Name und Benennung

Der Name Adurant gehört dem Sindarin an und bezeichnet einen zwiefachen Lauf, gleichsam einen Strom, der zugleich zwei ist. Zugrunde liegt keine Deutung, sondern eine schlichte Beobachtung am Wasser selbst: Auf einem Stück seines Weges teilt sich der Fluss, umschließt mit beiden Armen ein Stück Land und führt unterhalb davon seine Wasser wieder zusammen. Die so umflossene Insel trägt den Namen Tol Galen, die grüne Insel, und beide Namen erklären einander, denn ohne das Eiland gäbe es die Gabelung nicht, die den Fluss benennt. Damit gehört Adurant zu jener Gruppe elbischer Ortsnamen, die weniger eine Geschichte festhalten als eine Gestalt der Landschaft — so genau, dass sich aus dem Wort allein der Verlauf des Gewässers ablesen lässt.

Sprachlich zerfällt der Name in zwei Glieder, ein vorangestelltes, das die Wiederholung oder Verdoppelung anzeigt, und ein zweites, das den Lauf, die Bahn eines fließenden Wassers meint. Dieses zweite Element begegnet in Mittelerde auch weit im Osten und in späterer Zeit wieder, etwa im Namen des Celebrant, den die Menschen den Silberlauf nannten; die Übereinstimmung zeigt, wie beständig das Sindarin seine Wortelemente über Zeitalter hinweg trug. Von einem Benennungsakt berichten die Quellen nichts: Kein Fürst und keine Wanderschar wird genannt, die dem Fluss den Namen gegeben hätte. Er ist einfach der Name, unter dem das Gewässer in den Aufzeichnungen Beleriands erscheint, gebildet in der Sprache, die dort unter den Elben galt.

Sein Name steht nicht für sich, sondern am Ende einer Reihe. Sechs Flüsse fallen von den Ered Luin herab und suchen den Gelion, und alle sechs tragen elbische Namen — Ascar, Thalos, Legolin, Brilthor, Duilwen und zuletzt, am weitesten im Süden, der Adurant. Zusammen mit dem Gelion selbst ergeben sie die Sieben, nach denen das ganze Land benannt ist, denn Ossiriand heißt nichts anderes als das Land der sieben Ströme; der Name der Landschaft ist also aus den Namen ihrer Wasser gebildet. Innerhalb dieser Reihe blieb es dem Adurant erspart, umbenannt zu werden: Nur der nördlichste der sechs, der Ascar, erhielt später einen zweiten Namen, Rathlóriel. Der südlichste behielt die eine Bezeichnung, die ihm seine Gestalt eingetragen hatte.

Land und Lage

Der Adurant ist ein Gebirgswasser im Osten Beleriands. Sein Land ist Ossiriand, jener Landstrich, der im Westen vom Gelion und im Osten von den Höhen der Ered Luin begrenzt wird; zwischen beiden liegt die Reihe der Täler, durch die das Wasser vom Gebirge her westwärts zum großen Strom hinabgeht. Die Quellen beschreiben diese Zuflüsse übereinstimmend als reißend und unruhig: Sie stürzen steil aus den Bergen herab, sind also keine breiten, langsamen Ströme des Flachlands, sondern kurze, kräftige Wasser mit starkem Gefälle. Unter ihnen liegt der Adurant am weitesten im Süden, und damit bildet sein Tal den letzten der bewässerten Streifen, aus denen sich Ossiriand zusammensetzt.

Auf einem Stück seines Weges verliert der Fluss die Geschlossenheit, die seine Nachbarn behalten: Seine Arme legen sich um ein Eiland, das mitten in seinem Bett liegt, und finden erst unterhalb davon wieder zusammen. Diese Insel, Tol Galen, ist der einzige benannte Ort an seinem Lauf und zugleich das Merkmal, das den Adurant von den übrigen Wassern Ossiriands unterscheidet. Später wurde sie zum Wohnsitz, und der Landstrich um sie her erhielt einen eigenen Namen, Dor Firn-i-Guinar. Über Furten, Brücken oder Straßen an diesem Fluss schweigen die Aufzeichnungen; die Zwergenstraße aus den Bergwerken der Ered Luin traf den Gelion weit im Norden, sodass der Süden Ossiriands abseits der begangenen Wege lag.

Mit der Mündung des Adurant endet die Aufnahme östlicher Wasser durch den Gelion. Unterhalb davon zieht der Strom allein weiter nach Süden, und er hat dort noch einen weiten Weg vor sich: Der Gelion gilt als der längste Fluss Beleriands, doppelt so lang wie der Sirion, wenn auch geringer an Wassermenge. Was jenseits dieser Einmündung liegt, bleibt in den Berichten unbestimmt; die Erzählungen folgen dem Gelion kaum noch weiter, und das Land südlich der letzten Talmündung tritt nicht mehr eigens hervor. So markiert der Adurant weniger eine gezogene Grenze als den Punkt, an dem die dicht beschriebene Landschaft der sieben Wasser aufhört und die Karte in unbenanntes Gebiet übergeht.

Geschichte

Die frühe Geschichte des Flusstals ist die Geschichte seiner Bewohner, denn Bauwerke gab es an ihm nie. In das Land zwischen Gebirge und Gelion kamen im Ersten Zeitalter jene Elben, die auf der großen Wanderung am Anduin zurückgeblieben waren und erst später unter Denethor über die Ered Luin zogen; Thingol hieß sie willkommen und wies ihnen die Wälder östlich seines Reiches zu. Sie lebten in den Baumkronen und am Wasser, arbeiteten weder in Stein noch in Erz und trugen Gewänder von der Farbe des Laubes, weshalb man sie die Grünelben nannte. Nach dem Fall Denethors in der ersten Schlacht Beleriands zogen sie sich ganz in die Verborgenheit ihrer Täler zurück und traten in den Kriegen des Nordens kaum mehr hervor. Die Aufzeichnungen unterscheiden dabei nicht zwischen den einzelnen Talschaften, sodass auch der südlichste Streifen namenlos in dieser Gesamtheit aufgeht.

Eine erste Störung dieser Abgeschiedenheit brachte die Ankunft der Menschen, die aus dem Osten über das Gebirge kamen und in den Tälern Rast machten. Die Grünelben waren darüber beunruhigt, weil sie in den Fremden Waldverwüster und Wildtöter sahen, und ließen Finrod ihre Klage wissen: Sie duldeten kein Volk in ihrem Land, das Bäume fällte und die Tiere jagte. Daraufhin führte Finrod die Menschen über den Gelion nach Westen, wo sie in Estolad siedelten; das Land der sieben Wasser blieb den Elben. Aus dieser Zeit stammt die einzige überlieferte Auseinandersetzung um das Gebiet, und sie wurde ohne Waffen entschieden.

Bedeutung über die Landschaft hinaus gewann der Fluss erst, als Beren und Lúthien nach ihrer Rückkehr aus dem Tod die Insel in seinem Bett zum Wohnsitz wählten. Sie lebten dort abseits aller Reiche, ohne Gefolge und ohne Verbindung zu den Fürstenhäusern, und wer sie sehen wollte, musste den weiten Weg in den Süden Ossiriands nehmen; sterbliche Boten wagten sich nur selten dorthin. Auf der Insel wurde ihr Sohn Dior geboren, der später Thingols Erbe wurde und unter den Grünelben aufwuchs. Eine Jahreszahl nennt die Überlieferung für diesen Abschnitt nicht; die Erzählung setzt die Zeit auf der Insel schlicht zwischen die Rückkehr der beiden und ihr zweites Ende, ohne sie zu vermessen.

Ein einziges Mal ging von diesem abgelegenen Wohnsitz eine Tat aus, die in die große Erzählung eingriff. Als die Zwerge nach der Plünderung Menegroths mit ihrer Beute ostwärts zogen, um über die Furt des Gelion in die Berge zurückzukehren, brach Beren von der Insel auf, sammelte die Grünelben und stellte den Zug am Übergang; dort fiel der Herr von Nogrod, und der geraubte Schatz wurde ins Wasser des nördlichsten der sechs Zuflüsse geworfen. Nur das Nauglamír, in das ein Silmaril gefasst war, kehrte mit Beren zurück, und Lúthien trug es fortan auf der Insel. Danach schweigen die Quellen wieder über den Ort, bis eines Herbstes Boten der Grünelben Dior in Doriath ein Kästchen brachten, an dem er erkannte, dass seine Eltern nun endgültig dahingegangen waren. Von da an wird die Insel als Wohnsitz nicht mehr genannt; sie fällt zurück in dieselbe Namenlosigkeit, aus der sie kurz herausgetreten war.

Auch Dior selbst hatte in Ossiriand gelebt, ehe er das Erbe seines Großvaters antrat: Seine Wohnstatt lag bei einem Wasserfall im selben Land, und dort wurde seine Tochter Elwing geboren. Mit seinem Fortgang nach Doriath endet jede Verbindung des Flusstals zu den Ereignissen des Ersten Zeitalters; die Kriege der letzten Jahre, der Untergang der elbischen Reiche und die Angriffe aus dem Norden berühren den Süden Ossiriands in den Berichten nicht mehr. Was den Fluss betrifft, so gibt es keinen Bericht über eine Belagerung, eine Zerstörung oder eine Räumung — nur das Ausbleiben weiterer Nachrichten.

Das Ende kam mit dem Krieg des Zorns, in dem die Heere aus dem Westen Morgoth stürzten. In den Erschütterungen dieser Schlachten zerbrach das Land nördlich und westlich der Ered Luin, und das Meer drang über weite Teile Beleriands; die Flusssysteme, die Ossiriand geformt hatten, hörten damit auf zu bestehen. Was von diesem Land über dem Wasser blieb, lag westlich des Gebirges und führte in den folgenden Zeitaltern den Namen Lindon, der schon zuvor für die Landschaft der sieben Wasser gebraucht worden war; dort saßen später Gil-galad und die Elben, die in Mittelerde verblieben. Ob einer der sechs Bäche in veränderter Gestalt fortbestand, sagen die Quellen nicht. Der südlichste unter ihnen erscheint in keinem Bericht des Zweiten oder Dritten Zeitalters mehr.

Volk und Herrschaft

Am Adurant selbst weist die Überlieferung weder einen Herrschersitz noch eine eigene Gefolgschaft aus; wer von den Bewohnern seines Tals spricht, spricht vom Volk ganz Ossiriands. Das waren die Laiquendi, die Grünelben, ein Zweig der Teleri: Unter Lenwe hatte er einst die Wanderung nach Westen abgebrochen und war in den Tälern des Anduin geblieben, und erst dessen Sohn Denethor führte einen Teil dieses Volkes über die Ered Luin in das Land der sieben Wasser. Sie zogen keine Mauern und legten keine Feste an, sondern verteilten sich über die Talschaften; ihre Stärke lag im Bogen und in der Kenntnis des Geländes. Ihr Gesang, so heißt es, war noch jenseits des Gelion zu vernehmen — beinahe das Einzige, was von ihnen über den Strom nach Westen drang.

Eine Herrscherfolge gibt es nicht zu berichten, denn sie endete mit dem Ersten, der sie begründet hatte. Denethor fiel auf dem Amon Ereb, wo seine Schar, die weder Rüstung noch Waffen aus Stahl besaß, von den übrigen Streitkräften abgeschnitten wurde; danach nahm sein Volk keinen König mehr an. Was an Ordnung blieb, war die lose Zugehörigkeit zum Reich Thingols, in dessen Schutz die Täler lagen, ohne dass ein Statthalter, eine Grenzwache oder eine Abgabe genannt würde. Auch die beiden, die später auf dem Eiland im Adurant wohnten, herrschten nicht: Beren hatte unter den Grünelben kein Amt inne, und dennoch folgten sie ihm, als er sie zum Übergang über den Gelion rief — eine Gefolgschaft aus Ansehen, nicht aus Pflicht.

Nach außen bestimmten die Flüsse das Verhältnis zu den Nachbarn. Jenseits des Gelion lagen die Länder der Söhne Feanors, und im Süden, um den Amon Ereb her, streiften Amrod und Amras; in die östlichen Täler griffen sie nicht ein, und von einer Fehde zwischen ihnen und den Grünelben ist nichts überliefert. Die Zwerge aus den Bergwerken der Ered Luin zogen auf ihrer Straße weit im Norden vorüber, ohne dass von Wegerecht, Zoll oder Bündnis die Rede wäre; erst ihr Rückweg mit dem Raub aus Menegroth stellte beide Völker gegeneinander. Die Menschen aus dem Osten wiederum wurden abgewiesen und nicht bekämpft. Südlich der Mündung des Adurant grenzte das Land an kein Reich, und von einem Angriff des Feindes auf diese Talschaften berichtet keine Quelle — das Volk blieb, soweit die Aufzeichnungen reichen, unter sich.

In der Erzählung

Als Schauplatz tritt der Adurant in keiner Szene hervor. Wo die Erzählung ihn nennt, geschieht es zählend: Er steht am Ende einer Aufzählung von Wassern, die der Bericht rasch durchmisst, ehe er sich wieder dem Norden und den großen Reichen zuwendet. An seinen Ufern wird nicht gekämpft, kein Heer setzt über ihn, keine Furt trägt einen Namen, und niemand wird beschrieben, der an ihm entlangzieht. Was in der Erzählung „am Adurant“ vorfällt, fällt genau genommen auf dem Eiland in seinem Bett vor; der Fluss selbst liefert dazu nur die Lage und das Wasser ringsum, also die Bedingung der Abgeschiedenheit.

Damit fällt ihm eine besondere Aufgabe im Bau des Buches zu: Der äußerste Süden Ossiriands ist der Ort, an den die Erzählung Gestalten entlässt, deren Geschichte erzählt ist. Wer dorthin geht, tritt aus der Reihe der Ereignisse heraus — nicht durch Tod und nicht durch Verbannung, sondern dadurch, dass die Berichte ihn nicht mehr begleiten. Die Benennung des Landstrichs als Gebiet der Toten, die leben, hält dieses Zwischen fest: Sie ist weniger eine geografische Angabe als ein Urteil über einen Zustand, für den die Chronik sonst keine Form hat. Der Fluss steht in der Erzählung mithin für das, was hinter dem Ende einer Geschichte weitergeht.

Nur einmal greift die große Erzählung noch einmal in diesen Winkel zurück, und dann wegen eines Gegenstandes: Ein Silmaril liegt eine Zeit lang fern der Häuser, die ihn beanspruchen, und die Kette der Ansprüche und Rachezüge, die sich sonst an diesem Stein entzündet, hält solange inne. Der Süden Ossiriands ist in dieser Spanne der einzige Ort in Beleriand, an dem ein solches Kleinod ruhen kann, ohne dass Boten, Bündnisse oder Waffen ihm folgen. Erst mit dem Erben, der den Stein nach Norden trägt, kehrt beides zurück, das Kleinod und die Gefahr. Dass der Name des Flusses ein Getrenntes meint, das wieder zusammenfindet, verbindet die Überlieferung nirgends mit dem Geschick derer, die dort wohnten; die Übereinstimmung bleibt eine des Bildes.

Entwürfe und Varianten

Die Auskunft über den Bau des Namens stammt nicht aus einem Erzähltext, sondern aus einer Wortliste. In den „Etymologies“, dem etymologischen Verzeichnis aus der Mitte der dreißiger Jahre, führt Tolkien unter der Wurzel für Bahn und Lauf das Wortglied rant auf und stellt den Flussnamen Ossiriands dort unmittelbar neben denjenigen des Silberlaufs; die vorangestellte Silbe erscheint als eigener Eintrag mit der Bedeutung „wieder, zurück, doppelt“. Der Sinn des Namens war damit fixiert, ehe der Fluss in einer ausgearbeiteten Erzählung überhaupt gebraucht wurde — er ist ein Wortbefund, den die spätere Geschichte übernahm, nicht ein aus ihr gewonnener Schluss. Eine Namensvariante oder ein verworfener Vorläufer ist für dieses Gewässer nicht überliefert.

Anders steht es um den Wohnsitz, den der Fluss später umschließt: Der hat eine weite Wanderung durch die Entwürfe hinter sich. In der ältesten Fassung der Geschichte, der „Tale of Tinúviel“, kehren die beiden Liebenden aus dem Tod zurück und leben im Nordwesten, in Hisilóme, und man nennt sie dort die Toten, die wieder leben. Von einem Eiland in einem südlichen Strom ist keine Rede; die Landschaft der sieben Wasser tritt in dieser frühen Geografie noch nicht in der später vertrauten Gestalt hervor. Erst mit der Quenta der dreißiger Jahre rückt der Wohnsitz in den Süden und auf die grüne Insel, und der Landstrich trägt einen Namen für dasselbe Zwischen in einer Form, die von der endgültigen abweicht. Was dem Adurant an erzählerischem Gewicht zufällt, hat er also spät und von auswärts geerbt.