Name und Herkunft
Die Bezeichnung „Kinder Ilúvatars“ fasst zwei Völker unter einem gemeinsamen Ursprung zusammen: die Elben und die Menschen. Der Name verweist nicht auf eine Abstammung im leiblichen Sinn, sondern auf die Urheberschaft. Nach der Überlieferung des Ainulindale entsprangen beide Völker allein dem dritten Thema, das Ilúvatar in die Musik der Ainur hineingab. Keiner der Ainur hatte an ihrer Gestaltung Anteil, und so blieben sie selbst den Mächtigsten unter den Valar in manchem fremd und nicht ganz ergründlich. Als die Ainur die Kinder in der Vision der Welt erblickten, wandten sie ihnen ihre Liebe zu, gerade weil sie in ihnen etwas sahen, das sie nicht selbst hervorgebracht hatten.1
In der Hochsprache der Elben lautet der Sammelname Eruhíni, gebildet zu Eru, dem Einen, als dem anderen Namen Ilúvatars. Innerhalb dieser Gemeinschaft unterscheidet die Überlieferung nach der Reihenfolge des Erwachens: Die Elben gelten als die Erstgeborenen, die Menschen als die Nachfolgenden. Die Elben selbst nannten sich in ihrer frühesten Zeit Quendi, was sich auf die Gabe der Sprache bezieht: Sie verstanden sich als diejenigen, die mit Stimmen sprechen, denn sie begegneten bei ihrem Erwachen am See Cuiviénen keinem anderen Wesen, das Worte gebrauchte.2
Für die Menschen hielten die Elben eine ganze Reihe von Namen bereit. Atani, das zweite Volk, bezeichnet ihren Platz in der Folge der Kinder; Hildor, die Nachfolgenden, betont dasselbe aus anderer Sicht. Daneben stehen Apanónar, die Nachgeborenen, sowie Namen, die auf die Hinfälligkeit und Sterblichkeit der Menschen zielen und damit den Unterschied zum ersten Volk hervorheben. Die Menschen erwachten später und an anderem Ort als die Elben, im fernen Osten, in einem Land, das die Überlieferung Hildórien nennt, zur Zeit des ersten Aufgangs der Sonne. Die Namengebung spiegelt so vor allem die elbische Perspektive, aus der die Quellen überwiegend erzählen.3
Geschichte
Die gemeinsame Geschichte der beiden Völker beginnt mit einer Wartezeit, die ihnen die Welt bereiten sollte. Als Aule ohne Auftrag die Zwerge schuf, nahm Ilúvatar sie zwar an, bestimmte aber, dass sie erst nach den Erstgeborenen erwachen durften, denn deren Vorrang war in der Musik festgelegt. Nach dem Erwachen der Elben im Osten Mittelerdes fand Orome sie auf seinen Jagdzügen und brachte den Valar Nachricht. Um der neuen Völker willen zogen die Mächte gegen Melkor zu Felde, zerstörten seine Festung Utumno und führten ihn gefangen nach Valinor. Danach riefen sie die Elben zu sich in den Westen, und an diesem Ruf schieden sich die Quendi: Wer dem Aufbruch folgte, hieß fortan Eldar, wer ihn verweigerte, blieb als Avari zurück.1
Auch die große Wanderung selbst brachte weitere Trennungen hervor. Vanyar und Noldor erreichten Aman, von den Teleri jedoch blieb ein Teil zurück: Die Nandor wandten sich schon vor dem Gebirge ab, und in Beleriand blieben diejenigen, die ihren verschollenen Herrn Thingol nicht verlassen wollten und später als Sindar bekannt wurden. In Valinor entzweiten sich die Noldor, nachdem Melkor die Silmaril geraubt und Finwe erschlagen hatte. Unter Feanor kehrte der größte Teil von ihnen gegen den Willen der Valar nach Mittelerde zurück, belastet mit dem Sippenmord von Alqualonde und dem Spruch des Mandos. So begann der lange Krieg um die Juwelen, in dem die Elben Beleriands fortan die Hauptlast gegen Morgoth trugen.2
In diesen Krieg traten die Menschen erst spät ein. Die Überlieferung deutet an, dass Morgoth schon bald nach ihrem Erwachen unter ihnen erschienen war und einen Schatten über sie gebracht hatte, von dem sie selbst kaum sprachen. Als die ersten Menschen über die Berge nach Beleriand kamen, stieß Finrod Felagund auf das Volk Beors, und aus dieser Begegnung erwuchs das Bündnis der Elben mit den drei Häusern der Edain, den Völkern Beors, Haleths und Hadors. Ihnen folgten später Ostlinge, deren Treue geteilt war: In der Nirnaeth Arnoediad fielen die Söhne Ulfangs den Heeren der Noldor in den Rücken, während die Söhne Bors bis zuletzt standhielten. Die Niederlage machte sichtbar, wie sehr das Schicksal beider Völker inzwischen miteinander verflochten war.3
Die Wende des Ersten Zeitalters ging von einem Nachkommen beider Linien aus. Earendil, Sohn eines Menschen und einer Elbin, gelangte über das Meer nach Valinor und bat dort um Vergebung und Beistand für beide Völker. Die Valar griffen daraufhin im Krieg des Zorns ein, an dem Menschen und Elben auf beiden Seiten beteiligt waren, und stürzten Morgoth. Die Nachfahren aus der Verbindung der beiden Völker erhielten eine Wahl: Elros entschied sich für das Los der Menschen, sein Bruder Elrond für das der Erstgeborenen. Damit war die Grenze zwischen den Kindern Ilúvatars zugleich bestätigt und in einzelnen Lebenswegen überschreitbar gemacht.4
Im Zweiten Zeitalter gingen die Wege der Völker zunächst auseinander. Den Edain wurde zum Lohn die Insel Númenor gegeben, deren erster König Elros war, während viele Elben in den Westen zurückkehrten und andere unter Gil-galad in Lindon blieben. Die anfängliche Freundschaft zwischen Númenor und den Eldar verkehrte sich im Lauf der Jahrhunderte in Neid auf deren Unsterblichkeit, bis die Auflehnung der Könige gegen die Valar zum Untergang der Insel führte. Die Getreuen unter Elendil gründeten Reiche in Mittelerde und zogen am Ende des Zeitalters gemeinsam mit Gil-galad im Letzten Bündnis von Elben und Menschen gegen Sauron.5
Das Dritte Zeitalter steht im Zeichen des elbischen Schwindens. Die verbliebenen Elbenreiche wurden kleiner, und immer mehr Erstgeborene verließen Mittelerde über das Meer, während die Menschen an Zahl und Gewicht zunahmen. Mit dem Ende des Ringkriegs und dem Aufbruch der Ringträger begann das Vierte Zeitalter, das die Überlieferung als Zeit der Herrschaft der Menschen versteht. Die Verbindung Aragorns mit Arwen, die für sich das sterbliche Los wählte, wiederholte dabei noch einmal die alte Vereinigung der beiden Linien. Fortbestand und Abschied liegen in diesem Ausgang eng beieinander: Die Menschen bleiben als Erben der Welt zurück, die Elben treten aus ihrer Geschichte heraus.6
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 2: Of Aulë and Yavanna; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3: Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3: Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9: Of the Flight of the Noldor
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 12: Of Men; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 17: Of the Coming of Men into the West; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 20: Of the Fifth Battle
- 4Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 24: Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath
- 5Das Silmarillion, Akallabêth; Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age
- 6Der Herr der Ringe, Anhang A, I (v): Here follows a part of the Tale of Aragorn and Arwen; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
Lebensweise und Wesen
Was die beiden Völker grundlegend voneinander trennt, ist ihr Verhältnis zur Zeit und zum Ende. Die Elben sind an die Welt gebunden, solange sie besteht. Sie altern nicht in der Weise der Menschen und werden weder von Krankheit noch von Seuche heimgesucht, können jedoch durch Waffen fallen oder an Gram vergehen. Auch dann verlassen sie Arda nicht: Ihr Geist geht in die Hallen des Mandos ein und kann von dort nach einer Zeit zurückkehren. Mit dem Fortschreiten der Zeitalter, so die Überlieferung, zehrt der Geist der Elben an ihrer Leibgestalt, bis diese gleichsam aufgebraucht ist und sie wie ein Gedächtnis unter den Späteren wandeln.1
Den Menschen dagegen gab Ilúvatar eine eigene Gabe: Sie sind in der Welt nur Gäste und verlassen sie nach kurzer Frist, ohne dass bekannt wäre, wohin. Nicht einmal die Valar wissen darüber Genaueres; allein Mandos, so heißt es, und vielleicht Manwe ahnen mehr. Zugleich legte Ilúvatar in die Menschen das Vermögen, ihr Leben jenseits der Musik der Ainur selbst zu gestalten, während alles Übrige in der Welt von dieser Musik vorgezeichnet ist. Weil Melkor seinen Schatten über diese Gabe warf, lernten die Menschen sie zu fürchten, und was als Freigabe gemeint war, erschien ihnen als Verlust. Über das Ende hinaus bleibt der Unterschied bestehen: Von den Menschen sagt die Überlieferung, dass sie an der zweiten Musik teilhaben werden, während Ilúvatar nicht offenbart hat, was er den Elben nach dem Ende der Welt bestimmt.2
Auch in Gestalt und Begabung unterscheiden die Quellen deutlich. Die Elben gelten als die schöneren und in den Künsten reicheren, fähig, mehr Schönheit zu ersinnen und hervorzubringen als alle anderen Geschöpfe; die Menschen sind hinfälliger, leichter zu töten und von Melkor leichter zu verführen. Wo beide einander begegneten, war das Verhältnis zunächst eines von Lehrenden und Lernenden. In Beleriand erlernten die Menschen die Sprache der Elben und übernahmen vieles von ihrem Wissen und Handwerk, sodass Finrod bei ihnen als Lehrer in Erinnerung blieb. Ihre Weisheit, die sie so von den Eldar empfingen, galt den späteren Menschen als Erbe, das sie über die eigenen Anfänge hinaushob.3
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 1, Of the Beginning of Days; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 12, Of Men
- 2Das Silmarillion, Ainulindale; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 1, Of the Beginning of Days
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 1, Of the Beginning of Days; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West
Stämme und Häuser
Bei den Elben ordnet die Überlieferung die Untergliederung nach Heerscharen und ihren Führern. Als die Valar die Quendi nach Westen riefen, sandten sie zunächst drei Gesandte nach Valinor: Ingwe, Finwe und Elwe. Diese wurden danach die Herren der drei Scharen, die zur großen Reise aufbrachen. Ingwe führte die Vanyar, Finwe die Noldor, während die Teleri als zahlreichste Schar zwei Herren hatten, Elwe und seinen Bruder Olwe. Quer zu dieser Ordnung steht eine zweite Unterscheidung, die sich am Licht der Bäume bemisst. Calaquendi, Elben des Lichts, heißen diejenigen, die nach Aman gelangten und es dort sahen. Moriquendi, Elben der Dunkelheit, heißen alle, die es nie erblickten. Zu ihnen zählen neben den Avari auch die Úmanyar, jene Eldar, die sich auf der Wanderung verloren und Aman nie erreichten.1
Auch die Edain unterschieden sich untereinander in Herkunft, Sprache und Gestalt. Das älteste Haus trug den Namen seines Führers Beor. Das Volk Haldads, die Haladin, lebte zurückgezogen und blieb am liebsten für sich. Nachdem Haldad und sein Sohn im Kampf gefallen waren, führte seine Tochter Haleth das Volk, und fortan hieß es nach ihr. Die dritte und zahlreichste Schar kam unter Marach über die Berge. Aus ihr ging später das Haus Hadors hervor, dessen Angehörige überwiegend hellhaarig waren.2
Für die späteren Menschen überliefert Faramir eine Einteilung, wie sie in Gondor gebräuchlich war. Sie ist ausdrücklich an der elbischen Unterscheidung von Licht und Dunkel ausgerichtet. Die Hohen Menschen oder Menschen des Westens sind die Númenórer und ihre Erben. Die Mittleren Menschen oder Menschen des Zwielichts sind Völker wie die Rohirrim, die den Edain verwandt sind, aber nicht an deren Erbe teilhaben. Die Wilden schließlich, Menschen der Dunkelheit genannt, sind jene, die sich von den Elben und ihrem Wissen fernhielten. Faramir selbst merkt dabei an, dass die Grenzen dieser Einteilung in seiner Zeit verschwammen, weil Gondor sich den Mittleren Menschen angenähert habe.3
Rolle in der Erzählung
Im Aufbau des Silmarillion bilden die Kinder Ilúvatars den Fluchtpunkt, auf den das Geschehen der Frühzeit zuläuft. Die Valar steigen in die Welt hinab und ordnen sie als Wohnstatt für Völker, die sie weder geschaffen haben noch ganz verstehen. Ihr Handeln erhält dadurch den Charakter einer Vorbereitung. Wie schwer den Mächten dieses Verständnis fällt, zeigt die Beratung über das Schicksal der Erstgeborenen: Ulmo riet damals, die Quendi in Mittelerde zu lassen, fand aber keine Mehrheit. Auch Melkor richtet sein Trachten wesentlich auf diese Völker, sodass der Streit um Arda zugleich ein Streit um sie ist.1
Tolkien selbst verstand Elben und Menschen nicht als zwei beliebige Rassen, sondern als Ausprägungen dessen, was den Menschen überhaupt ausmacht. In den Elben sah er die schöpferische und ästhetische Seite dieses Wesens auf eine höhere Stufe gehoben. Beiden Völkern ordnete er eine eigene Versuchung zu. Die Elben neigen dazu, das Vergehen aufzuhalten und das Geliebte zu bewahren, bis die Welt um sie erstarrt. Die Menschen dagegen suchen dem Tod zu entkommen, den sie als Strafe missverstehen. So wird die Unterscheidung der beiden Völker zum Träger der großen Themen seines Werkes.2
Im Herrn der Ringe erscheint diese Spannung in der Form des Übergangs. Die Hobbits, die nach dem Prolog den Menschen näher stehen als den Elben, begegnen den Erstgeborenen als Wanderern in einer Welt, die ihnen zu entgleiten beginnt. Galadriel bestätigt diesen Weg, als sie der Versuchung des Ringes widersteht und damit ihr eigenes Schwinden und die Heimkehr in den Westen annimmt. Aragorns Ende setzt den Gegenakzent: Er legt sein Leben aus freiem Entschluss nieder und gibt damit dem menschlichen Tod den Sinn einer Gabe zurück. In beiden Gesten hat der Roman die alte Lehre der Kinder Ilúvatars in erzählte Haltung übersetzt.3
- 1Das Silmarillion, Ainulindalë; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
- 2Briefe, Letter 131
- 3Der Herr der Ringe, Prolog, 1. Concerning Hobbits; Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 7; Der Herr der Ringe, Anhang A, I (v), Here follows a part of the Tale of Aragorn and Arwen
Entwürfe und Varianten
Schon in den frühesten Entwürfen, dem Buch der verschollenen Geschichten, ist die Vorstellung von den Kindern Ilúvatars vorhanden, doch sie ist anders gewichtet. Die frühe Erzählung von der Musik der Ainur führt Elben und Menschen bereits auf Ilúvatar allein zurück und spricht den Ainur jeden Anteil an ihrer Gestaltung ab. Die Weissagung einer zweiten, größeren Musik nach dem Ende nennt dort jedoch neben den Ainur nur die Menschen als Mitwirkende. Von den Elben ist an dieser Stelle keine Rede. Auch das Verhältnis der beiden Völker erscheint in diesen frühen Texten stärker als Ablösung: Je mehr die Menschen zunehmen, desto mehr schwinden die Elben und entziehen sich allmählich deren Blick.1
Eine späte und tiefgreifende Weiterführung enthalten die Schriften, die Christopher Tolkien in Morgoth's Ring zusammengestellt hat. Im Athrabeth Finrod ah Andreth, einem Zwiegespräch zwischen Finrod und der weisen Frau Andreth aus dem Haus Beors, geht es um die Frage, ob den Menschen die Sterblichkeit von Anfang an bestimmt war. Andreth gibt eine Überlieferung ihres Volkes wieder, nach der die Menschen ursprünglich nicht zum Sterben geschaffen waren und erst durch eine frühe Abkehr unter den Schatten gerieten. Sie berichtet zudem von einer Hoffnung, die nur wenige unter den Menschen bewahrten: Eru selbst werde einst in Arda eintreten, um es zu heilen. Finrod erwägt seinerseits, dass den Menschen bei dieser Heilung der beschädigten Welt eine eigene Rolle zugedacht sein könnte, an der auch die Elben teilhätten. Damit verlagert Tolkien den Blick von der Rangfolge der beiden Völker auf die Frage ihres gemeinsamen Endes.2