Name und Benennung
Der Name Rhûn bezeichnet in den Texten zweierlei: ein weites Land im Osten Mittelerdes und das Binnenmeer, das in ihm liegt. Das Gewässer führt dabei keinen eigenen Namen, sondern trägt den des Landes, wie die Formel vom Meer von Rhûn zeigt, die in den Anhängen als östlicher Grenzpunkt Gondors auf der Höhe seiner Macht erscheint. Wer den Namen gebraucht, spricht fast immer aus westlicher Sicht: für Aragorn, der ihn im Rat zu Bruchtal neben Harad stellt, markiert er den äußersten Rand der Welt, die ein Wanderer aus dem Westen noch erreichen kann. So wirkt Rhûn in der Erzählung weniger als Landschaft mit bekannten Grenzen denn als Himmelsrichtung, die einen Namen erhalten hat. Einen Namen, den die Bewohner selbst ihrem Land gaben, überliefert das Werk nicht.1
Der Form nach folgt der Name den Schreibregeln, die Tolkien in den Anhängen für die Elbensprachen angibt. Die Buchstabenfolge rh steht dort für ein stimmloses r, und der Zirkumflex bezeichnet im Sindarin einen langen Vokal, der in einsilbigen Wörtern besonders gedehnt gesprochen wird; das Zeichen über dem u ist also kein Schmuck, sondern Ausspracheangabe. Die deutsche Wiedergabe behält diese Schreibung unverändert bei, anders als bei Namen wie Earendil, deren Trema sie tilgt. Für die Menschen dieser Gegenden kennt der Roman zwei Bezeichnungen, die nebeneinander stehen: die Menschen von Rhûn, benannt nach dem Land, und die Ostlinge, benannt schlicht nach der Richtung, aus der sie kommen. Dass beide Namen dieselben Völker meinen, legt der Bericht vom Feld von Cormallen nahe, der sie paarweise mit Harad und den Südländern nennt; ob jeder Ostling aus Rhûn stammt, sagt der Text hingegen nicht.2
Lage und Landschaft

Rhûn liegt im Osten Mittelerdes, jenseits der Länder, die der Westen aus eigener Anschauung kennt. Die sicherste Ortsangabe liefert die Geschichte Gondors: Als das Südkönigreich unter Hyarmendacil I. seine größte Ausdehnung erreichte, lag seine Ostgrenze am Binnenmeer von Rhûn, während sie im Süden bis an den Fluss Harnen reichte. Das Meer bildet damit den Punkt, an dem die Herrschaft des Westens selbst in ihrer besten Zeit endete. Das Land dahinter gehörte nie zu Gondor, und die Chronik zieht dort keine Linie mehr, sondern hört einfach auf.1
Dass Rhûn über das Gewässer hinausreicht, zeigt der Bericht über die Feldzüge nach dem Ringkrieg: Éomer zog mit König Elessar bis jenseits des Meeres, und die Reiterei der Mark war dort ebenso zu hören wie auf den fernen Feldern des Südens. Das Binnenmeer liegt also nicht am Rand, sondern inmitten des Landes, und östlich davon setzt es sich in Weiten fort, die kein Text vermisst. Von der Gestalt Rhûns vermittelt der Roman vor allem ein Bild offener Ebenen. In seinen entlegenen Feldern lebten die wilden Rinder Araws, und dort jagte Vorondil, der Vater Mardils, das Tier, aus dessen Horn das Erbstück wurde, das später Boromir trug. Weideland für große Herden, fern jeder Stadt und doch für einen Jäger aus Gondor erreichbar: mehr gibt die Stelle über die Beschaffenheit des Landes nicht preis.2
Grenzen im engeren Sinn nennt das Werk nicht. Weder wird gesagt, wo Rhûn im Norden oder Süden endet, noch, welche Länder östlich an es stoßen; ob es Städte, Gebirge oder Flüsse besitzt, bleibt offen. Was Rhûn auszeichnet, ist darum vor allem seine Entfernung, die Aragorn im Rat mit dem Hinweis fasst, dort stünden fremde Sterne am Himmel. In der Schlacht vor dem Schwarzen Tor erscheinen seine Menschen als Teil von Saurons Heer, doch über das Land, aus dem sie kamen, erfährt man auch dort nichts Näheres. Rhûn bleibt so ein Raum, dessen westlicher Saum bekannt ist und dessen Inneres die Erzählung bewusst im Unbestimmten lässt.3
Geschichte

Eine Gründung Rhûns verzeichnen die Texte nicht. Ebenso fehlt eine Geschichte, die das Land aus eigener Sicht erzählen würde. Was sich datieren lässt, stammt aus den Chroniken Gondors, und dort tritt der Osten zunächst nur als die Richtung auf, aus der Gefahr droht. Um das Jahr 500 des Dritten Zeitalters fielen erstmals wilde Menschen aus dem Osten in das Südkönigreich ein. Tarostar schlug sie zurück und nahm dafür den Namen Rómendacil an, „Ostsieger“; im Jahr 541 fiel er jedoch im Kampf gegen neue Scharen. Ob diese frühen Angreifer aus Rhûn kamen, lassen die Anhänge offen, denn an dieser Stelle nennen sie das Land nicht. Für die Frühzeit bleibt deshalb nur festzuhalten, dass der Westen die Region über ihre Krieger kennenlernte und nicht über ihre Siedlungen oder Herrscher.1
Mit der Blütezeit Gondors rückt die Überlieferung näher an das Binnenmeer heran. Um 1050 unterwarf Hyarmendacil I. Harad, und das Reich erreichte den Gipfel seiner Macht; seine Ostgrenze lag damals, wie schon beschrieben, am Meer von Rhûn. Zwei Jahrhunderte später unternahm Minalcar einen Feldzug, den die Chronik ausdrücklich in dieses Gebiet verlegt. Er führte die Regierung damals für König Narmacil I. und trug später selbst als Rómendacil II. die Krone. Im Jahr 1248 besiegte er mit Hilfe der Nordmenschen ein großes Heer der Ostlinge und zerstörte ihre Lager und Niederlassungen östlich des Binnenmeeres. Die Nachricht fällt aus dem übrigen Bericht heraus, weil sie feste Plätze jenseits des Wassers voraussetzt. Über deren Art oder Größe sagt sie allerdings nichts.2
Für die folgenden Jahrhunderte schweigt die Chronik über das Land selbst. Gondor war mit Bruderzwist, Seuche und neuen Einfällen aus dem Osten beschäftigt, und in diesen Berichten wird Rhûn nicht beim Namen genannt. Eine einzelne Spur führt noch einmal in die entlegenen Ebenen: Vorondil, dessen Sohn Mardil später als erster Truchsess anstelle eines Königs herrschte, jagte dort das Wild, dem das bekannte Horn seines Hauses entstammt. Die Episode ist bereits erzählt. Für die Geschichte des Ortes zeigt sie vor allem, dass Männer aus Gondor zu jener Zeit bis dorthin gelangen konnten, ohne dass von Krieg die Rede ist. Eine Herrschaft Gondors über diese Gebiete lässt sich aus der Stelle dagegen nicht ableiten.3
Deutlicher tritt Rhûn erst im Ringkrieg hervor. Im März 3019 standen seine Menschen im Heer Saurons vor dem Morannon, Seite an Seite mit den Kriegern aus Harad. Als der Dunkle Turm fiel und die Macht, die sie getrieben hatte, zusammenbrach, erkannten sie, dass ihr Feldzug verloren war. Die Verhärtetsten unter ihnen kämpften dennoch verbissen weiter. Andere wandten sich zur Flucht nach Osten oder legten die Waffen nieder und baten um Gnade. Damit endete der letzte Krieg, den die Völker dieser Gegend unter dem Befehl des Dunklen Herrschers gegen den Westen führten.4
Nach dem Sieg wählte der neue König den Ausgleich. Die Ostlinge, die sich ergeben hatten, ließ Aragorn frei in ihre Heimat ziehen, und mit den Völkern Harads schloss er Frieden. Der Friede reichte jedoch nicht überall. Im Vierten Zeitalter führte König Elessar erneut Kriege im Osten, bei denen Éomer an seiner Seite bis über das Binnenmeer hinaus ritt, wie an anderer Stelle vermerkt. Eine Unterwerfung Rhûns oder gar ein Untergang des Landes wird nirgends berichtet. Rhûn besteht am Ende der Überlieferung fort, als Nachbar des erneuerten Reiches, dessen Geschichte der Westen weiterhin nur dort kennt, wo sie sich mit der eigenen berührt.5
- 1Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv), Gondor and the Heirs of Anárion; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 2Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv), Gondor and the Heirs of Anárion; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 3Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 1, Minas Tirith; Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv), Gondor and the Heirs of Anárion
- 4Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 10, The Black Gate Opens; Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 4, The Field of Cormallen
- 5Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 5, The Steward and the King; Der Herr der Ringe, Anhang A, II, The House of Eorl
Völker und Herrschaft

Über die Bewohner Rhûns erfährt man fast nur das, was ihre Gegner von ihnen wahrnahmen. Die Überlieferung stammt aus Gondor und Rohan, und dort erscheinen die Menschen des Ostens als Krieger, nicht als Siedler, Hirten oder Händler. Von ihrer Sprache, ihren Bräuchen oder ihrem Glauben berichtet das Werk nichts. Auch die Völker, die die Anhänge beim Namen nennen, lassen sich nicht sicher dem Land zuordnen. Die Wagenfahrer, ein Bund vieler Stämme, und später die Balchoth kommen nach der Chronik aus dem Osten, doch Rhûn wird als ihre Heimat an keiner Stelle genannt.1
Eine eigene Herrschaft Rhûns ist nicht überliefert. Kein König, kein Fürstenhaus und keine Hauptstadt werden genannt, und eine Herrscherfolge lässt sich daher nicht angeben. Sichtbar wird Befehlsgewalt über diese Völker nur von außen: Im Ringkrieg zogen sie auf Saurons Geheiß in den Kampf, und mit seinem Sturz fiel auch der Zusammenhalt ihres Heeres, wie oben geschildert. Ob sie Sauron aus eigenem Willen folgten oder unter Zwang, sagt der Roman nicht. Gondor wiederum suchte den Osten weniger durch eigene Herrschaft als durch Bündnisse im Zwischenland zu sichern. Schon Rómendacil II. nahm Nordmenschen in seinen Dienst und knüpfte Verbindungen zu Vidugavia, der sich König von Rhovanion nannte; die Nordmenschen galten ihm als Bollwerk gegen die Ostlinge.2
Auch im Norden bekamen die Nachbarn den Osten zu spüren. Während des Ringkriegs überschritten Ostlinge den Fluss Carnen und griffen Thal an; in der Schlacht fielen König Brand und Dain Eisenfuß, und die Überlebenden, Zwerge wie Menschen, wurden im Erebor belagert. Erst nach Saurons Sturz vertrieben Bard II. und Thorin III. Steinhelm die Angreifer. Ob diese Heere aus Rhûn selbst kamen, lässt die Zeittafel offen. Das Bild bleibt deshalb einseitig: Rhûn erscheint als Herkunftsraum von Völkern, deren Verhältnis zu den Nachbarn im Westen und Norden die Texte nur im Krieg und in dessen Beilegung festhalten.3
- 1Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv), Gondor and the Heirs of Anárion; Der Herr der Ringe, Anhang A, II, The House of Eorl
- 2Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv), Gondor and the Heirs of Anárion; Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 4, The Field of Cormallen
- 3Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
Rolle in der Erzählung

Rhûn wird im Verlauf der Handlung von keiner der Hauptfiguren betreten. Die Gemeinschaft zieht nach Süden, und kein Kapitel spielt im Osten. Das Land gelangt nur auf Umwegen in die Geschichte: über die Erinnerung eines Wanderers, über einen Gegenstand und über ein feindliches Heer. Zum ersten Mal fällt sein Name im Rat zu Bruchtal, als Aragorn vor Boromir von seinem bisherigen Leben spricht. Die fernen Länder, die er dabei nennt, stehen nicht für ein Abenteuer, das erzählt würde. Sie bezeugen einen Dienst im Verborgenen, von dem man im Westen nichts weiß.1
Eine zweite, stillere Spur legt das Horn Boromirs. Er trägt es durch den ganzen ersten Teil der Reise, und sein Ruf ist das Zeichen, das Aragorn am Parth Galen zu spät erreicht. Woher das Horn stammt, erfährt der Leser erst in Minas Tirith, als Pippin vor Denethor tritt und das gespaltene Erbstück in dessen Schoß liegen sieht. Erst in diesem Augenblick der Trauer spricht der Erzähler von seiner Herkunft aus Rhûn. Der ferne Osten tritt damit nicht als Schauplatz in die Handlung, sondern als Teil der Vorgeschichte eines Hauses, dessen Erbe gerade zerbrochen ist.2
Am Ende erscheinen die Menschen von Rhûn selbst, doch ohne Gesicht. Kein Einzelner aus ihren Reihen wird benannt, und die Erzählung zeigt sie vor allem in dem Augenblick, in dem ihr Krieg zusammenbricht, wie bereits geschildert. Was danach im Osten geschieht, rückt aus dem Roman in die Anhänge und schrumpft dort auf einen einzigen Satz über Éomers Ritte. Im Gefüge des Buches steht Rhûn damit für den Teil der Welt, der jenseits der erzählten Geschichte weiterbesteht. Er berührt die Handlung an ihren Rändern und bleibt doch außerhalb dessen, was der Westen von sich selbst berichtet.3



