Rolle und Fähigkeiten

Im Gefüge von Saurons Herrschaft standen die Neun an oberster Stelle: Sie führten Heere, überbrachten Weisungen und wurden dorthin geschickt, wo ihrem Herrn am meisten an der Sache lag. Eigene Absichten verfolgten sie nicht mehr. Gandalf legte im Rat dar, dass ihr Wille dem Saurons einverleibt war, sodass sie weder abweichen noch säumen konnten, wenn er sie rief; die neun Ringe selbst hatte er längst wieder an sich genommen und verwahrte sie. Darin lag zugleich ihre Unverwundbarkeit und ihre Abhängigkeit: Solange der Herrschende Ring bestand, war ihr Dasein nicht an den Leib gebunden und durch Waffen im gewöhnlichen Sinne nicht zu beenden, doch besaßen sie auch nichts, was ihnen ohne ihn geblieben wäre.

Ihre Wirkung beruhte, wie schon gesagt, vor allem auf dem Schrecken, den sie vorausschickten; hinzu traten wenige, aber schwerwiegende Mittel. Die Klingen von Morgul waren nicht auf den raschen Tod berechnet, sondern darauf, den Getroffenen allmählich in die Schattenwelt hinüberzuziehen, wo er ihnen zugehörig und untertan geworden wäre — Elrond und Gandalf maßen der Splitterwunde Frodos genau diese Absicht bei. Wer den Herrschenden Ring anlegte, trat aus ihrer trüben Wahrnehmung heraus und stand ihnen unverhüllt gegenüber; die Neun sahen ihn dann deutlicher, als er sie sah. Ihr Anführer verfügte überdies über Zauberworte, mit denen er vor Minas Tirith das verriegelte Tor brechen half.

Ebenso deutlich sind die Grenzen verzeichnet. Feuer scheuten sie: In der Senke unter der Wetterspitze trieb Aragorn sie mit brennenden Scheiten zurück, und offenes Tageslicht mieden sie, weil es ihre ohnehin unsichere Sicht weiter trübte und ihre Macht minderte. Fließendes Wasser stellte ihnen ein Hindernis, das sie nur ungern und meist über Brücken oder Furten überwanden; die Aufzeichnungen zur Jagd nach dem Ring führen darauf zurück, dass sie den Anduin nicht beliebig queren konnten. Vor der offen gezeigten Macht der Eldar und der Istari wichen sie: an der Furt vor Glorfindel, am zerbrochenen Tor Gondors vor Gandalf, der allein stehen blieb. Auch waren sie auf Reittiere angewiesen, und der Verlust ihrer Rösser zwang sie zu wochenlangem Rückzug. Was ihnen endlich beikam, waren nicht die Heere des Westens, sondern eine alte Klinge aus den Hügelgräberhöhen und, am Ende, das Vergehen des Rings selbst.

Bindungen und Feindschaften

Das Band zwischen Sauron und den Neun war keines der Gefolgschaft, wie es zwischen Herr und Lehnsmann besteht, sondern eines zwischen Hand und Werkzeug; es kannte weder Treue noch Verrat, weil beides einen eigenen Willen voraussetzt. Untereinander bildeten sie darum auch keine Gemeinschaft: Von Rat, Streit oder Anhänglichkeit unter ihnen ist nirgends die Rede, sie handelten allein nach Rang geordnet und traten häufig zu mehreren auf, wo ein einzelner genügt hätte. Unter ihnen standen die Heerhaufen Mordors, doch was sie dort hervorriefen, war nicht Ergebenheit: Selbst Orks sprachen von den Nazgûl mit einer Scheu, die sie ihresgleichen nie entgegenbrachten, und suchten ihrer Nähe auszuweichen, wo es sich einrichten ließ.

Nach außen hin beruhten ihre Verbindungen auf Furcht und auf Handel. Auf dem Weg nach Westen erschien der Herr von Morgul vor den Toren Isengarts, und Saruman, der sich eben noch als eigenständige Macht verstanden hatte, gab preis, was er über die Lage des Auenlandes wusste; kurz zuvor war einer seiner Boten unterwegs von einem Reiter aufgegriffen und um dieselbe Auskunft gebracht worden. In Bree fanden sie ohne Mühe Männer, die für Lohn oder aus Angst dienten. Schon zur Zeit Angmars hatten böse Geister aus jenem Reich die verlassenen Grabhügel der Hügelgräberhöhen besetzt, sodass die Feindschaft ihres Obersten gegen die Dúnedain über sein eigenes Heer hinaus fortwirkte.

Die Reihe ihrer Gegner ist kurz und zerfällt in zwei Arten. Die einen hielten stand, weil sie selbst über eine Macht verfügten, die nicht aus der gewöhnlichen Welt stammte, oder weil sie ein älteres Recht gegen sie geltend machen konnten; vor diesen wichen die Neun zurück, ohne darum besiegt zu sein. Die anderen waren gerade jene, mit denen niemand gerechnet hatte: Der Fürst, dem nach dem alten Wort kein Mann beikommen sollte, fiel durch eine Frau und einen Hobbit — nicht durch Übermacht, sondern weil die Voraussage ihn genau dort ungedeckt ließ, wo er sich sicher glaubte. Am dauerhaftesten aber war die Feindschaft zu Frodo Beutlin. Was in der Senke unter der Wetterspitze begann, blieb als Anspruch bestehen: Noch Jahre später kehrte an den Jahrestagen der Schmerz der Schulter wieder und mit ihm die Kälte jener Nacht, und keine Heilkunst im Auenland vermochte etwas dagegen.

Herkunft, Wesen und Namen

Die im Westron geläufigen Bezeichnungen benennen die Neun entweder nach dem, was sie band, oder nach dem, was von ihnen sichtbar war: Ringgeister nach den Ringen, die ihr Dasein bestimmten, Schwarze Reiter nach den vermummten Gestalten auf ihren Pferden, und schlicht „die Neun“ im Gegenüber zu den Drei und den Sieben der übrigen Ringe der Macht. Der Name Nazgûl selbst gehört der Schwarzen Sprache an, die Sauron für seine Diener ersann; das Glied nazg bedeutet darin „Ring“ und begegnet in der Feuerschrift des Herrschenden Rings, die Gandalf im Rat zu Bruchtal in ihrer ursprünglichen Zunge wiedergab. Das zweite Glied verweist auf Zauberkunde und geisterhaftes Wesen; dieselbe Lautgestalt kehrt in den Namen Minas Morgul und Dol Guldur wieder, die beide Orte finsterer Kunst bezeichnen. Später, als die Neun auf geflügelten Untieren erschienen, sprach man in Gondor und Rohan auch von den grimmigen oder geflügelten Reitern.

In den Elbensprachen hießen sie die Úlairi. Ihrer Herkunft nach waren sie Menschen, keine Geister von Anbeginn: Könige, Krieger und Männer, die sich der Zauberkunst verschrieben hatten und im Zweiten Zeitalter die neun Ringe aus Saurons Hand annahmen; drei von ihnen sollen große Herren númenórischer Abkunft gewesen sein. Was die Ringe ihnen gaben, war Macht über andere und ein Leben, das sich über die gesetzte Frist hinaus dehnte, bis es zur Last wurde. Mit der Zeit entschwanden sie den Augen der Lebenden und traten ganz in jene Schattenwelt über, in der der Herrscherring seine Träger sichtbar macht; ihr eigener Wille erlosch unter dem Saurons. Von ihnen allen ist außer dem Anführer nur einer namentlich überliefert: Khamûl, ein Ostling, der auf Dol Guldur saß und nach dem Herrn von Morgul den zweiten Rang hielt.

Ihre schärfste Waffe war nicht das Schwert, sondern die Furcht. Wo sie ritten, kroch eine Kälte voran, die weniger die Haut als den Mut traf, und ihre Schreie zerbrachen die Fassung selbst geübter Krieger. Wer ihnen zu nahe kam, verfiel häufig einem Siechtum, das die Heilkunde Gondors als schwarzen Hauch kannte und das in Bewusstlosigkeit und finstere Träume führte. Sehen konnten sie die Welt der Lebenden nur undeutlich, gestalthaft und schattenrissig, doch nahmen sie wahr, was den Lebenden verborgen bleibt, und bei Nacht war ihre Witterung schärfer. An ihrer Spitze stand der Herr von Morgul, der einst als Hexenkönig von Angmar bekannt war; die übrigen folgten ihm in einer festen, wenn auch nirgends vollständig verzeichneten Ordnung.

Geschichte

Die Zeittafel setzt das erste Hervortreten der Neun in das Jahr 2251 des Zweiten Zeitalters; da lag die Übergabe der Ringe bereits Jahrhunderte zurück, und ihre Träger hatten den Weg vom Machtgewinn zur Knechtschaft schon zurückgelegt. In den Kriegen der folgenden Zeit dienten sie Sauron, und als Númenor 3319 unterging und sein Geist nach Mordor zurückkehrte, fanden sie sich aufs Neue in seinem Gefolge. Im Angriff auf die Reiche der Verbannten fiel 3429 Minas Ithil an ihn, jene Feste am Rand des Schattengebirges, deren Name später wechseln sollte. Mit dem Sturz ihres Herrn im Letzten Bündnis 3441 endete auch ihr sichtbares Wirken: Die Aufzeichnungen vermerken schlicht, dass die Ringgeister in die Schatten gingen. Vernichtet aber waren sie nicht, denn der Herrschende Ring bestand fort und mit ihm ihre Bindung.

Erst um 1300 des Dritten Zeitalters traten sie wieder hervor. Ihr Oberster zog nach Norden und gründete jenseits der Ettenöden das Reich Angmar, das dem geteilten Arnor über Jahrhunderte hinweg zusetzte. 1409 brachen seine Heere über Rhudaur herein; Arveleg I. fiel, und der Turm auf der Wetterspitze wurde zerstört, doch den Palantír brachte man nach Fornost in Sicherheit. Im Winter 1974 fiel Fornost selbst, und mit der Flucht Arveduis erlosch das Königreich Arthedain. Ein Jahr darauf kam Earnur mit einer Flotte aus Gondor, und im Feld bei Fornost wurde die Macht Angmars vernichtend geschlagen; der Fürst selbst entkam nach Osten. Damals sprach Glorfindel jenes Wort, das man später oft bedachte: Durch die Hand eines Mannes werde dieser Feind nicht fallen.

1980 kam der Fürst von Angmar nach Mordor, wo sich die übrigen Nazgûl um ihn sammelten, und von dort ging der nächste Schlag gegen Gondor. Im Jahre 2000 schlossen sie Minas Ithil ein; zwei Jahre später fiel die Stadt, und mit ihr ging ein weiterer Palantír an den Feind verloren. Fortan hieß sie Minas Morgul, und die Schwesterfeste im Westen nannte man Minas Tirith, den Turm der Wacht. Als Earnur 2043 den Thron Gondors bestieg, forderte ihn der Herr von Morgul zum Zweikampf; beim zweiten Mal, 2050, nahm der König an, ritt mit kleinem Gefolge in das Morgultal und wurde nie wieder gesehen. Da niemand seinen Tod bezeugen konnte und kein Erbe blieb, führten von da an die Truchsessen die Herrschaft.

Nach dem Wachsamen Frieden, der 2063 einsetzte und erst 2460 endete, sammelte sich Saurons Macht von neuem. Im Jahre 2951 gab er sich offen zu erkennen und sandte drei der Neun aus, um Dol Guldur wieder zu besetzen. Die entscheidende Auskunft über den Herrschenden Ring gewann er 3017, als Gollum nach Barad-dûr geschleppt und dort befragt wurde; ein Name und ein Land, Beutlin und Auenland, reichten hin, um die Jagd zu eröffnen. Am 20. Juni 3018 fiel Saurons Heer über Osgiliath her, und wenige Tage darauf verließen die Neun Mordor.

Der Angriff auf Osgiliath verdeckte zugleich den Aufbruch der Reiter, die am 1. Juli den Anduin überschritten. Ihr Wissen war dürftig — das Auenland war in Mordor kaum mehr als ein Name —, und so suchten sie zunächst die Talgründe des Anduin ab, wo der Ring einst verloren gegangen war. Erst nachdem der Fürst von Morgul vor Isengart erschienen war und Saruman preisgab, was er wusste, wandte sich die Jagd nach Westen: Am 22. September überrannten die Neun die Wache am Sarn Ford und ritten in das Auenland ein. Der Ringträger war ihnen jedoch um Tage voraus; in Bree stachen sie zur Nachtzeit auf leere Betten ein. Am 6. Oktober stellten fünf von ihnen die Wanderer in der Senke unter der Wetterspitze, und dort wurde Frodo eine Morgul-Klinge in die Schulter getrieben. Vierzehn Tage später riss die anschwellende Flut an der Furt des Bruinen ihre Pferde fort, und ohne Rösser mussten sie nach Mordor zurück.

Neu ausgestattet erschienen sie fortan auf geflügelten Untieren. In der Nacht des 23. Februar 3019 holte Legolas eines dieser Wesen über dem Anduin aus der Luft; danach zeigten sie sich immer häufiger über den Heeren des Westens und trugen Saurons Botschaften von Schlachtfeld zu Schlachtfeld. Als der Krieg um Gondor begann, führte der Herr von Morgul das Heer aus dem Morgultal, warf die Verteidiger über Osgiliath zurück und ließ am 15. März das Tor von Minas Tirith mit dem Widder Grond zerschlagen; er war der erste Feind, der unter dem Torbogen hindurchritt. Auf dem Pelennor traf er auf Éowyn und Meriadoc: Der Hobbit durchstieß von hinten die Sehne des Knies, und die Frau aus Rohan stieß ihr Schwert zwischen Krone und Mantel, worauf sich erfüllte, was Glorfindel tausend Jahre zuvor vorausgesagt hatte. Zehn Tage danach flogen die verbliebenen acht auf Befehl ihres Herrn zum Schicksalsberg; sie kamen zu spät, und als der Ring zerging, verbrannten sie im Ausbruch des Feuers.

Entwürfe und Varianten

Die Schwarzen Reiter traten in Tolkiens Arbeitspapieren früher auf, als eine Erklärung für sie vorlag. In der ersten Fassungsschicht der Fortsetzung zum Hobbit, die Christopher Tolkien unter dem Titel The Return of the Shadow vorlegte, heißt der Ringträger noch Bingo Bolger-Baggins, und der erste vermummte Reiter, der sich auf der Straße im Auenland vom Sattel beugt und wittert, ist ein Einfall ohne vorbereitete Deutung: Weder ihre Zahl noch ihre Herkunft noch die Frage, wem sie dienen, sind in diesem Stadium entschieden. Eine Notiz erwog sogar, die Gestalt als Gandalf aufzulösen, der den Hobbits einen Schrecken einjagt — ein Gedanke, den Tolkien rasch fallen ließ.

Erst in der Ausarbeitung jenes Kapitels, das unter dem Arbeitstitel „Ancient History“ entstand und später „The Shadow of the Past“ heißen sollte, verband sich die Erscheinung der Reiter mit der Überlieferung von den Ringen. Auch diese lag noch nicht fest: Zahl und Verteilung der Ringe der Macht wurden mehrfach umgeschrieben, ehe sie ihre bekannte Ordnung erhielten. In der frühen Schicht tragen die Neun keinen schwarzsprachigen Namen; sie heißen durchweg Schwarze Reiter, und die Rede von Ringgeistern tritt erst hinzu, als ihre Bindung an die Ringe ausgesprochen ist. Auch die Auftritte an der Wetterspitze und an der Furt erhielten ihre gedruckte Gestalt erst nach mehreren Anläufen, und die ausführliche Ringkunde gehört der späteren Arbeitsschicht um die Entwürfe zum Rat von Bruchtal an.

Adaptionen

Ralph Bakshis Zeichentrickfilm von 1978 führt die Schwarzen Reiter in den bekannten Stationen vor — Auenland, Bree, Wetterspitze, Furt —, doch da die Handlung nach der Schlacht um Helms Klamm abbricht und ein zweiter Teil nie zustande kam, fehlt die gesamte spätere Laufbahn ihres Anführers: der Zug gegen Minas Tirith ebenso wie sein Ende auf dem Pelennor. Glorfindel kommt in dieser Fassung nicht vor, die Szene an der Furt kommt ohne ihn aus. Die Bewegungen der Reiter entstanden, wie große Teile des Films, durch Abzeichnen von Realaufnahmen. Der Rankin/Bass-Fernsehfilm von 1980 setzt umgekehrt erst beim letzten Abschnitt der Erzählung ein und behält vom Wirken der Neun im Wesentlichen nur die Begegnung Éowyns mit dem Hexenkönig; die Vorgeschichte der Jagd nach dem Ring entfällt, ebenso die übrigen acht als handelnde Gestalten. Am vollständigsten bleibt die BBC-Hörspielfassung von 1981 in sechsundzwanzig Teilen: Sie bewahrt als einzige der älteren Bearbeitungen die Episode in den Hügelgräberhöhen und damit die Herkunft jener Klinge, die dem Fürsten später beikommt.

In Peter Jacksons Filmreihe von 2001 bis 2003 wurde der Herr von Morgul im dritten Teil von Lawrence Makoare verkörpert und von Andy Serkis gesprochen; die Schreie der Nazgûl gehen auf Tonaufnahmen von Fran Walsh zurück. Die auffälligste Abweichung betrifft die Furt: An Glorfindels Stelle tritt Arwen, die den verwundeten Frodo selbst nach Bruchtal bringt und die Flut heraufruft, während der Ringträger bewusstlos bleibt statt den Verfolgern entgegenzutreten. In der erweiterten Fassung des dritten Films zerbricht der Hexenkönig überdies Gandalfs Stab vor dem Tor von Minas Tirith — ein Vorgang, für den es im Buch keine Grundlage gibt.