Herkunft und Namen
Iminyë gehört zu den Quendi, jenem Volk, das im Sternenlicht der Vorzeit als erstes in Mittelerde erwachte. Den Rahmen dafür gibt die veröffentlichte Überlieferung: Die ersten Elben erwachten am Ufer eines Sees im fernen Osten, den sie Cuiviénen nannten, das Wasser des Erwachens; über ihnen stand allein der Nachthimmel, denn Sonne und Mond waren noch nicht aufgegangen, und das Erste, was ihre Augen aufnahmen, war das Licht der Sterne. Aus dieser Stunde erklärt die Überlieferung die bleibende Neigung dieses Volkes zum Sternenlicht. Iminyë zählt zu den Erstgeborenen dieser Stunde; sie gehört keinem der später geschiedenen Geschlechter an, sondern der ungeteilten Schar am Erwachungswasser, aus der sich diese Geschlechter erst danach bildeten.
Ihr Name gehört damit in die älteste Schicht elbischer Namen überhaupt. Die Überlieferung berichtet, dass die Erwachten noch am See zu sprechen begannen und den Dingen, die sie wahrnahmen, Namen gaben; daraus leitet sie auch die Selbstbezeichnung Quendi her, die jene meint, die mit Stimmen sprechen, denn kein anderes Geschöpf begegnete ihnen damals, das redete oder sang. Namen wie Iminyë sind also nicht in ein fertiges Sprachsystem hineingegeben, sondern gehören zu dessen ersten Erzeugnissen. Die spätere Form der hohen Elbensprache lässt die Bildungsweise noch erkennen: Frauennamen tragen dort häufig den Auslaut -ë, wie ihn auch Míriel, Nerdanel oder Indis zeigen; Iminyë fügt sich diesem Muster ein und weist als Frauenname auf einen zugehörigen Männernamen zurück.
Zur Einordnung gehört die Überlieferungslage selbst. Weder die zu Tolkiens Lebzeiten erschienenen Bücher noch das herausgegebene Silmarillion nennen Iminyë; dort bleibt das Erwachen der Elben ohne Namen für die einzelnen Erstgeborenen und ohne Bericht über die Zahl der ersten Paare. Was über Iminyë als Gefährtin Imins, über die grüne Senke ihres Erwachens und über die Ordnung der frühesten Sippen erzählt wird, stammt aus einer späten sprachgeschichtlichen Abhandlung, die außerhalb dieses veröffentlichten Bestandes steht und den Stoff in einem eigenen, gelehrt gerahmten Zusammenhang bietet. Der Abschnitt zu den Entwürfen und Varianten führt diesen Befund aus; hier genügt der Hinweis, dass Iminyë eine Gestalt der Vorgeschichte ist, deren Umriss aus dem Nachlass und nicht aus der erzählten Chronik der Ersten Tage stammt.
Geschichte
Die Lebensgeschichte Iminyës fällt vollständig in jene früheste Zeit, für die die veröffentlichte Überlieferung keine Jahreszählung führt. Die Chronik der Ersten Tage setzt mit Ereignissen ein, die sich datieren lassen; das Erwachen der Quendi liegt davor und wird als eine einzelne, ungeteilte Stunde erzählt, ohne Angabe von Jahren und ohne Namen für die Erwachten. Was sich über Iminyës Weg sagen lässt, ergibt sich daher aus der Geschichte der Schar, der sie angehörte: aus dem, was den Erstgeborenen am Wasser des Erwachens widerfuhr, bevor sie sich in Völker schieden. Diese Geschichte ist gut bezeugt, auch wenn sie keine Einzelgestalt hervorhebt.
Der erste Abschnitt war eine lange Zeit des Bleibens. Die Quendi wohnten am See, gaben den Dingen, die sie sahen, Namen und begannen zu singen; die Überlieferung hebt hervor, dass das Singen sehr früh einsetzte und dass die Erde davon zum ersten Mal erfüllt wurde. Ihre Zahl wuchs, und sie zogen sich am Wasser entlang und die Bäche hinauf, um zu sehen, was es sonst gebe. In diese Zeit gehören auch die ersten Wanderungen von der Stelle des Erwachens fort, kurze Wege noch, ohne Ziel jenseits der eigenen Neugier.
Der erste Wendepunkt war eine Bedrohung, die die Quendi nicht deuten konnten. Melkor wurde ihres Erwachens gewahr, noch ehe die Valar davon wussten, und sandte Schatten und böse Geister aus, die um Cuiviénen strichen. Wer sich zu weit vom Ufer entfernte, kehrte bisweilen nicht zurück, und die Zurückgebliebenen erzählten einander von einem Reiter, der die Vereinzelten fortschaffe. Aus dieser Furcht erklärt die Überlieferung, weshalb die Quendi später selbst vor ihrem Retter flohen. Die Weisen hielten überdies dafür, dass Melkor die gefangenen Elben in seinen Festungen verdarb und dass daher das Geschlecht der Orks stamme — eine Tat, die als die schändlichste seiner Werke galt.
Der zweite Wendepunkt kam von außen. Orome, der als einziger der Valar noch häufig durch die östlichen Länder ritt, stieß bei der Jagd auf die Wohnstätte am See und hielt inne; er nannte die Gefundenen Eldar, das Volk der Sterne. Viele flohen und verbargen sich, weil sie ihn für einen der dunklen Reiter hielten; erst allmählich fassten sie Vertrauen. Orome kehrte nach Valinor zurück und brachte die Kunde, worauf die Valar zum Krieg gegen Melkor aufbrachen. In diesem Kampf wurde die Gestalt der nördlichen Länder zerbrochen und Utumno geschleift; Melkor wurde in Fesseln nach Valinor geführt und in Mandos verwahrt. Die Quendi selbst erlebten von diesem Krieg wenig mehr als sein Getöse in der Ferne.
Der dritte und folgenreichste Wendepunkt war die Aufforderung, nach Westen zu ziehen. Die Valar riefen die Quendi nach Valinor, und weil diese zögerten, wurden drei Abgesandte gewählt — Ingwe, Finwe und Elwë —, die das Licht der Bäume sahen und als Fürsprecher zurückkamen. Über diesem Ruf schied sich das Volk zum ersten Mal: Wer aufbrach, hieß fortan Eldar, wer blieb, Avari, die Unwilligen. Die Aufbrechenden ordneten sich in drei Scharen unter jenen drei Fürsten, aus denen die Wanyar, die Noldor und die Teleri hervorgingen. Damit endete die Zeit, in der man von den Quendi noch als von einer einzigen Gemeinschaft sprechen konnte.
Der Große Zug führte über weite Strecken und dauerte lange; unterwegs blieben ganze Gruppen zurück, andere verloren ihren Führer und ihr Ziel, und die Teleri kamen zuletzt und langsamer als die übrigen. Für Iminyë endet die belegbare Geschichte jedoch vor diesem Zug. Die Chronik, die von Ruf, Scheidung und Wanderung berichtet, hält keine Nachricht über sie bereit: nicht, ob sie zu den Aufbrechenden oder zu den Bleibenden gehörte, nicht, in welche der drei Scharen sie geriet, und nichts über ihr Ende. Ihr Umriss bleibt an die früheste Stunde gebunden, in der die Quendi noch beisammen waren; alles Weitere ist Geschichte ihres Volkes, nicht mehr ihre eigene.
Rolle und Vermögen
Eine Rolle im engeren Sinn — ein Amt, eine Führung, eine Tat, die den Gang der Ereignisse wendet — kommt Iminyë in der veröffentlichten Überlieferung nicht zu. Diese kennt für die Zeit vor dem Aufbruch nach Westen überhaupt keine Ämter: Sie spricht von den Quendi im Plural, von ihrem Wachsen, ihrem Singen und ihren kurzen Zügen am Wasser entlang, und erst mit dem Ruf der Valar treten einzelne Elben als Fürsten und Fürsprecher hervor. Wo keine Herrschaft berichtet wird, kann auch keine zugeschrieben werden. Iminyës Ort in diesem Gefüge ist demnach der einer Zugehörigen der ersten Schar, nicht der einer Handelnden; alles Weitere über einen Vorrang unter den Erwachten gehört in den Abschnitt zu den Entwürfen und Varianten, nicht in die erzählte Chronik.
Was sich über ihr Vermögen sagen lässt, gilt ihr nur als Angehöriger ihres Volkes und ist in der Überlieferung deutlich begrenzt. Die Elben altern nicht wie die Menschen, doch ihre Dauer ist an die Dauer der Welt gebunden: Sie können durch Waffe oder durch Gram sterben, und ihre Geister gehen dann in die Hallen des Wartens, aus denen eine Rückkehr möglich, aber nicht selbstverständlich ist. Diese Bindung an Arda ist zugleich eine Grenze — die Elben verlassen die Welt nicht, und was jenseits ihres Endes liegt, bleibt ihnen verschlossen. Von einer Macht über Stoff, Zeit oder Willen anderer Wesen berichtet die Überlieferung an keiner Stelle; die Erstgeborenen sind stark, langlebig und kunstfertig, nicht wundermächtig.
Auch das, was gemeinhin als elbische Zauberkraft gilt, ist nach Tolkiens eigener Auskunft kein Vermögen, sondern eine Kunst: ein Hervorbringen von Wirklichem, das nicht auf Beherrschung fremden Willens zielt und sich von der Herrschsucht anderer Mächte gerade darin unterscheidet. Für Iminyë bleibt selbst dieser allgemeine Rahmen leer, denn kein Werk, kein Lied und kein Gerät wird ihr zugeschrieben. Die Überlieferung schweigt hier nicht aus Zurückhaltung gegenüber einer bedeutenden Gestalt, sondern weil sie in dieser Schicht Häuser und Fürstentaten erzählt und nicht Einzelne der ungeteilten Schar. Wer nach Iminyës Wirken fragt, erhält daher eine Antwort über ihr Volk und keine über sie selbst.
Beziehungen
Die einzige Beziehung, um derentwillen Iminyës Name überhaupt bewahrt wurde, ist eine eheliche — und gerade sie steht nicht in den veröffentlichten Büchern, sondern in einer nachgelassenen Abhandlung. Was eine solche Verbindung unter den Erstgeborenen bedeutet, lässt sich dennoch aus dem ermessen, was die Chronik über die Ehe der Eldar berichtet. Sie ist auf Dauer geschlossen und wird nur einmal eingegangen; erst als Míriel nach der Geburt Feanors alle Kraft dahingegeben hatte und aus den Hallen des Wartens nicht zurückkehren wollte, stellte sich überhaupt die Frage, ob ein Elb ein zweites Mal heiraten dürfe. Finwes Ehe mit Indis galt darum als etwas nie Dagewesenes, und der Zwiespalt, den sie in seinem Haus zurückließ, wirkte über Zeitalter hinweg fort. Eine Gefährtenschaft, wie sie Iminyë zugeschrieben wird, ist in diesem Rahmen keine Begebenheit, sondern eine Zuordnung, die so lange währt wie die Welt selbst.
Verwandtschaft im Sinne einer Abstammungslinie besitzt Iminyë dagegen nicht. Die Geschlechterfolgen der Eldar setzen mit den drei Fürsten ein, die als Erste vor die Valar traten; von ihnen aus verzweigen sich die Häuser, und Elwë und Olwe werden als Brüder genannt, ebenso wie Indis den Vanyar und der Sippe Ingwes zugehört. Über diese Fürsten hinaus führt keine Reihe zurück: Kein Haus der Eldar leitet sich in der Überlieferung von einem namentlich genannten Erwachten am See her. Iminyë steht damit außerhalb jeder bezeugten Sippe. Weder Eltern noch Geschwister noch Nachkommen werden ihr zugeschrieben, und keine der drei Scharen kann sie für sich beanspruchen; sie erscheint allein an der Seite eines Gefährten, ohne Vor- und ohne Nachgeschichte.
Ein Gegenspieler im persönlichen Sinn fehlt ebenso. Die Feindschaft, die über ihrer Zeit lag, richtete sich gegen das ganze Volk und traf keinen Einzelnen als Einzelnen; sie wurde erst später persönlich, als Melkor die Silmaril an sich brachte und Finwe vor den Toren von Formenos erschlug, und von da an trug ein bestimmtes Haus einen bestimmten Hass. In der Schicht, der Iminyë angehört, kennt die Überlieferung solche Zweierverhältnisse noch nicht: Sie spricht von den Quendi und den Mächten, von Furcht und späterem Vertrauen, immer im Plural. Auch das erste Bündnis mit einem Wesen, das nicht ihresgleichen war, wurde nicht von Einzelnen geschlossen, sondern von Abgesandten für alle. Iminyës Beziehungsgefüge ist deshalb aufschlussreich weniger durch das, was es enthält, als durch seine Bauart — eine Gefährtin ohne Haus, in einer Zeit, in der es Häuser noch nicht gab.
Entwürfe und Varianten
Alles, was über Iminyë überliefert ist, steht in einem einzigen späten Text: in der sprachgeschichtlichen Abhandlung „Quendi and Eldar“, deren Anhang die Erwachungslegende der Elben — elbisch Cuivienyarna — mitteilt. Sie erzählt, dass zuerst drei Männer erwachten und jeder eine Gefährtin neben sich schlafen fand: Imin und Iminyë, Tata und Tatië, Enel und Enelyë. Die Namen sind durchsichtig gebildet, denn Imin, Tata und Enel sind die Zahlwörter eins, zwei und drei, und Iminyë tritt als weibliche Entsprechung zum ersten hinzu. Nachdem die Paare beisammen gewesen waren und viele Wörter ersonnen hatten, zogen sie fort und fanden weitere Schlafende, deren Männer eben erwachten; Imin nahm für sich das Recht des Ältesten in Anspruch und wählte zuerst. Später jedoch verzichtete er auf die Wahl in der Erwartung, ein größerer Fund werde noch kommen — es kam keiner mehr. So blieb seine Schar mit vierzehn die kleinste, während Tatas Schar sechsundfünfzig und Enels vierundsiebzig zählte, zusammen einhundertvierundvierzig.
Diese Legende steht quer zu dem, was das erzählte Werk bietet, und sie ist auch nie in dessen Zusammenhang eingerückt worden. Bei ihr bestehen die drei Geschlechter schon in der Stunde des Erwachens als Wahlscharen, und ihre Namen — Minyar, Tatyar, Nelyar — führen auf die Zählnamen der drei Männer zurück, während die erzählte Chronik die Dreiteilung erst beim Aufbruch nach Westen und unter anderen Fürsten kennt. Der Text selbst trägt Züge einer schulmäßig gebauten Erzählung: die aufgehende Rechnung, der abgezirkelte Rangstreit, die Namen aus dem Zahlwort. Die früheren Fassungen des Stoffes wissen von Iminyë nichts. Dort liegen die Erstgeborenen schlafend in einem Tal, und ein einzelner Elb, Nuin, findet sie und weckt Ermon und Elmir, die beiden ersten, denen er Wörter beibringt; von Paaren, von einer Ältestenwahl und von einer Gefährtin des Ersten ist keine Rede. Iminyë gehört damit nicht zu den Gestalten, die sich über die Entwürfe hinweg wandeln, sondern zu denen, die erst ganz am Ende auftauchen — und dies nur einmal.