Herkunft und Namen

Herion war ein Mensch Gondors und gehörte dem Haus Húrin an, jenem Geschlecht, das seinen Namen von Húrin von Emyn Arnen herleitete, einem Truchsess des Königs Minardil. Dieser Húrin entstammte den Männern hoher númenórischer Abkunft, wie sie im Süden des Reiches die Führungsschicht bildeten; sein Sitzland lag in Ithilien, jenseits des Anduin. Seit den Tagen Pelendurs blieb das Amt des Truchsessen bei den Nachkommen dieses Hauses, sodass eine ursprünglich vom König verliehene Stellung erblich wurde. Herion trat also nicht als Neuling in eine Würde ein, sondern in eine Familientradition, die zu seiner Zeit bereits mehrere Jahrhunderte zurückreichte. Über seine Kindheit, sein Geburtsjahr oder seine engere Verwandtschaft schweigen die Anhänge.

In der Reihe der Herrschenden Truchsesse steht er an dritter Stelle: vor ihm Eradan, nach ihm Belegorn, und am Anfang der Reihe Mardil, der die Regierung führte, nachdem der letzte König nicht zurückgekehrt war. Die Liste im Anhang verzeichnet die Namen in dieser Ordnung und fügt jedem eine Jahreszahl bei; über die Abstammung der Einzelnen sagt sie nichts. Tolkien hält lediglich allgemein fest, dass das Amt innerhalb des Hauses weitergegeben wurde — auf den Sohn oder, wo dieser fehlte, auf den nächsten Angehörigen. Welcher der beiden Fälle bei Herions Nachfolge auf Eradan vorlag, ist damit gerade nicht entschieden, und ein Vater-Sohn-Verhältnis lässt sich aus der bloßen Reihenfolge nicht ableiten.

Der Name selbst steht in den Werken ohne jede Erläuterung da: keine Übersetzung, keine Deutung, auch kein Beiname, wie ihn etwa Mardil mit dem Zusatz Voronwe trug. Seiner Form nach fügt Herion sich unauffällig in die Namengebung Gondors ein, deren Herrscherhäuser sich der Sindarin-Sprache bedienten; die Endung -on kehrt bei anderen Truchsessen wie Cirion, Turgon oder Ecthelion wieder. Das Anfangsglied Her- legt eine Verbindung zum elbischen Wort für „Herr“ nahe, das im Quenya als heru erscheint und etwa im Namen Herunúmen greifbar wird, mit dem ein númenórischer König seinen Anspruch auf die Herrschaft über den Westen ausdrückte. Dieser Vergleich bleibt jedoch ein Vergleich: Für Herions Namen ist keine Bedeutung überliefert, und der Rückschluss von einer ähnlich klingenden Silbe auf einen Sinn wäre eine Vermutung, keine Quelle.

Geschichte

Die Lage, in die Herion hineinwuchs, war rund ein Jahrhundert vor seinem Tod entstanden. Im Jahr 2050 des Dritten Zeitalters nahm Earnur, der letzte König aus dem Geschlecht Anárions, die Herausforderung des Herrn von Minas Morgul an; er ritt mit kleinem Gefolge zu jener Stadt und wurde nie wiedergesehen. Da niemand seinen Tod bezeugen konnte, kein unbestrittener Erbe zur Hand war und die Erinnerung an den Sippenstreit jede Wahl unter mehreren Anwärtern gefährlich erscheinen ließ, führte Mardil die Regierung einfach weiter. Was als vorläufige Ordnung gedacht war, verfestigte sich innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer Regel, und als Herion an die Reihe kam, war die Vorstellung eines rückkehrenden Königs bereits mehr Rechtsform als Erwartung.

Für Herion selbst nennen die Anhänge nur eine einzige Zahl, das Jahr 2148. Liest man sie, wie die Königs- und Truchsessenlisten es sonst tun, als Todesjahr, so ergibt sich der Beginn seiner Amtszeit aus der Zahl seines Vorgängers: 2116. Damit hätte er das Amt etwa zweiunddreißig Jahre geführt, eine Spanne, die im Rahmen des Üblichen liegt und weder auffällig kurz noch bemerkenswert lang ist. Es ist wichtig, den Charakter dieser Rechnung zu benennen: Sie ist eine Schlussfolgerung aus der Anordnung der Liste, keine ausdrückliche Angabe Tolkiens. Über Taten, Feldzüge, Bauten oder Entscheidungen dieser Jahre steht in den Anhängen nichts.

Dieses Schweigen hat einen erkennbaren Grund. Herions gesamte Amtszeit fällt in den Wachsamen Frieden, jenen langen Abschnitt, der 2063 begann, als Sauron Dol Guldur verließ und sich in den Osten zurückzog, und erst 2460 endete. In diesen vierhundert Jahren verzeichnet die Zeittafel für Gondor kaum ein Ereignis; die Ringgeister blieben still, und von den Grenzen kam keine Nachricht, die des Aufschreibens wert schien. Ein Truchsess dieser Jahrzehnte regierte also ein Reich, das weder angegriffen wurde noch selbst angriff, dessen Kräfte aber gleichwohl langsam abnahmen, weil die Bevölkerung dünner wurde und die alten Grenzlande sich entvölkerten. Herions Name steht mitten in dieser Ruhe, und die Annalen behandeln ihn entsprechend knapp.

Was das Amt in diesen Jahren bedeutete, lässt sich dagegen genauer angeben. Die Herrschenden Truchsesse regierten ausdrücklich im Namen des Königs und für die Zeit bis zu dessen Rückkehr; keiner von ihnen nahm die Krone, keiner setzte sich auf den alten Thron. Ihr Platz war ein Stuhl aus schwarzem Stein am Fuß der Stufen, ihr einziges Zeichen der Würde ein weißer Stab, und ihr Banner blieb weiß und ohne Bild, während das Zeichen mit Baum, Sternen und Krone dem König vorbehalten war. Auch begann mit ihnen keine neue Zählung der Jahre und keine neue Königsreihe. Herion hielt somit eine Stellung, deren Macht vollständig und deren Anspruch bewusst begrenzt war — eine Zurückhaltung, die zwei Jahrhunderte nach Earnurs Verschwinden schon nicht mehr selbstverständlich gewesen wäre.

Mit 2148 endete seine Amtszeit, und die Reihe setzte sich ohne erkennbaren Bruch fort: Belegorn übernahm das Amt und hielt es bis 2204, ehe Húrin I. folgte. Kein Beiname, kein Nachruf und keine Anekdote begleiten Herions Namen — anders als bei Mardil, dessen Standhaftigkeit ihm einen Zusatz eintrug, oder bei Cirion, den ein einziger Entschluss in die Erzählungen brachte. Im gleichen Zeitraum führten im Norden die Dúnedain-Häuptlinge das Erbe Isildurs in ähnlicher Stille weiter; die Liste nennt dort für Arahael, den zweiten von ihnen, das Jahr 2177. Beide Reihen laufen nebeneinander her und werden auf die gleiche Weise verzeichnet: als Namen mit Zahlen, ohne Geschichte. Was von Herion bleibt, ist somit weniger eine Lebensbeschreibung als ein Beleg dafür, dass die 2050 eingerichtete Ordnung trug — und dass sie es tat, weil auch die unauffälligen Glieder der Kette hielten.

Das Amt und seine Grenzen

Was ein Herrschender Truchsess vermochte, lässt sich nicht an Herion ablesen, sondern nur am Amt, das er innehatte. Die Gewalt, die er ausübte, war der Sache nach königlich: Oberbefehl über die Heere, Verantwortung für die Grenzen und die Verwaltung des Reiches, Entscheidung in allem, worüber sonst ein König entschieden hätte. Niemand stand über ihm, und keine Instanz konnte ihn abberufen. Begrenzt war allein der Rechtsgrund: Die Anhänge halten fest, dass die Truchsesse die Herrschaft im Namen des Königs übernahmen und nur für die Frist bis zu dessen Wiederkehr — eine Bedingung, die sich seit 2050 nicht mehr erfüllen ließ und dennoch nie aufgehoben wurde. Herion regierte somit mit ungeteilter Macht und ohne den Rang, der diese Macht getragen hätte.

Persönliche Fähigkeiten schreiben die Quellen ihm nicht zu, und es gibt auch keine Gattung von Kräften, die hier stillschweigend mitzudenken wäre. Die Truchsesse waren Menschen; die längere Lebensspanne, die den Nachkommen Númenors einst eigen gewesen war, hatte im Dritten Zeitalter bereits merklich abgenommen. Ein Machtmittel besonderer Art lag freilich in der Stadt: Der Sehende Stein von Minas Anor blieb nach dem Untergang der übrigen Steine im Weißen Turm und stand in der Obhut der Truchsesse. Berichtet wird sein Gebrauch jedoch erst von Denethor II., dem letzten der Reihe, und für Herion nennt keine Überlieferung einen Zugriff darauf. Was er an Wissen und Übersicht besaß, kam aus dem Archiv und der Verwaltung, nicht aus einem Werkzeug der Eldar.

Die eigentliche Leistung dieser Ordnung liegt darin, dass die Selbstbeschränkung Bestand hatte. Über nahezu tausend Jahre und durch die ganze Reihe hindurch bis zu Denethor II. hat kein Truchsess den Vorbehalt aufgekündigt, obwohl keine Macht ihn daran gehindert hätte. Erst als der Erbe Isildurs vor der Stadt stand, wurde das Amt tatsächlich zurückgegeben: Faramir legte das Zeichen seiner Würde in die Hand des Königs, und dieser gab es ihm zurück, sodass die Truchsessenwürde als erbliches Dienstamt unter einem König weiterbestand. Herion gehört in die lange, ereignisarme Mitte dieser Reihe — in jene Jahrzehnte, in denen niemand die Grenze prüfte, weil niemand sie anzweifelte.

Sippe, Vorgänger und der abwesende König

Beziehungen im gewöhnlichen Sinn — Eltern, Geschwister, eine Gemahlin, Kinder — sind für Herion nirgends verzeichnet. Was ihm zugeschrieben wird, ist eine bloße Zugehörigkeit: die zum Haus Húrin. Sie bindet ihn an eine Sippe, nicht an bestimmte Personen, und aus ihr lässt sich keine einzige Verwandtschaft namhaft machen. Dass dies eine Eigenheit der frühen Truchsesse ist und nicht der Überlieferung überhaupt, zeigt der Blick auf das Ende der Reihe: Dort nennt Tolkien die Verhältnisse ausdrücklich, wenn er Denethor II. als Sohn Ecthelions II. und Boromir und Faramir als dessen Söhne einführt. Wo die Erzählung Personen braucht, gibt sie deren Bindungen an; wo sie nur eine Ordnung fortschreibt, genügen ihr Namen.

Die einzige Beziehung, die sein Amt ausdrücklich stiftet, richtet sich auf einen Abwesenden. Ein Truchsess hatte einen Herrn, in dessen Namen er handelte, und dieser Herr war zu Herions Zeit seit fast einem Jahrhundert kein Mensch mehr, sondern eine Rechtsfigur. Damit stand er auch in einem Verhältnis zu seinen Vorgängern, das über die Reihenfolge hinausging: Er übernahm mit der Gewalt zugleich die Deutung, die Mardil dem Ausbleiben des Königs gegeben hatte, und gab sie unverändert weiter. Die Treue der Truchsesse galt insofern weniger einer Person als einem offen gehaltenen Platz.

Ebenso leer bleibt die Gegenseite. Für Herions Jahrzehnte nennt die Zeittafel keinen Feind, keinen Krieg und keine Verhandlung; auch der Herr von Minas Morgul, der zwei Generationen zuvor noch als Herausforderer aufgetreten war, tritt in diesen Jahren nicht in Erscheinung. Bündnisse fehlen gleichermaßen: Die Verbindung mit den Rohirrim, die Gondors auswärtige Beziehungen für den Rest des Zeitalters bestimmen sollte, kam erst im Jahr 2510 zustande, mehr als dreieinhalb Jahrhunderte nach Herions Tod, und jene Reiter saßen zu seiner Zeit noch weit im Norden an den oberen Läufen des Anduin. Was von seinem Beziehungsgeflecht übrig bleibt, ist damit die Liste selbst — ein Name zwischen zwei anderen, ohne Vater, ohne Sohn, ohne Gegner.