Herkunft und Namen

Bregor ist einer jener Menschennamen des Ersten Zeitalters, die in der Überlieferung der Edain allein durch die Geschlechterfolge bewahrt sind. Die veröffentlichte Erzählung nennt ihn ohne jede Deutung: Sie gibt weder eine Übersetzung noch einen Beinamen noch eine Erklärung der Namensbildung. Bemerkenswert bleibt daher nur, was am Wortlaut selbst ablesbar ist — die lautliche Nähe zum Namen seines älteren Sohnes Bregolas, der dasselbe Anfangsglied trägt. Solche Wiederkehr von Namensgliedern innerhalb einer Sippe begegnet im Hause Beors mehrfach und ist eher als Zeichen der Zusammengehörigkeit zu lesen denn als gesicherte Etymologie. Die geläufige Kennzeichnung als Vater Barahirs und Bregolas’ ist keine überlieferte Benennung, sondern eine Hilfsbezeichnung, die sich aus seiner Stellung im Stammbaum ergibt.

Er gehörte dem ersten der drei Häuser der Edain an, dem Volk, das sich nach Beor dem Alten benannte und als erstes der Menschengeschlechter über die Berge nach Beleriand zog. Diese Sippe verband sich früh mit den Noldor: Sie trat in den Dienst des Hauses Finarfins, nahm rasch die Sprache der Sindar an und siedelte im Hochland Dorthonion, dessen Herrschaft bei den Söhnen Finarfins lag. Bregor war der Sohn Boromirs und stand damit in der geraden Linie der Häuptlinge dieses Volkes, die sich auf Beor zurückführte. Über sein eigenes Leben schweigt der Bericht; er erscheint als Glied einer Kette, nicht als handelnde Gestalt.

An seinem Namen teilt sich das Geschlecht in zwei Zweige, und darin liegt die eigentliche Bedeutung seiner Stellung. Von Bregolas kamen Baragund und Belegund, deren Töchter Morwen und Rían das Haus Beors mit dem Hause Hadors verbanden; von Barahir stammte Beren. So laufen im Nachhinein mehrere der bekanntesten Verwandtschaftslinien der Edain auf Bregor als gemeinsamen Vorfahren zusammen — ein Umstand, der weniger von ihm selbst erzählt als von der Sorgfalt, mit der die Erzähler die Abstammung dieser Familie festhielten.

Geschichte

Für Bregor selbst nennt die veröffentlichte Erzählung keinen einzigen Jahrespunkt; sein Leben lässt sich nur mittelbar einordnen, über die Zählung der Geschlechter und über die großen Ereignisse, zwischen die es fällt. Als Finrod die Menschen des Beor im Osten Beleriands fand, standen vier Geschlechter zwischen jenem Fund und Bregor, denn die Reihe führt von Beor über Baran, Boron und Boromir zu ihm. Damit fällt seine Lebenszeit ganz in die lange Belagerung Angbands, jene Jahre, in denen die Noldor den Norden hielten und Morgoth in seiner Festung eingeschlossen blieb. Es ist die friedlichste Spanne der Geschichte der Edain in Beleriand, und sie erklärt zugleich, warum von ihm nichts Kriegerisches berichtet wird: Es gab in seinen Jahren nichts zu berichten, was die Erzähler für aufzeichnungswürdig hielten.

Die Verhältnisse, in die er hineinwuchs, sind dagegen genau beschrieben. Die Menschen des ersten Hauses waren aus Estolad nordwärts gezogen und hatten sich in Dorthonion niedergelassen; die Landschaft Ladros im Nordosten dieses Hochlandes wurde ihnen von den Königen der Noldor zu eigen gegeben. Sie lebten dort unter der Oberherrschaft der Söhne Finarfins, dienten deren Haus in Waffen und Rat und nahmen Sitte und Sprache der Elben so weit an, dass die alte Menschenzunge unter ihnen zurücktrat. In dieser Zeit mehrte sich das Volk, und mancher aus den Häusern der Edain zog in die Dienste anderer Elbenfürsten oder in andere Landschaften ab. Bregor stand also einer Sippe vor, deren Rang gesichert und deren Grenze noch unbedroht war.

Der Wendepunkt seiner Geschichte liegt nicht in einer Tat, sondern in einem Schweigen. Als der Bericht wieder zum Hause Beors zurückkehrt und vom Ende der Belagerung erzählt, führen Bregolas und Barahir das Volk an; Bregor wird dort mit keinem Wort mehr genannt. Daraus ist zu schließen, dass er vor dem Einbruch des Krieges starb und die Führung seiner Sippe in gewöhnlicher Weise auf den älteren Sohn überging — ausgesprochen wird es nirgends, und über Ort, Zeit und Umstände seines Todes fehlt jede Angabe. Es ist eine der stillen Stellen der Überlieferung: Ein Name tritt ab, ohne dass man erführe, wie. Was danach geschieht, trifft nicht mehr ihn, wohl aber alles, was er hinterlassen hatte.

Der Schlag kam in einem Winter und ohne Vorwarnung: Aus Thangorodrim brachen Feuerströme hervor, die das Hochland verwüsteten, und mit ihnen kamen Glaurung und die Balrogs und die Heere der Orks. Die Belagerung Angbands war damit zu Ende, und Dorthonion gehörte zu den Landstrichen, die am schwersten getroffen wurden. Bregolas fiel in dieser Schlacht, und mit ihm ein großer Teil der Krieger seines Volkes. Barahir hielt sich weiter westlich; am Sumpf von Serech traf er auf Finrod, der abgeschnitten und umringt war, und rettete ihn mit den Seinen unter schweren Verlusten. Finrod schwor ihm dafür Freundschaft und Beistand für sein ganzes Geschlecht und gab ihm seinen Ring — der einzige Gegenstand, der aus Bregors Haus dauerhaft in die spätere Überlieferung überging.

In den Jahren danach ging das Land verloren, das seine Sippe zwei Menschenalter lang bewohnt hatte. Die Frauen und Kinder wurden aus Dorthonion fortgeführt, um sie über die Berge in Sicherheit zu bringen, während Barahir sich weigerte zu weichen und mit einer kleinen Schar Geächteter im verwüsteten Hochland ausharrte, bis Verrat auch diesen Rest vernichtete. Von einem Volk, das noch kurz zuvor eine Landschaft besaß und einem Elbenfürsten Heerfolge leistete, blieb am Ende ein einzelner Überlebender. So misst sich die Geschichte Bregors nicht an dem, was er tat, sondern an dem, was in der Generation nach ihm zerbrach: Sein Name markiert die letzte ungestörte Stufe einer Familie, deren Fall dann in wenigen Jahren erzählt ist.

Rolle und Wirkungskreis

Die Rolle, die Bregor im Ganzen des Legendariums zufällt, ist die eines Ordnungspunktes der Überlieferung und nicht die einer handelnden Gestalt. Die veröffentlichte Erzählung führt ihn ausschließlich innerhalb der Aufzählung der Abstammung; sie legt ihm kein Wort in den Mund, schreibt ihm keine Tat zu und verbindet mit ihm weder einen Ort noch einen Gegenstand. Darin gleicht er den übrigen Namen, die zwischen Beor dem Alten und den Brüdern der Kriegsgeneration stehen — Baran, Boron und Boromir erfüllen dieselbe stumme Aufgabe. Wer nach einer Wirkung Bregors im Erzählverlauf sucht, findet sie allein an der Stelle, an der sich die Linie seines Hauses gabelt, und diese Wirkung ist eine der Anordnung, nicht des Willens.

Von Fähigkeiten im engeren Sinne ist bei ihm so wenig die Rede wie bei seinem Volk überhaupt. Die Edain verfügten über keine Künste, die über Handwerk, Jagd und Waffenführung hinausreichten; was sie an Wissen gewannen, empfingen sie im Umgang mit den Elben, und es blieb Gelehrsamkeit, nicht Macht. Bregors Verfügungsgewalt war die eines Sippenhauptes unter fremder Oberhoheit: Der Anspruch auf sein Land war verliehen und an Treue gebunden, sein Rang bestand in Gefolgschaft, nicht in eigenem Königtum. Die härteste Grenze aber ist die allen Menschen gesetzte. Er unterlag der Sterblichkeit, jenem Los, das die Menschen aus dem Kreis der Welt hinausführt und ihnen verwehrt, das Ihre dauerhaft zu sichern — eine Grenze, die im Fall seines Hauses innerhalb einer einzigen Generation sichtbar wurde.

Eine Nachwirkung freilich reicht weit über alles hinaus, was sich zu seinen Lebzeiten hätte ermessen lassen. Über Beren und Lúthien, über deren Nachkommen Elwing und Earendil, führt die Abstammung zu Elros, dem ersten König von Númenor, und damit auf die Geschlechter, die später über Arnor und Gondor herrschten; der Bericht über den Ringkrieg hält diese Verbindung in seinen genealogischen Teilen ausdrücklich fest. Bregor steht mithin am Anfang einer der längsten durchgezogenen Menschenlinien des gesamten Werkes. Zugleich ist damit nichts über ihn selbst ausgesagt: Diese Reichweite ist die Leistung späterer Namen und die Sorgfalt späterer Aufzeichner, nicht ein Vermögen des Mannes, dem sie zugerechnet wird. Sein Gewicht in der Überlieferung ist rückblickend entstanden.

Verwandtschaft und Gefolgschaft

Alles, was von Bregor überliefert ist, sind Beziehungen — und zwar ausschließlich solche der Abstammung. Die veröffentlichte Fassung nennt weder eine Gattin noch eine Mutter, weder Schwestern noch Töchter; sein Haushalt bleibt eine Leerstelle, die sich auch aus dem Umfeld nicht auffüllen lässt. Frauen des ersten Hauses treten überhaupt nur dort mit Namen hervor, wo die spätere Handlung sie braucht: Bekannt ist Emeldir, die mit Barahir vermählt war und Berens Mutter wurde, während die Gefährtin des älteren Sohnes Bregolas ungenannt bleibt. Darin zeigt sich die Auswahllogik der Aufzeichner deutlicher als in jeder Aussage über Bregor selbst — erinnert wird, wer später gebraucht wird.

Das Verhältnis seines Volkes zu den Elben war kein Abkommen zwischen Völkern, sondern eine Reihe persönlicher Bindungen, die jede Generation für sich einging. Beor der Alte trat in Finrods Dienst und blieb bei ihm bis an sein Lebensende; sein Sohn Barahir hat dieselbe Freundschaft später unter Waffen erneuert. Bregors unmittelbare Lehnsherren aber waren Angrod und Aegnor, die Dorthonion und dessen Nordhänge gegen Angband hielten und in deren Schatten die Sippe ihre Weiden und Häuser hatte. Von einem Wort, das zwischen ihm und diesen Fürsten gefallen wäre, weiß der Bericht nichts. Seine Treue ist die einzige in dieser Kette, die niemals geprüft wurde — sie hielt, weil in seinen Jahren nichts an ihr zerrte.

Ein Gegenspieler wird ihm nirgends zugeordnet. Die Feindschaft, in der er stand, war die seines Volkes und seines Bündnisses: gegen Morgoth gerichtet, ererbt statt gewählt, und zu seinen Lebzeiten eher Grenzwache als Kampf. Auch innerhalb der Edain erscheint kein Widerpart, denn die alten Zwistigkeiten der Menschen um den Bund mit den Elben lagen vor seiner Zeit. So läuft jede Beziehung, die man ihm nachweisen kann, in eine Richtung: nicht zur Seite, zu Freunden und Widersachern, sondern nach vorn, auf die Nachkommen zu. Bregor verdankt seinen Platz in der Überlieferung nicht Gefährten, sondern Erben.

Entwürfe und Varianten

Für Bregor selbst hält die Entwurfsgeschichte wenig Eigenes bereit, um so mehr für die Linie, in der er steht. In der ältesten Fassung der Erzählung von Beren und Lúthien war Beren überhaupt kein Mensch, sondern ein Elb, der Sohn Egnors; solange das galt, gab es keinen Ort, an dem ein Name wie Bregor hätte stehen können. Auch nachdem Beren zum Sterblichen aus dem ersten Hause der Edain geworden war, blieb seine Herkunft lange knapp bezeichnet: Die mittleren Fassungen der Quenta nennen ihn als Sohn Barahirs und führen die Glieder zwischen Beor dem Alten und Barahir nicht aus. Die geschlossene Reihe, die von Beor über Baran, Boron und Boromir zu Bregor läuft, gehört erst der späten Überarbeitung der Erzählung vom Kommen der Menschen in den Westen an; Bregor ist mithin ein Name, der nicht am Anfang der Erfindung steht, sondern aus dem nachträglichen Bedürfnis erwuchs, das Haus Beors durchgehend zu ordnen.

Eine Einzelheit der Entwürfe geht über die veröffentlichte Erzählung deutlich hinaus. Das späte Gespräch zwischen Finrod und Andreth gibt Bregor eine Schwester: Andreth, eine weise Frau des ersten Hauses, gilt dort als Tochter Boromirs und damit als Bregors Geschwister, als Tante Barahirs und Großtante Berens. Damit erhält Bregors Generation eine Gestalt, die redet, urteilt und über Sterblichkeit und Hoffnung der Menschen Auskunft gibt — gerade das, was seinem eigenen Namen im fertigen Buch versagt bleibt. In die veröffentlichte Fassung ist Andreth nicht übernommen worden; dort erscheint Boromir allein als Vater Bregors, ohne weitere Kinder. Ein Widerspruch im strengen Sinne liegt darin nicht, wohl aber eine Auslassung, die den Eindruck der bloßen Namenkette erst erzeugt.