Herkunft, Wesen und Namen

Manwe zählt zu den Ainur, jenen Geistern, die aus dem Gedanken Ilúvatars hervorgingen, bevor irgendetwas anderes geschaffen war. In der Musik, die vor der Welt erklang, gehörte er zu den Stimmen, die dem Thema Ilúvatars am reinsten folgten; als der Missklang Melkors die Weise zerriss, wurde Manwe zum vornehmsten Träger des Themas, das Ilúvatar ihm entgegensetzte. Mit denen, die nach dem Ende des Gesangs in Eä hinabstiegen und dort blieben, um an der Welt zu arbeiten, wurde er den Valar zugerechnet. Melkor gilt als sein Bruder im Gedanken Ilúvatars, eine Verwandtschaft der Herkunft, nicht des Blutes, und war ihm anfangs an Kraft und Wissen überlegen; Manwe jedoch begriff die Absichten des Einen am klarsten und war ihm am teuersten, weshalb ihm die Königswürde über Arda zufiel. Unter den Aratar, den acht Erhabensten der Valar, steht er obenan.

Sein voller Name lautet Manwe Súlimo. Der Beiname greift das elbische Wortelement für Wind und Wehen auf und bezeichnet ihn als Herrn über den Atem Ardas, das heißt über die Lüfte, die Winde und alle Bereiche des Himmels bis in die dünnsten Höhen. Die Elben und die Valar nennen ihn darüber hinaus den Ältesten König, König von Arda und Herrn der Valar, Titel, die weniger auf persönliche Macht als auf das ihm anvertraute Amt verweisen. Zur Aussprache ist zu bemerken, dass das auslautende ë stets als eigener Silbenlaut zu sprechen ist und niemals stumm bleibt, wie es die Erläuterungen zu Schrift und Lautung im Anhang des Herrn der Ringe festhalten.

In der Gestalt, die er annimmt, erscheint Manwe in blauem Gewand, das Feuer seines Blickes ist blau, und sein Zepter besteht aus Saphir, den die Noldor für ihn gefertigt haben. Sein Sinn ist auf Luft und Weite gerichtet: Vögel, die auf starken Schwingen ziehen, sind ihm zugetan, und Habichte wie Adler kommen und gehen zwischen seinem Sitz und den Ländern der Welt. Gesang und Dichtung sind seine Freude, und unter den Elben stehen ihm die Vanyar am nächsten, denen er Lied und Vers zuerst geschenkt hat. Neben ihm steht Varda; sind beide beieinander, so reicht sein Blick weiter und ihr Gehör tiefer als je für sich allein.

Geschichte

Die überlieferte Geschichte Manwes beginnt mit dem Hinabsteigen der Mächte in die neu bereitete Welt. Melkor beanspruchte Arda für sich allein, und im ersten Ringen um Gestalt und Ordnung der Erde wichen die Valar zunächst zurück, bis Tulkas aus den Fernen des Himmels zu Hilfe kam; vor seinem Lachen entwich Melkor in die äußere Finsternis. Manwe rief überdies Geister größeren und geringeren Ranges aus den Bezirken Ilúvatars herbei, damit die Arbeit an der Welt nicht ohne Beistand bleibe. Es folgte die Zeit der beiden großen Leuchten, die Aule errichtete und Varda mit Licht erfüllte, und die Valar wohnten auf der Insel Almaren inmitten des großen Sees. Melkor kehrte heimlich zurück, warf die Leuchten nieder und verdarb den Frühling Ardas; darauf zogen die Valar in den Westen und schufen sich hinter den Bergen der Pelóri einen neuen Wohnsitz.

In Valinor wurde auf dem höchsten Berg die Halle Ilmarin gebaut, von der aus Manwe und Varda über die Welt blicken; von dort brachten ihm seine Vögel Kunde aus allen Ländern. Als die ersten Elben östlich des Meeres erwachten und Orome die Nachricht davon brachte, saß Manwe lange in Gedanken und suchte den Rat Ilúvatars. Danach beschlossen die Valar den Krieg gegen Melkor, der die neu erwachten Kinder bedrohte; Utumno wurde gebrochen und Melkor mit der Kette Angainor gebunden, die Aule geschmiedet hatte. Drei Zeitalter lang blieb er in den Hallen des Mandos in Gewahrsam. Auf demselben Rat entschied Manwe, die Elben nach Valinor zu berufen, obgleich Ulmo dieser Entscheidung mit Bedenken begegnete und sie für die Quendi nicht ohne Schaden hielt.

Nach Ablauf der Haft trat Melkor vor den Thron und bat um Vergebung. Manwe gewährte sie und wies ihm zunächst Aufenthalt in Valmar zu, denn da er selbst frei von Bosheit war, vermochte er die Bosheit nicht zu durchschauen; die Überlieferung nennt dies ausdrücklich als Ursprung des späteren Leids. Melkor nutzte die Freiheit, um unter den Noldor Gerüchte auszustreuen, bis Zwietracht zwischen den Söhnen Finwes entstand und Waffen in Tirion getragen wurden. Manwe ließ Feanor vor den Ring des Gerichts laden, wo dessen Drohung gegen den Halbbruder offen zur Sprache kam. Das Urteil verbannte Feanor auf zwölf Jahre aus der Stadt, benannte aber zugleich die verborgene Quelle des Streits, worauf die Suche nach Melkor begann und dieser aus Valinor verschwand.

Um die Entfremdung zu heilen, berief Manwe ein hohes Fest, zu dem auch Feanor geladen war und bei dem er sich mit Fingolfin die Hand reichte. Während dieses Festes vernichteten Melkor und Ungoliant die Zwei Bäume und raubten die Silmaril. Auf Yavannas Bitte hin verlangte Manwe von Feanor die Steine, damit aus ihrem Licht die Bäume erneuert werden könnten; Feanor verweigerte sie, und erst danach wurde bekannt, dass Finwe erschlagen und der Schatz von Formenos geraubt war. Als die Noldor daraufhin nach Norden aufbrachen, sandte Manwe einen Herold, der ihnen den Aufbruch nicht verbot, aber vor seinen Folgen warnte; nach dem Sippenmord von Alqualonde sprach die Stimme des Nordens den Fluch über das Haus Feanors und alle, die ihm folgten.

Aus der letzten Blüte und der letzten Frucht der Bäume wurden Mond und Sonne bereitet und über die Welt geführt, und in dieser Zeit ließ Manwe Adler in den Felsen des Nordens siedeln, die Morgoth beobachten und den verbannten Noldor bisweilen beistanden. Valinor selbst wurde befestigt und der Weg dorthin durch verzauberte Inseln verstellt, sodass keine Botschaft aus Mittelerde mehr ans Ziel kam. Erst Earendil durchbrach diese Abschließung und trug die Bitte der Elben und Menschen vor die Throne der Valar. Manwe sprach das Urteil über ihn und Elwing: Die Küsten der Sterblichen sollten ihnen verschlossen bleiben, ihren Söhnen aber wurde die Wahl ihrer Zugehörigkeit freigestellt. Darauf zog das Heer des Westens unter Eonwe, dem Herold Manwes, nach Beleriand, und Morgoth wurde am Ende durch die Pforte der Nacht in die Leere gestoßen.

Im Zweiten Zeitalter endete Manwes unmittelbare Regentschaft über die Welt vorläufig: Als die Flotte Ar-Pharazôns die Verbotenen Meere überschritt, legten die Valar ihre Verwaltung Ardas nieder und riefen Ilúvatar an, der die Gestalt der Welt veränderte, Númenor verschlang und den Geraden Weg allein den Schiffen der Elben ließ; die Jahresrechnung setzt diesen Untergang in das Jahr 3319. Später griff Manwe noch einmal ordnend ein, als um das Jahr 1000 des Dritten Zeitalters Boten nach Mittelerde entsandt wurden, um dessen Völker gegen Sauron zu stärken. Nach der Überlieferung berief er dazu einen Rat, in dem die Aussendung der Istari beschlossen und Olórin ausdrücklich auf sein Geheiß mit unter die Gesandten gezählt wurde. In beiden Fällen handelt er nicht als Beherrscher des Bösen, sondern als Verwalter eines Auftrags, dessen letzte Entscheidungen anderswo fallen.

Rolle, Macht und deren Grenzen

Die Stellung, die Manwe im Gefüge der Welt einnimmt, ist die eines eingesetzten Verwalters und nicht die eines Eigentümers: Seine Vollmacht ist ihm übertragen und reicht so weit, wie der Auftrag reicht. Der Vorrang unter den Valar gründet dabei nicht auf Körperkraft oder Waffenglück — in Kraftprobe und Kampfeswerk übertrifft Tulkas alle übrigen —, sondern darauf, dass ihm die Absichten des Einen am deutlichsten gegenwärtig sind. Entsprechend regiert er weniger durch Befehl als durch Beratung: Die Mächte treten im Ring des Gerichts zusammen, tragen ihre Ansichten vor, und der Beschluss geht aus dieser Beratung hervor. Selbst dort ist Einmütigkeit nicht selbstverständlich, denn Ulmo bleibt den Zusammenkünften meist fern und wirkt auf eigenen Wegen an den Kindern Ilúvatars.

Sein eigentliches Machtgebiet ist die Luft. Winde und Wetterzüge, Wolken und die Dünste, die vom Meer aufsteigen, Regen und die Bewegung des Himmels über den Ländern stehen ihm zu Gebote; darin liegt zugleich eine Begrenzung, denn die Stoffe und ihre Bearbeitung sind Aules Sache, die Wasser gehören Ulmo, das Wachstum der Erde Yavanna. Was Manwe über die Lüfte hinaus bewirkt, bewirkt er durch Boten und Diener, unter ihnen Eonwe, sein Herold, dessen Waffenkunde in Arda niemand übertrifft. Hinzu kommt die richterliche Seite seines Amtes: Sein Wort kann verbannen, begnadigen und ein Urteil sprechen, an das sich auch die übrigen Valar halten. Eine Macht, Gehorsam zu erzwingen, ist damit nicht gemeint.

Die Grenzen dieser Macht sind in der Überlieferung ausdrücklich benannt. Über das Böse beansprucht Manwe keine Herrschaft, und wo Bosheit sich verstellt, versagt sein Urteil, weil ihm die eigene Anschauung davon fehlt. Freier Wille lässt sich nicht überwinden: Den Fortziehenden konnte er die Folgen vor Augen stellen, ihnen den Weg aber nicht verlegen. Auch Verlorenes wiederherzustellen steht nicht in seiner Gewalt, denn das Licht der Bäume war ohne die geraubten Steine nicht zurückzurufen, und die Abgeschiedenen sind in der Obhut des Mandos, nicht in seiner. Zuletzt endet seine Zuständigkeit dort, wo die Entscheidung Ilúvatars beginnt: Die Umgestaltung der Welt nach dem Frevel der Númenórer konnte er erbitten, nicht vollziehen.

Bündnisse, Bruderschaft und Feindschaft

Keine Verbindung bestimmt Manwes Wirken so sehr wie die zu Varda, und die Überlieferung beschreibt sie weniger als Ehe denn als Ergänzung zweier Vermögen: Was er in die Weite hört, sieht sie in die Ferne. Bezeichnend ist, dass die Feindschaft Melkors sich gerade an ihr entzündet, denn sie hatte ihn bereits vor der Erschaffung der Welt durchschaut und zurückgewiesen; unter allen Mächten Ardas fürchtet und hasst er sie am tiefsten. Damit gehört zum Haus des Ältesten Königs von Anfang an eine Urteilskraft, die ihm selbst fehlt, und die Überlieferung stellt beides nebeneinander, ohne es auszugleichen. Auch die Nähe der Elben zu diesem Sitz ist geordnet: Ingwe, der als Hoher König aller Elben gilt, wohnt zu Füßen des Taniquetil unter dem Schutz seines Herrn.

Die Brüderlichkeit mit Melkor ist die Beziehung, an der die Figur am schärfsten kenntlich wird. Sie ist keine Blutsverwandtschaft, sondern eine gemeinsame Herkunft aus einem Gedanken, und eben deshalb bleibt der Widersacher für Manwe nie ein bloßer Fremder, dem man mit Gewalt begegnen könnte. Melkors Hass wiederum richtet sich nicht auf einen zufälligen Gegner, sondern auf denjenigen, dem übertragen wurde, was er selbst beansprucht hatte; jeder seiner Schläge gegen die Werke der Valar ist zugleich ein Schlag gegen dieses Amt. Dass Manwe ihm dennoch Vergebung gewährte, wird in den Quellen nicht als Schwäche des Willens, sondern als Folge seiner eigenen Lauterkeit gedeutet — er maß den anderen an sich.

Gegenüber den übrigen Valar erscheint Manwe als derjenige, bei dem die Anliegen der anderen zusammenlaufen. Als Yavanna um die wachsenden Dinge bangte, die wehrlos den Werken der Schmiede ausgeliefert schienen, trug sie ihre Klage vor ihn; er saß in Gedanken, vernahm darin die Antwort des Einen und verkündete ihr, dass zum Schutz der Wälder Hirten erstehen und die Adler in den Höhen wohnen sollten. Auch Námo im Mandos, dessen Wissen um das Künftige unter den Valar unerreicht ist, spricht seine Weissagungen nur auf Manwes Geheiß aus — ein Vorrang, der sich nicht in Befehlsgewalt, sondern im Recht zu fragen ausdrückt. Seine eigenen Diener stehen in demselben Verhältnis: Herold, Boten und die Vögel, die ihm Kunde bringen, sind Verlängerungen eines Blickes, der von einem einzigen Ort aus die ganze Welt umfassen soll.

Entwürfe und Fassungen

In den Verlorenen Geschichten, der frühesten zusammenhängenden Fassung des Stoffes, trägt die Figur bereits den Namen Manwe Súlimo; die gnomische Sprache der Entwürfe stellt ihm die Form Manweg zur Seite. Der Rahmen ist gleichwohl ein anderer: Die Mächte heißen dort durchweg „die Götter“, treten körperlicher und menschenähnlicher auf, und der Widersacher führt noch den Namen Melko ohne das spätere Schluss-r. Auch die Lüfte sind ausdrücklicher gegliedert als in den späteren Texten, nämlich in Vilna dicht über der Erde, Ilwë zwischen den Sternen und Vaitya als äußerste Hülle. Der auffälligste Unterschied betrifft jedoch die Nachkommenschaft: Die Valar dieser Schicht zeugen Kinder, und Manwe und Varda haben deren zwei, den Sohn Fionwë-Úrion und die Tochter Erinti. Sorontur, der König der Adler, erscheint schon hier als Manwes Vogel und Bote.

Die Vorstellung leiblicher Nachkommen unter den Valar gab Tolkien später auf. Aus Fionwë, dem Sohn, wurde in den Überarbeitungen der Quenta Eonwe, der Herold, der nicht mehr zum Geschlecht der Valar, sondern zu den geringeren Geistern zählt — eine Umwidmung, die den Umbau der gesamten Rangordnung anzeigt. Die Ainulindale selbst liegt in mehreren Fassungen vor, darunter eine, in der Arda von Anfang an kugelförmig ist und Sonne wie Mond nicht erst aus dem Untergang der Bäume hervorgehen; Manwes Amt bleibt darin bestehen, sein Weltbild aber verschiebt sich erheblich. In den späten Aufzeichnungen, die unter dem Titel Myths Transformed gesammelt sind, wendet sich Tolkien überdies prüfend gegen seine eigenen Erzählungen und stellt die Entscheidungen der Valar — die Berufung der Elben nach Westen und die Begnadigung Melkors — als Fehlgriffe zur Debatte, die aus mangelnder Einsicht und nicht aus bösem Willen erwuchsen.