Herkunft, Wesen und Namen
Círdan zählt zu den Teleri, dem dritten und zahlreichsten der drei Geschlechter, die von Cuiviénen westwärts aufbrachen. Als der Zug ins Land Beleriand kam und ihr Fürst Elwë im Wald von Nan Elmoth verschwand, blieb ein großer Teil dieses Volkes zurück, um ihn zu suchen; andere ließen sich vom Maia Osse überreden, an den Gestaden zu verweilen, statt über das Meer zu fahren. Aus ihnen wurden die Sindar, die Grauelben Beleriands, und Círdan gehörte von Anfang an zu jenen, die an der Küste heimisch wurden. Die Falathrim, das „Volk der Küste“, siedelten an den Häfen des Westgestades und nahmen ihn zum Fürsten an, während sie zugleich Elwë – nunmehr Thingol – als Hochkönig der Sindar anerkannten. Bei ihnen erwachte, gelehrt von Osse und Uinen, jene Kunst des Schiffbaus und jene Meeressehnsucht, die keinem anderen elbischen Volk Mittelerdes in gleichem Maße eigen war.
Der Name Círdan ist Sindarin und bedeutet nichts anderes als „Schiffsbauer“: Sein erstes Glied gehört zu der Wortsippe um das Schiff – Quenya cirya, gebildet zu einer Wurzel mit der Bedeutung „schneiden, spalten“, denn der Kiel spaltet die Woge –, das zweite zu den Wörtern für Handwerk und Machen. Der Beiname „der Schiffsbaumeister“ übersetzt den Namen mithin nur und ist keine zweite Bezeichnung. Ausgesprochen wird das anlautende C stets als K, denn in den Elbensprachen kennt Tolkiens Schreibung kein weiches C. Weitere Benennungen ergeben sich aus seinen Wohnsitzen: „Fürst der Falas“ nach dem Küstenland, dessen Namen auch die Falathrim tragen, und später „Fürst der Grauen Anfurten“ nach dem Hafen Mithlond, dessen Name die Elemente „grau“ und „Hafen“ verbindet.
In der einzigen Beschreibung, die Tolkien zu Lebzeiten veröffentlichte, erscheint Círdan als hochgewachsene Gestalt mit langem Bart – ein unter Elben höchst ungewöhnlicher Zug –, alt von Ansehen, doch mit Augen, deren Schärfe die Erzählung mit dem Licht der Sterne vergleicht. Ein Geburtsjahr wird nirgends genannt; die Überlieferung begnügt sich damit, ihn unter die ältesten Elben Mittelerdes zu zählen, was ihn in die Zeit vor Aufgang von Sonne und Mond zurückversetzt. So verbindet sich in ihm eine der frühesten Erinnerungen der Elbenvölker mit einer Kunst, die stets auf das Meer und den Westen hin ausgerichtet blieb.
Geschichte
In den langen Jahren vor der Rückkehr der Noldor errichtete Círdan an der Küste von Beleriand die beiden großen Häfen Brithombar und Eglarest, in denen sein Volk Schiffe baute und dem Meer nachging. Als Fürst der Falas stand er im Bund mit Thingol von Doriath, wahrte aber eine eigene Herrschaft am Westgestade. Nach den ersten Siegen über Morgoths Heere wurden die Häfen mit Hilfe der Noldor neu und stärker aufgebaut; Finrod Felagund ließ dabei auf dem Kap westlich von Eglarest den Turm Barad Nimras aufführen, um die See gegen einen Angriff von Westen her zu überwachen. Diese Vorsorge blieb ohne Ertrag, denn die Gefahr kam am Ende über Land.
Im Jahr nach der Nirnaeth Arnoediad, der Schlacht der ungezählten Tränen, brach Morgoths Macht über die Falas herein. Beide Häfen wurden zerstört, und nur einem kleinen Teil der Falathrim gelang die Flucht auf den Schiffen. Círdan führte sie zur Insel Balar im Golf von Beleriand und richtete zugleich am Ausfluss des Sirion eine zweite Siedlung ein; dorthin nahm er auch Ereinion Gil-galad auf, den Sohn Fingons, der nach dem Untergang der Noldor-Königreiche unter seiner Obhut heranwuchs. Für Turgon von Gondolin baute er später jene Schiffe, mit denen Boten nach Westen fahren sollten, um die Valar um Beistand zu bitten; von allen kehrte nur Voronwe zurück, der dann Tuor den Weg zur verborgenen Stadt wies. Und als Earendil an den Mündungen des Sirion sein Schiff Vingilot baute, geschah es mit Círdans Rat und Hilfe.
Der Krieg des Zorns riss Beleriand ins Meer, doch das Land Lindon westlich des Blauen Gebirges blieb als Rest bestehen. Dort ließ sich Círdan an der Bucht von Lhûn nieder und baute Mithlond, die Grauen Anfurten, während Gil-galad als Hochkönig der Noldor über Lindon herrschte. In diesem Hafen legten im sechsten Jahrhundert des Zweiten Zeitalters die ersten Schiffe der Númenórer an, und aus den Fahrten ihrer Seeleute erwuchs eine lange Verbindung zwischen der Inselinsel und den Elben der Küste. Als Sauron im Jahr 1695 in Eriador einfiel, Eregion verwüstete und schließlich das ganze Land überrannte, war Lindon der letzte Rückhalt im Westen; erst die große Flotte, die Tar-Minastir im Jahr 1700 sandte, wendete den Krieg und trieb den Feind bis 1701 aus Eriador hinaus.
Am Ende des Zweiten Zeitalters gehörte Círdan zum Letzten Bündnis, das sich 3430 zwischen Gil-galad und Elendil bildete und 3441 vor dem Schicksalsberg endete. Er stand dem Hochkönig als einer seiner beiden Herolde zur Seite, gemeinsam mit Elrond, und beide überlebten Gil-galads Tod im Ringen mit Sauron. Als Isildur den Herrscherring vom Finger des Besiegten schnitt, rieten ihm die beiden, ihn im Feuer des Orodruin zu vernichten; Isildur schlug den Rat aus und behielt ihn als Wergeld für Vater und Bruder. Aus dieser abgewiesenen Mahnung folgten die drei Jahrtausende, in denen Círdan an der Küste ausharrte, ohne den Ausgang zu kennen.
Narya, der Ring des Feuers, kam nach dem Untergang Gil-galads in Círdans Hut und blieb dort im Verborgenen. Um das Jahr 1000 des Dritten Zeitalters landeten in Mithlond die Boten, die man später die Istari nannte, und Círdan war der Erste in Mittelerde, der sie empfing. Von ihnen erkannte er in Mithrandir den größten Geist, obwohl dieser als der Ärmste und Unscheinbarste kam, und gab ihm den Ring, damit er die Herzen der Verzagten neu entzünde – ein Vorgang, den er lange geheim hielt, sodass selbst unter den Weisen nur wenige darum wussten. Die Überlieferung schreibt ihm dabei einen Blick zu, der weiter und tiefer reichte als der irgendeines anderen Elben Mittelerdes.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Im Jahr 1975 griff Círdan noch einmal unmittelbar in die Geschichte der Menschenreiche ein. Auf Nachricht von den Lossoth sandte er ein Schiff nach Norden in die Eisbucht von Forochel, um König Arvedui zu bergen; das Schiff geriet in Sturm und Eis, und mit ihm sanken der König und die beiden Palantíri des Nordreichs. Wenig später führte er das Heer von Lindon nach Osten, vereinigte es mit der Flotte Earnurs von Gondor und mit Elronds Aufgebot und schlug den Hexenkönig bei Fornost, worauf dessen Herrschaft in Angmar erlosch. Am Ende des Dritten Zeitalters, im September 3021, erwartete er die Ringträger an den Grauen Anfurten, wo das weiße Schiff für Elrond, Galadriel, Mithrandir sowie Bilbo und Frodo bereitlag. Nach der Überlieferung blieb er selbst noch am Hafen zurück und wachte über die Werften, bis das letzte Schiff nach Westen auslief.
Rolle und Vermögen
Círdans Stellung im Legendarium ist die eines Ermöglichenden: Sein Vermögen liegt nicht in Waffen oder Herrschaft, sondern in einer Kunst, ohne die andere ihre Taten nicht hätten vollbringen können. Die Falathrim waren kein großes Kriegsvolk; sie hielten befestigte Häfen, doch als Morgoths Heere über Land kamen, half ihnen weder Mauer noch Turm. Auch seine Fürstenwürde war stets eine begrenzte: Er nannte sich Fürst der Falas, erkannte aber Thingol als Hochkönig der Sindar an und ordnete sich später Gil-galad zu, ohne selbst je nach dem Königstitel zu greifen. Was ihn auszeichnet, ist die Beständigkeit an einem Ort – die Werften, die Schiffe, die immer wieder erneuerte Bereitschaft, andere fahren zu lassen. Dass in ihm zugleich die Meeressehnsucht wachgehalten wurde, macht dieses Bleiben zu einem Verzicht, nicht zu einer Gewohnheit.
Die eine Gabe, die ihm die Überlieferung ausdrücklich zuschreibt, ist die Voraussicht: Sein Blick reiche weiter und tiefer als der irgendeines anderen in Mittelerde. Sie zeigt sich nicht als Wissen um kommende Ereignisse, sondern als Urteil über Wesen und Gewicht dessen, was ihm begegnet – so erkannte er beim Empfang der Istari, wer unter ihnen der Größte war, ungeachtet der ärmlichen Gestalt. Auch Narya verlieh ihm keine Macht im gewöhnlichen Sinn: Der Ring des Feuers wirkt nach der Beschreibung der Weisen auf Mut und Willen, indem er Herzen wider Müdigkeit und Verzagen entflammt, und er verleiht weder Herrschaft noch Waffengewalt. Círdan trug ihn Jahrtausende, ohne dass ihm eine einzige Tat zugeschrieben würde, die er mit ihm vollbracht hätte; seine bezeugte Verwendung besteht darin, ihn weiterzugeben.
Am Ende des Dritten Zeitalters wird diese Rolle zur Schwelle selbst: Mithlond ist der letzte Ort, von dem aus der Gerade Weg noch befahren werden kann, und Círdan ist der, der die Schiffe rüstet und die Abfahrt gewährt. Was seine Kunst vermag, hat dabei eine deutliche Grenze – sie kann Wunden nicht heilen, die in Mittelerde nicht mehr heilen; sie kann die Verwundeten nur dorthin bringen, wo Heilung möglich ist. Ebenso wenig konnte er den Lauf der Dinge lenken: Sein Rat war zu befolgen oder auszuschlagen, und wo er ausgeschlagen wurde, blieb ihm das Ausharren. So steht am Schluss kein Sieg, sondern ein Amt, das im Warten und Loslassen besteht.
Bindungen, Bündnisse und Gegenspieler
Die frühesten Bindungen Círdans reichen nicht zu Verwandten, sondern zu Mächten und Mündeln: Ein Vater, eine Sippe, ein Haus werden für ihn nirgends genannt, und diese Leerstelle prägt sein ganzes Beziehungsgefüge. An ihre Stelle tritt zum einen die dauernde Zuneigung der Maiar Osse und Uinen zu seinem Volk – kein Lehnsverhältnis, sondern eine Freundschaft mit den Gewalten des Wassers selbst, die unter den Elbenvölkern Mittelerdes ohne Gegenstück blieb. Zum anderen steht das väterliche Verhältnis zu Ereinion Gil-galad, den er als Knaben in seine Obhut nahm und dem er später als Herold zur Seite trat: ein Zögling, der zum Hochkönig aufstieg und den sein Ziehvater um Jahrtausende überlebte. Auch Galadriel und Celeborn wohnten nach den nachgelassenen Schriften eine Zeitlang in Lindon südlich des Lhûn, ehe ihr Weg sie ostwärts führte.
Am deutlichsten wird die Art dieser Beziehungen an einem einzigen Geschlecht, das er über drei Zeitalter hinweg begleitet. Für Turgon rüstete er die Schiffe der Botenfahrten; einer der Boten wies Tuor den Weg; dessen Sohn half er, sein eigenes Schiff seetüchtig zu machen; und zuletzt ging Elrond, der Enkel Tuors, an seinen Werften an Bord. Keiner dieser Dienste erfolgt auf Anspruch einer Sippe oder eines Vertrags – er wird geleistet, weil darum gebeten wird, und er endet nicht mit dem Tod des Bittenden. Ebenso verhält es sich mit den Menschen: den Númenórern öffnete er den ersten Hafen an dieser Küste, den Erben Elendils stand er im Letzten Bündnis bei, und für einen späten Nachfahren dieses Hauses sandte er ein Schiff nach Norden, das ihn nicht mehr retten konnte.
Seine Gegenspieler hat Círdan selten von Angesicht gesehen. An Morgoth verlor er die Häfen, ohne dass ihm ein Zweikampf oder auch nur eine Begegnung zugeschrieben würde; gegen Sauron hielt er eine Küste, die drei Zeitalter lang nicht fiel, und die Feindschaft der beiden bemisst sich in Dauer, nicht in Schlachten. Einzig gegen den Hexenkönig von Angmar trat er selbst als Heerführer ins Feld, und auch dort entschied nicht er allein den Ausgang, sondern das Zusammenwirken dreier Aufgebote. Das schwerste Gewicht aber hat jene Bindung, die aus einem Urteil über einen Fremden erwuchs: Nicht einem Fürsten der Eldar und keinem Blutsverwandten vertraute er das Kleinod an, das er am längsten gehütet hatte, sondern einem Boten in unscheinbarer Gestalt, der weder sein Volk noch sein Land teilte. Mithrandir blieb ihm dadurch verbunden, ohne ihm je unterstellt zu sein – und kehrte am Ende an eben diesen Hafen zurück, um von dort aus fortzugehen.
Entwürfe und Varianten
Círdan gehört zu den Gestalten, die dem Legendarium erst spät zuwuchsen. In den frühesten Erzählungen, den Verschollenen Geschichten, gibt es keine Entsprechung zu ihm: weder einen Fürsten der Küstenelben noch die Häfen des Westgestades, und die Fahrten übers Meer werden dort anderen Händen zugeschrieben. Erst die Prosafassungen der dreißiger Jahre – die Quenta und die frühen Annalen von Beleriand – kennen Brithombar und den zweiten Hafen, dessen Name zunächst in der Form Eglorest erscheint, ehe er die später gedruckte Gestalt annimmt. Der Herr dieser Häfen bleibt dort noch eine knappe Angabe am Rande des Geschehens. Erzählerisches Gewicht erhält er zuerst in den Grauen Annalen der frühen fünfziger Jahre, aus denen der veröffentlichte Text den Untergang der Falas, die Flucht nach Balar und die Siedlung an den Sirionmündungen im Wesentlichen übernimmt.
Zwei Einzelheiten hat Tolkien erst in seinen letzten Arbeitsjahren berührt. Die eine betrifft sein Mündel: Die Abkunft Gil-galads wechselte mehrfach, denn er erscheint nacheinander als Sohn Felagunds, als Sohn Fingons und zuletzt, in den Anmerkungen zu der Abhandlung über den Lautwandel im Hause Feanors, als Sohn Orodreths, den der Vater zur Sicherheit an die Häfen der Falas sandte. Der Herausgeber vermerkt ausdrücklich, dass die im gedruckten Silmarillion gewählte Lösung nicht dem spätesten Stand der Papiere entspricht; für das Verhältnis zwischen Ziehvater und Zögling bleibt der Wechsel jedoch ohne Folgen. Die andere Einzelheit betrifft den Bart. Eine späte Notiz über die Leibesart der Elben führt aus, dass Bartwuchs bei ihnen erst im dritten Abschnitt ihres langen Lebens eintritt. Damit erscheint das Merkmal, das ihn unter seinesgleichen heraushebt, nicht mehr als regelwidrige Ausnahme, sondern als Zeichen eines Alters, das sonst kein Elb Mittelerdes erreicht hatte.