Herkunft und Namen
Lothíriel entstammt dem Fürstenhaus von Dol Amroth, das über Belfalas gebietet, die Küstenlandschaft im Süden Gondors. Ihr Vater ist Imrahil, der zur Zeit des Ringkriegs an der Spitze dieses Hauses steht und mit seinen Rittern nach Minas Tirith zieht. Sie selbst tritt in der Erzählung an keiner Stelle auf: Es gibt keine Szene mit ihr, kein Wort aus ihrem Mund, keine Beschreibung ihres Aussehens oder Wesens. Genannt wird sie einzig in der genealogischen Nachschrift zum Haus Eorls, und dort in einem Nebensatz. Damit gehört sie zu jenen Gestalten, die Tolkien allein durch Verwandtschaft und Abstammung in das Gefüge seiner Königshäuser einfügt, ohne sie handeln zu lassen.
Der Name selbst ist sindarinischer Prägung, wie er im Hochadel Gondors üblich war: Die grauelbische Sprache blieb dort bei den Geschlechtern númenórischer Herkunft in Gebrauch, und aus ihr wurden die Namen der Vornehmen gebildet. Dass eine Frau aus Dol Amroth einen solchen Namen trug, ist deshalb kein Sonderfall, sondern Gewohnheit ihres Standes; auch Finduilas, die Gemahlin des Truchsessen Denethor, kam aus diesem Haus und trug einen elbischen Namen. Eine Deutung von „Lothíriel“ hat Tolkien selbst nirgends gegeben. Das erste Glied entspricht der Form nach dem sindarinischen Wort für Blüte, das in Namen wie Nimloth wiederkehrt, und die Endung ist eine der geläufigen weiblichen Bildungen des Sindarin — beides sind jedoch Beobachtungen des Sprachvergleichs, keine überlieferten Erklärungen, und sie sollten nicht als Auskunft des Verfassers gelesen werden.
An das Haus, in das sie hineingeboren wurde, heftet sich eine Überlieferung besonderer Art. Legolas bemerkt beim Anblick Imrahils, in dessen Adern fließe Elbenblut, und begründet damit die eigentümliche Ausstrahlung des Fürsten. Ausgeführt wird dieser Gedanke erst in den nachgelassenen Aufzeichnungen: Dort erscheint die Sage, eine Elbin aus dem Gefolge Nimrodels sei die Ahnfrau des Geschlechts gewesen, und der Name der Feste gehe auf Amroth zurück, den Herrn von Lórien, dessen Schiff einst vor jener Küste lag. Beides ist als Sage der Küstenleute erzählt, nicht als gesicherte Genealogie. Für Lothíriels Herkunft heißt das: Sie ist eine Frau Gondors aus númenórischem Geblüt, deren Haus sich zugleich eine Verbindung zu den Erstgeborenen zuschrieb.
Geschichte
Für die Zeit vor dem Ringkrieg fehlt jede Nachricht: kein Geburtsjahr, kein Aufenthaltsort, keine Erwähnung im Zusammenhang der Ereignisse, die Gondor im Jahr 3019 des Dritten Zeitalters erschütterten. Datierbar wird ihre Geschichte erst dort, wo sich die beiden Häuser berühren, aus deren Verbindung ihre Ehe hervorging. Am 15. März 3019 stand ihr Vater in der Schlacht auf den Pelennor-Feldern, und nach dem Ende des Kampfes war er es, der bemerkte, dass Éowyn unter den Erschlagenen noch atmete; auf sein Wort hin wurde sie fortgetragen und der Heilung übergeben. Éomer, den die Reiter noch auf dem Feld zum König ausgerufen hatten, nachdem Théoden gefallen war, hatte seine Schwester bereits verloren gegeben. Von einer Anwesenheit Lothíriels in diesen Tagen berichtet die Erzählung nichts; die Ereignisse gehören zu ihrer Geschichte nur insofern, als sie die Bekanntschaft der Häuser stiften.
Im Sommer desselben Jahres wurde der tote König aus Minas Tirith heimgeführt; am 10. August 3019 bettete man Théoden in den Hügelgräbern vor Edoras. Beim Leichenmahl, das darauf folgte, erneuerte Éomer den alten Eid zwischen der Mark und Gondor, den einst Eorl geschworen hatte, nun gegenüber Elessar; und im selben Rahmen wurde bekanntgegeben, dass Éowyn sich mit Faramir vermählen werde. Damit war bereits eine erste Verbindung zwischen den Reitern und dem Fürstenhaus von Belfalas geknüpft, denn Faramir war ein Neffe Imrahils, Sohn seiner Schwester Finduilas. Die Wege zwischen Edoras und der Feste am Meer standen von da an offen, und Éomer ritt in den folgenden Jahren häufig nach Gondor hinab. Wann und wo er dabei der Tochter Imrahils begegnete, sagt keine Quelle.
Die Heirat selbst ist der einzige Vorgang, den die Überlieferung ausdrücklich mit ihr verknüpft, und sie ist zugleich der einzige, der eine Jahresangabe trägt: im letzten Jahr des Dritten Zeitalters, also 3021, nahm Éomer sie zur Gemahlin. Die Datierung hat eine Eigenheit, die dem Leser leicht entgeht. Nach der Zählung Gondors begann das Vierte Zeitalter bereits am 25. März 3021, während die Chronik das Dritte Zeitalter erst mit der Abfahrt der Ringträger von den Grauen Anfurten am Ende jenes Septembers schließen lässt. Das Jahr 3021 gehört somit beiden Zeitaltern an, und die Angabe im Anhang lässt offen, in welchen Teil dieses Jahres die Hochzeit fiel. Ein Ort ist nicht überliefert, ebenso wenig, wer zugegen war.
Was danach folgt, wird nur noch über ihren Gemahl erzählt. Éomer trug den Beinamen Éadig, den Gesegneten, und regierte fünfundsechzig Jahre, länger als alle Könige vor ihm mit Ausnahme Aldors des Alten; seine Herrschaft reichte damit weit in das Vierte Zeitalter hinein. Es waren Jahre ohne Krieg im Innern der Mark, in denen Heilung und Frieden fand, wer sie suchte, und die Freundschaft mit König Elessar wie mit Imrahil bestand fort. Lothíriel war während dieser ganzen Zeit Königin des Landes, doch die Chronik verzeichnet von ihr weder eine Tat noch ein Wort, weder ein Sterbejahr noch ein Grab. Ob sie ihren Gemahl überlebte, bleibt ungesagt.
Ihre Wirkung liegt in der Nachkommenschaft. Ihr Sohn Elfwine der Schöne folgte Éomer auf dem Thron und führte die dritte Linie der Könige der Mark fort, die mit dem Vater begonnen hatte. Sein Name ist der Sprache der Rohirrim entnommen und bedeutet Elbenfreund; die Überlieferung knüpft an ihn keine weiteren Nachrichten, die späteren Könige nach ihm bleiben ungenannt. Mit dieser Ehe fließt das Blut Dol Amroths und damit númenórische Abkunft in das Haus Eorls ein — ein Vorgang, der ohne Beispiel nicht dasteht, denn schon Thengel, Éomers Großvater, hatte mit Morwen von Lossarnach eine Frau aus Gondor heimgeführt, die man Stahlglanz nannte und die von hoher Abstammung war. Die Verbindung der Mark mit dem Süden war also weniger Bruch als Wiederholung. Innerhalb des Werkes ist Lothíriel damit vor allem ein genealogisches Gelenk: eine Gestalt, deren Bedeutung ganz in dem liegt, was durch sie weitergegeben wird, und die der Verfasser mit einem einzigen Nebensatz an ihren Platz gestellt hat.
Rolle und Wirkungskreis
Die Rolle, die Lothíriel im Werk zufällt, ist eine der Stellung, nicht des Handelns. Sie besetzt einen Platz in einer Ahnenreihe und erfüllt darin genau die Funktion, die der Verfasser ihr zugedacht hat: Sie verknüpft zwei Häuser und ermöglicht eine Nachfolge. Ein Amt, ein Auftrag, eine Aufgabe im Gang der Ereignisse wird ihr nirgends zugeschrieben. Das entspricht der Sparsamkeit, mit der die genealogische Nachschrift überhaupt von Frauen spricht: Gemahlinnen erscheinen dort in der Regel nur dann mit Namen, wenn die Linie ihrer bedarf oder wenn sich eine Bemerkung an sie knüpft. Wer nach ihrer Rolle fragt, fragt daher nach der Rolle eines Namens im Gefüge, nicht nach der einer Handelnden.
Von Fähigkeiten besonderer Art ist bei ihr nichts überliefert — keine Heilkunst, keine Vorausschau, kein Können, das über das gewöhnliche Maß hinausginge. Auch die Herkunft trägt hier nichts ein: Was über die Abkunft ihres Hauses gesagt wird, betrifft Ausstrahlung und Erscheinung und wird zudem über ihren Vater gesagt, nicht über sie; es ist eine Bemerkung über Anmutung, keine über Vermögen. Der Unterschied wird deutlich, wenn man daneben hält, was von einer anderen Frau desselben Zusammenhangs berichtet wird: Éowyns Tat auf dem Schlachtfeld ist erzählt und damit nachprüfbar, samt dem Preis, den sie kostete. Bei Lothíriel fehlt jeder solche Maßstab. Was sie vermochte oder nicht vermochte, ist keine offene Frage, sondern eine unbeantwortbare.
Auch die Königswürde selbst gibt wenig her. Die Herrschaft über die Mark ging in männlicher Linie weiter, und eine eigenständige Befugnis der Königin ist an keiner Stelle beschrieben; der Titel wird ihr im Text nicht einmal ausdrücklich beigelegt, er folgt aus dem Rang des Gemahls. Dass die Rohirrim einer Frau ihres Hauses durchaus Verantwortung übertragen konnten, zeigt der Fall Éowyns, der man in Théodens Abwesenheit die Führung der Zurückbleibenden anvertraute — es gäbe also eine Form, in der von einer Königin etwas zu berichten wäre, und es wird nichts berichtet. Die Grenze ihres Wirkungskreises ist damit vor allem eine Grenze der Überlieferung. Jede Aussage darüber, was sie in fünfundsechzig Jahren an der Seite eines regierenden Königs bewirkt habe, überschreitet, was die Quelle trägt.
Verwandtschaft und Bündnis
Alles, was von Lothíriel an Bindungen überliefert ist, läuft über Männer ihres Umkreises. Ihre Mutter wird nirgends genannt; die Gemahlin Imrahils bleibt in der veröffentlichten Überlieferung namenlos, und Geschwister werden an keiner Stelle zusammen mit ihr aufgeführt. Die einzige Verwandtschaft, die der Text ausdrücklich festhält, ist die zum Vater — und selbst sie steht nicht in einer Aufzeichnung über Dol Amroth, sondern in der über das Haus Eorls, wo sie allein dazu dient, die Braut kenntlich zu machen. Wer nach dem Verhältnis zwischen Tochter und Vater fragt, findet daher keine Begegnung, sondern eine Zuordnung: Sie wird durch ihn bestimmt, er nicht durch sie.
Mit der Vermählung tritt sie in ein Geflecht, das kurz zuvor bereits einmal geknüpft worden war, und ihre Stellung darin ist doppelt. Faramir, der Truchsess und Fürst von Ithilien, ist ihr Vetter, denn seine Mutter Finduilas war die Schwester Imrahils. Éowyn, die er zur Frau nahm, ist die Schwester Éomers — dieselbe Frau ist damit zugleich die Gemahlin ihres Vetters und die Schwester ihres eigenen Mannes. Die beiden Ehen zwischen der Mark und dem Süden greifen ineinander, statt nebeneinanderherzulaufen, und Lothíriel steht an der Stelle, an der sie sich kreuzen. Ob die beiden Frauen einander je gegenübertraten, sagt keine Quelle.
Ein Gegenspieler fehlt ihr vollständig. Es gibt niemanden, der ihr entgegenträte, keinen Streit, keine Verweigerung, keine Gegnerschaft, die sich an ihren Namen hefteten — nicht einmal in der knappen Form einer Bemerkung, wie sie die genealogische Nachschrift sonst gelegentlich einstreut. Auch die Bündnisse, in deren Mitte sie lebte, sind nicht als ihre erzählt: Was an Verbundenheit zwischen der Mark, dem Königshaus in Minas Tirith und der Feste am Meer bestand, führt die Überlieferung durchweg auf ihren Gemahl zurück, nicht auf die Verbindung, die er einging. Das ist die eigentliche Auskunft dieser Sektion: Lothíriels Beziehungen sind sämtlich Beziehungen anderer, in denen sie vorkommt. Sie verknüpft drei Häuser und bleibt dabei selbst grammatisches Objekt.