Herkunft, Name und Wesen
Glorfindel zählt zu den Noldor, jenem Zweig der Eldar, der einst in Aman lebte und später nach Mittelerde zog. Im Ersten Zeitalter erscheint er unter den Fürsten der verborgenen Stadt Gondolin, wo ihm eines der Häuser des Volkes Turgons zugeordnet ist: das Haus der Goldenen Blume, dessen Sinnbild sich in seinem Namen spiegelt. Dieser ist sindarischer Prägung; das Element glor- bezeichnet Gold und goldenen Glanz — es entspricht dem quenyischen laurë —, während der zweite Bestandteil auf das Haar weist. Eine Deutung als „goldhaarig“ liegt damit nahe und verbindet Person, Erscheinung und Hauszeichen zu einer Einheit, wie sie für die Namengebung der Eldar kennzeichnend ist.
Der Herr der Ringe zeichnet ihn als hochgewachsene Gestalt mit schimmerndem goldenem Haar, jugendlichem Antlitz und heller, durchdringender Stimme; wer ihn sieht, meint ein Licht wahrzunehmen, das gleichsam durch ihn hindurchdringt. Diese Zeichnung ist mehr als Schmuck: Gandalf erläutert, dass jene, die im Gesegneten Reich gelebt haben, zugleich in der sichtbaren und in der unsichtbaren Welt zu Hause sind und darum den Mächten der Schattenwelt mit eigener Kraft begegnen können. Für Glorfindel folgt daraus eine Stellung, die ihn im Haushalt Elronds deutlich von den übrigen Bewohnern abhebt. Sein Wesen ist damit weniger durch Amt oder Rang bestimmt als durch die Herkunft aus dem Westen selbst.
Zur Aussprache gibt der Anhang über Schrift und Rechtschreibung eine klare Regel: Das G der elbischen Namen ist stets hart zu sprechen, wie in „Gast“, niemals weich wie in „Gin“ — eine Lesart, die im deutschen Sprachraum häufig verfehlt wird. Die geläufigen Zusätze „von Gondolin“ und „von Bruchtal“ sind keine überlieferten Titel, sondern Behelfe späterer Leser und Kommentatoren, um zwei Auftritte desselben Namens auseinanderzuhalten; die Frage, wie sie sich zueinander verhalten, gehört in die Darstellung seines Lebensweges. Der Name selbst bleibt in beiden Fällen unverändert und wird weder übersetzt noch durch einen Beinamen ersetzt.
Lebensweg und Taten
Über Glorfindels Jahre in Aman und über den Zug der Noldor nach Mittelerde schweigen die überlieferten Texte; greifbar wird er erst in Gondolin, der verborgenen Stadt Turgons im Tal von Tumladen. Dort führt er eine der Kriegerscharen, die den zwölf Häusern des Stadtvolkes entsprechen, und gehört damit zum engeren Kreis der Fürsten um den König. Als Tuor, der Sohn Huors, mit der Botschaft Ulmos nach Gondolin gelangt, ist Glorfindel unter denen, die den Fremden in der Stadt empfangen; die Warnung, die Tuor überbringt, verhallt jedoch im Rat des Königs. In den langen Friedensjahren, die folgen, bleibt Gondolin unentdeckt, bis Maeglins Verrat Morgoth den Weg über die Umzäunenden Berge weist.
Der Angriff trifft die Stadt zur Zeit eines hohen Festes. In der Schlacht in den Straßen und auf dem Platz des Königs fallen mehrere der Hausherren; Ecthelion erschlägt Gothmog, den Herrn der Balrogs, und kommt dabei selbst um. Glorfindel überlebt den Sturm der Stadt und schließt sich der Schar an, die Idril und Tuor durch den geheimen Gang aus dem brennenden Gondolin führen. Der Weg der Flüchtlinge zwingt sie in das Hochgebirge zum Pass Cirith Thoronath, der Adlerschlucht, einem schmalen Steig hoch über einem Abgrund. Dort geraten sie in einen Hinterhalt aus Orks, denen ein Balrog vorangeht.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Auf diesem Sims stellt sich Glorfindel dem Balrog allein entgegen, während die Frauen, Kinder und Verwundeten hinter ihm festsitzen. Der Kampf endet damit, dass beide Gegner miteinander in die Tiefe stürzen; die Flüchtenden werden gerettet, weil Thorondor und die Adler von den Gipfeln herabfahren und die Orks in den Abgrund treiben. Thorondor holt den Leichnam Glorfindels aus der Schlucht herauf, und die Überlebenden schichten ihm dicht neben dem Pass einen Steinhügel auf. Über dem Grab wächst später Gras, und in der Öde des Gesteins blühen gelbe Blumen — ein Bild, das die spätere Überlieferung mit dem Zeichen seines Hauses verknüpft hat. Für das Erste Zeitalter endet die Geschichte Glorfindels an dieser Stelle.
Im Dritten Zeitalter tritt ein Elbenfürst dieses Namens im Hause Elronds auf, ohne dass die zu Lebzeiten Tolkiens veröffentlichten Werke erklären, wie sich die beiden Auftritte zueinander verhalten. Sicher datiert ist sein Anteil am Ende des Nordreichs: Nachdem Fornost 1974 an Angmar gefallen war, brachte Earnur im Jahr darauf eine Flotte aus Gondor nach Mithlond, und das vereinte Heer schlug den Hexenkönig in der Ebene nördlich der Nenuial. Glorfindel kam mit den Streitkräften aus Bruchtal und trug maßgeblich dazu bei, dass der Feind auf der Flucht aufgerieben wurde. Als Earnur den Hexenkönig verfolgen wollte, hielt Glorfindel ihn zurück und sagte, dieser werde nicht durch die Hand eines Mannes fallen — ein Wort, dessen Erfüllung erst der Krieg um den Ring auf dem Pelennor bringen sollte.
Im Herbst 3018 sandte Elrond seine Leute nach allen Seiten aus, um den Ringträger zu suchen. Glorfindel ritt die Große Oststraße hinab, vertrieb drei der Ringgeister von der Letzten Brücke und ließ dort einen grünen Stein als Zeichen zurück, dass der Weg vorerst frei sei. Wenige Tage später traf er die Wanderer selbst und setzte den vom Morgulmesser vergifteten Frodo auf sein Pferd Asfaloth, das ihn ohne Reiter zur Furt des Bruinen trug. Als die neun Reiter nachdrängten, brach die Flut hervor, die Elrond geboten und Gandalf mit den Gestalten weißer Rosse geschmückt hatte; Glorfindel und Aragorn trieben die Zögernden mit brennenden Zweigen ins Wasser. Frodo, der bereits halb in die Schattenwelt gezogen war, sah in diesem Augenblick den Gefährten als leuchtende Gestalt.
Im Rat Elronds ergriff Glorfindel mehrfach das Wort. Er schlug vor, den Ring in die Tiefen des Meeres zu werfen, ließ sich aber von Gandalfs Einwand überzeugen, dass keine Verbergung dauerhaft sei und nur die Vernichtung im Feuer den Herrn des Ringes wirklich träfe. Bei der Zusammenstellung der Gemeinschaft wurde sein Name erwogen und verworfen: Elrond entschied, dass offen entfaltete Macht auf dem Weg nach Mordor eher schade als nütze, weil sie die Aufmerksamkeit des Feindes anziehe, und wählte stattdessen Gefährten, die die Freien Völker vertraten. Nach dem Aufbruch der Gemeinschaft am Jahresende tritt Glorfindel in der Erzählung nicht mehr hervor; sein letzter belegter Dienst bleibt die Rettung an der Furt.
Rolle und Macht
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Schicksal
Innerhalb des Legendariums füllt Glorfindel in beiden Zeitaltern eine ähnliche Stellung aus: Er steht als Fürst neben einem Herrscher, ohne selbst Herrschaft zu beanspruchen. In Gondolin gründet sein Rang auf der Führung einer Kriegerschar; als Verwandter des Königshauses wird er nirgends ausgewiesen, und über Ämter jenseits des Kriegswesens schweigen die Texte. Seine Wirksamkeit zeigt sich dort allein im Gefecht, und ebendort auch ihr Maß: Der Zweikampf auf dem Bergsims ist kein Sieg, sondern ein Tausch, denn der Gegner fällt nur, weil der Streiter mit ihm fällt, und die Geretteten verdanken ihr Leben ebenso dem Eingreifen des Adlerfürsten. Zauberkunst, Weissagung oder Werke der Hand schreibt ihm keine Quelle zu.
Im Dritten Zeitalter benennt Der Herr der Ringe genauer, worin diese Macht besteht. Gandalf erklärt dem genesenden Frodo, dass selbst in Bruchtal nur wenige den Neun offen entgegenzureiten vermögen; Glorfindel gehört zu ihnen, weil er zugleich in der sichtbaren und in der unsichtbaren Welt steht und den Ringgeistern dadurch nicht als Beute, sondern als Gegner erscheint. Diese Kraft wirkt vor allem als Schrecken: Die Reiter weichen vor ihm, sie weichen jedoch nur. Von der Letzten Brücke vertrieben, sammeln sie sich wenige Tage später erneut, und Gandalf hält ausdrücklich fest, dass die Nazgûl nicht endgültig zu beseitigen sind, solange ihr Meister und dessen Ring bestehen. Glorfindels Vermögen reicht mithin zum Aufhalten, nicht zum Ende einer Sache.
Deutlicher noch zeigen zwei andere Stellen die Umrisse dieses Könnens. Als Glorfindel Frodos Schulter untersucht, kann er den Schmerz mit einigen Worte in elbischer Zunge mildern, erkennt aber, dass die Verletzung durch das Morgulmesser sein Vermögen übersteigt; die Heilung bleibt Elrond vorbehalten. Und die Entscheidung an der Furt fällt nicht durch seine Waffen, sondern durch das Wasser, über das der Herr von Bruchtal gebietet — Glorfindel treibt die Zögernden nur hinein. Dazu tritt das Urteil des Rates, das offen entfaltete Macht für ein Unternehmen der Verborgenheit als Nachteil bewertet. In der Summe ergibt das keine Schwäche, sondern eine Zuordnung: Das offene Feld und die unmittelbare Begegnung mit den Schattenmächten sind Glorfindels Bereich, das Heimliche und Geduldige ist es nicht.
Gefährten und Gegner
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Schicksal
Auffällig ist zunächst, was fehlt: Keine Quelle nennt Eltern, Geschwister, Gattin oder Nachkommen Glorfindels. Unter den Fürsten der Noldor, deren Geschichten sonst weithin Familiengeschichten sind und deren Handeln aus Erbe, Eid und Fehde erwächst, steht er damit allein. Sein Ort ergibt sich nicht aus Abstammung, sondern aus Zugehörigkeit — zu einem Haus, das er anführt, und zu einem König, dem er dient. Neben Turgon erscheint er als einer unter mehreren Hausherren, ein Kreis von Standesgenossen ohne erkennbare Rangfolge untereinander, in dem Ecthelion ihm am nächsten steht: Beider Ende wird von der Überlieferung in derselben Weise erzählt. Zu Tuor und Idril tritt er nicht als Gefährte auf gleicher Ebene, sondern als jener, der Schutz gewährt; und die einzige Beziehung, die auf gleicher Höhe erwidert wird, ist die zu Thorondor, dem Herrn der Adler — doch sie vollzieht sich erst, als Glorfindel nicht mehr handeln kann.
Im Hause Elronds wiederholt sich dieses Muster in veränderter Gestalt. Elrond gebietet, sendet aus und heilt; Glorfindel reitet und stellt sich. Die beiden ergänzen einander so genau, dass keiner in den Bereich des anderen übergreift — an der Furt entscheidet Elronds Wasser, nicht Glorfindels Schwert. Zu Gandalf besteht ein Verhältnis wechselseitigen Zutrauens ohne Rangstreit: Der Zauberer ist es, der Frodo Glorfindels Wesen deutet, und Glorfindel wiederum gibt im Rat seinen eigenen Vorschlag auf, sobald Gandalfs Einwand ihn überzeugt. Mit Aragorn verbindet ihn ein kurzes gemeinsames Handeln, in dem der Gegensatz der Arbeitsweisen sichtbar wird — hier die Vorsicht dessen, der ungesehen bleiben muss, dort die Bereitschaft, offen zu erscheinen. Frodo schließlich steht ihm nicht als Freund gegenüber, sondern als Verwundeter, und gerade darum sieht dieser ihn, wie kein anderer Hobbit einen Elben sieht.
Seine Gegner bleiben durchweg gesichtslos. Der Balrog auf dem Sims trägt keinen Namen, die Ringgeister erscheinen als Zahl, nicht als Personen; es gibt keinen Wortwechsel, keine Herausforderung, keine Feindschaft, die aus einer Vorgeschichte erwüchse. Weder Morgoth noch Sauron begegnet er je selbst — er trifft stets auf deren Werkzeuge. Die einzige Ausnahme ist der Hexenkönig, und auch sie ist keine Begegnung im Kampf, sondern ein Wort über ein künftiges Ende, dessen Erfüllung anderen zufällt. So zeigt sich in der Summe eine Figur, deren Bindungen sämtlich nach außen weisen: zu jenen, denen sie dient, und zu jenen, die sie schützt, nie zu einem eigenen Haus und nie zu einem persönlichen Feind.
Entwürfe und Varianten
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Schicksal
Glorfindel gehört zu den ältesten Bestandteilen des Legendariums. Er erscheint bereits in der frühesten erhaltenen Erzählung vom Fall Gondolins, die Tolkien während des Ersten Weltkriegs niederschrieb und die Christopher Tolkien im zweiten Band der Verschollenen Geschichten herausgab. Name, Haus und Ende stehen dort schon fest, und auch die Einzelheiten des letzten Gefechts — der Steig hoch über dem Abgrund, der gemeinsame Sturz, die Bergung durch den Adlerfürsten — sind seither kaum angetastet worden. Der Unterschied liegt in der Ausführlichkeit: Die frühe Fassung schildert das Ringen Griff um Griff, während die später verfassten Raffungen der Mythologie dasselbe Geschehen auf wenige Sätze zusammenziehen. Da Tolkien die Geschichte vom Untergang der Stadt nie wieder zu Ende brachte — die späte Neubearbeitung bricht vor dem Angriff ab —, ruht der veröffentlichte Bericht in seinen entscheidenden Zügen auf dem Text von 1916–17.
Zwei spätere Eingriffe ändern nicht den Wortlaut, wohl aber das Gewicht der Tat. Zum einen waren die Balrogs in den frühen Entwürfen zahlreich; sie ziehen dort in Scharen in die Schlacht, und mehrere fallen durch die Hand von Kriegern. Eine späte Randbemerkung Tolkiens begrenzt ihre Zahl dagegen auf höchstens sieben und macht sie zu Geistern von erheblicher Macht — der Zweikampf am Pass wird damit rückwirkend zu einer weit selteneren Sache. Zum anderen behandeln zwei kurze Aufsätze aus Tolkiens letzten Jahren die Frage, ob der Fürst Gondolins und der Elb in Elronds Haus dieselbe Person seien. Tolkien entschied sich für die Einheit: Der Gefallene sei in den Hallen des Mandos gewesen, in Valinor neu verkörpert und nach Mittelerde zurückgesandt worden. Zwischen einer Rückkehr im Zweiten Zeitalter und einer gemeinsamen Ankunft mit den Istari schwankte er und gab der früheren den Vorzug. Diese Lösung blieb jedoch Notiz und ist in keinen erzählenden Text eingegangen.
Bearbeitungen in Film und Hörspiel
In den beiden großen Verfilmungen des Herrn der Ringe fehlt Glorfindel als Figur; seine Aufgabe auf dem Weg zur Furt des Bruinen wird jeweils einer anderen Gestalt übertragen. Ralph Bakshis Zeichentrickfilm von 1978, der die Handlung nur bis zur Schlacht um Helms Klamm führt und dessen Fortsetzung nie entstand, lässt an seiner Stelle Legolas auftreten, der den Wanderern schon vor Bruchtal begegnet. Peter Jacksons Trilogie der Jahre 2001 bis 2003 geht weiter und gibt die Rettung an Arwen (Liv Tyler), die den verwundeten Frodo selbst auf ihr Pferd nimmt und am Ufer die Flut heraufruft; die Rolle, die dem Buch zufolge einem Boten aus Elronds Haus zufällt, dient hier dazu, eine im Roman nur am Rand handelnde Figur früh einzuführen. Da Glorfindel in beiden Fassungen auch im Rat Elronds nicht vorkommt, entfallen zugleich sein Vorschlag zum Verbleib des Ringes und die Erwägung, ihn der Gemeinschaft beizugeben.
Anders verfährt die Hörspielbearbeitung der BBC von 1981, die den Stoff auf sechsundzwanzig halbstündige Teile verteilt und dem Roman unter den älteren Fassungen am genauesten folgt. Sie behält Glorfindel als eigene Figur bei, so dass die Begegnung auf der Großen Oststraße, der Ritt zur Furt und sein Wortbeitrag im Rat erhalten bleiben — der Umfang des Formats erlaubt hier, was die Spielfilme zugunsten einer schlankeren Personenführung aufgeben. Eine Bearbeitung, die den Fall Gondolins und damit den Zweikampf am Pass zeigt, gibt es bis heute nicht.