Herkunft und Namen

Imin gehört einer elbischen Überlieferung zufolge zu den Ersterwachten der Quendi, jenen also, die am Wasser von Cuiviénen unter den Sternen zu sich kamen, lange bevor Sonne und Mond aufgingen. Das veröffentlichte Silmarillion schildert dieses Erwachen ohne Namen für die frühesten Elben: Es berichtet vom See im Osten Mittelerdes, vom ersten Gesang und davon, dass Melkors Späher die Neuerwachten früh umschlichen; die ältesten namentlich fassbaren Gestalten sind dort Ingwe, Finwe und Elwë, die als Gesandte nach Valinor gerufen wurden. Imin gehört mithin nicht zum Bestand dieser geschlossenen Erzählung, sondern zu einer späten sprachkundlichen Ausarbeitung Tolkiens; wie sie den Stoff im Einzelnen darstellt, behandelt der Abschnitt zu Entwürfen und Varianten.

Der Name ist von der schlichtesten Art, die das Elbische zulässt: Er ist ein Zahlwort und benennt die Eins. Damit steht er quer zu den meisten überlieferten Elbennamen, die beschreibend gebildet sind und Eigenschaft, Abkunft oder Tat aufnehmen. Das Namenelement selbst begegnet auch im veröffentlichten Werk: Elros, der erste König von Númenor, trug den hochelbischen Herrschernamen Tar-Minyatur, und die Anhänge des Herrn der Ringe stellen beides – Erstlingsstellung und Name – unmittelbar nebeneinander. Wer Imin einordnen will, hat es also weniger mit einem Beinamen als mit einer Zählmarke zu tun, die zur Person geworden ist.

Zum Volk der Elben gehört Imin ohne Einschränkung, und zwar zu deren ältester Schicht, den in Mittelerde erwachten Quendi. Die Dreiteilung, an die sein Name gebunden ist, kennt auch das veröffentlichte Silmarillion, dort jedoch unter den späteren Bezeichnungen: Vanyar, die Schönen und kleinste der Sippen, Noldor, die Weisen oder Tiefen, und Teleri, die Letzten, die zahlreichste Gruppe. Dass an der Spitze jeder dieser Sippen ein einzelner Vater mit Zahlnamen gestanden habe, sagt der veröffentlichte Text nicht; die Zuordnung Imins zur ersten Sippe ruht allein auf der erwähnten späten Quelle und ist entsprechend zurückhaltend zu behandeln.

Geschichte

Eine Jahreszahl lässt sich für Imin nicht angeben. Die veröffentlichten Werke rechnen die Zeit vor dem Aufgang von Sonne und Mond nicht in Sonnenjahren, und die Zeittafel der Anhänge des Herrn der Ringe beginnt ihre durchgezählten Einträge erst mit dem Zweiten Zeitalter; alles Frühere erscheint dort nur als summarischer Rückblick. Was sich für die Zeit des Erwachens rekonstruieren lässt, ist mithin keine Datierung, sondern eine Reihenfolge: erst die Stille am Wasser im Osten, dann der Schatten Melkors, dann das Eingreifen der Valar, zuletzt der Aufbruch nach Westen. In diese Reihe ist Imin einzuordnen, und zwar an ihren Anfang. Ein eigenes Handeln wird ihm in den veröffentlichten Erzählungen nirgends zugeschrieben, weshalb seine Geschichte streng genommen die Geschichte seiner Sippe in deren frühester Zeit ist.

Der erste belegte Einschnitt nach dem Erwachen ist kein glücklicher. Noch ehe die Valar von den Neuerwachten wussten, hatte Melkor sie bemerkt, und Schatten und dunkle Gestalten strichen um die Wohnstätten am Wasser. Wer sich zu weit vom Lager entfernte, kehrte bisweilen nicht zurück; unter den Quendi ging die Rede von einem Reiter um, der Vereinzelte jage, und diese Furcht war, wie das Silmarillion andeutet, von Melkor selbst gesät. Die Weisen der späteren Zeit hielten dafür, dass die so Verschleppten in Melkors Verliesen verdorben wurden und aus ihnen das Geschlecht der Orks hervorging. Die früheste Erfahrung der Sippen, zu deren erster Imin gerechnet wird, ist demnach Verlust und Misstrauen gewesen, nicht ungestörtes Wachsen.

Die Wende kam von außen. Orome, der als Jäger durch die östlichen Lande ritt, stieß auf die Quendi und hielt bei ihnen inne; er gab ihnen den Namen Eldar, das Sternenvolk, und trug die Kunde nach Valinor. Nicht alle nahmen ihn ohne Scheu auf: Manche flohen und verbargen sich, weil ihnen der große Reiter als eben jener Verfolger erschien, vor dem die Gerüchte gewarnt hatten. Auf Oromes Bericht hin hielten die Valar Rat und beschlossen den Krieg gegen Melkor, um die Neuerwachten zu schützen. Utumno wurde gebrochen, Melkor gefangen und mit der Kette Angainor nach Valinor gebracht, wo er zu drei Zeitaltern in den Hallen von Mandos verurteilt wurde; seine tiefsten Gruben aber blieben unentdeckt, und auch sein größter Diener entkam der Suche.

Auf den Sieg folgte die Aufforderung, nach Westen zu ziehen, und mit ihr die erste dauerhafte Spaltung des Elbenvolkes. Ein Teil der Quendi lehnte den Ruf ab und blieb im Osten; sie heißen die Avari, die Unwilligen, und sie treten in den erzählenden Werken kaum mehr hervor. Die anderen brachen in drei Heerscharen auf, und zwar in eben der Ordnung, die den drei Sippen den Namen gegeben hatte: voran die kleinste und geschlossenste Schar, dann die zweite, zuletzt die dritte und weitaus zahlreichste, die am langsamsten zog und sich am häufigsten aufhielt. Aus dieser dritten Schar löste sich unterwegs am Anduin ein Volk unter Lenwe und wandte sich südwärts den Flussläufen entlang, statt das Gebirge zu überschreiten.

In Beleriand kam es zur nächsten Trennung. Elwë, einer der Anführer der letzten Schar, verlor sich in den Wäldern von Nan Elmoth, wo er Melian begegnete und lange verzaubert stand; seine Leute suchten ihn und versäumten darüber die Überfahrt. Was von ihnen in Mittelerde zurückblieb, wurde später zu den Grauelben, den Sindar, und Elwë herrschte über sie als Elu Thingol in Doriath. Die übrigen fuhren unter Olwe hinüber. Damit war jene Doppelung geschaffen, die für die Überlieferung selbst wichtig wird: Es gab fortan zwei getrennte Gedächtnisse für dieselbe Frühzeit, eines in Aman und eines in Beleriand, und die späten Ausarbeitungen Tolkiens zur Herkunft der Sippenväter setzen genau hier an.

Damit endet, was sich chronologisch verantworten lässt. Für die erste Sippe nennen die veröffentlichten Texte nach der Wanderung keinen anderen Anführer als Ingwe, der in Valinor am Fuße des Taniquetil wohnte und als der Höchste des ganzen Elbenvolkes galt; von einem Vorgänger, einem Rücktritt oder einer Nachfolge ist nirgends die Rede. Ein Tod, ein Ende oder ein späteres Auftreten Imins wird in keinem der zu Lebzeiten veröffentlichten und keinem der posthum edierten Erzählwerke berichtet. Er bleibt eine Gestalt des Anfangs, deren einzige belegte Handlung darin besteht, als Erster erwacht zu sein und eine Gefolgschaft um sich versammelt zu haben. Alles Weitere gehört in den Bereich der Entwürfe.

Rolle und Fähigkeiten

Eine Rolle im Sinne einer handelnden Gestalt kommt Imin in den erzählenden Werken nicht zu; seine Funktion ist erklärender Art. Das veröffentlichte Silmarillion berichtet die Ordnung der Elbensippen ohne Sippenväter: Vorrang und Anführerschaft entstehen dort erst mit dem Ruf nach Valinor und mit den Reichen, die daraus hervorgingen, nicht mit dem Erwachen selbst. Wer in dieser Erzählung führt, führt, weil ihm gefolgt wird – auf dem Zug nach Westen, im Rat, später im Königtum –, und nicht kraft eines Amtes, das dem zuerst Erwachten zufiele. Ein solches Amt kennt der geschlossene Text überhaupt nicht. Imin steht demnach nicht an einer Spitze der Macht, sondern am Anfang einer Zählung, und das ist eine schwächere Aussage, als der Begriff „Elbenvater“ nahelegt.

Von Fähigkeiten Imins ist nirgends die Rede: kein Werk seiner Hände, keine Waffe, kein Bauwerk, kein Wort in einer Versammlung, keine Schau kommender Dinge. Was die veröffentlichten Texte den Erstwachten überhaupt an Vermögen zuschreiben, ist zunächst ein einziges, und es ist ein sprachliches: Kaum zu sich gekommen, begannen die Quendi zu reden und allem, was sie wahrnahmen, Namen zu geben. Darin liegt nach dem Silmarillion die eigentümliche Gabe dieses Volkes, und sie ist bezeichnenderweise auch das Einzige, woran ein Name wie Imin überhaupt Anteil hat. Die Kunstfertigkeit dagegen, für die einzelne Sippen später gerühmt wurden – das Schmieden und Steineschneiden der Noldor etwa –, erscheint dort als Ergebnis langer Lehre in Aman unter den Valar und nicht als Ausstattung des Anfangs. Für die Frühzeit am Wasser im Osten nennen die Texte weder Handwerk noch Herrschaft noch Zauber.

Vorsicht ist auch dort geboten, wo den Elben in den zu Lebzeiten veröffentlichten Büchern etwas wie Zauberkraft zugeschrieben wird. Galadriel weist in Lothlórien das Wort zurück, das die Hobbits dafür gebrauchen, und merkt an, dass sie mit demselben Ausdruck ebenso die Machenschaften des Feindes belegen; was die Elben tun, ist danach eher Können und Sorgfalt als Gewalt über die Dinge. Ebenso wenig bedeutet die Dauer des elbischen Lebens Unverletzlichkeit: Die Anhänge des Herrn der Ringe halten fest, dass den Halbelben die Wahl zwischen den beiden Geschlechtern offenstand und dass Elros die Sterblichkeit wählte – das elbische Los erscheint damit als eines von zweien, gebunden an den Bestand der Welt und nicht über ihn hinausreichend. Auf eine Gestalt, der die Überlieferung nichts als Erstgeburt und Gefolgschaft zuschreibt, lässt sich von alledem nichts Besonderes übertragen. Wer Imin Macht beilegen will, muss sie hinzudichten.

Sippe, Ehe und Verwandtschaft

Über Verwandte Imins schweigen die veröffentlichten Werke vollständig. Weder eine Gefährtin noch Kinder, weder Eltern noch Geschwister werden irgendwo genannt, und ebenso wenig ein Freund oder ein erklärter Widersacher. Auch die Erzählung vom Erwachen am Wasser im Osten führt keine Einzelbeziehung vor, sondern nur ein Volk, das gemeinsam zu sich kommt, gemeinsam singt und gemeinsam bedroht wird; die Feindschaft, die es dort trifft, gilt allen und niemandem im Besonderen. Was Imin in der späten Überlieferung zugeordnet wird, ist denn auch keine Blutsverwandtschaft, sondern eine Zugehörigkeit: die Schar derer, die nach ihm gezählt wurden. Für eine Enzyklopädie heißt das, dass alle Aussagen über sein Verhältnis zu anderen aus dem Umfeld erschlossen sind, nicht aus Angaben über ihn selbst.

Dieses Umfeld ist gut bezeugt, allerdings erst eine Stufe später. Das Silmarillion zeichnet die Häuser der Elbenfürsten aus, sobald es um Eldamar geht, und was dort sichtbar wird, ist keine Abschottung der drei Sippen voneinander, sondern ein Geflecht von Ehen quer durch sie hindurch. Elwë und Olwe, die Anführer der letzten Schar, waren Brüder. Indis, aus dem Volk der Vanyar und dem Hause Ingwes nahe verbunden, wurde die zweite Gemahlin Finwes und Mutter von Fingolfin und Finarfin; Finarfin wiederum nahm Earwen, die Tochter Olwes von Alqualonde, zur Frau, so dass in Galadriels Abkunft alle drei Sippen zusammenlaufen. Auffällig ist, dass gerade für die Sippenväter selbst nichts dergleichen überliefert wird: Die Verbindungen, die das Elbenvolk zusammenhalten, beginnen in den veröffentlichten Texten eine Generation später und in Aman, nicht am Anfang und nicht in Mittelerde.

Aus diesen Verbindungen ist zugleich abzulesen, welches Gewicht eine Ehe bei den Eldar hatte, und damit, wie groß die Lücke bei Imin ist. Finwes zweite Heirat nach dem Tod Míriels galt als etwas nie Dagewesenes; sie wurde nur nach langem Ringen der Valar zugelassen und blieb ein Riss, der Feanor von den Söhnen der Indis trennte und am Ende in den Aufruhr der Noldor mündete. Verwandtschaft ist in diesen Erzählungen also nichts Beiläufiges, sondern das Material, aus dem Treue, Anspruch und Zerwürfnis gemacht sind. Bei Imin fehlt genau dieses Material. Er hat keine Frau, deren Tod etwas auslösen könnte, keinen Sohn, der etwas erbte, keinen Bruder, mit dem er sich überwerfen könnte, und keinen Feind, der ihn eigens verfolgte. Was von ihm bleibt, ist eine Zahl und eine Menge von Namenlosen dahinter – Beziehung im Modus der Zuordnung, nicht der Bindung.

Entwürfe und Varianten

Die einzige Quelle, die Imin überhaupt nennt, ist ein später Text: die Abhandlung Quendi and Eldar, deren Anhang die Legende vom Erwachen der Quendi mitteilt, elbisch Cuivienyarna; Christopher Tolkien hat sie in The War of the Jewels gedruckt und den Ausarbeitungen um 1960 zugeordnet. Dort erwachen die Elben paarweise und der Reihe nach: zuerst Imin mit Iminyë, dann Tata mit Tatië, zuletzt Enel mit Enelyë. Die drei Paare wandern am Ufer entlang und stoßen nacheinander auf schlafende Scharen, die von Mal zu Mal größer werden; Imin, dem als dem Ersten die Wahl zusteht, schiebt sie jedes Mal auf und geht darüber am Ende als der Ärmste hervor. Seine Sippe zählt vierzehn Köpfe, die Tatas sechsundfünfzig, die Enels vierundsiebzig, zusammen einhundertvierundvierzig. Die Erzählung ist damit weniger Bericht als Rechenexempel: Sie führt vor, wie die Elben das Zählen begannen, und begründet nebenbei, warum die erste Sippe die kleinste blieb.

Der Text gibt sich selbst als Überlieferung zweiter Ordnung zu erkennen. Tolkien fasst die Legende als eine Art Märchen auf, wie es unter den Noldor in Aman den Kindern erzählt und in ähnlicher Gestalt auch bei den Grauelben bewahrt wurde; ihr spielerischer, formelhafter Zuschnitt ist beabsichtigt und nicht als Chronik gemeint. Entsprechend steht sie quer zum veröffentlichten Erzählwerk, das für die Frühzeit keine Sippenväter kennt und die ältesten Namen erst mit Ingwe, Finwe und Elwë ansetzt – Gestalten, die in dieser Legende gerade nicht am Anfang stehen. Auch mit dem frühesten Entwurfsstand deckt sie sich nicht: In den Lost Tales erwachen die ersten Elben nicht unter Zahlnamen am See, sondern in einem Tal, und als erste werden dort Ermon und Elmir genannt, die der Dunkelelb Nuin fand. Dieselbe Abhandlung hält im Übrigen eine Folgerung fest, die das veröffentlichte Buch nicht zieht: Von der ersten Sippe blieb niemand im Osten zurück, die Avari gingen allein aus der zweiten und der dritten hervor.