versuchung ihres langen Lebens – und wies ihn ab, wohl wissend, dass sie damit das Schwinden ihrer Macht und den Gang in den Westen annahm. Beim Abschied stattete sie die Gefährten mit Booten, Mänteln und Wegzehrung aus und gab jedem eine eigene Gabe: Aragorn unter anderem den grünen Elbenstein, Frodo ein Glas mit dem Licht von Earendils Stern, Sam ein Kästchen mit Erde ihres Gartens und Gimli, auf seine Bitte, drei ihrer Haare.
Im Ringkrieg wurde Lothlórien selbst zum Kriegsschauplatz: Dreimal griffen im März 3019 D.Z. Heere aus Dol Guldur das Waldland an, und dreimal wurden sie zurückgeschlagen, wobei die Überlieferung neben der Tapferkeit der Galadhrim die Macht nennt, die in dem Land und seiner Herrin wohnte. Nach Saurons Sturz führte Celeborn die Galadhrim über den Anduin, Dol Guldur wurde genommen, und die Jahrestafel sagt: “Galadriel threw down its walls and laid bare its pits.” Im Sommer desselben Jahres kam sie nach Minas Tirith zur Hochzeit ihrer Enkelin Arwen mit König Elessar. Mit der Vernichtung des Einen aber erlosch auch die Kraft der Drei Ringe, und ihr Werk in Mittelerde war getan: Im September 3021 D.Z. ritt sie mit Elrond, Gandalf und den Ringträgern zu den Grauen Anfurten und fuhr über das Meer in den Westen, den sie im Zorn der alten Tage verlassen hatte.
Rolle und Macht
Im Gefüge des Ringkriegs steht Galadriel nicht als Heerführerin, sondern als Hüterin: Ihre Macht wirkt bewahrend, nach innen gewandt, und sie ist an ihr Land gebunden. Die Zeittafel der Anhänge merkt an, die Kraft, die in Lórien wohnte, wäre für jeden Angreifer zu groß gewesen, es sei denn, Sauron wäre in eigener Person gekommen – darin liegen Maß und Grenze zugleich, denn jenseits der Grenzen des Waldes entfaltet sie keine vergleichbare Gewalt. Ihre eigentliche Auseinandersetzung mit dem Feind vollzieht sich unsichtbar: Nach eigenem Bekunden kennt sie Saurons Denken, soweit es die Elben betrifft, während er ihre Absichten vergeblich zu ertasten sucht. Dieses Verschlossenhalten des eigenen Geistes ist kein müheloser Zustand, sondern ein unablässig geführter Abwehrkampf.
Die Grenzen ihrer Mittel benennt sie selbst mit auffallender Nüchternheit. Da die Kraft der Drei am Schicksal des Einen hängt, spricht sie offen aus, dass ein Scheitern des Ringträgers die Elbenreiche dem Feind preisgäbe, sein Gelingen aber ihre eigene Wirkkraft versiegen ließe – ein Dilemma ohne dritten Ausweg. Auch ihr Vorauswissen ist begrenzt: Ihr Spiegel zeigt nach ihren eigenen Worten manches, was niemals eintreten wird, und taugt darum schlecht als Richtschnur des Handelns; wer sein Tun danach ausrichtet, kann gerade dadurch herbeiführen, was er abwenden wollte. Entsprechend verweigert sie sich der Rolle eines Orakels und erteilt den Gefährten keine Weisungen, sondern überlässt jedem die eigene Entscheidung.
Die posthum edierten Schriften weiten dieses Bild. Die Erzählung von den Ringen der Macht rechnet sie zu den mächtigsten Elben, die nach dem Ersten Zeitalter in Mittelerde verblieben, und ein spätes Zeugnis in den Nachrichten aus Mittelerde stellt sie an Begabung neben die Größten der Noldor, an Weisheit selbst über Feanor. Dort wird ihr auch eine früh entwickelte Gabe zugeschrieben, in die Gedanken anderer zu sehen, die sie jedoch mit Nachsicht und ohne Herrschaftsanspruch gebrauchte. Ihre Schutzkünste erscheinen dabei als erworbenes Wissen, nicht als übernatürliche Natur: Galadriel bleibt eine der Erstgeborenen, keine Maia, und ihre Wirkmacht im Dritten Zeitalter ruht wesentlich auf dem Ring, den sie hütet. Eben darin liegt ihre Stellung im Legendarium: Sie verkörpert die Größe der Eldar in deren Spätzeit – eine Macht, die sich zuletzt nicht im Behaupten, sondern im Loslassen bewährt.
Beziehungen
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Schicksal
Die tragende Bindung ihres Lebens in Mittelerde ist die Ehe mit Celeborn, die über die Umbrüche zweier Zeitalter hinweg Bestand hat. Vor den Gefährten treten beide als gemeinsam herrschendes Paar auf, doch die Begegnung in Caras Galadhon lässt die innere Ordnung erkennen: Celeborn führt das förmliche Wort des Gastgebers und lässt sich zu einem harten Urteil über die Zwerge hinreißen, während Galadriel behutsam eingreift und den Augenblick wendet — ein leiser Fingerzeig, wo die größere Weitsicht liegt, obwohl sie selbst ihn als den Weisesten der Elben Mittelerdes rühmt. Am Ende trennen sich ihre Wege: Als sie über das Meer geht, bleibt Celeborn zunächst zurück, und über seinen eigenen Abschied schweigt die Überlieferung.
Über ihre Tochter Celebrían, die Gemahlin Elronds, ist Galadriel eng mit Bruchtal verwandt, und durch ihre Enkel reicht ihre Linie in die Geschichte der Menschen hinein. Arwen lebte lange Jahre bei den Verwandten ihrer Mutter im Goldenen Wald, und dort nahm ihr Bund mit Aragorn Gestalt an: Galadriel ließ den Waldläufer in elbischem Gewand vor sie treten, und auf dem Hügel Cerin Amroth gaben sich die beiden ihr Versprechen. Der Schmerz des Hauses blieb ihr dabei nicht fremd, denn Celebrían fiel auf einer Gebirgsreise Orks in die Hände und verließ Mittelerde, an den Folgen nie mehr genesen, lange vor ihrer Mutter.
Am deutlichsten zeigt sich ihr Wesen in einer unwahrscheinlichen Freundschaft: Dem misstrauisch angereisten Gimli begegnete sie, indem sie die alten Namen seines Volkes für Moria aussprach und seinen Verlust ehrte, als wäre es ihr eigener — und gewann damit das Herz eines Zwerges für die Elben, wie es seit Zeitaltern nicht geschehen war. Aus diesem Augenblick erwuchs eine Verehrung, die Gimli zeitlebens trug und die die alte Entfremdung beider Völker beispielhaft überwand. Auch Gandalf war ihr in besonderem Vertrauen verbunden: Ihm hatte schon bei der Bildung des Rates der Weisen ihre Stimme gegolten, und nach seiner Wiederkehr überbrachte er den Jägern in Rohan ihre Botschaften. So zeichnen ihre Bindungen ein gemeinsames Muster: Galadriel verbindet, was sonst getrennt bleibt — Noldor und Sindar, Elben und Zwerge, Erstgeborene und Sterbliche.
Entwürfe und Varianten
In Tolkiens Legendarium vor dem Herrn der Ringe kommt Galadriel nicht vor; sie entstand erst während der Niederschrift des Romans, als die Gefährten den Goldenen Wald erreichten. Die von Christopher Tolkien edierten Entwürfe zeigen, wie tastend die Figur Gestalt annahm: In einer frühen Skizze zum weiteren Handlungsverlauf gehört das Wasserbecken mit den Gesichten noch einem König Galdaran, und erst in den ausgearbeiteten Fassungen der Lórien-Kapitel tritt die Herrin selbst hervor, deren Name anfangs in der Schreibung Galadrien erscheint, ehe die endgültige Form gefunden war. Auch das Zusammenspiel des Herrscherpaares und die Szene am Becken wurden mehrfach umgeschrieben, bis sie ihre bekannte Gestalt erreichten.
Nach dem Erscheinen des Romans arbeitete Tolkien die neue Figur rückwirkend in die Überlieferung der Älteren Tage ein, ohne je zu einer abschließenden Fassung ihrer Vorgeschichte zu gelangen. Besonders ihre Rolle beim Aufbruch der Noldor schwankt: Ein sehr später Aufsatz über die Namen der Finwe-Nachkommen lässt sie in scharfem Gegensatz zu Feanor stehen und bei Alqualonde sogar auf Seiten der Sippe ihrer Mutter gegen dessen Gefolge kämpfen, ehe sie das Eis des Nordens überquert — ein deutlicher Widerspruch zur edierten Silmarillion-Erzählung. Derselbe Text berichtet, Feanor habe sie dreimal um eine Locke ihres Haares gebeten und sei dreimal abgewiesen worden; damit erhält Gimlis später erfüllte Bitte im Rückblick ein bewusst gesetztes Gegenstück.
Die Figur in Adaptionen
In Ralph Bakshis Zeichentrickfilm von 1978 tritt Galadriel nur kurz auf, gesprochen von Annette Crosbie; das BBC-Hörspiel von 1981 besetzte die Rolle mit Marian Diamond. Weit prägender wurde Peter Jacksons Filmtrilogie (2001–2003), in der Cate Blanchett die Herrin des Goldenen Waldes verkörpert. Die Filme erweitern ihre Rolle gegenüber dem Buch: Galadriel spricht den einleitenden Prolog über die Geschichte der Ringe der Macht, wendet sich mehrfach in Gedankenrede an Frodo Beutlin und erscheint in der Versuchungsszene am Spiegel in einer überhöhten, visuell verfremdeten Gestalt, die das Buch so nicht schildert. In Jacksons Hobbit-Trilogie (2012–2014) tritt sie ebenfalls auf, obwohl sie im Buch nicht vorkommt: Sie nimmt an der dort ins Bild gesetzten Beratung des Weißen Rates in Bruchtal teil und betritt im dritten Teil selbst Dol Guldur, wo sie den geschwächten Gandalf birgt und den Nekromanten vertreibt — eine Ausgestaltung von Vorgängen, die die Vorlage nur andeutet.