Name und Bedeutung
Der Name Edoras fällt in der Erzählung zum ersten Mal, als Gandalf mit Aragorn, Legolas und Gimli über die Ebene auf den Hügel zureitet und seinen Begleitern die ummauerte Siedlung und die goldglänzende Halle darin benennt. Dabei unterscheidet er ausdrücklich zwischen beiden: Edoras heißt die Anlage aus Höfen und Häusern, Meduseld die große Halle des Königs. Der Name bezeichnet also nicht ein einzelnes Bauwerk, sondern den bewohnten Bezirk als Ganzes, der sich innerhalb von Graben, Wall und Palisade um die Halle legt. In dieser Unterscheidung liegt bereits der Kern der Wortbedeutung.1
Sprachlich gehört Edoras zu jener Schicht von Namen, mit denen Tolkien die Sprache der Rohirrim wiedergibt. Nach seiner eigenen Darstellung im Anhang über die Übersetzung hat er das Rohirrische, das mit der Gemeinsprache verwandt, ihr aber altertümlich fremd war, durch Formen des Altenglischen ersetzt – so, wie er die Gemeinsprache selbst durch modernes Englisch vertritt. Edoras ist in diesem Sinn ein altenglisches Wort und bedeutet „Höfe“ oder „Umfriedungen“: eine Mehrzahl, die auf eingehegte Wohnstätten verweist. Der Name beschreibt damit schlicht, was der Ort ist, eine befestigte Gruppe von Gehöften, und folgt einer Neigung der Rohirrim zu nüchternen, sachbezogenen Ortsnamen.2
Die eigentliche rohirrische Form des Namens, die hinter der altenglischen Wiedergabe stünde, nennt der Roman nicht; überliefert ist allein die übertragene Gestalt. Auch eine eigene Bezeichnung in den Elbensprachen oder in der Sprache Gondors ist aus den zu Lebzeiten veröffentlichten Werken nicht bekannt. Im Verhältnis zu Meduseld, dessen Name sich ebenfalls aus dem Altenglischen als „Methalle“ deuten lässt, bildet Edoras das allgemeinere Wort: Die Halle ist der Sitz des Königs, Edoras der Ort, an dem sein Volk um diesen Sitz herum wohnt. In der Chronik der Mark erscheint der Name später unverändert, etwa dort, wo von der Einnahme der Stadt durch Wulf die Rede ist, und zeigt damit, dass er als fester Eigenname der Hauptstadt galt.3
Lage und Gestalt
Edoras liegt am Nordrand des Weißen Gebirges, dort, wo ein Seitental aus den Bergen in das offene Grasland der Mark hinaustritt. Aus diesem Tal kommt ein Fluss, die Schneeborn, der am Fuß der Stadt vorbeizieht und weiter in die Ebene hinabfließt. Die Siedlung selbst sitzt auf einem einzelnen grünen Hügel, der sich vor dem Taleingang aus dem Land hebt, sodass sie weithin sichtbar ist. Gandalf und seine Gefährten nähern sich ihr von Norden her über die Weiten Rohans, sehen den Hügel schon aus großer Ferne und durchqueren zuletzt die Schneeborn an einer Furt, bevor der Weg zum Tor ansteigt.1
Die Anlage folgt der Form des Hügels. Hinter der Umwehrung, die im vorigen Abschnitt schon erwähnt wurde, führt ein gepflasterter Weg in Stufen und Windungen zwischen den Häusern hinauf zur Kuppe. Neben dem Weg entspringt eine Quelle, deren Wasser in einer Rinne bergab läuft, und oben auf einer erhöhten Terrasse steht die Halle des Königs, zu der eine hohe Treppe führt. Von dort überblickt man die Ebene weit nach Norden und Osten; der Hügel ist damit zugleich Wohnort und Warte. Unterhalb der Mauern säumen die Grabhügel der früheren Könige den Weg in zwei Reihen, bedeckt von kleinen weißen Blumen, die dort das ganze Jahr über blühen.2
Bedeutung gewinnt der Ort aus seiner Verbindung mit dem Tal in seinem Rücken. Folgt man der Schneeborn aufwärts, gelangt man durch das Hargtal zur Bergfeste Dunharg, einer alten, hoch gelegenen Zuflucht, in der sich das Volk von Edoras in Zeiten der Gefahr sammeln kann. Vor dem Ritt nach Gondor wird dort die Heerschau der Mark abgehalten, und wer in der Stadt zurückbleibt, weicht dorthin aus. Edoras ist demnach keine Festung im eigentlichen Sinn, sondern der offene, gut erreichbare Königssitz am Rand der Ebene, dem die Berge eine Rückzugslinie bieten.3
Geschichte
Die Geschichte von Edoras beginnt mit der Ankunft der Eorlingas in Calenardhon. Nachdem Eorl der Junge im Jahr 2510 des Dritten Zeitalters mit seinen Reitern auf dem Feld von Celebrant die Heere Gondors vor dem Untergang bewahrt hatte, überließ ihm der Truchsess Cirion das weithin entvölkerte Land zwischen Weißem Gebirge und Limklar, und das Volk aus dem Norden ließ sich dort nieder. Eorl selbst fiel 2545 im Kampf gegen Eindringlinge im Wold. Sein Sohn Brego trieb die Feinde aus diesem Landstrich hinaus und festigte damit die Herrschaft des jungen Reiches. Wann genau die ersten Höfe auf dem Hügel entstanden, halten die Anhänge nicht fest; datiert ist erst das Werk, das den Ort zum Königssitz machte.1
Im Jahr 2569 vollendete Brego die Goldene Halle, und von da an war Edoras der Mittelpunkt der Mark. Das Fest, mit dem die Fertigstellung begangen wurde, ist allerdings eher mit einem Unglück verbunden als mit einem Triumph: Bregos älterer Sohn Baldor gelobte dabei, die Pfade der Toten zu betreten, brach dazu auf und kehrte nie zurück. Brego starb im folgenden Jahr, nach der Überlieferung aus Gram über diesen Verlust, und die Herrschaft ging an seinen jüngeren Sohn Aldor über. In den folgenden zwei Jahrhunderten regierten die Könige der ersten Linie von dieser Halle aus.2
Die schwerste Heimsuchung der Stadt fällt in die Regierungszeit Helms, des neunten Königs. Der Streit mit Freca, einem mächtigen Herrn mit dunländischer Verwandtschaft, dem Helm die Werbung um seine Tochter für dessen Sohn abschlug und den er darauf vor der Halle mit einem einzigen Faustschlag tötete, ging voraus. Im Jahr 2758 fielen Dunländer und Verbündete von Westen und Osten zugleich in Rohan ein, und Helm musste mit einem Teil seines Volkes in der Klamm Schutz suchen, die später seinen Namen trug. Freca Sohn Wulf bemächtigte sich unterdessen der Stadt und setzte sich in der Halle als König ein. Helms Sohn Haleth fiel bei der Verteidigung der Tore, und der folgende Lange Winter brachte über das ganze Land Hunger und Tod; auch Helm selbst überlebte ihn nicht.3
Die Rückeroberung ging von der Zuflucht im Gebirge aus. Fréaláf, der Sohn von Helms Schwester, hatte in Dunharg überdauert und zog im Frühjahr 2759 mit einer kleinen Schar hinab. Durch einen überraschenden Angriff nahm er Edoras zurück, Wulf kam dabei ums Leben, und die Stadt war wieder in der Hand der Rohirrim. Da Helms Söhne tot waren, wurde Fréaláf zum König erhoben; von ihm an zählt die Mark ihre zweite Königslinie. Die Episode zeigt, wie sehr die Lage des Ortes auf das Tal im Rücken angewiesen blieb, denn gerade der Rückzugsraum in den Bergen ermöglichte es, die verlorene Hauptstadt wiederzugewinnen.4
Am Ende des Dritten Zeitalters wurde Edoras zum Schauplatz einer Wende ohne Schlacht. Unter König Théoden hatte Gríma Schlangenzunge, im Dienst Sarumans, am Hof wachsenden Einfluss gewonnen; der König war gealtert und untätig geworden, Éomer war nach dem Tod Théodreds wegen Ungehorsams in Haft genommen worden. Am 2. März 3019 kam Gandalf mit Aragorn, Legolas und Gimli in die Stadt, brach Grímas Macht über den König und führte Théoden in die Tatkraft zurück. Noch am selben Tag ritt der König mit seinen Reitern nach Westen, während Éowyn das Volk nach Dunharg führte. Ein Angriff auf die Stadt selbst folgte im Ringkrieg nicht; die Entscheidungen fielen an der Hornburg und später auf den Feldern vor Minas Tirith.5
Nach dem Sieg über Sauron kehrte das Leben in die Stadt zurück. Im Sommer 3019 wurde Théodens Leichnam von Minas Tirith heimgeleitet und in Edoras in einem Grabhügel beigesetzt, und beim anschließenden Totenmahl in der Halle wurde die Verlobung Éowyns mit Faramir bekanntgegeben. Éomer herrschte fortan als König und bewahrte die Freundschaft mit Gondor. Bis weit in das Vierte Zeitalter bleibt Edoras der Sitz seines Hauses: Die Anhänge berichten, dass Meriadoc und Peregrin in ihrem Alter noch einmal nach Rohan reisten und dort bei Éomer blieben, bis dieser starb. Von einem Ende der Stadt ist in den Quellen nicht die Rede.6
- 1Der Herr der Ringe, Anhang A, II, The House of Eorl; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 2Der Herr der Ringe, Anhang A, II, The House of Eorl; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 3Der Herr der Ringe, Anhang A, II, The House of Eorl; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 4Der Herr der Ringe, Anhang A, II, The House of Eorl; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 5Der Herr der Ringe, Buch III, Kap. 6, The King of the Golden Hall; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 6Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 6, Many Partings; Der Herr der Ringe, Anhang B, Later Events Concerning the Members of the Fellowship of the Ring
Bewohner und Herrschaft
Die Menschen von Edoras sind Rohirrim, die sich selbst Eorlingas nennen und ihre Herkunft auf die Éothéod im hohen Norden zurückführen. Sie leben als Reiter- und Pferdevolk, und die Stadt auf dem Hügel ist weniger ein Handelsplatz als der Wohnsitz des Königs, seines Haushalts und seiner Gefolgsleute, um die sich die Häuser des Volkes scharen. Untereinander sprechen sie die Sprache der Mark. Fremden begegnen sie mit Vorsicht: Die Wächter am Tor sprechen Ankömmlinge zunächst in ihrer eigenen Zunge an und wechseln erst dann in die Gemeinsprache, und zur Zeit des Ringkriegs sollen nach dem Willen des Königs nur Freunde eingelassen werden, die die Sprache der Rohirrim beherrschen.1
Herrscher in Edoras sind die Könige der Mark. Die Anhänge ordnen sie in drei Linien: Die erste umfasst neun Könige von Eorl bis Helm, die zweite beginnt mit Fréaláf und reicht bis Théoden, mit Éomer setzt die dritte ein. Unter dem König führen die Marschälle der Mark die Reiterschaft; vor dem Ringkrieg war Théodred als Zweiter Marschall zugleich der Erbe, Éomer der Dritte. Den Zugang zur Halle überwacht der Türhüter des Königs, zur Zeit Théodens Háma, und wer vor den König treten will, legt zuvor seine Waffen ab. Dass Háma dem Zauberer den Stab schließlich lässt, zeigt, wie sehr dieses Amt zwischen Brauch und eigenem Urteil abzuwägen hatte.2
Das Verhältnis zu den Nachbarn bestimmt sich vor allem durch Gondor. Der Eid, den Eorl einst leistete, band die Könige der Mark an das Südreich, und als der rote Pfeil Gondors im Ringkrieg Théoden erreichte, folgte er diesem Ruf. Einzelne Könige waren dem Süden auch persönlich verbunden; Thengel hatte vor seiner Thronbesteigung lange Jahre in Gondor gelebt. Feindselig blieb dagegen das Verhältnis zu den Dunländern, die das Land der Mark als ihr eigenes betrachteten und den Groll gegen die Eorlingas über Generationen bewahrten. Isengart, lange ein ruhiger Nachbar im Westen, wurde unter Saruman zur größten Bedrohung für den Königssitz.3
- 1Der Herr der Ringe, Buch III, Kap. 6, The King of the Golden Hall; Der Herr der Ringe, Anhang A, II, The House of Eorl
- 2Der Herr der Ringe, Anhang A, II, The House of Eorl; Der Herr der Ringe, Buch III, Kap. 6, The King of the Golden Hall
- 3Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 3, The Muster of Rohan; Der Herr der Ringe, Anhang A, II, The House of Eorl; Der Herr der Ringe, Buch III, Kap. 7, Helm's Deep
Edoras in der Erzählung
Für Aragorn, Legolas und Gimli ist Edoras der erste Ort seit Lórien, an dem sie auf ein geordnetes Gemeinwesen treffen. Nach Tagen der Verfolgung über offenes Land führt der Weg hier in eine Welt aus Hof, Brauch und Gefolgschaft. Das Buch lässt die Ankunft entsprechend langsam geschehen. Schritt für Schritt nähern sich die Fremden dem König, und jede Station verlangt ein Zugeständnis. Besonders Aragorn tut sich schwer, sein Schwert aus der Hand zu geben. Erst als er es bewusst in fremde Obhut stellt, kann das Gespräch in der Halle beginnen. So zeigt der Ort schon im Eintritt, wie die Rohirrim Gastfreundschaft und Vorsicht miteinander verbinden.1
Erzählerisch ist Edoras der Ort einer Genesung. In der Halle wird nicht gekämpft, sondern ein König aus Starre und Dunkel gelöst. Théoden tritt auf die Terrasse hinaus, blickt über das eigene Land und nimmt sein Schwert Herugrim wieder zur Hand. Éomer wird aus der Haft entlassen und wieder in Ehren aufgenommen. Gríma bleibt die Wahl, dem König in den Krieg zu folgen oder das Land zu verlassen, und er flieht zu seinem eigentlichen Herrn. In diesem Kapitel tritt auch Éowyn zum ersten Mal auf, und ihre Aufmerksamkeit für Aragorn nimmt hier ihren Anfang. Zum Abschied gibt Théoden Gandalf das Pferd Schattenfell zum Geschenk und rüstet die Gefährten aus seinem eigenen Bestand aus. Aus Gästen unter Verdacht werden so Verbündete, und die Mark kehrt als handelnde Macht in den Krieg zurück.2
Am Ende des Romans wird Edoras zum Ort der Abschiede. Die Gemeinschaft der Heimkehrenden macht auf dem Weg nach Norden hier Halt und löst sich allmählich auf. Merry, der als Knappe in Théodens Dienst gestanden hatte, erhält zum Abschied von Éowyn und Éomer ein kleines Horn aus alter Beute. Später im Auenland ruft dieses Horn die Hobbits zum Widerstand. So reicht die Wirkung des Ortes über Rohan hinaus: Was in Edoras an Treue und Wiederaufrichtung geschieht, tragen die Gäste als Zeichen mit sich fort.3
Edoras in Verfilmungen
In Peter Jacksons Filmtrilogie erscheint Edoras im zweiten und dritten Teil. Die Stadt wurde als vollständige Kulisse auf dem Mount Sunday im Tal des Rangitata auf der Südinsel Neuseelands errichtet. Die Szenen am Königshof tragen Bernard Hill als Théoden, Brad Dourif als Gríma, Miranda Otto als Éowyn und Karl Urban als Éomer. Gegenüber dem Buch verschiebt der Film mehrere Gewichte. Théodens Lähmung erscheint als unmittelbare Besessenheit durch Saruman, die Gandalf in der Halle austreibt. Im Roman beruht sie dagegen auf Grímas Einflüsterungen. Éomer sitzt beim Eintreffen der Gefährten nicht in Haft, sondern ist bereits verbannt. Auch Théodred wird im Film vor den Toren von Edoras beigesetzt. Die folgenreichste Änderung betrifft den Rückzug: Das Volk der Stadt zieht mit dem König zur Hornburg, statt unter Éowyns Führung in Dunharg Zuflucht zu suchen. Im dritten Film erreicht der Hilferuf Gondors Edoras über die Kette der Leuchtfeuer und nicht durch einen Boten mit dem roten Pfeil.1
Eine zweite, ganz andere Gestalt erhält der Ort in dem Zeichentrickfilm „Der Herr der Ringe: Die Schlacht der Rohirrim“ unter der Regie von Kenji Kamiyama. Er spielt rund zwei Jahrhunderte vor dem Ringkrieg und nimmt die Episode um Helm, Freca und Wulf auf, die die Anhänge nur in wenigen Zeilen festhalten. Helm wird von Brian Cox gesprochen, Wulf von Luke Pasqualino. Im Mittelpunkt steht Helms Tochter Héra, gesprochen von Gaia Wise. Die Anhänge erwähnen sie nur als namenlose Tochter, um deren Hand Freca für seinen Sohn anhielt. Der Film erfindet ihr einen Namen und eine eigene Geschichte. Dadurch wird der Verlust der Hauptstadt an Wulf nicht mehr aus der Sicht der Chronik erzählt, sondern aus der Sicht einer Figur, die der Roman nicht ausführt. Miranda Otto knüpft als Erzählstimme in der Rolle der Éowyn an die ältere Trilogie an.2