Name und Benennung
Dol Guldur ist ein sindarinischer Name aus zwei Gliedern. Das erste, „dol“, bedeutet eigentlich „Kopf“ und wird im Elbischen häufig auf Hügel und Bergkuppen übertragen. Im zweiten Glied verbinden sich „gûl“, ein Wort für Zauberei und finstere Kunst, und „dûr“, „dunkel“. Daraus ergeben sich die geläufigen Wiedergaben „Hügel der Zauberei“ und, etwas genauer, „Hügel der dunklen Zauberei“. Dasselbe Element „gûl“ steckt auch in Minas Morgul und im Namen des Morgultals, die damit sprachlich in dieselbe Familie gehören. Im Silmarillion heißt der Herr des Ortes entsprechend der Zauberer von Dol Guldur: Der Name der Stätte bestimmt hier die Bezeichnung ihres Bewohners, nicht umgekehrt.1
Im Hobbit bleibt die Feste ohne Eigennamen. Gandalf spricht dort nur von den Verliesen des Necromancers, und so beschreibt die Wendung „die Feste des Necromancers“ den Ort allein über denjenigen, der ihn bewohnt. Erst im Herrn der Ringe und in dessen Anhängen erscheint der Name Dol Guldur, nun für den Sitz jener Macht im südlichen Düsterwald, deren Wesen lange im Dunkeln lag. Bezeichnend ist, dass die Überlieferung den Ort nur in elbischer Form kennt: Der Name hält fest, was man ihm von außen ansah und zuschrieb, nicht, wie sein Herr ihn selbst nannte.2
Älter als Dol Guldur ist der Name Amon Lanc, ebenfalls Sindarin, der „Nackter Hügel“ bedeutet. Er bezeichnete die höchste Erhebung im Süden des Waldes, der damals noch Grünwald hieß, und verdankte sich einem schlichten Befund: Auf ihrem Gipfel wuchsen keine Bäume. Amon Lanc ist damit ein rein beschreibender Landschaftsname, der von der Gestalt des Hügels spricht und nichts über dessen Gebrauch aussagt. Zwischen dem nüchternen alten und dem unheilvollen jüngeren Namen liegt der Wandel des Ortes selbst, den die Benennung getreu nachzeichnet.3
Lage und Umgebung
Dol Guldur lag im Süden des Düsterwaldes, im südwestlichen Teil jenes großen Waldgebiets östlich des Anduin. Damit befand sich die Feste auf der anderen Seite des Stromtals, Lothlórien schräg gegenüber, und die beiden Orte standen einander über den Fluss hinweg wie zwei Gegenpole gegenüber. Im Herrn der Ringe wird diese Nähe greifbar, als die Gefährten auf dem Hügel Cerin Amroth stehen: Nach Osten hin, jenseits des Anduin, erkennt Frodo eine Zone der Düsternis über dem Wald, und Haldir nennt sie die Stätte, an der sich der Feind verborgen hält. Lórien und die Feste lagen also in Sichtweite, getrennt nur durch das Flusstal und die Ebenen an seinem Ostufer.1
Der Hügel selbst erhob sich aus einem Hochland im Südwesten des Waldes und überragte dessen übrige Erhebungen. Nach den Berichten der Unvollendeten Geschichten war die Gegend um ihn ursprünglich Land der Waldelben, die in den Wäldern östlich des Anduin lebten. Ihr Reich hatte seinen Schwerpunkt damals noch im Süden und verlagerte sich erst im Lauf der Zeit weit nach Norden, sodass die Anhöhe im Dritten Zeitalter abseits jeder elbischen Herrschaft lag. Diese Abgelegenheit, fern von den Wegen der Menschen und Zwerge und doch in Reichweite des Anduin, gehört zu dem, was den Ort als Versteck geeignet machte.2
Als Bauwerk war Dol Guldur eine Festung mit unterirdischen Anlagen; der Hobbit kennt ihre Verliese, die Anhänge sprechen von Gruben, die bei der Zerstörung offengelegt wurden. Prägend war zudem die Wirkung auf die Umgebung: Der Schatten, der von hier ausging, verdunkelte den südlichen Wald so nachhaltig, dass Gandalf im Hobbit davon abrät, den Düsterwald im Süden zu umgehen, weil dieser Weg geradewegs in das Land des Necromancers führe. Die Feste bestimmte also nicht nur ihren eigenen Hügel, sondern den Charakter eines ganzen Landstrichs. Auch die spätere Ordnung des Waldes nahm auf diese Lage Bezug: Nach dem Ringkrieg fiel das südliche Waldgebiet, in dem die Feste gestanden hatte, als Ost-Lórien unter die Herrschaft Celeborns, während der Norden an Thranduil ging.3
Geschichte
Über die Frühzeit des Hügels berichten die Chroniken wenig; sicher ist nur, dass die Waldelben ihn längst aufgegeben hatten, als der Schatten in den Süden des Waldes kam. Nach der Zeittafel der Anhänge fiel um das Jahr 1050 des Dritten Zeitalters erstmals eine Verdunkelung auf den Grünwald, und die Menschen begannen, ihn Düsterwald zu nennen. Etwa ein halbes Jahrhundert später, um 1100, erkannten die Weisen, also die Istari und die Häupter der Eldar, dass sich eine böse Macht auf dem Hügel eine Feste geschaffen hatte. Wer dort herrschte, blieb offen. Die Weisen hielten ihn zunächst für einen der Nazgûl und nicht für ihren alten Feind selbst.1
Fast tausend Jahre vergingen, bevor jemand gegen die Feste vorging. Im Jahr 2063 drang Gandalf nach Dol Guldur vor. Der Herr des Ortes stellte sich ihm nicht, sondern wich nach Osten aus und verbarg sich dort. Damit begann eine Zeit, die als der Wachsame Friede bekannt wurde, eine lange Ruhe, in der die Weisen den Süden des Waldes nicht aus den Augen ließen. Nach dem Silmarillion hielt diese Ruhe lange an, doch der Rat blieb im Unklaren, ob der Vertriebene wirklich gebrochen oder nur verborgen war. Um 2460 endete der Friede, und der Necromancer kehrte mit gewachsener Stärke in seine Feste zurück.2
In den folgenden Jahrhunderten wurde Dol Guldur zu einem Ort, an dem Gefangene verschwanden. Im Jahr 2845 geriet Thráin, der Erbe des Königs unter dem Berge, auf seiner Wanderschaft in die Gewalt des Necromancers und wurde in dessen Verliese gebracht, wo man ihm den letzten der Sieben Ringe abnahm. Im Jahr 2850 kam Gandalf ein zweites Mal heimlich in die Feste. Er fand dort den sterbenden Thráin und erhielt von ihm den Schlüssel zum Erebor, den er Jahrzehnte später an Thorin weitergab. Vor allem aber gewann Gandalf nun Gewissheit, dass der Herr des Ortes Sauron war. Er stellte fest, dass Sauron die Ringe der Macht an sich zog und nach dem Einen Ring sowie nach Isildurs Erben forschte.3
Gandalfs Entdeckung führte nicht sofort zum Handeln. Als der Weiße Rat im Jahr 2851 zusammentrat und Gandalf auf einen Angriff drängte, setzte sich Saruman gegen ihn durch. Das Silmarillion deutet an, dass Saruman den Einen Ring inzwischen für sich selbst begehrte und darauf hoffte, dieser werde sich zeigen, wenn Sauron unbehelligt bliebe. Erst im Jahr 2941 stimmte der Rat einem Vorgehen zu. Im Hobbit fällt dieser Schlag in die Zeit von Bilbos Fahrt, und er erklärt, warum Gandalf die Gesellschaft am Rand des Düsterwaldes verlässt. Der Rat vertrieb den Necromancer aus seiner Feste im Süden des Waldes. Sauron hatte den Angriff jedoch vorausgesehen und seine Flucht längst vorbereitet. Im folgenden Jahr, 2942, kehrte er heimlich nach Mordor zurück.4
Der Sieg des Rates hielt nicht lange vor. Im Jahr 2951 trat Sauron offen hervor und begann mit dem Wiederaufbau von Barad-dûr. Zugleich schickte er drei der Nazgûl in den Süden des Düsterwaldes, damit sie die verlassene Feste wieder besetzten. Dol Guldur war damit kein Herrensitz mehr, sondern ein vorgeschobener Stützpunkt Mordors am Anduin. Nach den Unvollendeten Geschichten führte dort Khamûl, der Schatten des Ostens, als Statthalter das Kommando. Er stand im Rang unmittelbar nach dem Hauptmann der Ringgeister und rückte im Jahr des Ringkriegs zu Beginn der Suche nach dem Ring zusammen mit den anderen Neun aus.5
Im Ringkrieg wurde die Feste zum Ausgangspunkt der Angriffe auf die Elbenländer. Im März 3019 griffen Heere aus Dol Guldur Lórien dreimal an, am elften, am fünfzehnten und am zweiundzwanzigsten des Monats. Die Anhänge schreiben es der Macht der Herrin zu, dass das Goldene Waldland nicht fiel; nur durch das Eingreifen Saurons selbst hätte es bezwungen werden können. Am fünfzehnten März schlug Thranduil zudem in einer Schlacht unter den Bäumen des nördlichen Waldes die Streitkräfte Dol Guldurs zurück. Nach dem Sturz Saurons setzte Celeborn am achtundzwanzigsten März mit den Heeren Lóriens über den Anduin, und die Feste wurde eingenommen. Galadriel riss ihre Mauern nieder und legte ihre Gruben bloß, sodass der Wald von ihrem Einfluss befreit wurde. Die spätere Neuordnung des Waldes, die schon an anderer Stelle beschrieben ist, schloss sich unmittelbar daran an.6
- 1Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 2Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age
- 3Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Herr der Ringe, Anhang A, III, Durin's Folk; Der Hobbit, Kapitel 1, An Unexpected Party
- 4Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Hobbit, Kapitel 19, The Last Stage; Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age
- 5Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Nachrichten aus Mittelerde, The Hunt for the Ring
- 6Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
Bewohner und Herrschaft
Bevor die Feste entstand, gehörte die Gegend um den Nackten Hügel zu den Siedlungsgebieten der Waldelben. Die Unvollendeten Geschichten verbinden das frühe Reich Oropher, des Vaters Thranduils, mit diesem Teil des Waldes. Das Volk lebte in den Bäumen und auf den Lichtungen, nicht in Burgen, und von einer elbischen Befestigung des Hügels weiß die Überlieferung nichts. Die spätere Herrschaft über den Ort knüpfte daher an keine ältere Ordnung an. Wer sich hier festsetzte, übernahm kein Erbe, sondern besetzte ein Land, das seine früheren Bewohner geräumt hatten.1
Die Herrschaft in Dol Guldur war die eines einzigen, verborgenen Herrn. Einen Hofstaat, eine Erbfolge oder benannte Diener aus der langen Zeit des Necromancers nennen die Quellen nicht. Sichtbar wird nur, wie diese Herrschaft nach außen wirkte. Das Silmarillion beschreibt sie als eine Macht, die sich auf Furcht gründete: Alle Völker ringsum fürchteten den Zauberer auf dem Hügel, ohne zu wissen, wer er war. Der Hobbit ergänzt das Bild um die Verliese, in denen Gefangene festgehalten wurden. Dol Guldur war damit kein Gemeinwesen mit eigener Bevölkerung, sondern ein Machtsitz, dessen Ordnung aus Verbergen, Gewalt und Einschüchterung bestand. Erst in der letzten Phase, unter den Ringgeistern, erhielt der Ort eine erkennbare Befehlsstruktur als Außenposten Mordors.2
Zu den Nachbarn bestand kein Verhältnis des Austauschs, sondern eines der Abwehr. Die Waldelben unter Thranduil hatten ihr Königreich im Norden und Nordosten des Waldes und mieden den Süden. Im Westen, jenseits des Stroms, stand Lórien unter der Obhut Galadriels und Celeborns. Beide Elbenreiche flankierten die Feste, ohne je Herrschaft über ihr Gebiet auszuüben. Auch die Menschen und Zwerge, die den Wald durchqueren mussten, hielten sich vom Süden fern. Die Grenzen zwischen Dol Guldur und seiner Umgebung wurden nicht durch Verträge gezogen, sondern durch Vorsicht und Misstrauen. Erst der Ringkrieg löste diese Lage auf und machte den Weg frei für die bereits geschilderte Neuverteilung des Waldes.3
In der Erzählung
Im Hobbit betritt die Erzählung Dol Guldur nie. Der Ort bleibt am Rand der Handlung, eine Gefahr, von der man nur hört und deren Nähe den Weg der Zwerge mitbestimmt. Seine eigentliche erzählerische Aufgabe ist eine Abwesenheit: Gandalf trennt sich am Waldrand von Bilbo und den Zwergen, weil ihn dringende Geschäfte im Süden rufen, und die Gesellschaft muss den Düsterwald ohne ihn bestehen. Was er dort tat, erfährt der Leser erst ganz am Schluss und nur beiläufig, als Gandalf von der Ratsversammlung berichtet, die den Necromancer vertrieben habe. Die Feste wirkt so wie ein zweiter Schauplatz hinter dem sichtbaren, dessen Ereignisse das Abenteuer ermöglichen, ohne je selbst erzählt zu werden.1
Der Herr der Ringe deutet diese Randfigur rückwirkend um. Als Gandalf Frodo im Auenland die Geschichte des Ringes darlegt, gibt er zu erkennen, dass der vertriebene Necromancer niemand anderes als Sauron war, der sich danach in sein altes Reich zurückgezogen habe. Was im Kinderbuch eine unbestimmte Bedrohung am Kartenrand war, wird damit zur Vorgeschichte des Ringkriegs. Auch im Rat von Elrond kommt Gandalf auf seine Erkundungen dort zurück. Dol Guldur wird so zum Scharnier zwischen beiden Büchern: Hier berühren sich die kleine Geschichte eines Hobbits und die große eines Zeitalters.2
Für die Gefährten bleibt die Feste ein fernes Dunkel, das sie vom Goldenen Wald aus nur als Schatten erkennen. Das Innere des Ortes schildert keines der Bücher. Es gibt nur Gerücht, Bericht und Wirkung, und darin liegt seine Bedeutung. Dol Guldur steht für das Böse, das sich verbirgt und unter geringerem Namen wirkt, sodass selbst die Weisen es lange falsch einschätzen. Zugleich bildet es das Gegenbild zu Lórien, dessen Licht ihm über den Strom hinweg standhält. Dass sein Ende nicht in der Haupthandlung, sondern nur in wenigen Zeilen der Zeittafel festgehalten wird, entspricht dieser Stellung am Rand der Erzählung.3
In Verfilmungen und Hörspielen
Sichtbar wird Dol Guldur erst in Peter Jacksons Hobbit-Trilogie, die den Ort aus einer Randbemerkung zu einem eigenen Handlungsstrang ausbaut. Schon im ersten Film sucht Radagast, gespielt von Sylvester McCoy, die Feste auf, in den beiden folgenden Teilen reist Gandalf, dargestellt von Ian McKellen, selbst dorthin. Den Necromancer gibt Benedict Cumberbatch, der mit Stimme und Bewegungserfassung zugleich den Drachen Smaug verkörpert. Die Filme verlegen dabei in die Zeit von Bilbos Fahrt, was im Buch Jahrzehnte auseinanderliegt: Die Begegnung mit dem gefangenen Thráin, in der erweiterten Fassung des zweiten Films von Antony Sher gespielt, fällt dort mit dem Angriff des Rates zusammen, während Tolkien sie rund neunzig Jahre früher ansetzt. Auch die Rolle der Ringgeister ist vorgezogen; nach den Anhängen besetzten drei von ihnen die Feste erst, nachdem Sauron sie verlassen hatte.1
Weitere Abweichungen betreffen den Angriff selbst und die Rolle der Feste im Krieg um den Erebor. Der Schlag des Weißen Rates, den das Buch nur in einem nachträglichen Bericht erwähnt, wird im dritten Film als Kampf ausgeführt, an dem Galadriel (Cate Blanchett), Elrond (Hugo Weaving) und Saruman (Christopher Lee) unmittelbar beteiligt sind. Zudem machen die Filme Dol Guldur zum Sammelplatz des Orkheeres, das gegen den Einsamen Berg zieht, und stellen den Ork Azog an dessen Spitze, der nach den Anhängen zu dieser Zeit längst tot war. In Jacksons früherer Herr-der-Ringe-Trilogie spielt die Feste dagegen keine erkennbare Rolle: Weder die Angriffe auf Lórien noch ihre Einnahme und Schleifung nach Saurons Sturz werden dort aufgegriffen, sodass ihr Ende auch im Film am Rand der großen Geschichte bleibt.2