Herkunft und Namen

Belecthor II. gehört in die Reihe der Herrschenden Truchsesse Gondors, wo ihm die einundzwanzigste Stelle zufällt. Die Ordnungszahl hinter dem Namen ist kein Zusatz der Überlieferung, sondern unterscheidet ihn von einem früheren Träger desselben Namens: Belecthor I. steht in derselben Liste an fünfzehnter Stelle, rund zwei Jahrhunderte vor ihm. Solche Wiederaufnahmen sind für das Haus Húrin kein Einzelfall, sondern das Muster der Namengebung überhaupt. Wer die Reihe von Mardil an durchgeht, findet Húrin und Túrin je zweimal, dazu Denethor, und daneben Namen, die aus den Tagen der Ältesten Zeit stammen: Beren, Barahir, Hador, Dior, Turgon, Ecthelion, Egalmoth. Das Geschlecht der Truchsesse führte die Erinnerung an die Edain und an Gondolin ausdrücklich in seinen eigenen Namen mit.

Er war ein Mensch Gondors und stand in der Nachkommenschaft der Númenórer, wie sie sich im Süden des Exils erhalten hatte. Das Haus, dem er angehört, trägt seinen Namen nach Húrin von Emyn Arnen, einem Mann von hoher númenórischer Abkunft, der unter König Minardil das Amt des Truchsessen versah. Von da an blieb das Amt in seiner Verwandtschaft, bis es erblich wurde und schließlich, als kein König mehr da war, die Führung des Reiches selbst an dieses Haus fiel. Belecthor II. gehört mithin einer Familie an, die zu seiner Zeit bereits über ein Jahrtausend hinweg mit dem Amt verbunden war und die ihre Herkunft nicht auf die Könige, sondern auf deren Diener zurückführte.

Der Name selbst ist sindarinischer Form, wie die Namen dieser Linie überhaupt. Sein erstes Glied lässt an das sindarinische Wort für „mächtig, groß“ denken, das in Beleg, Belegost und Belegaer erscheint und im Namenverzeichnis der elbischen Wortelemente eigens ausgewiesen wird; ausgesprochen wird diese Herleitung für Belecthor jedoch nirgends, und das zweite Glied bleibt ohne Deutung. Eine Übersetzung des Namens ist also nicht überliefert, sondern allenfalls zu vermuten. Ebenso wenig ist ein Beiname bezeugt, wie ihn etwa Mardil Voronwe trägt, den die Chronik den Beständigen und den guten Truchsessen nennt. Auch über die Eltern schweigen die Quellen: Der Anhang sagt nur allgemein, das Amt sei vom Vater auf den Sohn oder auf den nächsten Verwandten übergegangen, und nennt an keiner Stelle, welche Übergänge nicht in gerader Linie erfolgten. Gesichert ist die Stellung in der Reihe, nicht die Abstammung.

Geschichte

Mit dem Tod Beregonds im Jahr 2811 des Dritten Zeitalters fiel Belecthor II. die Führung Gondors zu, und er hielt sie einundsechzig Jahre lang. Er übernahm ein Reich, das eben erst aus einer Kette schwerer Jahre herausgekommen war. In den Tagen Berens, des neunzehnten Truchsessen, hatten die Korsaren von Umbar und Männer aus dem Harad die Küsten überfallen, während zugleich die Dunländer über den Isen nach Rohan einbrachen, und auf diese Kämpfe folgte der Lange Winter von 2758 auf 2759, der in beiden Reichen mehr Menschen umbrachte als das Schwert. Beregond hatte die Eindringlinge aus Gondor hinausgeschlagen, und was er hinterließ, war ein wiedergewonnener, aber ausgezehrter Frieden. Was sein Nachfolger daraus machte, sagt keine Quelle: Der zusammenhängende Bericht über die Truchsesse geht von Beregond unmittelbar zu Túrin II. über und übergeht die Jahrzehnte dazwischen ohne ein Wort.

Das Amt, das er führte, war zu dieser Zeit längst mehr als eine Verwaltung neben dem Thron. Seit König Earnur im Jahr 2050 nach Minas Morgul geritten und nicht zurückgekehrt war, hatte Gondor keinen König mehr, und die Truchsesse regierten an seiner Statt, ohne Krone und ohne den Hochsitz einzunehmen. Zeichen ihrer Vollmacht war ein weißer Stab, ihr Platz ein schwarzer Sessel auf der untersten Stufe der Empore, und ihr Amtseid band sie daran, Herrschaft nur zu verwalten, bis der König wiederkäme. Belecthor II. ist der einundzwanzigste in dieser Reihe und damit einer jener Herrscher, deren gesamte Regierungszeit in die stillen Jahrhunderte fällt, in denen Gondor weder wuchs noch fiel, sondern seine Grenzen hielt und langsam an Volk verlor.

Anderswo waren diese einundsechzig Jahre keineswegs ereignislos. In Rohan starb 2864 König Folca auf der Jagd auf den Eber von Everholt, und ihm folgte Folcwine, der die Westmark zwischen Adorn und Isen zurückgewann, die das Reich an die Dunländer verloren hatte. Im Norden brach 2841 Thráin II. aus dem Ered Luin auf, um zum Erebor zurückzukehren; 2845 wurde er in Dol Guldur gefangen gesetzt und ihm der letzte der Sieben Ringe genommen, und 2850 fand Gandalf ihn dort sterbend, empfing Schlüssel und Karte und erkannte, dass der Herr jenes Turmes Sauron selbst war. Im Jahr darauf trat der Weiße Rat zusammen, Gandalf drang auf einen Angriff, Saruman setzte sich dagegen durch und begann seinerseits, die Gegend der Schwertelfelder abzusuchen. Die Chronik Gondors verknüpft nichts davon mit dem Namen ihres damaligen Herrschers; die Ereignisse liefen an seinem Reich vorbei.

Das Jahr 2872 trägt in der Zeittafel zwei Einträge, und der zweite hat den ersten überdauert. Belecthor II. starb, und im selben Jahr starb der Weiße Baum im Hof des Springbrunnens auf der Zitadelle von Minas Tirith. Es war jener Baum, den König Tarondor 1640 als Schössling gepflanzt hatte, nachdem der vorige während der Großen Pest von 1636 eingegangen war; er hatte also mehr als zwölf Jahrhunderte gestanden. Diesmal jedoch fand sich kein Schössling, so sehr man suchte. Das Reich verlor damit nicht nur einen Truchsessen, sondern das lebendige Zeichen des Königshauses, dessen Wiederkehr die Truchsesse in ihrem Eid offenhielten.

Man fällte den toten Baum nicht. Er blieb stehen, wo er gewachsen war, dürr und weiß am Rand des Beckens, und die Wachen der Zitadelle hüteten ihn weiter, als wäre er am Leben. So sah ihn Peregrin Tuk anderthalb Jahrhunderte später, als er im März 3019 zum ersten Mal vor Denethors Halle trat, und erst nach dem Untergang Saurons endete diese Wache: Gandalf führte Aragorn auf einen Hang des Mindolluin, wo ein Sämling aus dem alten Geschlecht Nimloths im Schnee stand, und der dürre Stamm wurde aus dem Hof genommen und in Rath Dínen zur Ruhe gelegt. Auf Belecthor II. folgte zunächst Thorondir, dessen Herrschaft nur zehn Jahre währte, und dann Túrin II., unter dem der Druck von außen wieder zunahm: 2885 fielen die Haradrim über den Poros ein, und 2901 verließ der größte Teil der verbliebenen Bewohner Ithilien vor den Angriffen der Uruks Mordors. Gemessen daran gehören die Jahre Belecthors II. zu den letzten ruhigen Gondors, und ihr einziges überliefertes Ereignis ist ein Verlust, gegen den keine Waffe half.

Rolle und Vollmacht

Was ein Herrschender Truchsess vermochte, ergibt sich bei Belecthor II. nicht aus überlieferten Taten, sondern aus der Beschaffenheit des Amtes, das er einundsechzig Jahre lang innehatte. Der Truchsess führte die Heere Gondors, sprach Recht und verfügte über die Ämter des Reiches; der Sache nach war seine Vollmacht die eines Königs, nur ohne dessen Titel. Erblich geworden war sie nach den Tagen Pelendurs, der unter König Ondoher gedient hatte: Von da an ging die Truchsessenwürde innerhalb eines Hauses weiter, wie sonst nur eine Krone. Welches Gewicht ein Truchsess selbst in der Frage der Thronfolge haben konnte, zeigte eben dieser Pelendur, als nach Ondohers Fall im Norden der Rat Gondors den Anspruch Arveduis von Arthedain auf beide Reiche zurückwies und die Krone Earnil zusprach. Belecthor II. übte diese Vollmacht in einer Zeit aus, in der sie längst niemand mehr bestritt.

Ebenso deutlich sind die Grenzen dieser Stellung gezogen. Keiner der Truchsesse nahm die Krone oder den Königsnamen an, und ihr Banner war weiß und ohne Zeichen: Es führte weder den Weißen Baum noch die sieben Sterne noch die Krone, die allein dem Hause der Könige zustanden. Rechtlich handelte der Truchsess stets für einen Abwesenden, und was er tat, band das Reich nur so lange, wie kein rechtmäßiger Erbe erschien. Auch die Werkzeuge der alten Königsmacht lagen ihm eher zur Hand, als dass er sie gebraucht hätte: Der Stein von Anor verblieb im Weißen Turm, doch von keinem Truchsess vor Denethor II. wird berichtet, dass er ihn befragt habe. Für Belecthor II. ist demnach weder ein Gebrauch des Steins noch irgendeine Befugnis über das Herkömmliche hinaus bezeugt.

Von seiner Person selbst ist nichts überliefert: kein Feldzug, kein Bauwerk, kein Ausspruch, kein Rat, den er gegeben hätte. Er tritt in keiner Erzählung auf, sondern nur in der Liste der Truchsesse und in der Zeittafel, und dort mit einer einzigen Jahreszahl. Besondere Gaben werden ihm nirgends zugeschrieben; er war ein Mensch Gondors von númenórischer Abkunft, dessen lange Amtszeit im Rahmen dessen bleibt, was die Reihe sonst zeigt. Wie weit die Vollmacht eines Truchsessen reichte, macht gerade das eine Ereignis kenntlich, das mit seinem Namen zusammenfällt: Über Heer und Recht ließ sich verfügen, über das Absterben des Baumes im Zitadellenhof nicht, und ein Nachfolgeschössling war durch keine Anordnung zu beschaffen.

Verwandtschaft und Bindungen des Amtes

Zu Belecthor II. nennt die Überlieferung nicht eine einzige Person, die ihm persönlich verbunden gewesen wäre: keine Gattin, kein Kind, kein Bruder, kein Gefährte. Auch die beiden, die in der Liste unmittelbar neben ihm stehen, Beregond vor und Thorondir nach ihm, sind ihm allein durch die Abfolge des Amtes zugeordnet; welcher Grad an Verwandtschaft zwischen ihnen bestand, wird an keiner Stelle ausgesprochen. Was bleibt, ist die Zugehörigkeit zum Haus der Truchsesse selbst — eine Verwandtschaft im weiteren Sinn, die er mit allen teilt, die seit Mardil in dieser Reihe standen, und die für ihn zugleich das einzige bezeugte Band an einen anderen Menschen ist.

Die Beziehung aber, die das Amt überhaupt erst bestimmte, war eine zu einem Abwesenden. Jeder Herrschende Truchsess trat sein Amt mit einer Verpflichtung gegenüber dem Hause der Könige an, das seit Jahrhunderten niemanden mehr stellte, und regierte in dessen Namen weiter, als sei die Rückkehr eine Frage der Zeit und nicht der Hoffnung. Das gab dem Verhältnis eine eigentümliche Richtung: Belecthor II. war einundsechzig Jahre lang jemandem treu, den es nicht gab, und der Verzicht auf Krone, Thron und Wappen war die tägliche Form dieser Treue. Von einem Rat, der ihn beriet, oder von Hauptleuten, die ihm dienten, ist für seine Jahre nichts überliefert.

Nach außen erbte er das eine Bündnis, das Gondor in diesen Jahrhunderten trug. Seit Cirion dem Eorl Calenardhon übergeben und beide einander Beistand in der Not geschworen hatten, band dieser Eid nicht nur die Schwörenden, sondern ihre Nachfolger auf beiden Seiten, und Belecthor II. stand darin ebenso wie die Könige der Mark, die zu seinen Lebzeiten in Edoras regierten. Ein Hilferuf ist aus seinen Jahren von keiner Seite verzeichnet. Ebenso wenig hat die Überlieferung ihm einen Gegner mit Namen gegeben: Die Feindschaften Gondors richteten sich in dieser Zeit gegen Reiche und Mächte — Umbar, den Harad, den Schatten im Osten —, und keine davon ist an seine Person geknüpft. Seine Beziehungen sind durchweg die des Amtes, nicht die des Mannes.