Name und Herkunft
Der Name „Avari“ ist quenyarischer Prägung und lässt sich im Deutschen mit „die Unwilligen“ oder „die Sich-Weigernden“ wiedergeben. Er bezeichnet das Volk nicht nach Wohnsitz, Fürstenhaus oder Stammvater, sondern nach einer einzigen Entscheidung: der Ablehnung des Rufes nach Westen. Damit ist er von Anfang an ein Gegenbegriff zu den Eldar, den Elben der Wanderung, und nur von ihnen her verständlich. Das Register des „Silmarillion“ führt beide Übersetzungen nebeneinander, ohne eine davon zu bevorzugen. Wie die Avari sich selbst nannten, teilen die veröffentlichten Erzähltexte nicht mit; die überlieferte Bezeichnung ist die Sicht derer, die fortgingen.1
Ihrer Abstammung nach sind die Avari Quendi wie alle übrigen Elben: Sie gehören zu jenen, die am Wasser von Cuivienen im fernen Osten Mittelerdes unter den Sternen erwachten. Nachdem Orome sie dort gefunden hatte, beschlossen die Valar, die Elben nach Aman zu rufen, und Ingwe, Finwe und Elwe reisten als Gesandte voraus und kehrten mit Berichten vom Licht der Bäume zurück. Ein Teil der Quendi ließ sich davon nicht bewegen. Diese Elben zogen das Sternenlicht und die weiten Länder vor, die sie kannten, und gaben den Nachrichten aus dem Westen keinen Glauben. Mit dieser Weigerung trennten sie sich von den übrigen Sippen, und die Wege beider Gruppen liefen für lange Zeitalter auseinander.2
In der Einteilung der Elbenvölker, wie das „Silmarillion“ sie überliefert, stehen die Avari bei den Moriquendi, den Elben der Dunkelheit, weil sie das Licht der Bäume nie sahen. Sie sind dabei sorgfältig von den Umanyar zu unterscheiden, die den Marsch zwar begannen, Aman aber nicht erreichten, sondern unterwegs zurückblieben. Die Avari dagegen brachen gar nicht erst auf. Der Name, den man ihnen gab, hält genau diesen Unterschied fest: Er beschreibt nicht ein Scheitern auf dem Weg, sondern die Verweigerung des Weges selbst.3
Geschichte
Die Geschichte der Avari beginnt vor ihrer Trennung von den übrigen Elben, in der frühen Zeit der Quendi am Cuivienen. Melkor hatte das Erwachen der Erstgeborenen früher bemerkt als die Valar und warf seinen Schatten über ihre ersten Jahre: Er streute Furcht unter ihnen aus, und manche, die sich allein von den Siedlungen am See entfernten, kehrten nicht zurück. Diese Erfahrung prägte das Misstrauen, mit dem viele Quendi später jedem Ruf von außen begegneten. Die Valar zogen daraufhin gegen Melkor in den Krieg, um die Elben zu schützen. Sie belagerten seine Festung Utumno im Norden und führten ihn gebunden nach Valinor. Erst danach, als der Osten vorläufig von seiner Herrschaft befreit war, erging an die Quendi die Einladung, nach Aman zu ziehen.1
Mit dem Aufbruch der Wanderung vollzog sich die erste Spaltung innerhalb des Elbenvolkes. Die Scharen, die Ingwe, Finwe und Elwe folgten, sammelten sich und zogen unter Oromes Führung westwärts. Die Übrigen blieben am Wasser des Erwachens zurück. Das „Silmarillion“ macht deutlich, dass es sich dabei nicht um eine versprengte Minderheit handelte, sondern um eine eigenständige Entscheidung eines Teils der Quendi. Seit diesem Zeitpunkt werden die Zurückgebliebenen als Volk für sich betrachtet. Die Erzählung folgt fortan den Wandernden und verliert die Avari damit weitgehend aus dem Blick.2
Für die Jahrtausende, die nun folgten, schweigen die kanonischen Erzähltexte über die Avari fast ganz. Während die Eldar in Aman eintrafen und die Teleri, Sindar und Nandor in Beleriand und anderswo ihre Reiche gründeten, blieben die Avari in den weiten Ländern des Ostens. Wie sie dort lebten, ob sie Fürstentümer bildeten oder verstreut in kleinen Gemeinschaften wohnten, wird nicht berichtet. Sicher ist nur, dass sie vom Licht der Bäume und von der Geschichte Valinors unberührt blieben. Ebenso wenig waren sie an den großen Kriegen gegen Morgoth im Westen beteiligt, die das Erste Zeitalter bestimmten. Ihre Geschichte ist deshalb eher an ihrer Abwesenheit aus den Überlieferungen zu erkennen als an einzelnen Ereignissen.3
Eine mittelbare Spur der östlichen Elben findet sich dort, wo das „Silmarillion“ vom Erscheinen der Menschen in Beleriand erzählt. Als Finrod Felagund auf das Volk Beors traf, stellte er fest, dass diese Menschen schon früher mit Dunkelelben östlich der Gebirge Umgang gehabt und von ihnen manches aus deren Sprache übernommen hatten. Die Stelle nennt nicht ausdrücklich die Avari, und die Bezeichnung „Dunkelelben“ umfasst auch andere Gruppen, die nie nach Aman gelangten. Dennoch zeigt sie, dass im Osten Mittelerdes weiterhin Elben lebten, die auf die Menschen trafen und ihnen etwas weitergaben, lange bevor diese den Westen erreichten.4
Ein Niedergang oder Ende der Avari wird in den kanonischen Werken nicht erzählt. Anders als die Noldor oder die Sindar treten sie in keiner der großen Erzählungen des Ersten, Zweiten oder Dritten Zeitalters als handelnde Gruppe auf. Ihr Schicksal bleibt damit offen: Die Texte lassen weder erkennen, dass sie untergingen, noch dass sie sich später einem der westlichen Elbenvölker anschlossen. Was von ihnen überliefert ist, verdankt sich fast ausschließlich der Perspektive der Eldar, für die die Avari vor allem jene waren, die zurückblieben. Ihre Geschichte ist somit weniger eine Abfolge von Reichen und Kriegen als der Verlauf eines Volkes, das die überlieferten Chroniken bewusst hinter sich ließen.5
- 1Das Silmarillion, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
- 2Das Silmarillion, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
- 3Das Silmarillion, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
- 4Das Silmarillion, Of the Coming of Men into the West
- 5Das Silmarillion, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
Lebensweise und Sitten
Über den Alltag der Avari geben die Erzählwerke kaum Auskunft, und was sich sagen lässt, ergibt sich vor allem aus dem, was ihnen fehlte. Da sie nie nach Aman gelangten, hatten sie keinen Anteil an dem Wissen und den Künsten, die die Eldar dort unter der Anleitung der Valar erwarben. Ihre Welt blieb die der Wälder, Wasser und offenen Länder des Ostens, erhellt allein von den Sternen, lange bevor Sonne und Mond aufgingen. Wie sie wohnten, welche Handwerke sie übten und ob sie Lieder und Überlieferungen pflegten wie ihre westlichen Verwandten, halten die Quellen nicht fest. Jede genauere Schilderung ihrer Lebensweise wäre daher Vermutung.1
Auch ihre Sprache ist in den veröffentlichten Werken nicht bezeugt. Die Anhänge zum „Herrn der Ringe“ unterscheiden in früher Zeit zwei Hauptzweige der Elben, die westlichen Eldar und die Ostelben, und rechnen die meisten Elben des Düsterwalds und Lóriens dem östlichen Zweig zu. Zugleich vermerken sie, dass die Sprachen dieser Ostelben in der Geschichte nicht vorkommen, weil alle elbischen Namen und Wörter dort in eldarischer Gestalt erscheinen. Der Begriff der Ostelben reicht dabei weiter als der der Avari und ist mit ihm nicht gleichzusetzen. Kein einziges Wort, das ausdrücklich als avarisch gekennzeichnet wäre, ist in den Erzähltexten überliefert; die schon erwähnte Spur bei den Menschen Beors bleibt der einzige mittelbare Hinweis auf Sprachkontakt.2
In ihrem Verhältnis zu Tod und Zeit teilen die Avari das Los aller Quendi. Sie altern nicht und sterben nur durch Gewalt oder Kummer, bleiben aber an die Welt gebunden, solange sie besteht, und ihre Geister gehen nach dem Tod in die Hallen des Mandos. Was sie von den Eldar trennt, ist nicht diese Natur, sondern der Ort, an dem sie ihre Zeit verbringen: Das Unsterbliche Land blieb für sie außerhalb des Horizonts, und ihre lange Dauer verlief ganz in Mittelerde, unter den Wandlungen, die dieses Land durchlief. Nach der Trennung am Cuivienen, so vermerkt das „Silmarillion“, begegneten sie den Eldar erst nach vielen Zeitaltern wieder.3
Stämme und Sippen
Anders als bei den Eldar kennen die kanonischen Erzähltexte bei den Avari keine innere Gliederung. Die Wandernden treten im „Silmarillion“ als drei klar geschiedene Scharen auf, die Vanyar, die Noldor und die Teleri, jede mit einem eigenen Herrn an der Spitze und mit eigenen Nachfolgehäusern in späterer Zeit. Für die Zurückgebliebenen fehlt eine solche Ordnung vollständig. Sie erscheinen stets als Gesamtheit, benannt nach ihrer gemeinsamen Weigerung, nicht nach Abstammung oder Gefolgschaft. Kein Stamm der Avari wird mit Namen genannt, kein Fürst und kein Haus, und auch darüber, ob sie sich einem gemeinsamen Anführer unterstellten oder in voneinander unabhängigen Gruppen lebten, geben die Texte keine Auskunft.1
Deutlich wird diese Leerstelle im Vergleich mit den übrigen Moriquendi. Auch unter den Elben, die das Licht der Bäume nie sahen, unterscheidet das „Silmarillion“ sonst sorgfältig nach Herkunft und Führung: Die Nandor gehen auf jene Teleri zurück, die mit Lenwe den Marsch verließen, und die Sindar sammelten sich unter Elwe, der als Thingol in Doriath herrschte. Für die Avari gibt es kein Gegenstück zu diesen Namen. Hinzu kommt, dass die Bezeichnung „Dunkelelb“ im Erzählwerk nicht ausschließlich auf sie zielt; Eol etwa, der im „Silmarillion“ so genannt wird, gilt dort als Verwandter Thingols und gehört damit gerade nicht zu den Zurückgebliebenen vom Cuivienen. Einzelne Gestalten lassen sich daher nicht allein anhand dieses Beinamens den Avari zuordnen, und eine Geschichte ihrer Sippen lässt sich aus den kanonischen Texten nicht gewinnen.2
Rolle in der Erzählung
Im Aufbau des „Silmarillion“ stehen die Avari an der ersten Weggabelung der Elbengeschichte, und ihre Aufgabe ist vor allem eine erzählerische: Sie machen sichtbar, dass es überhaupt eine Wahl gab. Der Ruf der Valar erscheint durch sie nicht als Befehl, dem das ganze Volk selbstverständlich folgt, sondern als Angebot, das man auch ausschlagen konnte. Erst vor diesem Hintergrund bekommt der Aufbruch der Eldar das Gewicht eines Entschlusses. Die Avari sind so die Gegenprobe, an der die Erzählung den Wert des Weges misst, den sie anschließend verfolgt.1
Auffällig ist, dass der Text die Weigernden nicht verurteilt. Er schildert knapp, was sie bewog, und stellt sie nicht als Verräter oder Verblendete dar. Das ist umso bemerkenswerter, als der Weg nach Westen im weiteren Verlauf keineswegs nur zu Glanz führt: Aus dem Aufenthalt in Aman erwachsen später Eifersucht, Aufruhr und Verbannung, deren Folgen den größten Teil des Buches tragen. Die Avari bleiben von alledem ausgenommen. Ohne dass der Erzähler es ausspricht, halten sie damit die Möglichkeit offen, dass auch das Bleiben eine Form der Beständigkeit sein konnte und nicht bloß ein Mangel.2
Zugleich markieren die Avari die Grenze der erzählten Welt. Die Einteilung der Elben nach ihrem Verhältnis zum Licht ordnet das ganze Volk von Aman her und stellt die Unwilligen an den äußersten Rand dieser Ordnung. Das Buch zeigt damit offen, von welchem Standpunkt aus es berichtet: Es ist die Überlieferung der Elben des Westens, und was jenseits ihres Gesichtskreises liegt, wird benannt, aber nicht erzählt. Die Avari stehen deshalb weniger für ein bestimmtes Schicksal als für den Osten als unbeschriebenes Land, das neben der ausführlich dargestellten Geschichte des Westens fortbesteht.3
Entwürfe und Varianten
Ausführlicher als in den erzählenden Fassungen behandelt Tolkien die Avari in der späten sprachgeschichtlichen Abhandlung „Quendi and Eldar“, die Christopher Tolkien im „War of the Jewels“ herausgab. Dort wird der Name auf einen alten Stamm des Weigerns zurückgeführt und ausdrücklich als Bezeichnung der Eldar erklärt, die die Zurückgebliebenen von außen so benannten. Die Avari selbst hielten nach dieser Darstellung am ursprünglichen Wort für die Elben insgesamt fest, dem Vorläufer von Quenya „Quendi“. Tolkien stellt dazu mehrere avarische Entsprechungen dieses Wortes zusammen, die in späterer Zeit durch Begegnungen mit Eldar bekannt geworden sein sollen, darunter „Kindi“, „Cuind“ und „Penni“. Es ist die einzige Stelle, an der Tolkien überhaupt Wortformen avarischer Sprachen angibt, und die Abhandlung betont zugleich, dass diese Sprachen untereinander weit auseinandergingen.1
Im selben Zusammenhang überliefert der „War of the Jewels“ die kurze Legende vom Erwachen, in der die Quendi auf drei Urgruppen zurückgeführt werden, die Minyar, die Tatyar und die Nelyar. Nach dieser Fassung stammten die Avari aus den beiden jüngeren Gruppen, während sich aus den Minyar niemand der Weigerung anschloss. Damit erhält die Spaltung am Cuivienen eine Vorgeschichte, die das „Silmarillion“ nicht kennt: Die Grenze zwischen Wandernden und Bleibenden verläuft hier quer durch ältere Verbände. Die Abhandlung erwähnt außerdem, dass einzelne Avari später bis nach Beleriand gelangten, dort aber wenige blieben, sich verschlossen hielten und den Noldor mit Abneigung begegneten.2