Was für ein Buch das ist
Der fünfte Band der von Christopher Tolkien besorgten Reihe ist kein Erzählwerk, sondern eine Edition: Er druckt Handschriften und Typoskripte seines Vaters ab, ordnet sie zeitlich und kommentiert sie. Der Aufbau folgt dieser Aufgabe und nicht einer Handlung — auf einen ersten Teil, der die unvollendete Zeitreise-Erzählung samt der zugehörigen Númenor-Texte enthält, folgt ein zweiter mit den Fassungen der älteren Mythologie aus den dreißiger Jahren, danach ein eigener dritter Teil mit sprachwissenschaftlichem Material, dazu Anhänge mit Namenlisten, Stammbäumen und Karte. Schon der zweigliedrige Titel kündigt an, dass hier kein Buch mit einem Gegenstand vorliegt, sondern eine geordnete Sammlung. Eine deutsche Ausgabe existiert nicht; von der Reihe sind nur die beiden Bände des „Buchs der verschollenen Geschichten“ übersetzt worden, weshalb auch im Deutschen der englische Titel die korrekte Nennform bleibt.
Die Erzählhaltung ist die eines Philologen, der fremde Papiere vorlegt. Christopher Tolkien spricht in eigener Person, aber sparsam: Er datiert Schichten, beschreibt den Zustand einer Niederschrift, hält Varianten gegeneinander und markiert, wo er selbst nur vermuten kann. Deutung tritt hinter Nachweis zurück; wo eine Lesart unsicher bleibt, wird sie als unsicher ausgewiesen und nicht geglättet. Die Textsorten wechseln dabei erheblich — Erzählprosa steht neben knapper Annalistik, kosmogonischer Rede und einem nach Wortwurzeln geordneten Verzeichnis —, und der Band verlangt vom Leser, diesen Wechsel mitzugehen, statt ihn zu einem einheitlichen Buch zu verschmelzen.
Innerhalb des Legendariums markiert der Band einen Einschnitt. Er versammelt den Stand der Mythologie, wie er bestand, bevor die Arbeit am „Herrn der Ringe“ alles Weitere unterbrach und veränderte; die Reihe wendet sich erst im folgenden Band diesem neuen Buch zu. Damit liegt hier die Schicht offen, aus der ein großer Teil der später veröffentlichten Silmarillion-Prosa stammt, und zugleich die Nahtstelle, an der Númenor und die untergegangene Insel in Tolkiens Vorstellungswelt festen Ort gewinnen. Gerichtet ist das Buch an Leser, die das „Silmarillion“ bereits kennen und wissen wollen, wie es geworden ist — als Einstieg in Tolkiens Erzählwelt taugt es nicht, als Grundlage für jede Frage nach deren Entwicklung dagegen sehr wohl.
Entstehung und Veröffentlichung
Die Texte, die der Band vorlegt, stammen fast sämtlich aus einem knappen Jahrzehnt, den Jahren zwischen dem Abschluss des „Hobbit“-Manuskripts und dem Beginn seines Nachfolgers. Den Anstoß zur titelgebenden Erzählung gab eine Abmachung mit C. S. Lewis, die Tolkien später mehrfach geschildert hat: Beide fanden zu wenig von der Art Geschichten vor, die sie selbst lesen wollten, und teilten das Feld untereinander auf — Lewis übernahm die Reise durch den Raum, Tolkien die Reise durch die Zeit. Was daraus wurde, war weniger ein Roman als der Versuch, den eigenen Mythos an die überlieferte Geschichte des Nordens anzuschließen. Tolkien hat dabei auf einen wiederkehrenden Traum von einer großen Woge zurückgegriffen, den er als persönliche Voraussetzung des Númenor-Stoffes bezeichnete und später an eine Gestalt des „Herrn der Ringe“ weitergab. Geschrieben hat er an dem Buch in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre; fertig geworden ist es nie.
Von der Zeitreise-Erzählung liegen nur wenige ausgeführte Abschnitte vor: ein in der Gegenwart spielender Anfang um ein Vater-Sohn-Paar, dessen Namensform sich durch die Zeiten hindurch wiederholen sollte, und ein Sprung in die letzten Tage vor dem Untergang der Insel. Die übrigen Stationen — angelsächsische, langobardische, vorgeschichtliche — blieben Notiz und Umriss. Parallel dazu entstand die knappe Prosaerzählung vom Fall Númenors, die den Untergang erstmals in feste Form brachte und den Stoff an die ältere Mythologie band. Christopher Tolkien datiert diese Schichten im Kommentar über Papierbefund, Schreibmaterial und die Verzahnung mit den benachbarten Handschriften und benennt, wo die Reihenfolge unsicher bleibt.
Der zweite Teil versammelt die mythologischen Arbeiten derselben Jahre, die Tolkien in mehreren übereinanderliegenden Fassungen hinterließ: die späteren Annalen von Valinor und von Beleriand, eine Fassung der Schöpfungserzählung, die sprachgeschichtliche Abhandlung über die Zungen — von ihr sind drei Ausarbeitungen erhalten — und vor allem die Quenta Silmarillion, die in dieser Gestalt am weitesten gedieh. Der dritte Teil bringt das etymologische Verzeichnis, ein nach Wortwurzeln geordnetes Arbeitsinstrument, das über Jahre hin fortgeschrieben und überschrieben wurde und deshalb selbst mehrere Sprachstände enthält. Im November 1937 legte Tolkien seinem Verlag ein Bündel dieser Papiere vor, darunter die unvollendete Zeitreise-Erzählung und die Quenta Silmarillion; gewünscht wurde jedoch mehr über Hobbits. Im Dezember desselben Jahres begann er die neue Geschichte, und die Arbeit an der älteren Mythologie brach mitten im Satz ab — ein Abbruch, den der Band an mehreren Handschriften zugleich sichtbar macht.
Der Band erschien 1987, ein Jahrzehnt nach dem „Silmarillion“, in Großbritannien und den Vereinigten Staaten; die Reihe war zu diesem Zeitpunkt in raschem Jahresabstand fortgeschritten und stand mit diesem fünften Band an ihrer Mitte. Christopher Tolkien begründet im Vorwort, warum er das sprachwissenschaftliche Material trotz seines Umfangs und seiner Sperrigkeit aufgenommen hat, und weist darauf hin, dass sich der ursprüngliche Zuschnitt der Reihe unter der Hand des Stoffes verändert habe. Spätere Auflagen und Taschenbuchausgaben kamen unter dem Verlagsnamen HarperCollins heraus, der die Tolkien-Titel nach der Übernahme des Hauses fortführte; eine neu bearbeitete Fassung des Bandes hat es nicht gegeben. Die Fortsetzung der hier abgebrochenen Texte legte Christopher Tolkien erst am Ende der Reihe vor: Die nach dem „Herrn der Ringe“ wiederaufgenommenen Überarbeitungen der Schöpfungserzählung und der Annalen stehen in den beiden Bänden, die das späte Silmarillion-Material behandeln, und lassen sich erst von dort aus gegen den Stand der dreißiger Jahre halten.
Aufbau und Inhalt
Ein knappes Vorwort eröffnet den Band und ordnet ihn in die Reihe ein; danach setzt der erste Teil ein, der selbst in drei Abschnitte zerfällt. Voran steht kein Text Tolkiens, sondern eine aus Briefen, Notizzetteln und Datierungshinweisen zusammengetragene Darstellung, wie die Erzählidee entstanden ist; erst darauf folgt die Númenor-Erzählung, und zwar in ihren aufeinanderfolgenden Fassungen hintereinander abgedruckt, sodass sich die Zuwächse von Fassung zu Fassung vergleichen lassen. Der dritte Abschnitt bringt die erhaltenen Kapitel der Zeitreise-Erzählung: zuerst die beiden in der Gegenwart spielenden, dann die auf der Insel angesiedelten, zuletzt die Umrisse, Skizzen und abgebrochenen Anfänge zu den nie ausgeführten Stationen. Wer hier den angelsächsischen oder den langobardischen Teil sucht, findet also keine Erzählung, sondern deren Rekonstruktion aus Entwurfsblättern.
Der zweite Teil beginnt gleichfalls nicht mit einem Text, sondern mit einem Kapitel über die Handschriften und ihre Beziehungen zueinander — für die Orientierung im Band die wichtigste Seite überhaupt, weil dort geklärt wird, welche Niederschrift von welcher abhängt. Die Texte folgen dann in fester Ordnung: die Annalen von Valinor, die Annalen von Beleriand, die Schöpfungserzählung, die Abhandlung über die Sprachen und zuletzt, mit weitem Abstand am umfangreichsten, die Quenta Silmarillion. Jeder Text ist in durchnummerierte Abschnitte gegliedert, auf die der jeweils anschließende Kommentar Ziffer für Ziffer zurückgreift; man liest also nicht fortlaufend, sondern springt zwischen Text und Anmerkung. Wo die Reinschrift der Quenta aussetzt, tritt an ihre Stelle ein referierender Bericht, der auf die ältere Fassung des vorangehenden Bandes zurückverweist statt eine Lücke offenzulassen.
Der dritte Teil steht für sich und wird auch anders benutzt. Er ist nicht nach Wörtern, sondern nach den Wurzeln geordnet, die in Großbuchstaben als Stichwort vorangehen; unter jeder Wurzel stehen die daraus abgeleiteten Formen der einzelnen Sprachen, dazu Querverweise auf verwandte Einträge. Christopher Tolkien verzeichnet in eckigen Klammern und Fußnoten, was gestrichen, überschrieben oder nicht mehr zu entziffern war, und warnt davor, das Verzeichnis für ein fertiges Wörterbuch zu halten. Wer einen bekannten Namen nachschlagen will, muss ihn daher zuerst in seine Bestandteile zerlegen — direkt gesucht wird er in der Regel nicht gefunden.
Den Beschluss bildet ein dreiteiliger Anhang. Die Stammtafeln stellen die Häuser der Elben und die der Väter der Menschen nebeneinander, die alphabetische Namenliste bricht unvollendet ab und wird in diesem Zustand wiedergegeben, und die zweite Beleriand-Karte ist von Christopher Tolkien neu gezeichnet und mit einem nummerierten Gitternetz versehen. Diese Karte bleibt für die gesamte weitere Reihe die Bezugsgrundlage; spätere Eintragungen und Verschiebungen werden von den folgenden Bänden aus auf ihre Felder bezogen. Ein ausführliches Register schließt den Band und erfasst auch die Kommentare, sodass sich eine einzelne Namensform über alle drei Teile hinweg verfolgen lässt.
Stellung im Legendarium
Was dieser Band an Neuem in die Erzählwelt einbringt, betrifft vor allem die Verbindung zweier Zeitalter. Zuvor reichte die Mythologie von der Schöpfung bis zum Ende der Ersten Zeit und endete dort; mit dem Untergang der Insel im Westen entsteht das Bindeglied zu jener späteren Welt, die der „Herr der Ringe“ als bekannt voraussetzt, ohne sie auszuerzählen — Elendil und seine Söhne, die Schiffe der Getreuen, die Gründung von Arnor und Gondor und die lange Königsfolge, aus der Streicher stammt. In den Anhängen des Romans steht dieser Zusammenhang nur in gedrängter Übersicht; seine ausgeführte Gestalt erhielt er erst in der posthum veröffentlichten Akallabêth. Die hier versammelten Fassungen liegen vor beidem und machen sichtbar, dass Númenor nicht von Anfang an zum Legendarium gehörte, sondern ihm zugewachsen ist und die ältere Mythologie nachträglich nach vorn hin geöffnet hat.
Vorausgesetzt wird umgekehrt fast alles, was den älteren Kern ausmacht. Wer die Annalen oder die Quenta dieses Standes liest, muss wissen, wovon sie handeln: von der Musik, aus der die Welt hervorging, vom Diebstahl der Silmaril und dem Auszug der Noldor, von Beren und Lúthien, von Túrin, vom Fall der verborgenen Stadt. Keiner dieser Stoffe wird hier eingeführt oder erklärt; verzeichnet wird nur, in welcher Gestalt und in welcher Reihenfolge sie zu diesem Zeitpunkt niedergeschrieben vorlagen. Das veröffentlichte „Silmarillion“ ist daher kein Anschlusstext, sondern die Voraussetzung der Lektüre — ohne es liest man Kommentare zu einer Geschichte, die man nicht kennt, und die Kommentare selbst rechnen erkennbar mit dieser Kenntnis.
Wo die Texte des Bandes von den veröffentlichten Büchern abweichen, gilt nicht ihre Fassung. Am schärfsten tritt das bei den Sprachen hervor: Was das etymologische Verzeichnis Noldorin nennt und den aus dem Westen zurückgekehrten Elben zuweist, ist der Sache nach jene Sprache, die im „Herrn der Ringe“ Sindarin heißt und dort den Grauelben gehört, die das Meer nie überquerten. Die Zuordnung wechselte erst während der Arbeit am Roman, und mit ihr veränderte sich die Geschichte der Sprecher. Ähnlich steht es um Namensformen und Zuschreibungen, die hier noch schwanken und ihre endgültige Gestalt später fanden. Die Fassungen dieses Bandes sind Zeugnis eines Arbeitsstandes, nicht Auskunft über Mittelerde: Für die Frage, was geschah, bleiben die zu Lebzeiten veröffentlichten Bücher und das aus dem Nachlass herausgegebene „Silmarillion“ maßgeblich; die andere Frage, wie diese Auskunft zustande kam, beantwortet dagegen erst er.