Name und Benennung

Der Ort trägt zwei Namen, die zwei Zeitalter seiner Deutung spiegeln. Der ursprüngliche lautet Minas Ithil, sindarinisch für „Turm des Mondes“; ausführlicher heißt er der Turm des aufgehenden Mondes. Die Benennung geht auf die Gründer Gondors zurück: Isildur errichtete die Festung an einem Ausläufer des Schattengebirges, während sein Bruder Anárion im Westen, am Fuß des Weißen Gebirges, Minas Anor erbaute, den Turm der untergehenden Sonne. Die beiden Namen sind als Gegenstück gedacht. Der Mond steigt im Osten auf, wo Isildurs Turm stand, die Sonne sinkt im Westen, wo Anárions Turm lag, und so bildet das Namenspaar zugleich die Lage der beiden Festungen und ihre Zuordnung zu den Brüdern ab.1

Der zweite Name, Minas Morgul, ist kein Gründungsname, sondern eine Umbenennung von außen. Die Chronik des Dritten Zeitalters verzeichnet ihn für die Zeit, nachdem die Ringgeister den Turm eingenommen hatten; von da an galt er als Turm der Schwarzen Kunst, und die Menschen Gondors sprachen von ihm nur noch unter dieser Bezeichnung. Der neue Name blieb nicht auf das Bauwerk beschränkt, sondern ging auf seine Umgebung über: Das Tal, in dem die Festung liegt, heißt fortan Morgultal, und auch die Straße, die dort hindurchführt, trägt seinen Namen. Mit der Umbenennung verband sich auch eine Antwort auf der anderen Seite, denn Minas Anor erhielt in der Folge den Namen Minas Tirith, Turm der Wacht.2

Sprachlich sind beide Namen durchsichtig gebaut. Das Element „minas“ bezeichnet einen Turm, „ithil“ den Mond, das auch im Landschaftsnamen Ithilien wiederkehrt. „Morgul“ setzt sich aus „mor“, dunkel oder schwarz, und „gul“, Zauberei, zusammen; dieselben Bestandteile begegnen in Mordor, dem Schwarzen Land, und in Dol Guldur. Die Umbenennung tauscht damit nur ein einziges Glied des Namens aus: Aus dem Himmelskörper, der dem Turm seinen Glanz lieh, wird die dunkle Kunst seiner neuen Herren. Ausgesprochen wird das „g“ in Morgul stets hart.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 2, The Council of Elrond
  2. 2Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 8, The Stairs of Cirith Ungol
  3. 3Das Silmarillion, Anhang, Elements in Quenya and Sindarin Names; Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age

Lage und Gestalt

Minas Morgul liegt am westlichen Rand des Schattengebirges, jener Bergkette, die Mordor nach Westen hin abschirmt. Die Festung erhebt sich nicht auf einem freien Gipfel, sondern in einem tief eingeschnittenen Tal, das sich von den Bergen nach Westen gegen Ithilien öffnet. Von dort führt eine alte Straße heran: Sie kommt vom Anduin und von den Ruinen von Osgiliath, quert die große Wegkreuzung, an der die Nord-Süd-Straße zwischen dem Schwarzen Tor und dem fernen Süden verläuft, und biegt dann ostwärts in das Tal ein. Wer ihr folgt, verlässt das grüne Grenzland Gondors und gelangt ohne weiteren Übergang in den Machtbereich des Turms. So bezeichnet der Ort eine Schwelle zwischen dem, was Gondor einst gehörte, und dem Land dahinter.1

Mauern und Turm stehen auf einem felsigen Sockel an den unteren Hängen des Gebirges, jenseits eines Baches, der das Tal durchfließt. Die Straße überquert ihn auf einer hellen Brücke und läuft geradewegs auf das Tor zu. Zu beiden Seiten des Wassers breiten sich Wiesen mit bleichen, schwach schimmernden Blüten aus, deren Geruch den Wanderern übel aufstößt. Das auffälligste Merkmal der Anlage ist ihr Licht: Die Steine glimmen in einem kalten, fahlen Schein, der nichts mehr mit dem klaren Glanz gemein hat, der einst von den Mauern des Mondturms ausging. Der Turm selbst ist in mehreren Stufen aufgebaut, seine Spitze dreht sich langsam, und die dunklen Fensteröffnungen wirken auf die Betrachter wie Augen, die ins Tal hinabspähen.2

Hinter der Festung ist das Tal nicht zu Ende. Die Straße setzt sich tiefer in die Berge fort, und von ihr zweigt ein schmaler Pfad ab, der an der Flanke des Tals in steilen Treppen aufwärts führt. Oben liegt der Pass von Cirith Ungol, über den ein verborgener Weg nach Mordor hinüberführt; bewacht wird er von einem eigenen Turm auf der Passhöhe. Die Lage des Morgultals verbindet damit zwei Übergänge: den breiten, von der Festung beherrschten Heerweg und den abgelegenen Steig darüber. Gerade diese Nähe macht den heimlichen Pfad gefährlich, denn wer ihn nehmen will, muss zuerst unter den Mauern des Turms vorbei.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 7, Journey to the Cross-roads; Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 8, The Stairs of Cirith Ungol
  2. 2Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 8, The Stairs of Cirith Ungol
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 8, The Stairs of Cirith Ungol; Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 9, Shelob's Lair

Geschichte

Die Festung entstand am Ende des Zweiten Zeitalters, als Elendil und seine Söhne nach dem Untergang Númenors in Mittelerde die Reiche im Exil gründeten; die Chronik setzt diese Gründung in das Jahr 3320. Isildur wählte den Mondturm zu seinem Sitz, und vor seinem Haus pflanzte er einen Schössling des Weißen Baumes, der aus Númenor gerettet worden war. Zwischen seinem Turm und dem seines Bruders lag Osgiliath, von wo aus beide das Reich gemeinsam regierten. Zur Ausstattung von Minas Ithil gehörte zudem einer der Sehenden Steine, die Elendil mitgebracht hatte. In dieser Frühzeit war der Turm ein vorgeschobener Wachposten: Er stand dem Land Mordor näher als jede andere Festung Gondors und war darum zugleich dessen stärkster Schild und dessen verwundbarste Stelle.1

Diese Nähe wurde dem Turm früh zum Verhängnis. Im Jahr 3429 des Zweiten Zeitalters griff Sauron Gondor an, nahm Minas Ithil ein und verbrannte den Weißen Baum, der dort wuchs. Isildur entkam mit einem Setzling des Baumes, fuhr den Anduin hinab und wandte sich zu seinem Vater in den Norden. Der Verlust blieb nicht von Dauer: Das Letzte Bündnis von Elben und Menschen warf Sauron im Jahr 3441 nieder, und der Turm kam wieder in die Hand Gondors. Den geretteten Setzling pflanzte Isildur jedoch nicht an seinem alten Sitz, sondern im zweiten Jahr des neuen Zeitalters in Minas Anor.2

Über lange Jahrhunderte des Dritten Zeitalters blieb Minas Ithil eine Grenzfestung, deren Aufgabe die Überwachung Mordors war. Diese Wache verfiel nach der Großen Pest von 1636, die Gondor schwer entvölkerte; die Festungen an den Pässen des Schwarzen Landes wurden nicht mehr bemannt, und die Aufsicht über Mordor erlosch. Die Lücke nutzte der Feind: Um 1980 kam der Hexenkönig nach Mordor und sammelte dort die übrigen Ringgeister um sich. Im Jahr 2000 brachen die Nazgûl hervor und schlossen Minas Ithil ein. Nach zwei Jahren Belagerung fiel der Turm 2002, und mit ihm geriet auch sein Sehender Stein in die Gewalt des Feindes.3

Aus der eroberten Festung wurde der Sitz des Hexenkönigs und seiner Gefährten. Das einstige Licht des Turms verkehrte sich in einen Schein, der Furcht einflößte, sodass niemand mehr den Blick darauf richten mochte. Von hier aus forderte der Herr von Morgul den König von Gondor heraus: Im Jahr 2043, als Earnur die Krone übernommen hatte, erging die erste Herausforderung zum Zweikampf, die der König noch zurückwies. Als sie 2050 erneuert wurde, ritt Earnur mit kleinem Gefolge zum Tor der Festung und kehrte nie zurück. Da er keinen Erben hinterließ, trat Mardil als erster regierender Truchsess an die Spitze des Reiches, und die Reihe der Könige im Süden brach für fast tausend Jahre ab.4

In den folgenden Jahrhunderten lastete der Schatten des Ostens zunehmend auf dem Land vor den Bergen. Um 2901 verließen die meisten verbliebenen Bewohner Ithiliens ihre Heimat, weil Uruks aus Mordor sie immer wieder überfielen; Gondor legte daraufhin die verborgene Zuflucht Henneth Annûn an, um das Gebiet wenigstens heimlich weiter zu überwachen. Als der Schicksalsberg 2954 erneut in Flammen ausbrach, flohen auch die letzten Siedler über den Anduin. Damit lag der Landstrich zwischen dem Fluss und dem Morgultal weitgehend verlassen, und die Festung stand ihrem Gegenüber am Weißen Gebirge ohne bewohntes Vorland gegenüber.5

Ihre letzte große Rolle spielte die Festung im Ringkrieg. Am 10. März 3019, dem Tag ohne Morgen, öffnete sich ihr Tor, und der Hexenkönig führte ein gewaltiges Heer nach Westen gegen Gondor; Frodo, Sam und Gollum sahen den Aufbruch vom Beginn des Treppenpfades aus. Weil die Besatzung damit großenteils ausgezogen war, blieb der Weg hinauf nach Cirith Ungol unbemerkt. Der Heerführer kehrte nicht zurück, denn er fiel am 15. März auf den Pelennor-Feldern. Nach dem Sieg bestimmte Aragorn, als er Faramir zum Fürsten von Ithilien einsetzte, dass der Turm im Morgultal völlig zerstört werden solle; das Tal möge vielleicht eines Tages gereinigt werden, bewohnen dürfe es aber auf viele Jahre niemand.6

  1. 1Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
  2. 2Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
  3. 3Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) Gondor and the Heirs of Anárion; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
  4. 4Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age
  5. 5Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
  6. 6Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 8, The Stairs of Cirith Ungol; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 6, The Battle of the Pelennor Fields; Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 5, The Steward and the King

Bewohner und Herrschaft

Solange der Turm zu Gondor gehörte, war er ein Sitz der Dúnedain aus Númenor. Isildur hielt hier Hof als Mitregent seines Bruders, und seine Festung war zugleich Wohnstatt seiner Familie und seines Gefolges. Nach dem Sieg über Sauron verließ er den Süden und überließ die Herrschaft über Gondor Meneldil, dem Sohn Anárions. Von da an unterstand Minas Ithil den Königen aus Anárions Linie. Der Turm war kein eigener Herrschaftsbereich mehr, sondern eine königliche Grenzfestung mit Besatzung, und die Menschen im umliegenden Ithilien waren Untertanen des südlichen Reiches.1

Mit der Eroberung ging die Herrschaft an die Ringgeister über. Ihr Anführer war der Hexenkönig, der zuvor als König von Angmar das nördliche Reich bekämpft hatte und nun den Titel des Herrn von Morgul führte. Die Neun wohnten gemeinsam in der Festung, doch sie herrschten nicht aus eigenem Recht. Sie hielten den Ort für Sauron, dessen oberster Heerführer der Hexenkönig war, und bereiteten dort seine Rückkehr nach Mordor vor. Die eigentliche Besatzung bestand aus Orks, die dem Befehl des Turms gehorchten. Von hier aus brachen die Neun auch auf, als Sauron sie aussandte, um nach dem Einen Ring zu suchen.2

Die Nachbarn des Turms standen ihm fast alle feindlich gegenüber, auch innerhalb des eigenen Lagers. Jenseits des verlassenen Ithilien hielten nur noch verborgene Späher Gondors Wache, die das Morgultal selbst mieden. Oberhalb des Tals lag der Wachturm von Cirith Ungol, einst von Gondor errichtet und später von Orks besetzt, die unter einem eigenen Hauptmann standen. Zwischen dessen Leuten unter Schagrat und den Orks aus Minas Morgul unter Gorbag herrschte offenes Misstrauen. Als beide Trupps um die Beute aus Frodos Gepäck in Streit gerieten, rieben sie sich im Turm gegenseitig fast völlig auf. Die gemeinsame Unterwerfung unter Mordor hob diese Rivalität nie auf.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) Gondor and the Heirs of Anárion; Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age
  2. 2Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) Gondor and the Heirs of Anárion; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Nachrichten aus Mittelerde, Teil 3, IV, The Hunt for the Ring
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 10, The Choices of Master Samwise; Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 1, The Tower of Cirith Ungol

In der Erzählung

Lange bevor jemand das Morgultal betritt, ist sein Name in der Geschichte gegenwärtig. Nach dem Überfall an der Wetterspitze erkennt Gandalf in Bruchtal, dass die Klinge, die Frodo verwundet hat, eine Morgul-Waffe war. Damit reicht der ferne Turm schon in den ersten Teil der Reise hinein, als Herkunft einer Wunde, die nicht heilen will. Für die Hobbits bleibt er zunächst ein bloßes Wort. Erst im Süden, als Gollum den Weg über die Berge wählt, wird aus dem Namen ein Ort, an dem die Wanderer vorbeimüssen.1

Die eigentliche Szene am Turm ist weniger ein Geschehen als eine Prüfung. Als Frodo das Tor erblickt, spürt er einen Zug, der ihn die Straße hinauf zur Brücke drängen will, und seine Hand tastet nach dem Ring. Sam und Gollum müssen ihn zurückhalten, und Gollum treibt zur Eile. Als später der Herr des Turms auf der Brücke anhält, als wittere er etwas, weicht Frodos Hand vom Ring ab und schließt sich um das Sternenglas der Herrin. Unmittelbar darauf verfällt Frodo in Verzweiflung, weil er glaubt, der Auszug des Heeres mache seinen Auftrag sinnlos; er fasst sich erst wieder, als er an den Weg denkt, der noch vor ihm liegt.2

In der Anlage des Buches bildet der Turm ein Scharnier. Hier trennen sich die beiden Erzählstränge sichtbar: Das Heer zieht westwärts in den Krieg, von dem das fünfte Buch berichtet, während die beiden Hobbits im Dunkeln aufwärts steigen. Zugleich steht Minas Morgul als Spiegelbild der Stadt jenseits des Flusses. Es ist keine fremde Schöpfung des Feindes, sondern ein Werk Gondors, das verdorben wurde, und gerade darin liegt sein Schrecken. Der Ort zeigt, was die Macht Mordors mit dem Schönen tut: Sie zerstört es nicht, sie verkehrt es.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 1, Many Meetings
  2. 2Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 8, The Stairs of Cirith Ungol
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 8, The Stairs of Cirith Ungol; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 1, Minas Tirith

Verfilmungen und Hörspiele

Unter den älteren Bearbeitungen kommt der Turm im Morgultal nicht in jeder Fassung vor. Ralph Bakshis Zeichentrickfilm von 1978 erzählt nur etwa die erste Hälfte der Geschichte und bricht nach der Schlacht bei Helms Klamm ab. Der Weg von Frodo und Sam reicht darin nicht bis an die Schwelle des Schattengebirges, und der geplante zweite Teil, der das Morgultal hätte zeigen müssen, wurde nie gedreht. Für die Bühne des Kinos erhielt die Festung ihre eigentliche Gestalt deshalb erst in Peter Jacksons Trilogie, deren Filme zwischen 2001 und 2003 erschienen. Dort ist sie Schauplatz und Ausgangspunkt, nicht nur ein Name, und sie erscheint ausschließlich als Sitz des Feindes. Eine Figur, die den Ort verkörpert, gibt es naturgemäß nicht; er wirkt allein über das, was an ihm geschieht.1

Die auffälligste Abweichung bei Jackson betrifft die Anordnung der Handlung. Im Roman gehören die Ankunft der Hobbits im Morgultal und der Auszug des Heeres noch zum vierten Buch und damit zum zweiten Band. Der Film verschiebt diesen Abschnitt in den dritten Teil, „Die Rückkehr des Königs“ von 2003, und verschränkt ihn dort unmittelbar mit dem Krieg um Gondor, statt die beiden Stränge wie das Buch nacheinander zu erzählen. Auch der Weg an den Turm heran ist verändert: Weil Faramir die Hobbits im zweiten Film zunächst nach Osgiliath mitnimmt, statt sie von seinem Versteck in Ithilien aus ziehen zu lassen, führt ihre Route anders an das Tal heran als im Roman. Erhalten bleibt dagegen der Kern der Szene, nämlich der Sog, den das Tor auf Frodo ausübt, und der Aufstieg zum Pass, während das Heer die Festung verlässt. Aragorns spätere Verfügung, den Turm zu schleifen und das Tal unbewohnt zu lassen, findet in den Filmen keinen Platz.2

  1. 1Der Herr der Ringe (Film 1978), 1978; Der Herr der Ringe (Filmtrilogie), 2001–2003
  2. 2Der Herr der Ringe (Filmtrilogie), 2001–2003