Name und Bedeutung

Der Name Formenos gehört dem Quenya an, der Sprache, die die Noldor in Valinor sprachen, und ist durchsichtig gebildet. Das Namensverzeichnis des „Silmarillion“ gibt ihn mit „Nördliche Festung“ wieder. Er setzt sich aus zwei Teilen zusammen: Am Anfang steht formen, das Quenya-Wort für den Norden. Der zweite Teil schließt an das Element ost an, das die Übersicht der Namensbestandteile im Anhang des Werkes als Wort für eine Festung oder befestigte Anlage führt. Der Name bezeichnet also Lage und Bauart der Stätte und sagt nichts über ihren Bewohner.1

Das Wort formen ist nicht auf diesen einen Ortsnamen beschränkt. In der Darstellung der Feanorischen Schrift im „Herrn der Ringe“ trägt eines der Schriftzeichen den Namen formen. Zusammen mit den Zeichen für die übrigen Himmelsrichtungen diente es zugleich als Zeichen für den Norden, so wie hyarmen für den Süden, romen für den Osten und andune für den Westen standen. Der Name der Festung greift damit auf ein festes Wort der Hochsprache zurück, das auch in der Schriftlehre der Noldor seinen Platz hat. Dass ausgerechnet ein Teil des Schriftsystems, das auf Feanor zurückgeführt wird, im Namen seines Sitzes wiederkehrt, ist eine sprachliche Beobachtung, keine Aussage der Texte über eine Absicht.2

Ein Gegenstück in Mittelerde bietet Fornost im Norden Eriadors, dessen Name im Sindarin dieselbe Bedeutung trägt. Dort steht for- für den Norden, und die Endung -ost ist unmittelbar als Wort für die Festung zu erkennen. Beide Namen folgen demselben Muster aus Himmelsrichtung und Bauform, gehören aber verschiedenen Sprachen und Weltgegenden an: Formenos der Hochsprache in Aman, Fornost der Umgangssprache der Elben und Menschen in Mittelerde. Einen weiteren, abweichenden Namen für Formenos überliefern die veröffentlichten Werke nicht. Die deutschen Ausgaben übernehmen die Form unverändert, da sie weder ein Trema noch einen übersetzbaren Bestandteil enthält.3

  1. 1Das Silmarillion, Index of Names; Das Silmarillion, Anhang, Elements in Quenya and Sindarin Names
  2. 2Der Herr der Ringe, Anhang E, Writing
  3. 3Das Silmarillion, Index of Names; Der Herr der Ringe, Anhang A, The North-kingdom and the Dúnedain

Lage und Gestalt der Festung

Formenos lag im Norden Valinors, fern von Tirion auf dem Hügel Tuna und abseits von Valmar, der Stadt der Valar in der Mitte des Landes. Die Erzählung verortet die Festung in den Hügeln dieses nördlichen Landstrichs, ohne ihre Umgebung näher zu beschreiben. Eine genaue Grenze, einen Fluss oder eine benachbarte Siedlung nennt der Text nicht. Deutlich wird nur der Abstand. Formenos war keine Stadt unter anderen Städten der Eldar, sondern ein abgesonderter Sitz am Rand des Gebietes, in dem Elben und Valar zusammenlebten. Diese Abgeschiedenheit folgt aus dem Anlass seiner Gründung: Feanor musste Tirion für eine bemessene Zeit verlassen und schuf sich im Norden eine eigene Wohnstatt.1

Der Bau war zugleich Wehranlage und Schatzhaus. Feanor und seine Söhne errichteten ihn als befestigten Ort, in dem sie ihre Kostbarkeiten verwahrten, und legten dort auch einen Vorrat an Waffen an. Das Wertvollste, was die Festung barg, waren die Silmarilli, die Feanor in einer gesicherten Kammer unter Verschluss hielt. Formenos war damit mehr als ein Verbannungsort: Hier sammelte sich der Reichtum des Hauses, und hier lagen die Juwelen, an denen Feanors ganzes Sinnen hing. Auch Finwe, sein Vater und König der Noldor, zog mit ihm in den Norden, und mit ihm gingen viele aus seinem Volk, sodass die Festung für diese Jahre zum Hof des Königs wurde.2

Was die Lage bedeutete, zeigt sich an den Toren der Festung. Als Melkor dort erschien und um Feanors Vertrauen warb, fand er die Tür verschlossen und wurde abgewiesen. Später, nach der Verdunkelung Valinors, wandte er sich erneut nach Formenos. Da Feanor zum Fest nach Valmar gezogen war und die Silmarilli zurückgelassen hatte, stand die Festung ohne ihren Herrn. Die Kunde von dem, was dort geschehen war, erreichte die Versammlung bei den erloschenen Bäumen erst durch Boten der Noldor, die aus dem Norden herbeikamen. Die Entfernung zwischen dem abgelegenen Sitz und dem Herz des Landes, die Feanor einst gewählt hatte, wurde so zur Voraussetzung dafür, dass niemand rechtzeitig zur Stelle war.3

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 7, Of the Silmarils and the Unrest of the Noldor
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 7, Of the Silmarils and the Unrest of the Noldor
  3. 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 7, Of the Silmarils and the Unrest of the Noldor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9, Of the Flight of the Noldor

Geschichte

Die Geschichte von Formenos beginnt mit dem Zerwürfnis unter den Noldor. Melkor streute nach seiner Freilassung Gerüchte, die Feanor und seinen Halbbruder Fingolfin gegeneinander aufbrachten, und in Tirion begann man heimlich Waffen zu schmieden. Als Feanor schließlich im Haus seines Vaters das Schwert gegen Fingolfin zog, wurde er vor die Valar nach Valmar gerufen. Dort kam Melkors Anteil an den Unruhen ans Licht, doch Feanor hatte den Frieden des Landes gebrochen, und Mandos verwies ihn für zwölf Jahre aus Tirion. Seine sieben Söhne teilten die Verbannung, und im Norden entstand der befestigte Sitz des Hauses. Eine Jahreszahl für die Gründung überliefert das „Silmarillion“ nicht; die Ereignisse fallen in die späte Zeit der Zwei Bäume.1

In den Jahren der Verbannung war die Herrschaft über die Noldor geteilt. In Tirion führte Fingolfin das Volk, während der König selbst bei seinem ältesten Sohn im Norden weilte. Melkor hatte sich nach seiner Entlarvung verborgen gehalten und suchte Formenos erst auf, als er glaubte, Feanors Groll gegen die Valar nutzen zu können. Nach seiner Abweisung schickte Finwe Boten zu Manwe, und Tulkas brach auf, um den Unruhestifter zu stellen. Melkor aber war schon entwichen und entzog sich jeder Verfolgung, bis er sich im Süden mit Ungoliant verbündete.2

Um die Wunden unter den Eldar zu heilen, rief Manwe zu einem großen Fest in Valmar. Von den Bewohnern des Nordens war allein Feanor ausdrücklich geladen, und er kam, jedoch ohne festliche Pracht und ohne die Silmarilli, die er in Formenos zurückließ. Vor Manwes Thron söhnte er sich äußerlich mit Fingolfin aus. Finwe dagegen blieb im Norden: Solange der Bann auf seinem Sohn lag, wollte er sich nicht als König vor den Valar zeigen, und mit ihm blieben die Noldor der Festung zu Hause. Diese Entscheidung sollte über sein Schicksal bestimmen.3

Während des Festes vergiftete Ungoliant die Zwei Bäume, und Dunkelheit fiel über Valinor. Im Schutz dieser Finsternis zog Melkor mit ihr nach Norden und fiel über Formenos her. Finwe trat ihm vor den Toren entgegen und wurde erschlagen; es war das erste Blut, das im Segensreich vergossen wurde. Die Festung wurde aufgebrochen, und Melkor raubte die Silmarilli samt allen Edelsteinen, die dort verwahrt lagen. Mit der Beute floh er weiter nach Norden und setzte über die Helcaraxe nach Mittelerde über. Als Feanor die Nachricht erhielt, verfluchte er Melkor und gab ihm den Namen Morgoth, unter dem er fortan bekannt war.4

Mit dem Überfall endet die Geschichte von Formenos als Wohnsitz. Feanor kehrte nicht in den geplünderten Norden zurück, sondern ging nach Tirion, wo er die Noldor zum Aufbruch nach Mittelerde aufrief und mit seinen Söhnen den Eid auf die Silmarilli schwor. Was aus der Festung nach dem Auszug der Noldor wurde, berichtet das „Silmarillion“ nicht; ob sie verlassen, verfallen oder wiederhergestellt wurde, bleibt offen. Ihre Bedeutung liegt in der kurzen Spanne zwischen Verbannung und Raub. Der Mord an Finwe und der Verlust der Juwelen, die sich dort ereigneten, gaben den Anstoß zu allem, was in den folgenden Zeitaltern aus dem Eid erwuchs.5

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 7, Of the Silmarils and the Unrest of the Noldor
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 7, Of the Silmarils and the Unrest of the Noldor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 8, Of the Darkening of Valinor
  3. 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 8, Of the Darkening of Valinor
  4. 4Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9, Of the Flight of the Noldor
  5. 5Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9, Of the Flight of the Noldor

Bewohner und Herrschaft

Die Bewohner von Formenos gehörten ausnahmslos dem Volk der Noldor an. Im Mittelpunkt stand Feanors Haus: er selbst und seine sieben Söhne, die das „Silmarillion“ an anderer Stelle einzeln vorstellt, nämlich Maedhros, Maglor, Celegorm, Caranthir, Curufin und die Zwillinge Amrod und Amras. Zu ihnen kam der alte König mit seinem Gefolge. Wer darüber hinaus im Norden lebte, benennt der Text nicht einzeln. Er spricht nur von Noldor, die dem König folgten, und nennt weder ihre Zahl noch ihre Herkunft aus bestimmten Familien. Andere Völker der Eldar, etwa Vanyar oder Teleri, erscheinen in der Festung nicht.1

Die Frage der Herrschaft war in Formenos eigentümlich verschränkt. Dem Rang nach war Finwe der Höchste unter den Bewohnern, denn die Königswürde über alle Noldor ruhte weiterhin bei ihm. Tatsächlich aber war die Festung das Werk und der Besitz seines Sohnes, und die Anordnungen über Bau, Vorräte und Schätze gingen von Feanor aus. Der König hatte sich aus Anhänglichkeit an diesen Sohn in dessen Verbannung begeben und damit das Land seines Volkes einem Stellvertreter überlassen. Zum übrigen Valinor stand der Sitz in einem Verhältnis der Distanz, nicht der offenen Feindschaft: Der Kontakt zu Manwe lief über Boten, und die Verbindung zur Stadt Tirion, in der die Halbbrüder Fingolfin und Finarfin lebten, war durch den Bann eingeschränkt.2

Mit dem Tod Finwes vor den Toren änderte sich die Nachfolge schlagartig. Feanor als ältester Sohn beanspruchte nun die Königswürde über das ganze Volk der Noldor und setzte sich dabei über den noch laufenden Bann der Valar hinweg. Damit war der Herr von Formenos zum Anwärter auf die Herrschaft in Tirion geworden, während die Festung selbst als Mittelpunkt keine Rolle mehr spielte. Die geteilte Ordnung der Verbannungsjahre, ein König im Norden und ein Stellvertreter in der Stadt, fand so ein Ende, allerdings nicht in Eintracht, sondern im Anspruch des Sohnes, der das Volk aus Aman fortführen wollte.3

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 7, Of the Silmarils and the Unrest of the Noldor
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 7, Of the Silmarils and the Unrest of the Noldor
  3. 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9, Of the Flight of the Noldor

Rolle in der Erzählung

Auffällig ist, wie selten die Erzählung selbst in Formenos verweilt. Die Festung wird fast nur von außen gezeigt: als Ziel, zu dem jemand aufbricht, als Ort, an dessen Tor ein Gespräch endet, als Herkunft einer Nachricht. Den Überfall schildert das „Silmarillion“ nicht aus dem Inneren der Mauern. Der Blick bleibt bei den Valar und den erloschenen Bäumen, und das Ausmaß des Geschehens erfährt der Leser gemeinsam mit der Versammlung, nicht vor ihr. So wird Formenos zu einem Ort, dessen Gewicht sich erst in der Rückschau erschließt, wenn das Entscheidende dort längst vorüber ist.1

Aus dieser Anlage gewinnt die Szene am Ring des Schicksals ihre bittere Wendung. Die Valar baten Feanor, die Silmarilli herzugeben, damit Yavanna die Bäume wiederbeleben könne, und er verweigerte es nach langem Schweigen. Gerade in diesem Augenblick trat zutage, dass die Juwelen ihm schon entrissen waren; seine Weigerung hatte über nichts mehr zu entscheiden. Feanor verfluchte daraufhin nicht nur den Räuber, sondern auch Manwes Ruf und die Stunde, in der er ihm gefolgt war, im Glauben, er hätte in seiner Festung mehr ausrichten können. Dann lief er aus dem Kreis in die Nacht, denn der Vater galt ihm mehr als das Licht Valinors und alle Werke seiner Hände.2

Im Gefüge des Buches steht Formenos für eine Liebe, die sich einschließt. Schon in Tirion gönnte Feanor den Anblick der Silmarilli kaum jemandem außer seinem Vater und seinen Söhnen; im Norden erhielt diese Abschließung Mauern und Riegel. Die Festung sollte bewahren, was ihm am teuersten war, und wurde zu dem Ort, an dem er beides zugleich verlor. Darin liegt ihre erzählerische Funktion: Sie ist die Schwelle, an der der Streit unter den Noldor aufhört, eine Sache Valinors zu sein, und zur Geschichte der Juwelen und ihres Verlustes wird.3

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9, Of the Flight of the Noldor
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9, Of the Flight of the Noldor
  3. 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 7, Of the Silmarils and the Unrest of the Noldor