Name und Bedeutung
Der Name Cuiviénen ist quenyisch und bedeutet „Wasser des Erwachens“. Er bezeichnet den Ort nicht nach seiner Lage oder Gestalt, sondern nach dem Ereignis, das ihn allein denkwürdig macht: Hier kamen die Erstgeborenen Ilúvatars zu Bewusstsein. Damit gehört der Name zu jener Gruppe elbischer Ortsbezeichnungen, die eher Erinnerung festhalten als Landschaft beschreiben. Wer von Cuiviénen spricht, nennt zugleich den Anfang der eigenen Geschichte, und so hat die elbische Überlieferung den See auch behandelt.1
Sprachlich lässt sich das Wort in zwei Bestandteile zerlegen, die das Namensverzeichnis des Silmarillion ausweist. Der erste geht auf das quenyische Nomen für „Erwachen“ zurück, cuivië, der zweite auf nen, „Wasser“, ein Element, das in zahlreichen Namen von Seen, Flüssen und Gewässern wiederkehrt. Die Bildung ist durchsichtig und folgt einem vertrauten Muster: ein Begriff, der das Geschehen fasst, verbunden mit einem Grundwort für die Art des Ortes. Dass gerade das Wasser den Namen trägt und nicht etwa das Ufer oder die umgebenden Höhen, fügt sich zu der Überlieferung, nach der das Rauschen des Wassers zu den ersten Eindrücken der Erwachenden zählte.2
Neben der quenyischen Form verzeichnet das Namensregister eine sindarinsche Entsprechung, Nen Echui, die dieselbe Bedeutung in der Sprache der in Mittelerde verbliebenen Elben wiedergibt. Beide Namen stehen gleichberechtigt nebeneinander; in den erzählenden Texten ist jedoch die quenyische Form die übliche geblieben. Bemerkenswert ist, dass der Name aus einer Zeit stammt, in der kaum ein Elb, der ihn später gebrauchte, den Ort selbst noch gesehen hatte: Er lebte als Wort weiter, nicht als erreichbares Ziel. Eine Parallele bietet Hildórien, der Name für das ferne östliche Land, in dem die Menschen erwachten; auch er ist nach denen benannt, die dort ihren Anfang nahmen, und nicht nach einer Eigenschaft der Gegend.3
Lage und Gestalt
Cuiviénen war kein selbstständiges Gewässer, sondern eine Bucht, die ein weit größeres Binnenmeer an seinem Rand bildete: das Meer von Helcar, das sich im Osten Mittelerdes und weit nach Norden hin erstreckte. Die Überlieferung verortet den Ort damit in einer Gegend, die von den späteren Schauplätzen der Geschichte, von Beleriand und erst recht von Valinor, denkbar weit entfernt lag. Nähere Angaben zu Umfang, Tiefe oder Uferlinie machen die Texte nicht; sie beschreiben die Bucht vor allem als Wasserfläche unter dem Sternenhimmel, gesäumt von Höhen und durchzogen vom Laut herabfließender Gewässer.1
Das Becken, in dem sich dieses Meer sammelte, hatte eine Vorgeschichte, die in die Zeit der Leuchten zurückreicht. Im Norden der Welt hatte einst Illuin gestanden, die eine der beiden großen Lampen der Valar, getragen von einem gewaltigen Pfeiler aus Stein. Als Melkor die Leuchten angriff und stürzte, wurde auch dieses Gebilde niedergeworfen, und die Umwälzung, die darauf folgte, riss das Land auf. Wo zuvor die Grundfesten von Illuin geruht hatten, lag danach das Meer von Helcar. Der Ort des Erwachens ist also auf Boden entstanden, den eine frühere Zerstörung erst geformt hatte. Gespeist wurde die Bucht von Bächen, die aus den Bergen im Osten herabkamen, und ihr Wasser war nach der Überlieferung stets in Bewegung.2
Auszeichnend für den Ort ist weniger seine Landschaft als seine Unerreichbarkeit in späterer Zeit. Von hier brach der große Zug der Eldar nach Westen auf, nachdem Orome die Erwachten gefunden hatte, und die Zurückbleibenden zerstreuten sich über die weiten Länder des Ostens. Schon die Kriege der Valar gegen Melkor und die Veränderungen, die sie über den Norden brachten, gestalteten die Gestalt Mittelerdes um. Die Überlieferung hält fest, dass Land und Meer sich seither so verschoben haben, dass Cuiviénen nicht mehr aufzufinden ist und kein Weg dorthin zurückführt. Der See bleibt damit ein Ort, dessen Lage die Elben nur noch aus der Kunde, nicht mehr aus eigener Anschauung kannten.3
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 1, Of the Beginning of Days; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
Geschichte
Die Geschichte von Cuiviénen beginnt vor dem Erwachen selbst, in einer Zeit, da Mittelerde unter Melkors Herrschaft im Dunkel lag und die Valar sich in Valinor zurückgezogen hatten. Mandos hatte vorausgesagt, dass die Erstgeborenen in der Finsternis kommen und als Erstes die Sterne erblicken würden. Darauf nahm Varda ihr großes Werk auf: Sie sammelte den Tau aus den Brunnen Telperions und entzündete daraus neue, hellere Sterne über dem Himmel der Welt. In der Stunde, als sie diese Arbeit vollendete, erwachten die Elben an der Bucht. Eine Jahreszahl verbindet das Silmarillion mit diesem Ereignis nicht; es gehört in die Jahre der Bäume, deren Verlauf der erzählende Text nicht in einer fortlaufenden Zählung wiedergibt.1
Lange blieben die Erwachten an den Ufern, und ihre erste Zeit dort war eine Zeit des Staunens. Sie begannen zu sprechen und benannten, was sie um sich wahrnahmen. Für sich selbst wählten sie das Wort Quendi, „die mit Stimmen sprechen“, denn noch war ihnen kein anderes Wesen begegnet, das redete oder sang. Doch blieb der Ort nicht unbehelligt: Melkor, stets wachsam, erfuhr als Erster von ihrem Erwachen und schickte Schatten und böse Geister aus, die ihnen nachstellten. Wer sich allein oder zu wenigen vom See entfernte, kehrte mitunter nicht zurück, und unter den Quendi ging die Furcht vor einem dunklen Reiter um, der die Verirrten fortführe. Die Weisen von Eressea hielten später für wahr, dass Melkor solche Gefangenen in Utumno verdarb und aus ihnen das Geschlecht der Orks hervorbrachte.2
Die Wende kam, als Orome auf einem seiner Jagdzüge nach Mittelerde weit in den Osten ritt, sich nordwärts wandte und am Wasser auf die Quendi stieß, deren Gesang er zuvor vernommen hatte. Viele von ihnen empfingen ihn mit Ehrfurcht, andere aber hatten die Lügen von Melkors Dienern gehört, hielten ihn für den gefürchteten Reiter und flohen oder verbargen sich; manche von ihnen gingen dabei verloren. Orome fasste Zuneigung zu den Erwachten und gab ihnen in ihrer eigenen Sprache den Namen Eldar, das Volk der Sterne. Danach eilte er nach Valinor zurück und brachte den Valar die Nachricht. Manwe hielt Rat und suchte die Weisung Ilúvatars, und die Valar beschlossen, um der Quendi willen die Herrschaft über Arda zurückzugewinnen und gegen Melkor zu ziehen.3
Der Krieg, der nun folgte, wurde nicht an der Bucht selbst ausgetragen, sondern im Norden, wo Melkors Festungen lagen; die Valar hielten die Quendi abseits des Geschehens. Von der Schlacht der Mächte erfuhren die Elben am See deshalb kaum mehr, als dass die Erde unter ihnen bebte und dröhnte, das Wasser in Unruhe geriet und im Norden ein Leuchten wie von gewaltigen Feuern stand. Am Ende wurde Utumno gebrochen, Melkor mit der Kette Angainor gefesselt und nach Valinor gebracht, wo er in den Hallen von Mandos für drei Zeitalter gefangen gehalten wurde. Mit ihm verschwand zunächst die unmittelbare Bedrohung, unter der die ersten Tage der Elben gestanden hatten; zugleich hinterließ der Kampf ein Land, das nicht mehr dasselbe war wie zuvor.4
Nach dem Sieg riefen die Valar die Quendi zu sich nach Valinor, damit sie im Licht der Bäume wohnten. Die Erwachten zögerten, denn sie kannten die Valar bisher nur als Kriegsmacht und fürchteten den Aufbruch ins Ungewisse. Orome wählte daher drei Gesandte aus, Ingwe, Finwe und Elwe, und führte sie nach Aman; von dort kehrten sie zurück und rieten ihrem Volk, dem Ruf zu folgen. An dieser Frage schied sich das Volk: Die sich zum Zug entschlossen, behielten den Namen Eldar und ordneten sich in drei Scharen, die Vanyar unter Ingwe, die Noldor unter Finwe und die Teleri, die zahlreichste, unter Elwe und Olwe. Die sich weigerten, hießen fortan Avari, die Unwilligen, und blieben im Osten. Mit dem Aufbruch der Scharen endet die Geschichte von Cuiviénen, soweit das Silmarillion sie erzählt; was aus den Zurückgebliebenen am Ort selbst wurde, berichtet es nicht.5
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
- 4Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
- 5Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
Bewohner und Herrschaft
Als Bewohner der Bucht kennt die Überlieferung allein die Quendi selbst. Ein Königtum, eine Herrscherfolge oder eine andere feste Ordnung am See beschreibt das Silmarillion nicht. Es zeigt die Erwachten als eine Gemeinschaft ohne erkennbare Obrigkeit, deren frühe Zeit vom Wahrnehmen, Benennen und Singen bestimmt war. Führende Gestalten treten erst hervor, als der Ruf der Valar eine Entscheidung verlangt: Die drei Gesandten, die Orome nach Aman geleitete, wurden nach ihrer Rückkehr zu Anführern der Scharen, die den Weg nach Westen antraten. Ihre Stellung erwuchs also aus dem Aufbruch und nicht aus einer Herrschaft über den Ort, und so bleibt Cuiviénen, soweit die Texte reichen, ein Ort ohne Fürsten.1
Nach dem Abzug der Eldar blieben die Avari im Osten zurück, doch schreibt ihnen die Überlieferung weder einen Herrscher noch einen bestimmten Sitz zu. Die erzählenden Werke folgen dem Zug nach Westen und verlieren die Zurückgebliebenen weitgehend aus dem Blick. Nur mittelbar kommen sie wieder zur Sprache: Als die ersten Menschen Beleriand erreichten, zeigte sich, dass sie jenseits der Berge im Osten lange Umgang mit Dunkelelben gehabt und von ihnen manches übernommen hatten, auch in ihrer Sprache. Ob diese Elben noch in der Gegend des Sees lebten oder längst weitergezogen waren, lässt sich den Texten nicht entnehmen.2
Nachbarn im gewöhnlichen Sinn hatten die Quendi am See nicht, denn kein anderes sprechendes Volk wandelte zu jener Zeit in Mittelerde. Die Zwerge, die Aule geformt hatte, sollten nach Ilúvatars Beschluss erst nach den Erstgeborenen erwachen; von einer Begegnung beider Völker am Wasser berichtet nichts. Die Menschen wiederum kamen erst mit dem ersten Aufgang der Sonne im fernen Hildórien zu sich, lange nachdem die Eldar fortgezogen waren. So blieb die einzige Macht, die unmittelbar in die Umgebung hineinwirkte, eine feindliche: Melkor und seine Diener, von deren Nachstellungen bereits die Rede war. Das Verhältnis zu den Valar dagegen wurde nicht durch eine Herrschaft vor Ort gestiftet, sondern allein durch Oromes Kommen und den Ruf nach Westen.3
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 2, Of Aulë and Yavanna; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 12, Of Men
Rolle in der Erzählung
Im Aufbau des Silmarillion bildet Cuiviénen eine Schwelle. Bis zu diesem Punkt erzählt das Werk von den Mächten, von ihrem Wirken an der Welt und ihrem Streit mit Melkor; mit dem Erwachen am See rücken erstmals die Kinder Ilúvatars in die Mitte, und von nun an wird die Geschichte zunehmend aus ihrer Richtung gesehen. Auffällig ist, wie knapp der Text an diesem Ort verweilt. Er gibt keine ausgemalte Szene des ersten Augenblicks, sondern nur wenige Eindrücke, und wendet sich rasch dem zu, was daraus folgt. Der See ist weniger Schauplatz als Ausgangspunkt: Alles, was später von Eldamar und Beleriand berichtet wird, lässt sich als Entfernung von diesem Ufer lesen.1
Zugleich legt die Erzählung hier ein Motiv an, das sie bis zum Ende trägt. Die Erwachenden kennen zunächst kein anderes Licht als das der Sterne, und dieses Licht bleibt gleichsam ihr eigenes, noch bevor sie vom Glanz der Bäume erfahren. Aus dem Gegensatz beider Lichter gewinnt das Werk eine seiner grundlegenden Unterscheidungen: Die Elben werden danach eingeteilt, ob sie das Licht von Aman je geschaut haben oder im Zwielicht Mittelerdes geblieben sind. Diese Scheidung ist ohne den Ruf, der an die Ufer von Cuiviénen erging, nicht denkbar; der See markiert den Punkt, an dem alle Elben noch dasselbe Volk unter demselben Himmel waren.2
Als Ursprung ist Cuiviénen dabei kein ungetrübter Ort. Schon in der frühesten Zeit reicht Melkors Schatten bis an das Wasser, und das Misstrauen, das seine Boten säen, bestimmt mit, wer Orome folgt und wer sich verbirgt. Man kann darin ein Muster erkennen, das die Erzählung später wieder aufnimmt: Täuschung, die Verwandte voneinander trennt. Nach dem Aufbruch der Scharen kehrt der Text nicht mehr an den See zurück. Er bleibt ein Anfang, den die Geschichte hinter sich lässt, und gerade darin liegt seine Bedeutung für das Buch: Die Elben tragen ihre Herkunft als Erinnerung mit sich, nicht als Ort, den sie wieder betreten könnten.3
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
Entwürfe und Varianten
Der Ort des Erwachens gehört zu den frühesten Bestandteilen von Tolkiens Mythologie, doch sein Name hat mehrere Stufen durchlaufen. In den „Verschollenen Geschichten“, dem ältesten zusammenhängenden Entwurf der Legenden, heißt das Gewässer Koivie-néni; die Bildung ist schon hier dieselbe wie später, ein Wort für das Erwachen, verbunden mit einem Wort für Wasser. In den Texten der dreißiger Jahre erscheint der Name dann in der Schreibung mit K, als Kuiviénen, entsprechend der damaligen Gewohnheit, das quenyische Lautbild so wiederzugeben. Die „Etymologies“ aus derselben Zeit führen ihn auf einen Stamm mit der Bedeutung „zum Leben kommen, erwachen“ zurück und stellen ihn damit in eine Wortfamilie, die auch das Nomen für das Erwachen umfasst. Erst in den späten Fassungen setzte sich die Schreibung mit C durch, die das veröffentlichte Silmarillion übernahm.1
Weit ausführlicher als das Silmarillion behandelt ein später sprachgeschichtlicher Aufsatz, „Quendi and Eldar“, das Geschehen am See. Tolkien gibt dort eine elbische Überlieferung wieder, die er als Cuivienyarna bezeichnet, als Erzählung vom Erwachen. Nach ihr erwachten zuerst drei Elben, Imin, Tata und Enel, jeder mit seiner Gefährtin, und fanden danach weitere Paare, bis die Gemeinschaft hundertvierundvierzig zählte. Aus der Zuordnung dieser Gruppen zu den drei Ersterwachten leitet die Legende die drei ursprünglichen Sippen ab, die Minyar, Tatyar und Nelyar, aus denen später die Scharen des Aufbruchs hervorgingen. Der Text versteht sich dabei ausdrücklich als Überlieferung der Elben selbst, nicht als verbürgter Bericht, und dient Tolkien vor allem dazu, die elbischen Zahlwörter und Stammesnamen zu erklären.2