Name und Benennung

Der Name Helcaraxe ist quenyisch, er stammt also aus der Sprache der Eldar in Aman. Das liegt nahe, denn die Meerenge war von Anfang an eine Grenze, die man von Valinor aus betrachtete: Für die Elben im Westen war sie das äußerste, unwirtliche Ende ihrer eigenen Welt. Der Namensteil der Elemente-Übersicht im Anhang des „Silmarillion“ führt das Wort auf zwei Bestandteile zurück. Der erste geht auf einen Stamm mit der Bedeutung „Eis“ zurück, der zweite auf einen Stamm, der eine scharfe Spitze, einen Zahn oder Fang bezeichnet und im Quenya das Wort für „Fang“ ergibt. Der Name beschreibt demnach kein bloßes Eisfeld, sondern ein Eis, das wie ein Gebiss zupackt. Wie sich die Endung des Wortes im Einzelnen erklärt, lässt die Übersicht offen.1

Derselbe Stamm für „Eis“ kehrt in Helcar wieder, dem Namen des großen Binnenmeers im Norden Mittelerdes, an dessen Rand die Elben erwachten. Beide Namen gehören damit zu einer kleinen Gruppe von Bezeichnungen, die den kalten Norden der Welt nach seinem Eis benennen. Neben der Quenya-Form verwendet das „Silmarillion“ gleichrangig eine englische Wiedergabe, das Malmende Eis. Sie ist keine eigene Überlieferung, sondern übersetzt, was der Name meint: Der Erzähler greift zu ihr, wo er das Wesen des Ortes hervorheben will, etwa wenn er Fingolfins Gefolgsleute als diejenigen kennzeichnet, die über dieses Eis gekommen waren. Eine eigene sindarinsche Bezeichnung der Meerenge ist in den Werken nicht überliefert.2

Für die Aussprache gelten die Regeln, die Tolkien für das Quenya festgelegt hat. Das c steht stets für einen k-Laut, und das x für die Lautfolge ks. Das auslautende e ist kein stummer Buchstabe, sondern bildet eine eigene Silbe; in Tolkiens Schreibung macht ein Trema dies sichtbar. Die deutschen Ausgaben verzichten auf dieses Zeichen und schreiben schlicht Helcaraxe, ohne dass sich an der Aussprache etwas ändert. Die Betonung liegt auf der vorletzten Silbe.3

  1. 1Das Silmarillion, Anhang, Elements in Quenya and Sindarin Names
  2. 2Das Silmarillion, Kapitel 3, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor; Das Silmarillion, Kapitel 13, Of the Return of the Noldor; Das Silmarillion, Anhang, Elements in Quenya and Sindarin Names
  3. 3Der Herr der Ringe, Anhang E, Writing and Spelling

Lage und Gestalt

Die Helcaraxe ist keine Landschaft im gewöhnlichen Sinn, sondern eine Meerenge, die gefroren ist. Sie liegt im äußersten Norden der Welt, dort, wo das Meer zwischen Aman und Mittelerde am schmalsten wird und die beiden Kontinente einander am nächsten kommen. Weiter südlich trennt eine weite, offene See die Unsterblichen Lande von den Küsten der Äußeren Lande. Im Norden dagegen schrumpft der Abstand zu einem engen Sund. Er ist jedoch nicht mit schiffbarem Wasser gefüllt, sondern mit Eis, das sich unablässig schiebt, bricht und aneinander reibt.1

Auf der westlichen Seite grenzt die Enge an Araman, den kahlen, kalten Küstenstreifen, der sich nördlich von Valinor zwischen dem Gebirge und dem Meer hinzieht und nach Norden hin immer öder wird. Wer von dort aus weiterzieht, gerät zunächst in die dichten Nebel von Oiomúre, die vor dem Eis liegen, und erreicht erst hinter ihnen die Helcaraxe selbst. Das jenseitige Ufer bilden die nordwestlichen Küsten Mittelerdes. Welchen Weg man dazwischen nimmt, gibt der Erzähler nirgends genau an. Er berichtet aber, dass Morgoth auf seiner Flucht aus Valinor diesen Weg ging: Er zog durch Araman und die Nebel, überquerte das Eis und gelangte so zurück in den Norden der Äußeren Lande.2

Was die Helcaraxe auszeichnet, ist ihre Doppelnatur. Sie ist die einzige Stelle, an der ein Übergang zwischen Aman und Mittelerde ohne Schiffe überhaupt denkbar ist. Zugleich ist sie so beschaffen, dass kaum jemand diesen Übergang wagt. Kälte, Nebel und das bewegte Eis machen sie zu einer Grenze, die eher abweist als verbindet. Die Noldor, die nach Norden gezogen waren, sahen sie deshalb zunächst als Hindernis und nicht als Weg. Dass eine ganze Schar sie dennoch bezwang, blieb in der Erinnerung Beleriands so ungewöhnlich, dass Fingolfins Volk fortan geradezu nach diesem Eis benannt wurde.3

  1. 1Das Silmarillion, Kapitel 9, Of the Flight of the Noldor
  2. 2Das Silmarillion, Kapitel 9, Of the Flight of the Noldor
  3. 3Das Silmarillion, Kapitel 9, Of the Flight of the Noldor; Das Silmarillion, Kapitel 13, Of the Return of the Noldor

Geschichte

Wie die Helcaraxe entstand, erzählt keines der Werke. Das Eis füllte die nördliche Meerenge schon, als die Geschichte der Noldor sie zum Schauplatz machte, und die erste Überquerung, von der der Erzähler berichtet, ist die Flucht Morgoths nach der Verdunkelung Valinors. Für die Eldar selbst blieb die Enge zunächst ein fernes Ödland am Rand ihrer Welt. Das änderte sich erst mit dem Auszug der Noldor. Nach dem Sippenmord von Alqualonde zogen die Heere Feanors und Fingolfins an den Küsten Aramans nach Norden, und dort traf sie das Verdikt des Mandos. Finarfin kehrte daraufhin mit einem Teil seines Volkes um. Die übrigen setzten den Marsch in die wachsende Kälte fort, bis das Eis vor ihnen lag.1

An der Enge stellte sich die Frage, wie man hinüberkommen sollte. Feanor scheute das Eis. Die Schiffe, die man den Teleri genommen hatte, reichten aber nicht aus, um alle Noldor zugleich überzusetzen. Feanor löste die Frage auf seine Weise: Heimlich ging er mit seinen Söhnen und seinen eigenen Gefolgsleuten an Bord, setzte über und landete bei Losgar an der Mündung des Fjords von Drengist. Dort ließ er die Schiffe verbrennen, sodass niemand sie zurückholen konnte, um die Zurückgelassenen nachzuführen. Maedhros hielt sich dabei abseits. Den Schein des Brandes sahen Fingolfins Leute jenseits des Wassers als rötliches Leuchten am Himmel, und sie verstanden, dass man sie im Stich gelassen hatte.2

Fingolfins Heer irrte eine Zeit lang elend in Araman umher. Den Weg zurück nach Valinor wollten die Zurückgelassenen nicht gehen, und so blieb nur das Eis. Unter der Führung Fingolfins, seiner Söhne Fingon und Turgon sowie Finrods und Galadriels, der Kinder Finarfins, wagten sie den Übergang zu Fuß. Der Zug durch Kälte, Nebel und das berstende Eis dauerte lange und kostete viele von ihnen das Leben. Unter den Verlorenen war Elenwe, die Gemahlin Turgons. Der Erzähler hält fest, dass unter den Taten der Noldor kaum eine an Kühnheit und Leid an diese heranreichte. Was die Überlebenden trug, war nicht zuletzt der Zorn auf Feanor und die Seinen.3

Die Schar erreichte die Küsten Mittelerdes zu der Zeit, als der Mond zum ersten Mal aufging, und ließ ihre Trompeten erschallen. Beim ersten Sonnenaufgang zog Fingolfin mit wehenden Bannern nach Mithrim, und die Diener Morgoths wichen vor ihm zurück. Feanor war zu diesem Zeitpunkt bereits gefallen. Seine Söhne lagerten am anderen Ufer des Sees, und zwischen den beiden Heeren stand die Erinnerung an Losgar und an das Eis. Fingon, der seine alte Freundschaft mit Maedhros nicht vergessen hatte, befreite diesen später aus der Gefangenschaft Morgoths. Maedhros verzichtete daraufhin auf den Anspruch seines Hauses auf die Königswürde, und der offene Streit legte sich, ohne dass der Groll ganz verschwand.4

Nach dem Übergang Fingolfins berichten die Werke von keinem weiteren Zug über die Helcaraxe. Die Enge blieb, was sie vorher gewesen war: eine Grenze am äußersten Nordrand der Welt, die in der Geschichte Beleriands nur noch als Erinnerung weiterlebte. Mit dem Untergang Númenors nahm Iluvatar Aman aus den Kreisen der Welt, und damit verlor die Meerenge ihren Sinn als Verbindung zwischen den Unsterblichen Landen und Mittelerde. Was aus dem Eis selbst wurde, erzählt keine Quelle.5

  1. 1Das Silmarillion, Kapitel 9, Of the Flight of the Noldor
  2. 2Das Silmarillion, Kapitel 9, Of the Flight of the Noldor
  3. 3Das Silmarillion, Kapitel 9, Of the Flight of the Noldor
  4. 4Das Silmarillion, Kapitel 13, Of the Return of the Noldor
  5. 5Das Silmarillion, Akallabêth

Bewohner und Herrschaft

Die Helcaraxe hatte keine Bewohner. Die Werke nennen kein Volk, das auf dem Eis gesiedelt, und keinen Herrn, der über die Enge geboten hätte. Das ergibt sich aus ihrer Natur: Ein Sund aus treibenden, sich schiebenden Schollen bietet keinen Grund für Häuser, Felder oder Wege, und selbst wer ihn überquerte, tat es nur, um so rasch wie möglich wieder festes Land zu erreichen. Eine Herrscherfolge im eigentlichen Sinn gibt es daher nicht zu berichten. Die Enge gehörte zu keinem Reich. Sie war ein Zwischenraum, an dem die Ordnungen beider Seiten endeten, statt ineinander überzugehen.1

Aufschlussreicher ist der Blick auf die Nachbarn. Das westliche Ufer, Araman, zählte zu Aman und damit zum Machtbereich der Valar, war aber ebenso unbesiedelt wie das Eis selbst. Die Noldor zogen dort als Durchreisende hindurch, nicht als Siedler. Anders verhielt es sich am östlichen Ufer. Der Fjord von Drengist durchbrach die Echoberge, die Ered Lómin, am Westrand von Hithlum, und eben dieses Land wurde nach der Ankunft der Noldor zum Kernbereich des Hauses Fingolfin. Fingolfin, nun König der Noldor, hielt Hof am Mithrimsee, während sein Sohn Fingon in Dor-lómin herrschte. Die Enge grenzte damit mittelbar an das Reich jener Fürsten, die sie überwunden hatten, ohne selbst Teil davon zu werden.2

Auch die Valar machten die Enge nicht zu einem bewachten Grenzposten. Nach dem Auszug der Noldor sicherten sie Valinor durch das Erhöhen der Berge und durch die verzauberten Inseln im Meer, doch von einer Wache am nördlichen Eis berichtet der Erzähler nichts. Die Helcaraxe blieb, was sie schon zuvor war: kein beherrschter Raum, sondern ein Hindernis, das keines Hüters bedurfte.3

  1. 1Das Silmarillion, Kapitel 9, Of the Flight of the Noldor
  2. 2Das Silmarillion, Kapitel 13, Of the Return of the Noldor; Das Silmarillion, Kapitel 14, Of Beleriand and its Realms
  3. 3Das Silmarillion, Kapitel 11, Of the Sun and Moon and the Hiding of Valinor

Rolle in der Erzählung

Im „Silmarillion“ ist die Helcaraxe weniger Schauplatz als Prüfstein. Der Erzähler verweilt kaum bei ihrer Gestalt. Er zeigt sie vor allem als die Antwort, die Feanors Entscheidung bei Losgar den Zurückgelassenen aufzwingt. Die Schiffe stehen in dieser Gegenüberstellung für Eile, Besitz und den Vorrang des eigenen Hauses. Das Eis dagegen steht für Ausdauer und gemeinsames Leiden, aber auch für eine Treue, die niemand erwidert hatte. So wird ein Stück Landschaft zum Maßstab, an dem die beiden Fürstenhäuser der Noldor gemessen werden.1

Der Übergang wirkt weit über seine eigene Episode hinaus. Aus einer Kränkung wird eine Wunde, die die Geschichte der Noldor in Mittelerde dauerhaft prägt. Wo später von Fingolfins Volk die Rede ist, ruft der Erzähler das Eis als Kennzeichen auf. Er erinnert damit den Leser daran, was diese Schar hinter sich hat und wem sie es verdankt. Die Versöhnung, die Fingon herbeiführt, hebt diese Erinnerung nicht auf. Sie legt sich nur über sie, und das Misstrauen zwischen den Häusern bleibt als Unterströmung spürbar. Auch der Verlust Elenwes gibt der Erzählung einen persönlichen Schmerz mit, der im Haus Turgons fortlebt.2

Im größeren Bogen des Buches lässt sich die Helcaraxe als Schwelle zum Exil lesen. Wer sie überquert, hat das Verdikt des Mandos nicht nur gehört, sondern schon am eigenen Leib erfahren. Mit ihr endet der Weg, auf dem Elben zu Fuß von Aman nach Mittelerde gelangen konnten. Erzählerisch schließt sich hinter Fingolfins Heer eine Tür, und der Rückweg nach Westen wird fortan eine Frage der See und der Gnade der Valar. Dass gerade der Marsch der Verratenen zu den kühnsten Taten der Noldor gezählt wird, gibt dem Ort seinen eigentlichen Rang: Er ehrt die, die ihn bezwangen, und belastet die, die ihn ihnen aufbürdeten.3

  1. 1Das Silmarillion, Kapitel 9, Of the Flight of the Noldor
  2. 2Das Silmarillion, Kapitel 13, Of the Return of the Noldor; Das Silmarillion, Kapitel 9, Of the Flight of the Noldor
  3. 3Das Silmarillion, Kapitel 9, Of the Flight of the Noldor; Das Silmarillion, Kapitel 13, Of the Return of the Noldor

Entwürfe und Varianten

Die gefrorene Meerenge gehört zu den ältesten Bestandteilen der Mythologie. Schon im „Buch der Verschollenen Geschichten“, der frühesten Fassung aus der Zeit um den Ersten Weltkrieg, erscheint sie unter dem Namen Helkaraksë. Die Schreibung mit k statt c entspricht Tolkiens damaliger Gewohnheit, quenyische Namen zu notieren. Der Name wird dort auf Englisch als „Eisfang“ erläutert, nicht als „Malmendes Eis“. Die spätere Wiedergabe verschiebt den Akzent damit vom Bild des zupackenden Zahns auf die Bewegung der Schollen. Auch die Erzählung selbst ist in dieser frühen Gestalt noch anders angelegt. Der Auszug der Noldoli, wie die Noldor dort heißen, ist noch nicht die Geschichte eines Hauses, das ein anderes verrät. Die Spaltung des Heeres an der Enge fehlt in dieser Form.1

Das Motiv, das die Helcaraxe im veröffentlichten „Silmarillion“ trägt, wächst erst in den knappen Entwürfen der folgenden Jahre heran. Dort nehmen die Anhänger Feanors die geraubten Schiffe für sich allein. Fingolfins Volk bleibt zurück und muss den Weg über das Eis nehmen. Damit wird die Enge vom bloßen Hindernis auf der Wanderung zum Ort einer Kränkung zwischen zwei Fürstenhäusern. Christopher Tolkiens Kommentar verfolgt, wie sich diese Deutung von Fassung zu Fassung festigt, während die Lage der Meerenge im Norden zwischen den westlichen Landen und Mittelerde im Grundsatz unverändert bleibt.2

  1. 1Das Buch der verschollenen Geschichten. Teil 1, The Flight of the Noldoli
  2. 2The Shaping of Middle-earth, The Earliest 'Silmarillion'