Herkunft und Namen
In den Verzeichnissen, die Anhang A des Herrn der Ringe aus den Annalen Gondors zieht, erscheint Thorondir als bloßer Name in einer Reihe: ohne Beinamen, ohne Zusatz und ohne jene Ordnungsziffer, die dort denjenigen Truchsessen beigegeben ist, deren Name im Amt schon einmal getragen worden war. Seine beiden unmittelbaren Nachbarn in der Liste, Belecthor II. und Túrin II., führen eine solche Ziffer; sein eigener Name dagegen kommt in der ganzen Folge des Amtes nur ein einziges Mal vor. Auch sonst ist die Überlieferung wortkarg. Von seinem Aussehen, seinem Wesen oder einem ihm zugeschriebenen Ausspruch ist nichts erhalten; was bleibt, ist der Eintrag im Verzeichnis und die Stelle, die er darin einnimmt.
Der Name ist sindarinischer Bildung, wie die Namen der Truchsessen überhaupt — von Mardil über Belecthor und Ecthelion bis Denethor reicht diese Gewohnheit durch die ganze Reihe. Sein erstes Glied entspricht dem Wort für „Adler“, das die Zusammenstellungen elbischer Namenselemente aus Thorondor, dem Adlerfürsten der Älteren Tage, und aus Cirith Thoronath, der Adlerschlucht in den Bergen um Gondolin, kennen. Das zweite Glied begegnet in einer Reihe männlicher Namen der Grauelbenzunge und wird gewöhnlich auf das Wort für „Mann“ zurückgeführt, so dass sich als Sinn ungefähr „Adlermann“ ergäbe. Dabei ist Zurückhaltung geboten: Eine ausdrückliche Übersetzung gerade dieses Namens hat Tolkien nirgends hinterlassen. Die Zerlegung ist Rückschluss aus bekannten Elementen, nicht überlieferte Deutung, und ein Bezug zu Adlern in Leben oder Wappen des Trägers lässt sich daraus nicht gewinnen.
Als Mensch gehörte Thorondir den Dúnedain Gondors an und zählte zum Haus Húrin, jenem Geschlecht hohen númenórischen Blutes, das seinen Namen von Húrin von Emyn Arnen herleitet, dem Truchsess König Minardils. Seit dessen Tagen wurden die Träger des Amtes aus seiner Nachkommenschaft genommen, und mit Mardil, dem ersten der Herrschenden Truchsessen, wurde die Würde vollends erblich: Sie ging vom Vater auf den Sohn oder auf den nächsten Verwandten über. Eben diese Formel setzt der Auskunft über Thorondir eine Grenze. Dass er im Haus Húrin stand und welchen Platz er in der Abfolge einnahm, ist bezeugt; wessen Sohn er war, sagen die Annalen nicht, und ebenso wenig verzeichnen sie, an welchen Stellen der Reihe die Nachfolge einmal seitwärts sprang statt geradeaus. Wer ihm einen Vater zuschreibt, ergänzt daher, was die Quelle offenlässt.
Amtszeit und Zeitgeschehen
Das Jahr, in dem Thorondir die Herrschaft antrat, steht in der Jahresübersicht Gondors für zwei Vorgänge zugleich. Im Jahr 2852 des Dritten Zeitalters starb Belecthor II., und im selben Jahr verdorrte der Weiße Baum in Minas Tirith. Ein Schössling, aus dem ein neuer hätte gezogen werden können, ließ sich nirgends finden, und so beließ man den toten Stamm im Hof des Brunnens, statt ihn zu fällen. Thorondirs ganze Zeit im Amt — dreißig Jahre — verlief mithin unter einem Baum, der nicht mehr grünte, einem Zustand, den keiner der Truchsessen vor ihm gekannt hatte und den auch keiner nach ihm zu ändern vermochte.
Was ihm zufiel, war ein Amt, das seit gut acht Jahrhunderten die Stelle des Königtums vertrat. Seit Earnur im Jahr 2050 nach Minas Morgul geritten und nicht wiedergekehrt war, hatte Gondor keinen König mehr, und die Truchsessen führten die Herrschaft in dessen Namen weiter, ohne Krone und ohne Thronbesteigung. Sie nahmen nicht auf dem Hochsitz Platz, sondern auf einem schmucklosen Stuhl aus schwarzem Stein am Fuß der Stufen, und ihr Banner war weiß und ohne Zeichen. In dieser Form der Vertretung, die längst zur Dauerordnung geworden war, regierte auch Thorondir: als Verwalter eines Reiches, dessen rechtmäßiger Herr seit Jahrhunderten ausblieb.
Unmittelbar vor seinem Amtsantritt fielen andernorts Entscheidungen, die den Rest des Zeitalters bestimmen sollten. Im Jahr 2850 drang Gandalf zum zweiten Mal in Dol Guldur ein und gewann Gewissheit, dass der Nekromant dort in Wahrheit Sauron war; im Jahr darauf trat der Weiße Rat zusammen, und Sarumans Einspruch verhinderte den Angriff, zu dem Gandalf riet. Im selben Jahr begann Saruman, die Gegend der Schwertelfelder abzusuchen. Die Verzeichnisse der Truchsessen berühren all dies mit keinem Wort; was in Gondor davon bekannt war, ist nicht überliefert. Thorondir übernahm die Herrschaft also in dem Augenblick, in dem der Feind im Süden des Düsterwalds bereits erkannt, ein Vorgehen gegen ihn aber eben verworfen worden war.
Für die dreißig Jahre selbst schweigt die Überlieferung nahezu vollständig. Zwischen dem Eintrag, der Belecthors Tod und das Ende des Baumes festhält, und dem nächsten, der Gondor betrifft, verzeichnet die Jahresübersicht keinen einzigen Vorgang, der in Thorondirs Herrschaft fiele — weder Krieg noch Bau, weder Gesandtschaft noch Unglück. Das unterscheidet ihn von etlichen seiner Vorgänger, an deren Namen die Annalen Taten geheftet haben: an Cirion die Schlacht auf dem Feld von Celebrant und die Abtretung Calenardhons an Eorl, an Boromir die Kämpfe gegen die Feinde aus Minas Morgul und die Rückgewinnung Ithiliens, an Beren die Übergabe der Schlüssel von Orthanc an Saruman. Bei Thorondir bleibt die Rubrik leer.
Ein Wechsel jenseits der Weißen Berge fällt gleichwohl in seine Zeit. Im Jahr 2864 kam Folca von Rohan bei der Jagd auf den Eber von Immerholt um, und Folcwine folgte ihm auf den Thron. Dieser stellte die Kraft der Rohirrim wieder her und gewann die Westmark zwischen Adorn und Isen zurück, die sein Volk zuvor eingebüßt hatte. Das Bündnis, das Cirion und Eorl einst beschworen hatten, bestand während Thorondirs Herrschaft unangetastet fort; dass der Truchsess in Minas Tirith daran Anteil gehabt hätte, sagen die Quellen jedoch nicht. Es ist der Nachbar, der handelt, während über Gondor selbst nichts vermerkt wird.
Thorondir starb im Jahr 2882 des Dritten Zeitalters; die Liste der Truchsessen führt hinter seinem Namen nur diese Zahl. Auf ihn folgte Túrin II., und schon drei Jahre danach brach über die Südgrenze, was seine eigene Zeit verschont hatte: 2885 überschritten die Haradrim, von Boten Saurons aufgehetzt, den Poros und fielen in Gondor ein. Folcwine sandte Hilfe, und seine beiden Söhne Folcred und Fastred fielen in gondorischem Dienst; über ihrem Grab an den Furten wurde ein Hügel errichtet. Das gehört nicht mehr zu Thorondirs Geschichte, wirft aber ein Licht auf sie: Seine drei Jahrzehnte erscheinen im Rückblick als eine der letzten längeren Atempausen, bevor die Angriffe auf Gondor wieder einsetzten — eine Herrschaft, von der die Annalen nichts zu berichten wussten, weil nichts geschah, das sie zu berichten für nötig hielten.
Amt, Vollmacht und ihre Grenzen
Die Macht, über die Thorondir verfügte, war Amtsmacht und sonst keine. Das Truchsessenamt führte den vollen Titel eines Truchsesses des Hohen Königs, und wer es innehatte, hielt Stab und Herrschaft für den, der einst zurückkehren sollte; als Zeichen der Würde diente ein weißer Stab. Der Sache nach reichte die Vollmacht so weit wie die eines Königs: Befehl über die Heere, Verfügung über die Lehen und Festungen des Reiches, Vorsitz und Entscheidung im Rat, Gerichtsbarkeit über die Untertanen. Zugleich war der Truchsess ein Mensch wie andere Dúnedain Gondors und besaß nichts, was über die Gaben seines Volkes hinausging — keine Zauberkunst, keine Schau in die Ferne, kein Leben über das Maß seines Geschlechts hinaus. Was ihn über andere erhob, war ein vererbter Auftrag, keine Fähigkeit.
In diese Vollmacht war eine Schranke eingebaut, die kein Träger des Amtes je verschob. Die Truchsessen erhoben keinen Anspruch auf die Krone und nannten sich nicht Könige, sondern behandelten Gondor durchweg als ein Reich, dessen Herr abwesend, aber nicht ersetzt war. Damit konnte das Amt den Zustand, den es verwaltete, gerade nicht beenden: Einen König einsetzen lag außerhalb seiner Befugnis, und wann das Warten aufhörte, entschied nicht der Verwalter. Wie fest diese Grenze saß, zeigt schon die Vorgeschichte der Herrschenden Truchsessen — als das Haus Anárions zu erlöschen drohte, wies Gondor den Anspruch des nördlichen Erben ab und wählte einen Feldherrn zum König, statt die Frage der Nachfolge grundsätzlich zu klären. Was daraus wurde, verwaltete auch Thorondir weiter.
Ein Machtmittel lag während seiner dreißig Jahre in Reichweite und blieb, soweit bekannt, unberührt: der Sehende Stein von Minas Anor, der im Weißen Turm verwahrt wurde. Die späteren Erörterungen zu den Palantíri halten fest, dass die Truchsessen um das Gerät wussten, dass aber vermutlich erst Denethor II. es wagte, den Stein zu gebrauchen, und dass ihn dieser Gebrauch am Ende überforderte. Für Thorondir ist weder ein Versuch noch ein ausdrücklicher Verzicht überliefert; die Frage stellt sich einzig deshalb, weil das Gerät in seiner Stadt lag. So bleibt für die Bemessung seiner Macht nur, was die Quellen zulassen: ein Amt von beträchtlicher Reichweite und ein Inhaber, von dessen Gebrauch dieser Reichweite nichts aufgezeichnet ist.
Verwandtschaft, Bündnisse und das Schweigen der Verzeichnisse
Von den Menschen, die um Thorondir standen, nennt die Überlieferung keinen einzigen. Keine Gemahlin ist verzeichnet, kein Kind, kein Bruder, kein Ratgeber und kein Feldherr, der in seinem Auftrag gehandelt hätte. Wie ungewöhnlich diese Leere nicht ist, zeigt der Vergleich mit den letzten Trägern des Amtes, denen Anhang A einen eigenen zusammenhängenden Bericht widmet: Dort erfährt man, wen Denethor II. zur Frau nahm — die Tochter des Fürsten von Dol Amroth —, wie viele Söhne ihm geboren wurden und wie sein Verhältnis zu Ecthelion II. beschaffen war. Für Thorondir gibt es keinen solchen Bericht, sondern allein die Zeile im Verzeichnis; die persönlichen Bindungen, die jeder Herrscher notwendig hatte, sind mit ihm vergangen.
Was von seinen Beziehungen bleibt, sind Verhältnisse des Amtes, nicht der Person. Die beiden Namen, die unmittelbar neben seinem stehen, bezeichnen einen Vorgänger und einen Nachfolger — eine Ordnung der Reihenfolge, aus der sich über Zuneigung, Erziehung oder Zerwürfnis nichts entnehmen lässt und die, wie oben ausgeführt, nicht einmal den Grad der Verwandtschaft festlegt. Darüber hinaus band das Amt seinen Inhaber an die Lehnsherren der südlichen und westlichen Landschaften, die dem Truchsess Gefolgschaft und Heerbann schuldeten, und an das Volk jenseits der Weißen Berge, das durch einen Eid früherer Tage mit Gondor verbunden war. Aus Thorondirs dreißig Jahren ist jedoch weder eine Zusammenkunft noch eine Botschaft noch ein Streit mit einem dieser Verbündeten aufgezeichnet.
Ein letzter Hinweis auf das Verhältnis zu seinem Geschlecht liegt in der Namengebung selbst. Das Haus Húrin hielt die Erinnerung an seine Vorfahren dadurch wach, dass Söhne die Namen früherer Truchsesse erhielten; Ecthelion und Denethor wurden je zweimal vergeben, andere ebenso, und jede Wiederholung bezeugt, dass ein Späterer sich ausdrücklich auf einen Früheren bezog. Thorondirs Name ist in der ganzen Folge des Amtes nur ein einziges Mal geführt worden: Vor ihm hat ihn keiner getragen, und nach ihm hat ihn keiner aufgenommen. Mehr als eine Beobachtung ist das nicht, denn viele Namen der Reihe stehen für sich allein. Zusammen mit dem Übrigen ergibt es dennoch das Bild eines Mannes, den die Annalen ausschließlich über seine Zugehörigkeit und seinen Platz kennen — Angehöriger eines Hauses, Inhaber einer Stelle, sonst nichts.