Name und Bedeutung
Menegroth ist ein Name aus dem Sindarin, der Sprache der Grauelben, deren König Thingol in dieser Anlage residierte. Er besteht aus zwei Gliedern: Das erste steht für die Zahl „tausend“, das zweite bezeichnet eine in den Fels gegrabene Wohnung oder Höhle. Die gängige Wiedergabe „die Tausend Höhlen“ ist deshalb keine freie Umschreibung, sondern eine recht genaue Übertragung des Namens. Das auslautende „th“ wird stimmlos gesprochen, ähnlich wie im englischen „thin“.1
Warum der Ort so heißt, erklärt der Bericht über die Sindar selbst. Die Hallen und Kammern, die unter Thingols Herrschaft in das Gestein am Esgalduin gehauen wurden, waren so zahlreich und so weiträumig, dass man die ganze Anlage nach ihrer Menge benannte. Die Zahl ist also nicht als Ergebnis einer Zählung zu verstehen, sondern als Ausdruck der Fülle. Einen einzelnen Namensgeber nennt der Text nicht; die Benennung erscheint als Sprachgebrauch der Elben von Doriath, die hier wohnten.2
Das zweite Namensglied begegnet auch in Nogrod, dem Namen einer der beiden Zwergenstädte in den Ered Luin, deren Bewohner beim Bau der Tausend Höhlen mithalfen. Beide Namen fassen die Vorstellung einer gegrabenen, unterirdischen Behausung in dasselbe Wort, sodass die sprachliche Verwandtschaft die tatsächliche Nähe der Bauweise spiegelt. In der Erzählung wechseln die Sindarin-Form und ihre Übersetzung frei miteinander ab; beide bezeichnen denselben Ort. Im Deutschen hat sich neben dem ursprünglichen Namen die Wiedergabe „Tausend Höhlen“ eingebürgert, oft mit dem Zusatz „von Doriath“, der die Hallen dem umgebenden Reich zuordnet.3
Lage und Gestalt
Die Tausend Höhlen lagen im Innern von Doriath, dem Waldreich der Sindar im mittleren Beleriand. Das Reich wurde von zwei großen Wäldern gebildet: Neldoreth im Norden und Region im Süden. Zwischen ihnen floss der Esgalduin, der aus dem Norden kam und später in den Sirion mündete. An diesem Fluss, im Kern des Reiches und damit fern von allen seinen Grenzen, stand ein felsiger Hügel, in den die Anlage hineingegraben wurde. Wer von außen nach Doriath kam, hatte deshalb einen weiten Weg durch dichten Wald zurückzulegen, bevor er überhaupt in die Nähe des Königssitzes gelangte.1
Menegroth war keine Stadt unter freiem Himmel, sondern ein Gefüge aus Hallen und Gängen im Gestein. Der Esgalduin zog vor dem Eingang vorbei, und zu den Toren führte allein eine steinerne Brücke über das Wasser; einen anderen Zugang gab es nicht. So bot die Lage selbst einen Schutz, der ohne Mauern und Türme auskam. Später legte Melian ihren Zauber wie einen unsichtbaren Gürtel um die Wälder von Neldoreth und Region, sodass der Ort nicht nur im Fels, sondern auch hinter einer Grenze verborgen lag, die niemand gegen den Willen des Königspaares überschreiten konnte.2
Was die Höhlen auszeichnete, war ihr Inneres. Die Säulen waren so behauen, dass sie den Stämmen von Buchen glichen, mit Ästen und Laub aus Stein, und in den Hallen hingen goldene Lampen. Tiere und Vögel waren in den Fels geschnitten, Brunnen plätscherten, und der ganze Bau sollte an die Wälder und das Licht jenseits des Meeres erinnern, von denen Melian erzählt hatte. Die Überlieferung nennt Menegroth deshalb die schönste Königswohnung diesseits des Meeres. Ihr Rang zeigt sich auch darin, dass Finrod Felagund die Tausend Höhlen zum Vorbild nahm, als er in den Hängen über dem Narog seine eigene Festung Nargothrond anlegte.3
Geschichte
Die Anlage entstand in den Jahren des Friedens, als Melkor noch in Gefangenschaft der Valar lag und die Sindar in Beleriand ungestört lebten. Melian, die mehr von kommenden Dingen wusste als die Elben, warnte Thingol, dass diese Ruhe nicht von Dauer sein werde, und riet ihm, beizeiten eine Wohnstatt zu schaffen, die auch einem Angriff standhalten könne. Der König wandte sich daraufhin an die Zwerge aus den Blauen Bergen, die mit den Grauelben damals in gutem Einvernehmen standen. Sie arbeiteten lange an dem Werk, und Thingol entlohnte sie mit Perlen, die ihm Círdan von den Küsten zukommen ließ. Mit der Vollendung der Hallen hatte das Reich der Sindar seinen festen Mittelpunkt.1
Wie berechtigt Melians Sorge war, zeigte sich bald nach Melkors Rückkehr nach Mittelerde. Orks drangen in Beleriand ein, und in der ersten Schlacht wurde Denethor, der Führer der Grünelben, erschlagen, ehe Thingols Heer die Angreifer im Osten schlug. Danach zog sich der König in seine Hallen zurück, und die Macht der Königin umschloss von nun an das Waldreich, wie oben bereits beschrieben. Von Menegroth aus hielt Thingol in den folgenden Jahrhunderten Abstand zu den Kriegen der anderen Völker und zog den Schutz des eigenen Landes jedem Bündnis vor.2
Mit der Ankunft der Noldor wurden die Tausend Höhlen zum Ort vorsichtiger Begegnungen. Galadriel hielt sich lange in Doriath auf und verkehrte viel mit Melian, und Finrod und seine Geschwister durften als Verwandte der Königin zu Thingol kommen. Als der König jedoch erfuhr, dass die Noldor vor ihrem Aufbruch aus Aman das Blut der Teleri vergossen hatten, verbot er in seinem ganzen Reich den Gebrauch ihrer Sprache. In den Hallen blieb Beren später der erste Mensch, der unerlaubt vor den Thron trat, und er erhielt dort den Auftrag, einen Silmaril aus Morgoths Krone zu holen. Nach der Jagd auf den Wolf Carcharoth kam der Stein tatsächlich in Thingols Besitz.3
Auch in der Zeit nach der verlorenen Schlacht der Ungezählten Tränen blieb Menegroth ein Zufluchtsort. Túrin, der Sohn Húrins, wuchs als Pflegesohn des Königs in den Hallen auf, bis ein Streit bei Tisch mit dem Elben Saeros zu dessen Tod führte und Túrin aus Doriath floh. Jahre später kam Húrin selbst, von Morgoth freigelassen und verbittert, und warf dem König das Halsband Nauglamír aus dem Schatz von Nargothrond vor die Füße. Thingol ließ Handwerker aus Nogrod den Silmaril in diesen Schmuck fassen. Über den Besitz des vollendeten Werkes geriet er mit den Zwergen in Streit, und sie erschlugen ihn in den Tiefen seiner eigenen Hallen.4
Nach Thingols Tod verließ Melian Mittelerde, und mit ihr schwand der Schutz des Reiches. Ein Heer aus Nogrod drang ungehindert bis zu den Toren vor, überwältigte die Verteidiger und plünderte die Tausend Höhlen. Auf dem Rückweg wurden die Zwerge an der Furt Sarn Athrad von Beren und den Grünelben gestellt und das Halsband zurückgewonnen. Dior, der Sohn Berens und Lúthiens, zog danach mit seiner Familie nach Menegroth und suchte das Reich zu erneuern. Als er nach dem Tod seiner Eltern den Silmaril trug, forderten ihn die Söhne Feanors ein, und da er ablehnte, fielen sie im Winter über die Hallen her. Dior und seine Frau Nimloth kamen um, ebenso Celegorm, Curufin und Caranthir; Elwing entkam mit dem Stein, und Doriath erhob sich nicht wieder. Mit dem Untergang Beleriands am Ende des Ersten Zeitalters versank schließlich auch das Land, in dem die Hallen gelegen hatten.5
- 1Das Silmarillion, Of the Sindar
- 2Das Silmarillion, Of the Sindar
- 3Das Silmarillion, Of the Noldor in Beleriand; Das Silmarillion, Of Beren and Lúthien
- 4Das Silmarillion, Of Túrin Turambar; Das Silmarillion, Of the Ruin of Doriath
- 5Das Silmarillion, Of the Ruin of Doriath; Das Silmarillion, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath
Bewohner und Herrschaft
Die Tausend Höhlen waren der Hof der Sindar, jener Elben aus dem Volk der Teleri, die auf dem großen Zug nach Westen in Beleriand zurückgeblieben waren. Ihr König war Elwe, der unter den Grauelben Elu Thingol genannt wurde, an seiner Seite herrschte die Maia Melian. Thingol hatte als einer der drei Gesandten der wandernden Elben das Licht der Bäume in Aman selbst gesehen, und dieses Ansehen trug seine Herrschaft. Aus der Ehe des Königspaares ging als einziges Kind Lúthien hervor, deren Nachkommen später den Anspruch auf das Reich erbten. Der König verstand sich nicht bloß als Herr seines Waldlandes, sondern als Oberherr aller Elben Beleriands, und Círdan an den Küsten der Falas erkannte ihn als König an.1
Am Hof in Menegroth dienten einige Gestalten, deren Namen die Überlieferung festhält. Mablung, genannt „mit der schweren Hand“, war Hauptmann des Königs und führte dessen Krieger, Beleg Langbogen hielt die Wacht an den Grenzen des Reiches. Daeron galt als Sänger und Kundiger der Schrift; ihm schrieb man die Runen der Sindar zu. Solche Ämter machen deutlich, dass Thingols Herrschaft auf einen kleinen Kreis vertrauter Diener gestützt war, nicht auf ein ausgedehntes Gefüge von Fürstentümern. Mablung fiel, als die Zwerge die Hallen einnahmen, und mit Dior ging die Königswürde, wie oben erzählt, an Thingols Enkel über.2
Das Verhältnis zu den Nachbarn war von Zurückhaltung bestimmt. Den Noldor gestand Thingol Land im Norden und Westen zu, verlangte aber, dass sie Doriath nur mit seiner Erlaubnis beträten. Gegenüber den Menschen blieb er noch vorsichtiger: Als das Volk der Haleth nach Beleriand kam, ließ er es im Wald von Brethil wohnen, knüpfte dies jedoch an die Bedingung, dass es die Übergänge des Teiglin gegen Orks bewachte. Mit den Zwergen der Blauen Berge verband die Grauelben dagegen lange ein nützlicher Austausch von Arbeit und Handelsgut, aus dem erst am Ende offene Feindschaft wurde.3
Rolle in der Erzählung
In der Erzählung sind die Tausend Höhlen vor allem ein Ort, an dem über Schicksale entschieden wird. Fast immer kommt jemand von draußen hinein, tritt vor den Thron und löst damit etwas aus, das weit über Doriath hinausreicht. Am deutlichsten zeigt das Berens Auftritt: Die Forderung nach dem Silmaril, die Thingol dort ausspricht, soll den Menschen loswerden und bindet doch das Reich selbst an das Geschick des Steins. Melian sagt ihrem Gemahl gleich danach, er habe mit diesem Wort entweder seine Tochter oder sich selbst dem Verhängnis ausgeliefert. So wird der Thronsaal zur Bühne, auf der sich die Verstrickung des Hauses Thingol ankündigt.1
Ebenso oft erscheinen die Hallen als Ort von Gericht und Gnade. Nach Túrins Flucht urteilt Thingol zunächst über einen Abwesenden, doch als Beleg die Waldelbin Nellas als Zeugin herbeibringt, spricht der König den Jüngling frei und will ihn zurückholen. Auch Húrins Besuch wendet sich in Menegroth: Melians Worte lassen ihn erkennen, dass er die Geschicke seiner Familie durch Morgoths Blick gesehen hatte, und zuletzt überlässt er dem König das mitgebrachte Halsband als Gabe. Die Königin wirkt in solchen Szenen als Stimme der Einsicht, die das Urteil der Männer im Saal zurechtrückt.2
Im Gefüge des Buches steht Menegroth für den Versuch, ein Abbild des Lichts jenseits des Meeres in Mittelerde festzuhalten und die Kriege der Welt draußen zu lassen. Die Erzählung zeigt zugleich die Grenze dieses Versuchs: Morgoths Heere erreichen die Hallen nie, ihr Untergang kommt aus dem Innern, aus Begehren nach dem Kleinod, das der König in seinen Besitz gebracht hat. Damit reiht sich der Ort neben Nargothrond und Gondolin ein, die verborgenen Reiche der Elben, deren Schutz am Ende nicht hält. Menegroth ist in dieser Reihe das älteste und das Vorbild der anderen, und an seinem Fall wird zuerst sichtbar, wie der Fluch der Silmaril auch die Unbeteiligten erfasst.3
Entwürfe und Varianten
In den frühesten Fassungen der Sagen, den „Verlorenen Geschichten“, tragen Ort und Herrscher noch andere Namen. Der König heißt dort Tinwelint, seine Gemahlin Gwenniel oder Wendelin, und das Waldreich, das später Doriath genannt wird, erscheint als Artanor. Schon in diesen Texten wohnt der König in Höhlen unter der Erde, und die Vorstellung der Tausend Höhlen als Mittelpunkt seiner Herrschaft ist damit früh angelegt. Der Sindarin-Name Menegroth tritt dagegen erst in den späteren Überarbeitungen hinzu, als Tolkien die Namenwelt Beleriands auf die Sprache der Grauelben umstellte.1
Deutlich weicht die frühe Erzählung vom Untergang der Hallen ab. In der Geschichte vom Nauglafring fällt der König nicht in seinem eigenen Palast, sondern wird von den Zwergen im Wald überfallen, als er zur Jagd ausgezogen ist; erst danach greifen sie die Höhlen an, deren Schutz mit der Trauer der Königin versagt. Die Fassung, die das veröffentlichte Silmarillion vom Ende Thingols in den Tiefen von Menegroth gibt, beruht nach dem späteren Eingeständnis Christopher Tolkiens in wesentlichen Teilen auf seiner eigenen redaktionellen Zusammenfügung, weil sein Vater diesen Abschnitt nie in reifer Form neu geschrieben hatte. Er bezeichnete dieses Vorgehen rückblickend als Fehlgriff, der über das hinausging, was die Entwürfe hergaben.2