Herkunft, Geschlecht und Namen
Éowyn entstammt dem Haus Eorl, dem Königsgeschlecht der Mark, und wurde im Jahr 2995 des Dritten Zeitalters als zweites Kind Éomunds und Théodwyns geboren. Ihr Vater war der oberste Marschall der Mark und befehligte die östlichen Grenzwachen, ihre Mutter die jüngste Schwester König Théodens; ihr Bruder Éomer war vier Jahre älter als sie. Im Jahr 3002 fiel Éomund, als er einen Orktrupp zu weit nach Osten in die Nähe der Emyn Muil verfolgte, und Théodwyn erkrankte über dem Verlust und starb bald darauf. Théoden nahm die verwaisten Geschwister in seinen Haushalt auf und hielt sie wie eigene Kinder, so dass Éowyn in Edoras unter dem Dach von Meduseld heranwuchs. Durch ihre Großmutter Morwen, die aus Lossarnach nach Rohan gekommen war, trat überdies ein gondorischer Einschlag in die Familie, den die Überlieferung des Hauses ausdrücklich vermerkt.
Sie gehört damit den Rohirrim an, dem Reitervolk zwischen Weißen Bergen und Nebelgebirge, das sich selbst Eorlingas nennt und dessen Vorfahren als Éothéod aus dem Norden herabzogen, ehe ihnen Calenardhon als Wohnsitz überlassen wurde. Als Gandalf mit seinen Begleitern zum ersten Mal die Goldene Halle betrat, erschien Éowyn hochgewachsen und schlank, in weißem Gewand und mit langem hellem Haar, von einer Haltung, die Aragorn ernst und kalt wie geschliffener Stahl vorkam. Zugleich zeigt sich in diesen Szenen die Enge ihrer Stellung: Sie versah den Dienst am kranken König, während ihr die Aufgaben verwehrt blieben, für die sie sich erzogen wusste. Dem Einwand, der Waffengang sei nicht Sache der Frauen, hielt sie später entgegen, dass auch die Unbewaffneten im Krieg umkommen; die Bezeichnung Schildmaid gehört insofern zu ihrem eigenen Selbstverständnis wie zur Sprache der Erzählung.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Die Sprache der Mark ist im Roten Buch durchgehend in altenglischem Gewand wiedergegeben, und entsprechend sind auch die Namen des Königshauses aus altenglischen Wortstämmen gebildet. Das Element Éo-, das Éowyn mit Éomund, Éomer und dem Volksnamen Éothéod verbindet, geht auf das altenglische Wort für „Pferd“ zurück und verweist damit auf die Reiterkultur, die den Ruf des Volkes ausmacht; der Akzent auf dem é bezeichnet dabei nach den Ausspracheregeln des Werks einen langen Vokal. Unter den Reitern des Aufgebots erscheint sie zunächst unter dem Namen Dernhelm, der ein altenglisches Wort für „verborgen“ mit dem Element -helm verbindet, das auch im Namen des Königs Helm begegnet und so den doppelten Sinn von Helm und Schutz trägt. Daneben führt sie in der Erzählung die Beinamen Weiße Dame von Rohan und Schildmaid von Rohan; die Titel, die ihr aus späteren Bindungen zuwuchsen, gehören nicht mehr zu ihrer Herkunft.
Geschichte
Über die Jahre zwischen dem Tod der Eltern und dem Ringkrieg schweigt die Überlieferung weitgehend; erst mit dem Verfall des Königs tritt Éowyn wieder in das Licht der Erzählung. Seit 3014 stand Théoden unter dem Einfluss Sarumans, vermittelt durch seinen Ratgeber Gríma, den man Schlangenzunge nannte, und der König alterte rascher, als es seine Jahre erklärten. In dieser Zeit versah Éowyn den Dienst an seinem Stuhl und sah zu, wie das Haus ihrer Väter an Ansehen verlor, während die Mark von Osten und Westen her bedrängt wurde. Gandalf spricht später offen aus, dass Gríma ihr nachstellte und ihre Schritte belauerte; ihr Bruder Éomer, der es bemerkte, konnte ihm nichts anhaben, solange der Ratgeber das Ohr des Königs besaß. So verband sich für Éowyn die Sorge um den Kranken mit einer Bedrohung, gegen die Waffen nichts ausrichteten.
Am 2. März 3019 kamen Gandalf, Aragorn, Legolas und Gimli nach Edoras. Théoden richtete sich auf, verstieß Gríma und ließ Éomer aus der Haft holen; noch am selben Tag brach er mit dem Aufgebot nach Westen auf, um Helms Klamm zu entsetzen. Da König und Erster Marschall zugleich in den Krieg zogen, verlangte das Volk nach einem Führer aus dem Hause Eorl, und auf den Vorschlag Hámas, des Türhüters, übertrug Théoden seiner Nichte die Verantwortung für alle, die zurückblieben. Éowyn geleitete daraufhin die Bewohner von Edoras in die Bergfeste Dunharg, wohin die Frauen, Kinder und Alten der Mark vor dem Heer Sarumans ausweichen sollten. Es war das erste Amt, das ihr ausdrücklich zufiel, und es band sie zugleich an das Hinterland.
In Dunharg traf Aragorn am 7. März mit der Grauen Schar der Dúnedain ein. Éowyn erkannte, welchen Weg er zu nehmen gedachte, und suchte ihn zweimal zurückzuhalten; als er nicht zu bewegen war, bat sie, ihn begleiten zu dürfen. Aragorn verwies sie auf die Pflicht, die ihr der König aufgetragen hatte, und wies auch das zweite Ansinnen zurück, mit dem Heer zu reiten. Im Gespräch trat hervor, was sie in Wahrheit fürchtete: nicht den Tod, sondern ein Leben im Käfig der Halle, ohne Anteil an den Taten, die man später besingen würde. Am Morgen des 8. März zog Aragorn durch die Pfade der Toten davon, und Éowyn blieb zurück.
Am 10. März sammelte sich das Aufgebot der Mark in Dunharg, und Théoden brach zum Entsatz von Minas Tirith auf. Meriadoc, der dem König Gefolgschaft gelobt hatte, sollte auf dessen Befehl zurückbleiben; ein junger Reiter, der sich Dernhelm nannte, nahm ihn jedoch heimlich vor sich auf sein Pferd Windfola und verbarg ihn unter seinem Mantel. Unter diesem Namen ritt Éowyn in der Schar Elfhelms mit, über die Ebenen des Ostemnet und durch die Wälder am Fuß der Weißen Berge, ohne dass König oder Marschall es bemerkten. Nach fünf Tagen erreichte das Heer in der Frühe des 15. März die Felder vor der Stadt, die man in der Mark Mundburg nannte.
In der Schlacht auf den Pelennor-Feldern stürzte Théodens Pferd Schneemähne unter dem Angriff des geflügelten Reittiers und begrub den König unter sich. Éowyn allein blieb bei ihm stehen, während die Leibwache zersprengt war, und stellte sich dem Fürsten der Nazgûl entgegen; sie erschlug das Untier mit einem Hieb und trotzte der Drohung, kein Mann könne ihn fällen. Als Meriadoc ihm von hinten die Kniekehle durchstach, führte sie den Stoß in die leere Krone, worauf die Gestalt zerging; ihr Schwert zerbrach, ihr Schildarm war gebrochen, und sie sank vornüber auf den erschlagenen Feind. Éomer fand sie und hielt sie für tot, doch trug man sie in die Stadt, wo der Schwarze Schatten sie festhielt. In den Häusern der Heilung rief Aragorn sie mit Königskraut aus der Betäubung zurück, und Éomer erfuhr dort, wie lange die Verzweiflung schon an ihr gezehrt hatte.
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Schicksal
Genesen, aber unruhig, verlangte Éowyn dem Heer zum Schwarzen Tor zu folgen und wurde vom Vorsteher der Häuser zurückgehalten; stattdessen erhielt sie Erlaubnis, im Garten zu wandeln, wo sie Faramir begegnete, der gleichfalls dort in Pflege lag. In den Tagen des Wartens wandelte sich ihre Gesinnung, und als am 25. März der Ring vernichtet wurde und die Finsternis von Osten wich, standen beide auf der Mauer und nahmen die Wende wahr. Éowyn erklärte darauf, keine Schildmaid mehr sein zu wollen, sondern Heilerin, und nahm Faramirs Werbung an. Beim Leichenbegängnis Théodens in Edoras im August 3019 gab Éomer als König die Verlobung öffentlich bekannt; Faramir wurde von Aragorn zum Fürsten von Ithilien bestimmt, und das Paar nahm seinen Sitz in Emyn Arnen jenseits des Anduin. Aus dieser Ehe stammte jenes Geschlecht, dem Barahir angehörte, ein Enkel Faramirs, der später die Erzählung von Aragorn und Arwen aufzeichnete.
Rolle, Fähigkeiten und deren Grenzen
In der Ordnung der Mark verfügt Éowyn über kein ererbtes Amt. Als Tochter eines Marschalls und Schwester des Dritten Marschalls steht sie dem Königshaus so nahe, wie es die Verwandtschaft erlaubt, doch leitet sich daraus kein Rang im Aufgebot ab; was ihr an Verfügung zufällt, ist ausdrücklich geliehen, an die Abwesenheit des Königs gebunden und mit dessen Heimkehr oder Tod erloschen. Ihr eigenes Selbstverständnis setzt an anderer Stelle an: Gegenüber Aragorn beruft sie sich auf das Haus Eorl, erklärt sich zu Ross und mit der Klinge geübt und weist die Zumutung zurück, als Dienende gehalten zu werden. Vermögen und Befugnis fallen bei ihr mithin auseinander, und dieser Bruch trägt den größeren Teil ihrer Geschichte.
Übernatürliche Gaben schreibt ihr die Überlieferung nirgends zu. Ihr Können ist handwerklich — Reiten, Waffenführung, die Zucht eines Reitervolkes — und tritt nur deshalb hervor, weil es sich mit einer Standhaftigkeit verbindet, die dort trägt, wo der Schrecken der Nazgûl auf Willen und Mut zielt: Erprobte Reiter wichen, sie blieb stehen. Zwei Umstände jedoch lagen nicht in ihrer Hand. Der eine ist eine alte Weissagung Glorfindels aus den Tagen nach der Schlacht bei Fornost, wonach der Fürst von Angmar nicht durch die Hand eines Mannes fallen werde; der andere die Klinge aus den Hügelgräberhöhen, ein Werk der Menschen von Westernis, deren Zauber eigens gegen jenes Reich gerichtet war. Der Ausgang erscheint in der Erzählung als Zusammentreffen mehrerer Bedingungen, nicht als Überlegenheit einer Kämpferin.
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Schicksal
Die Grenzen dieses Vermögens zeigt derselbe Tag. Was sie niederwirft, ist weniger die zerbrochene Waffe und der versehrte Arm als die Kälte, die vom Feind ausgeht und gegen die keine Wehr hilft; Aragorns Befund in den Häusern der Heilung trennt sie überdies von einer Erschöpfung, die weit vor der Schlacht begonnen hatte. Heilkunst konnte das eine lösen, das andere nur freilegen. Die zweite Grenze zieht sie selbst, indem sie den Anspruch auf kriegerischen Ruhm ablegt und sich dem Heilen und dem Wachsenden zuwendet — kein Verlust an Vermögen, sondern eine andere Verwendung desselben Mutes. Auch ihre spätere Stellung in Ithilien ist Rang und Aufgabe, nicht Machtbefugnis; ihre Wirkung im Legendarium bleibt an eine einzige Stunde und an die Entscheidung gebunden, die ihr vorausging.
Verwandtschaft, Bindungen und Gegenspieler
Die Bindung an Théoden und Éomer erweist ihre Tiefe erst dort, wo sie an ihre Grenze stößt. In den Häusern der Heilung hält Gandalf dem Bruder vor, er habe wohl die Augen des Ratgebers bemerkt, nicht aber, was die Schwester daneben trug: den täglichen Dienst an einem Greis, in dem sie den Verfall des eigenen Hauses las, und einen Mut, der dem seinen nicht nachstand, dem man aber keinen Platz einräumte. Die Zuneigung des Bruders stand dabei nie in Frage, doch sie blieb ahnungslos. Als Éomer die Schwester auf dem Feld für tot hielt, schlug sie in eine Verzweiflung um, die ihn den nächsten Angriff nicht als Rettung, sondern als Ende führen ließ — die Rollen, die beide gegeneinander einnahmen, kehrten sich in dieser Stunde um.
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Schicksal
Ihr Verhältnis zu Aragorn deutet die Erzählung nicht als bloße Zurückweisung. Aragorn selbst erklärt dem Bruder, was Éowyn in ihm gesucht habe, sei weniger der Mann gewesen als ein Bild: der Glanz großer Taten und ein Leben jenseits der Kammern von Edoras. Er brachte ihr Achtung und Mitleid entgegen und wusste zugleich, dass seine Kunst ihr nur den Schatten des Feindes nehmen konnte, nicht die ältere Not; dafür hatte ein anderer einzustehen. Faramir tat, was weder Onkel noch Bruder vermochten: Er benannte das Verlangen nach dem Tod, das sich hinter dem Verlangen nach Ruhm verbarg, und band seine Werbung ausdrücklich nicht an ihren Waffenruhm. Erst diese Bindung antwortet auf das, woran die früheren scheiterten.
Ihre Gegenspieler gleichen einander in der Art ihres Angriffs. Gríma wie der Fürst der Nazgûl wirken vor allem durch Furcht, Zuflüsterung und das langsame Aushöhlen des Willens — der eine im Halbdunkel der Halle, der andere auf offenem Feld; gegen beide half kein Rang und kein Befehl, wohl aber ein Standhalten, das sich zuletzt aus der eigenen Verzweiflung speiste. Dem entspricht auf der anderen Seite das einzige Bündnis, das sie aus freien Stücken einging: Meriadoc und sie waren beide vom Zug ausgeschlossen worden, und keiner von beiden hätte allein bestanden. Dass die Überlieferung die Tat zwei Übergangenen zuschreibt und nicht dem Heer, gehört zu ihrem Sinn.
Entwürfe und Varianten
In den Arbeitspapieren zum Rohan-Abschnitt tritt die Gestalt spät und in schwankenden Umrissen hervor. Frühe Notizen führen sie als Tochter Théodens, nicht als dessen Nichte, und geben ihr den Beinamen Elfsheen, „elbenschön“, der in der Druckfassung keine Spur hinterlassen hat. Auch die Namen der Männer ihres Hauses lagen nicht fest: Der Reiter, dem die Gefährten in der Steppe begegnen, hieß zunächst Éomund — eine Form, die zuletzt auf den Vater überging, während der Bruder den Namen Éomer erhielt. In den Entwürfen zur Goldenen Halle stand neben ihr überdies eine ältere Königstochter namens Idis, der keine eigene Aufgabe zuwuchs; sie fiel im Fortgang der Arbeit fort, da die jüngere Schwester ihren Platz vollständig ausfüllte.
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Schicksal
Ebenso lange blieb ihr Ausgang offen. Mehrere Handlungsskizzen sahen vor, dass Aragorn sie zur Frau nehmen und als Königin nach Gondor führen sollte; die Verbindung mit Arwen trat erst später an diese Stelle. Andere Aufzeichnungen führten die Figur dagegen in den Tod: Sie sollte auf dem Feld vor der Stadt fallen, sei es im Versuch, den König zu retten, sei es an den Folgen des Zweikampfs mit dem Fürsten der Nazgûl, und mit Théoden zusammen bestattet werden. Erst als Faramir auftrat — eine Gestalt, die in den älteren Plänen nicht vorgesehen war —, ergab sich der Weg der veröffentlichten Fassung, und die Begegnung in den Häusern der Heilung wurde in einem verhältnismäßig späten Arbeitsgang ausgeführt. Die Entwürfe zeigen mithin eine Figur, deren Tat auf dem Schlachtfeld früher feststand als ihre Herkunft und ihr Weiterleben.