Herkunft und Namen

Elurín gehört dem Haus von Doriath an: Er war der jüngere der beiden Söhne, die Dior und Nimloth geboren wurden, und Bruder Elwings. Sein Vater führte den Beinamen Eluchíl, der ihn als Erben Thingols auswies; seine Mutter Nimloth war eine Verwandte Celeborns und stammte damit aus dem Sippenkreis, der um Menegroth herum bestand. Über Dior reicht die Abstammung auf Beren und Lúthien zurück, über Lúthien weiter auf Thingol und Melian. In der knappen Aufzählung des Quenta Silmarillion erscheinen die Brüder stets gemeinsam und in einem Atemzug mit der Schwester; ein eigenes Bild, das Elurín von Eluréd abhöbe, geben die Quellen nicht.

Der Name selbst ist der aufschlussreichste Zug der Überlieferung. Beide Brüder tragen im ersten Bestandteil Elu, den Sindarin-Namen Thingols, und beide Namen sind so gebildet, dass sie den Ahnherrn benennen, ohne ihn zum Träger zu machen: Bei Eluréd zielt die Deutung auf das Erbe, bei Elurín auf das Andenken – der Name hält Elu in Erinnerung. Damit war die Zugehörigkeit zum Königshaus schon in die Benennung der Kinder eingeschrieben, in Fortsetzung dessen, was der Vater mit Eluchíl bereits im Beinamen führte. Weitere Namen, Beinamen oder eine Quenya-Entsprechung sind für Elurín nicht überliefert; was von ihm bekannt ist, ruht praktisch vollständig auf dieser einen Namensform und ihrer Deutung.

Der Art nach zählt Elurín zu den Elben, doch verbindet sich in ihm eine Herkunft, die im Ersten Zeitalter ohne Gegenstück blieb: Elbisches, menschliches und – über Melian – maiarisches Blut treffen in seiner Linie zusammen, wie es bei seinem Vater zum ersten Mal der Fall gewesen war. Aufgewachsen ist er nicht in Doriath, sondern östlich davon in Ossiriand, wo Dior nach dem Hingang seiner Eltern mit Nimloth am Wasserfall Lanthir Lamath in der Landschaft der Grünelben lebte; dort wurde auch Elwing geboren. Das Waldland der Laiquendi, nicht die Hallen von Menegroth, bildet also den Hintergrund seiner frühen Jahre.

Geschichte

Die Lebensgeschichte Eluríns lässt sich nur als Ausschnitt der Geschichte seines Hauses erzählen, denn die Quellen führen ihn ausschließlich dort, wo das Geschick Doriaths ihn mitnimmt. Der erste greifbare Einschnitt ist ein Ortswechsel: Dior trat das Erbe Thingols an, verließ mit Nimloth die Wasserfälle im Osten und kam nach Menegroth, um das führerlos gewordene Königreich wieder aufzurichten. Damit verlagerte sich auch das Leben der Brüder aus dem Waldland der Grünelben in die Höhlenhallen am Esgalduin. Das Doriath, in das sie kamen, war allerdings nicht mehr das alte: Melian war nach Thingols Tod aus Mittelerde geschieden, und mit ihr war der Gürtel gefallen, der das Land so lange unzugänglich gehalten hatte. Jahreszahlen nennt das Quenta Silmarillion für diese Vorgänge nicht, sodass sich Eluríns Kindheit nur relativ zu den Ereignissen einordnen lässt, die ihr folgten.

An einem Herbstabend erreichte eine Gesandtschaft aus dem Osten Menegroth und übergab Dior ein Kästchen; darin lag das Nauglamír mit dem eingesetzten Silmaril. Dior verstand die Sendung als Nachricht, dass Beren und Lúthien nun endgültig dahingegangen waren, und trug das Halsband fortan selbst. Für die beiden Söhne bedeutete dieser Tag eine Veränderung ihrer Lage, die sie kaum überschauen konnten, denn mit dem Stein zog der alte Streit der Noldor in das eben erst wiederhergestellte Reich ein. Die Söhne Feanors erfuhren, dass ein Silmaril in Doriath getragen wurde, und ihr Eid ließ ihnen darüber keine Ruhe.

Die Forderung, die daraufhin nach Menegroth kam, beantwortete Dior nicht. Sein Schweigen genügte den Söhnen Feanors als Anlass; Celegorm drängte die Brüder zum Zug, und mitten im Winter fielen sie unversehens über Doriath her. Was folgte, zählt die Überlieferung als den zweiten Verwandtenmord: Elben erschlugen Elben in den Hallen Menegroths. Dior fiel, doch nicht ohne Celegorm zu töten; auch Curufin und Caranthir kamen in diesem Kampf um, und Nimloth wurde ebenfalls erschlagen. Mit diesem Überfall endete die kurze Erneuerung Doriaths und damit die Zeit, in der Elurín der jüngere Sohn eines bestehenden Reiches war.

Über das, was den Brüdern in diesen Stunden geschah, ist die Quelle knapp und zugleich unmissverständlich. Grausame Gefolgsleute Celegorms ergriffen die beiden Söhne Diors und setzten sie im Wald aus, damit sie dort verhungerten. Das Quenta Silmarillion schreibt die Tat ausdrücklich diesen Dienern zu und hält zugleich fest, dass Maedhros sie bereute, als er davon erfuhr; er suchte lange in den Wäldern Doriaths nach den Kindern. Gefunden hat er sie nicht. Damit bricht der einzige Vorgang ab, in dem Elurín überhaupt in Erscheinung tritt – und auch hier steht er nicht für sich, sondern nur an der Seite Eluréds.

Was danach kam, ist nicht überliefert. Das Werk erklärt an dieser Stelle selbst, dass vom Ende Eluréds und Eluríns keine Erzählung berichte – eine ausdrückliche Auskunftsverweigerung, wie sie im Quenta Silmarillion selten vorkommt und die hier unaufgelöst stehen bleibt. Die Überlieferung führt die Brüder unter den Verlusten des Untergangs von Doriath, doch weder ein Ort noch eine Stunde ihres Todes sind bekannt, und wiedergesehen hat sie niemand. Dass ihnen im Wald doch geholfen worden wäre, sagt kein Text des veröffentlichten Silmarillion; die Lücke gehört zur Überlieferung selbst und ist keine Auslassung des Berichts.

Geschichtlich wirksam wird Elurín daher vor allem durch sein Ausbleiben. Weil beide Söhne verschwanden, ging das Erbe Thingols auf Elwing über, die dem Untergang entkam und das Nauglamír zu den Mündungen des Sirion trug; über sie und Earendil setzt sich die Linie Doriaths fort, bis sie in Elrond und Elros in die Geschichte der späteren Zeitalter einmündet. Nachkommen hat Elurín nicht hinterlassen, Taten unter eigenem Namen ebenso wenig. Sein Platz in der Chronologie des Ersten Zeitalters ist ein einziger Punkt: jener Winter, in dem Doriath zum zweiten und letzten Mal fiel und die Linie, die er hätte fortführen sollen, auf seine Schwester überging.

Rolle und Fähigkeiten

Die Stellung Eluríns im Legendarium lässt sich genauer als Rang denn als Amt beschreiben. Er ist Königssohn des wiederhergestellten Doriath, doch weder eine Herrschaft noch eine Aufgabe, ein Auftrag oder ein Gefolge sind ihm zugeschrieben; das Quenta Silmarillion nennt ihn ausschließlich in Aufzählungen und in einem einzigen Vorgang, den er erleidet, statt ihn zu bestimmen. Kein Wort, kein Entschluss, keine Reise wird ihm zugeordnet, und auch dort, wo sein Haus handelt, handeln der Vater und später die Schwester. Als der jüngere von zwei Söhnen stand er zudem in einer Erbfolge, die niemals wirksam wurde – eine Anwartschaft zweiten Grades, die durch den Untergang des Reiches erlosch, ehe sie eine Bedeutung annehmen konnte.

Von Fähigkeiten im engeren Sinn spricht die Überlieferung überhaupt nicht. Die Linie, der er entstammt, kennt Außergewöhnliches genug – die Macht Melians, die den Gürtel um das Land legte, und die Kraft Lúthiens, die vor Morgoths Thron bestand –, doch nichts davon wird auf die Söhne Diors weitergegeben oder auch nur erwogen. Weder Waffenruhm noch Weisheit, weder Kunstfertigkeit noch eine Gabe der Vorschau werden ihnen beigelegt; sie erscheinen im Bericht als Kinder, die am Tag des Überfalls weder kämpfen noch fliehen. Genau hier liegt die Grenze, die der Text selbst zieht: Der Einzige, der von ihrer Herkunft her etwas hätte vermögen können, war ihr Vater, und er fiel. Aus der Abstammung Fähigkeiten zu erschließen, hat im veröffentlichten Werk keinen Anhalt.

Sein Gewicht in der Erzählung ist daher ein mittelbares. Der Verlust der beiden Knaben bindet die Härte des Überfalls an die Söhne Feanors fester als jede Schilderung des Kampfes und liefert zugleich den Anlass für die Reue, die im Werk ausdrücklich vermerkt wird; und indem beide Erben ausfallen, verschiebt sich die Fortsetzung des Hauses auf eine Linie, die über die Mündungen des Sirion weiterführt. Bemerkenswert bleibt schließlich, was für Elurín gar nicht erst zur Frage wird: Die Wahl zwischen dem Geschick der Elben und dem der Menschen, die später den Halbelben zugestanden wurde, wird für ihn und seinen Bruder nirgends erörtert. Auch darin bleibt seine Rolle eine Stelle im Gefüge und keine Handlung.

Beziehungen

Die Beziehung, die Elurín im Werk vollständig bestimmt, ist die zum Bruder – und sie ist keine geschilderte, sondern eine grammatische. Eluréd und er werden zusammen genannt, zusammen ergriffen, zusammen ausgesetzt; selbst die Bemerkung, dass von ihrem Ende nichts berichtet werde, gilt beiden in einem Satz. Ein Verhältnis der Brüder zueinander – Zuneigung, Vorrang, Unterschied im Wesen – wird an keiner Stelle beschrieben, ja nicht einmal angedeutet. Unterschieden sind sie allein durch die Geburtsfolge und durch die Deutung ihrer Namen, und selbst dieser Unterschied liegt nicht in ihnen, sondern in dem, was die Eltern mit der Benennung ausdrückten. Wo sonst Personen aufeinander bezogen sind, sind diese beiden miteinander verschmolzen.

Innerhalb der Familie stehen die Söhne durchweg auf der empfangenden Seite. Dior entscheidet – über den Aufbruch aus Ossiriand, über das Halsband, über das Schweigen gegenüber den Forderungen aus dem Osten –, und die Söhne tragen die Folgen, ohne dass ihnen eine Stimme darin zukäme; Nimloth erscheint als Mutter in der Aufzählung und im Bericht ihres Todes, nicht in einem Umgang mit den Kindern. Am schärfsten wird die Asymmetrie im Verhältnis zur Schwester: Elwing wird zur Trägerin dessen, was das Haus überdauert, während die Brüder zu dem werden, was es verliert. Zu den berühmten Vorfahren schließlich besteht keine Beziehung im eigentlichen Sinn, denn keiner von ihnen lebte noch; sie sind Elurín nur über seinen Namen zugeordnet.

Auch das Verhältnis zu den Gegnern bleibt einseitig. Zwischen Elurín und den Söhnen Feanors kommt es zu keiner Begegnung, keinem Wort, keiner Forderung; die Tat geht nicht von den Herren aus, sondern von Gefolgsleuten, und das Werk unterscheidet hier genau zwischen Befehl und Ausführung. Erst danach entsteht so etwas wie eine Beziehung, und zwar bei dem, der nicht dabei war: Maedhros' Suche in den Wäldern verbindet ihn mit zwei Kindern, die er nie gesehen hat und nicht mehr findet. Es ist die einzige persönliche Bindung, die im Bericht ausdrücklich um Elurín und seinen Bruder entsteht – und sie besteht ganz aus Schuld und Vergeblichkeit.

Entwürfe und Varianten

In der ältesten Fassung der Erzählung gibt es Elurín noch nicht. Das „Buch der verschollenen Geschichten“ kennt in der Geschichte vom Nauglafring neben Elwing nur einen einzigen Sohn Diors, Auredhir, und damit auch kein Brüderpaar, das gemeinsam genannt und gemeinsam verloren würde. Erst die Annalen-Überlieferung der dreißiger Jahre setzt zwei Söhne an, doch tragen sie dort andere Namen: Eldún und Elrún. Die Form Eluréd und Elurín tritt an ihre Stelle, und mit ihr rückt das Element Elu, der Sindarin-Name Thingols, in den ersten Bestandteil beider Namen – der Gedenkbezug auf den Urgroßvater ist also nicht von Anfang an mitgedacht, sondern Ergebnis einer späteren Umbenennung. Die Figur wächst damit aus einem namenlosen Erzählmotiv in ein Element der Genealogie hinein.

Bemerkenswerter als die Namensänderung ist die Überlieferungslage des Kapitels selbst. Christopher Tolkien hat im Zusammenhang mit den späten Doriath-Texten offengelegt, dass für den Untergang des Reiches keine ausgearbeitete Spätfassung vorlag: Die letzte Annalen-Reihe reicht nicht bis dahin, und das Kapitel des veröffentlichten Werkes musste beim Herausgeben aus älterem Material zusammengefügt werden. Was über das Ende der beiden Knaben zu lesen ist – die Aussetzung im Wald durch Gefolgsleute Celegorms, die Reue und die vergebliche Suche –, steht darum auf einem Textstand, der Jahrzehnte vor dem letzten Bearbeitungswillen des Autors liegt und nur in der Benennung nachgeführt wurde. Für Elurín folgt daraus eine besondere Unsicherheit: Die einzige Szene, in der er vorkommt, gehört zu den am wenigsten gesicherten Partien des Ersten Zeitalters.