Herkunft und Namen
Der Name Dior ist sindarinischen Ursprungs und dürfte der Name gewesen sein, den ihm seine Eltern bei der Geburt gaben. Weit geläufiger im Schrifttum ist jedoch der Beiname Eluchíl, der sich aus „Elu“, der Kurzform von Thingols eigentlichem Namen Elu Thingol, und „chíl“, einem Wort für „Erbe“ oder „Nachfolger“, zusammensetzt und schlicht „Thingols Erbe“ bedeutet. Der Beiname bezeichnet also nicht Diors Wesen oder Aussehen, sondern seine Stellung innerhalb des Hauses Thingols, dessen Blut über seine Mutter Lúthien in ihm floss.
Dior war ein Wesen ohne Vorbild in den Überlieferungen jener Zeit: das einzige Kind, das je einem sterblichen Mann und einer Elbin geboren wurde, wobei seine Mutter Lúthien selbst schon halb dem Geschlecht der Ainur entstammte. Er gilt damit als der erste unter denen, die man später die Peredhil, die Halbelbischen, nennen sollte. Der Überlieferung nach war er von großer, ebenmäßiger Schönheit, in der sich das Erbe Lúthiens so deutlich zeigte, dass mancher in seinem Anblick die Mutter selbst wiederkehren zu sehen glaubte; von seinem Vater Beren empfing er zugleich den Anteil an der Sterblichkeit der Menschen, der in seinem Geschlecht fortan mitgetragen wurde.
Geboren wurde Dior nicht in Doriath, sondern in den Wäldern von Ossiriand, wohin sich Beren und Lúthien nach ihrer Rückkehr aus dem Reich der Toten zurückgezogen hatten und wo sie fortan fern von Elfen und Menschen ein zurückgezogenes Leben führten. In dieser Abgeschiedenheit, unter dem Schutz des Landes der Sieben Flüsse, wuchs er als einziger Spross dieser einmaligen Verbindung heran, ehe die weiteren Wendungen seines Lebens ihn aus dieser Zurückgezogenheit herausführten.
Geschichte
Als Beren und Lúthien nach Jahren zurückgezogenen Lebens in Ossiriand endgültig starben, gelangte die Kunde davon zu Dior, und er begab sich aus dem Land der Sieben Flüsse fort nach Doriath, um dort das Erbe seiner Eltern und seines Großvaters Thingol anzutreten. Er brachte den Silmaril mit sich, der zuvor in der Krone Thingols gefasst gewesen war, und nahm damit zugleich das Kleinod wie auch die Bürde auf sich, die es über das Reich gebracht hatte. In Menegroth, der verborgenen Hallenstadt, wurde er als König anerkannt und trat damit die Nachfolge in einem Reich an, das seit dem Tod seines Großvaters und dem Fortgang Melians seiner Königin beraubt war.
Unter Diors Herrschaft erlebte Doriath noch einmal eine Zeit des Glanzes; man erzählte sich, mit ihm sei etwas von der Schönheit Lúthiens und dem Licht des Silmarils selbst in die Hallen zurückgekehrt. Er vermählte sich mit Nimloth, einer Verwandten Celeborns aus dem Volk Doriaths, und mit ihr hatte er drei Kinder: die Zwillingssöhne Eluréd und Elurín sowie eine Tochter, Elwing. Dieses Familienglück währte jedoch nur kurze Zeit, denn der Ruhm des Silmarils, den Dior nun trug, blieb den Söhnen Feanors nicht verborgen und weckte den alten Schwur von Neuem.
Als die Kunde von Diors Kleinod die Söhne Feanors erreichte, sandten sie Boten nach Doriath und forderten die Herausgabe des Steines, den ihr Vater einst geschaffen hatte und den ihr Eid sie zu suchen zwang. Dior gab auf diese Forderung lange keine Antwort und schwieg zu ihrem Ansinnen, wobei manche Überlieferung andeutet, er habe mit sich gerungen, ob er das Erbe seiner Eltern freiwillig hergeben solle. Sein Schweigen wurde von den Feanorionen als Weigerung verstanden, und der Streit um den Silmaril, der schon Diors Großvater das Leben gekostet hatte, richtete sich nun gegen ihn selbst.
Im Winter fielen Celegorm, Curufin und Amras mit ihrem Gefolge über Doriath her und drangen bis nach Menegroth vor, das in diesem Angriff verwüstet wurde. In der Schlacht, die man später als den zweiten Verwandtenmord zählte, fand Dior den Tod, und mit ihm fiel auch Nimloth; ebenso kamen mehrere der Feanorionen um, darunter Celegorm selbst. Die beiden kleinen Söhne Eluréd und Elurín wurden im Wald ausgesetzt und ihrem Schicksal überlassen, und keine Überlieferung berichtet, dass sie je wieder aufgefunden wurden.
Aus dem Untergang des Reiches konnte sich einzig Elwing mit einigen Getreuen retten; sie trug den Silmaril mit sich fort und floh zu den Mündungen des Sirion, wo sich die Versprengten aus Doriath und Gondolin zu einer letzten Siedlung an der Küste zusammenfanden. Mit Diors Tod erlosch die Königslinie Thingols in Doriath selbst, doch durch Elwing und ihre spätere Verbindung mit Earendil setzte sich sein Blut und das Vermächtnis des Silmarils in den kommenden Geschlechtern fort.
Rolle und Macht
Diors Bedeutung im Gefüge der Überlieferung liegt weniger in eigenen Taten als in dem, was er verkörpert: Er ist der erste seines Geschlechts, an dem sich zeigt, wie das Blut der Elben und das der Menschen sich zu einem neuen, eigenen Wesen verbinden kann. Anders als seine Eltern, deren Geschichte von Wagnis und Handeln geprägt ist, tritt Dior vor allem als Erbe und Bewahrer auf – er empfängt Königtum, Silmaril und Herkunft, ohne dass ihm ein eigener Erwerb wie Berens Queste oder Lúthiens Macht über Gesang und Zauber zugeschrieben würde. Seine Rolle ist damit eher die eines Bindeglieds als die eines Helden im engeren Sinn: An ihm hängt der Übergang von der Geschichte seiner Eltern zu jener seiner Nachkommen.
Als Herrscher verfügte Dior über die Autorität und Würde des Königtums von Doriath, doch berichten die Quellen nichts von besonderen Kräften, die über die eines hochelbisch geprägten Fürsten hinausgingen. Insbesondere wird ihm keine der Gaben zugeschrieben, die Melian einst als Schutzmacht über das Reich gelegt hatte; da die Königin das Land nach Thingols Tod bereits verlassen hatte, regierte Dior ein Doriath, dessen alter Schutzgürtel geschwunden war. Der Glanz, den seine Zeit dem Reich noch einmal verlieh, wird im Schrifttum eher dem Licht des Silmarils und dem Nachhall von Lúthiens Schönheit zugeschrieben als einer eigenen Macht, die er ausgeübt hätte.
Die eigentliche Grenze seiner Stellung war seine Sterblichkeit: So sehr er dem Wesen und Aussehen nach den Elben glich, blieb er, was seine Herkunft von Beren her unausweichlich machte, dem Tod unterworfen und ohne den Beistand einer Macht, wie sie Melian einst gewährt hatte. Gerade in dieser Verletzlichkeit liegt seine eigentliche Funktion im Gang der Ereignisse: Er trägt das gemischte Erbe weiter, ohne es durch eigene Stärke sichern zu können, und überlässt dessen Fortbestand seiner Tochter. Dass die Linie der Halbelbischen gerade über einen Herrscher fortbesteht, der selbst keine außergewöhnliche Macht ausübte, unterstreicht, dass ihr Wert im Blut und in der Wahl liegt, die aus ihm erwächst, nicht in kriegerischer oder zauberischer Fähigkeit.
Beziehungen
Diors Verhältnis zu seinen Eltern Beren und Lúthien war von deren Ruhm ebenso geprägt wie von ihrer Abgeschiedenheit: Er wuchs als ihr einziges Kind fernab der Höfe der Elben und Menschen heran und trat schon zu ihren Lebzeiten in jene Welt der Fürsten und Reiche ein, die ihm zuvor nur mittelbar durch ihre Erzählungen gegenwärtig gewesen war. Zu seinem Großvater Thingol unterhielt er nie ein persönliches Band, denn dieser war bereits gefallen, ehe Dior nach Doriath kam; die Verbindung blieb eine der Nachfolge, nicht der gelebten Verwandtschaft, und auch Melian, die Königin, hatte das Reich schon verlassen. Dior trat damit ein Erbe an, dessen eigentliche Träger er selbst nie kennengelernt hatte, und musste seine Stellung allein aus dem tragen, was ihm Beren und Lúthien mitgegeben hatten.
Mit Nimloth, seiner Gemahlin aus dem Volk der Sindar, die über ihre Verwandtschaft mit Celeborn selbst dem alten Adel Doriaths entstammte, gründete Dior eine eigene Familie, die dem Reich für kurze Zeit neuen Bestand zu verheißen schien. Zu seinen Kindern Eluréd, Elurín und Elwing verhielt er sich, soweit berichtet, als fürsorglicher Vater, doch keine Überlieferung schildert ein enges Band zu den Söhnen jenseits ihrer Jugend, ehe deren Schicksal ungeklärt blieb. Allein zu Elwing spannt sich über Diors Tod hinaus ein Bogen, der sein Wesen eigentlich fortträgt: In ihr, mehr als in irgendeinem anderen, lebt fort, was Dior selbst von Beren und Lúthien empfangen hatte, ehe sie es an Earendil und damit an das Haus Elronds weitergab.
Am schärfsten zeichnet sich Dior in seinem Verhältnis zu den Söhnen Feanors, allen voran Celegorm und Curufin, deren Feindschaft nicht erst mit der Forderung nach dem Silmaril begann. Schon zu Lebzeiten Berens und Lúthiens hatten dieselben Brüder Lúthien in Nargothrond gefangen gehalten, und Celegorm hatte selbst um ihre Hand geworben, sodass die Gegnerschaft, die Dior schließlich das Leben kostete, eine ererbte war und kein neu entfachter Streit. Anders als sein Vater, der den Feanoriden einst durch List und Flucht entkam, blieb Dior als König an Doriath und den Silmaril gebunden und konnte dem alten Zwist nicht ausweichen, den seine Eltern nur für eine Weile hatten aufschieben können.
Entwicklung in den Entwürfen
In der frühesten Fassung der Geschichte, der Erzählung von der Nauglafring in den „Verschollenen Geschichten“, trug das Reich, das Dior erbte, noch nicht den Namen Doriath, sondern hieß Artanor, und sein Großvater Thingol erschien als Tinwelint. Im Mittelpunkt dieser frühen Version stand nicht allein der Silmaril, sondern das Nauglafring selbst, jenes von Zwergen gefertigte Halsband, in das der Stein gefasst wurde; die Zwerge, allen voran ihr Anführer, traten hier als eigenständige und weit gewichtigere Gegner auf, als es die spätere Fassung kennt. Der Streit um das Kleinod war somit ursprünglich stärker mit dem Zwergenvolk verflochten, während die Feanorionen erst in einem zweiten Schritt der Erzählung in Erscheinung traten und der Konflikt mit ihnen noch nicht die zentrale, alles entscheidende Stellung einnahm, die er im veröffentlichten Silmarillion erhielt.
Auch Diors Familie wurde erst im Zuge der späteren Überarbeitungen zu jener Gestalt gefunden, die man aus dem veröffentlichten Werk kennt. In den frühen Entwürfen trat als sein Kind zunächst vor allem Elwing hervor, während die Zwillingssöhne Eluréd und Elurín samt ihrem ungeklärten Schicksal im Wald erst in den späteren, unter dem Titel der Grauen Annalen überlieferten Bearbeitungen der Beleriand-Geschichte hinzukamen und die Erzählung von Doriaths Untergang um dieses zusätzliche, offene Ende bereicherten. Ebenso gehört der Beiname Eluchíl selbst erst einer späteren Schicht von Tolkiens sprachlicher Durcharbeitung an, in der die Sindarin-Nomenklatur für Thingols Haus systematisch ausgestaltet wurde, während die früheren Fassungen noch ohne diese eigens geprägte Bezeichnung für Diors Stellung als Erbe auskamen.