Name und Benennung
Morannon ist ein sindarischer Name aus zwei Bestandteilen, die in der Namenwelt Mittelerdes auch sonst begegnen. Das erste Element, mor, bedeutet „schwarz“ oder „dunkel“ und steckt ebenso in Mordor, dem Schwarzen Land. Das Tor trägt also die Farbe des Landes, das es verschließt, schon im Namen. Das zweite Element, annon, meint keine beliebige Pforte, sondern ein großes Tor. Das Verzeichnis der elbischen Namenselemente im Anhang des Silmarillion führt beide Bestandteile auf und nennt zu annon auch die Mehrzahl ennyn, die in der Inschrift am Westtor von Moria wiederkehrt. Wörtlich heißt Morannon demnach etwa „das schwarze große Tor“.1
Die Erzählung stellt den elbischen Namen und seine Übersetzung nebeneinander. Wo das Tor zum ersten Mal in den Blick rückt, erläutert sie das Sindarin sogleich als das schwarze Tor des Landes, und im weiteren Verlauf wechseln beide Formen, ohne dass eine von ihnen den Vorrang erhielte. Bezeichnend ist, dass die Kapitelüberschriften zur übersetzten Form greifen: Beide Kapitel, die vor dem Tor spielen, führen das Schwarze Tor im Titel, das eine im vierten, das andere im fünften Buch. Die deutsche Übersetzung von Carroux folgt diesem Muster, gibt die englische Form als „das Schwarze Tor“ wieder und lässt Morannon unverändert stehen.2
Um das Tor lagert sich ein Geflecht weiterer Namen. Der Pass, den es sperrt, heißt Cirith Gorgor, im Englischen als „Haunted Pass“ wiedergegeben. Die beiden Türme auf den Hügeln zu seinen Seiten heißen gemeinsam die Zähne von Mordor oder die Türme der Zähne; ihre Einzelnamen Narchost und Carchost fallen erst spät und beiläufig, in einem Vergleich zu Beginn des sechsten Buches. Wer dem Tor seinen Namen gab, sagt der Text nicht ausdrücklich. Die Sprache weist jedoch in eine Richtung: Alle diese Namen sind sindarisch, also in der Sprache gebildet, in der Gondor seine Orte benannte, und die Türme waren nach dem Zeugnis des Werkes gondorische Bauten. Das legt nahe, dass die Namen aus der Sicht derer stammen, die Mordor bewachen wollten, und nicht aus Mordor selbst.3
- 1Das Silmarillion, Anhang, Elements in Quenya and Sindarin Names; Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 4, A Journey in the Dark
- 2Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 3, The Black Gate is Closed; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 10, The Black Gate Opens
- 3Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 3, The Black Gate is Closed; Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 1, The Tower of Cirith Ungol; Der Herr der Ringe, Anhang F, The Languages and Peoples of the Third Age
Lage und Gestalt

Das Morannon liegt an der Nordwestecke Mordors, dort, wo die beiden Gebirgszüge zusammentreffen, die das Land auf zwei Seiten umschließen. Von Süden her zieht das Schattengebirge nach Norden, von Osten her das Aschengebirge nach Westen, und wo sich ihre Ausläufer einander zuneigen, öffnet sich zwischen ihnen eine tiefe Schlucht. Diese Schlucht ist die Cirith Gorgor, und das Tor sitzt an ihrer Mündung, dem Nordwesten zugewandt. Es ist damit kein Grenzposten unter vielen, sondern der Riegel vor dem einen breiten Zugang, den die Gebirge an dieser Seite überhaupt freilassen.1
Die Anlage ist aus Fels und Mauerwerk zugleich gebildet. Quer über die Mündung des Passes, von einer Felswand zur anderen, zieht sich ein steinerner Wall, auf dessen Brustwehr ohne Unterlass Wachen gehen, und in diesem Wall gibt es nur ein einziges Tor aus Eisen mit zwei gewaltigen Flügeln. Zu beiden Seiten springen die schroffen Hügel vor, auf denen die Türme der Zähne stehen, und ihr Gestein ist von Höhlen und Gängen durchzogen, sodass die Besatzung der Befestigung zum größten Teil im Berg selbst haust. Hinter dem Tor setzt sich der Weg ins Innere fort: Er führt zunächst in das tiefe Tal Udûn und von dort durch die Enge der Isenmünde hinab auf die Hochebene von Gorgoroth. Das Tor ist also der äußerste Punkt einer gestaffelten Sperre, nicht ihr einziger.2
Vor dem Tor liegt ödes Land. Nordwestlich davon breiten sich die Dagorlad und die Totensümpfe aus, die Frodo und Sam auf ihrem Weg zum Pass durchquerten, und die Erde unmittelbar vor der Mauer ist aufgewühlt, von Gruben durchsetzt und mit Halden aus Schlacke bedeckt. Von Süden her mündet eine Straße in diese Fläche, die am Westfuß des Schattengebirges durch Ithilien nach Norden läuft; auf ihr zog das Heer des Westens heran, bevor es sie verließ und sich auf zwei Schlackenhügeln vor dem Tor aufstellte. So vereint der Ort drei Lagen in einer: Er ist Pforte nach innen, Wegziel von Süden und zugleich der Rand einer Wüste, die jeden Anmarsch offen vor den Augen der Wächter liegen lässt.3
- 1Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 3, The Black Gate is Closed
- 2Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 3, The Black Gate is Closed; Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 2, The Land of Shadow
- 3Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 2, The Passage of the Marshes; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 10, The Black Gate Opens
Geschichte

Die Geschichte des Ortes beginnt mit einem Krieg, der älter ist als seine Befestigung. Im Jahr 3434 des Zweiten Zeitalters traf das Heer des Letzten Bündnisses auf der Dagorlad, der Ebene vor dem Pass, auf die Streitmacht Saurons und schlug sie; danach begann die Belagerung von Barad-dûr. Erst nach Saurons Sturz und seinem Entweichen errichteten die Menschen von Gondor auf den beiden Hügeln an der Passmündung die Türme der Zähne. Sie bauten sie auf der Höhe ihrer Macht und mit dem erklärten Zweck, dem Besiegten den Rückweg in sein altes Reich zu verwehren. Ein Baujahr nennt das Werk nicht; es bindet die Türme nur an diesen Zeitpunkt nach dem Sieg.1
Die Wacht, für die Gondor die Türme gebaut hatte, hielt nicht auf Dauer. Die Erzählung fasst den Niedergang knapp: Die Kraft des Reiches schwand, die Wachsamkeit erlahmte, und über lange Jahre standen die Türme leer und verfielen. Die Anhänge verbinden diesen Rückzug mit der Großen Pest, die Gondor im Jahr 1636 des Dritten Zeitalters verheerte. In ihrer Folge gab das Reich die Beobachtung der Grenzen Mordors auf, und die Festungen, die dessen Pässe sicherten, blieben ohne Besatzung. Damit war die Sperre, die als Riegel gegen eine Rückkehr gedacht war, gerade in der Zeit unbewacht, in der die Gefahr wieder zu wachsen begann.2
Mit Saurons Rückkehr wechselte die Anlage den Herrn. Nach der Zeittafel kam er im Jahr 2942 heimlich nach Mordor zurück und gab sich 2951 offen zu erkennen, als er die Wiedererrichtung von Barad-dûr begann. Die verfallenen Wachtürme wurden nun instandgesetzt, mit Waffen ausgestattet und dauerhaft besetzt, sodass ein Bauwerk, das Mordor hatte einschließen sollen, fortan Mordor schützte. Den steinernen Wall quer über die Passmündung schreibt die Erzählung ausdrücklich dem Dunklen Herrscher selbst zu; wann er ihn aufführen ließ, bleibt offen. Aus der gondorischen Grenzwacht war so das Haupttor des Feindes geworden.3
Im Ringkrieg rückt der Ort zweimal ins Zentrum. Anfang März 3019 erreichten Frodo und Sam, von Gollum geführt, den Rand der Ödnis vor dem Tor und beobachteten aus einem Versteck, wie sich die eisernen Flügel öffneten, um einen Heerzug von Menschen einzulassen, die aus fernen Ländern Sauron zu Hilfe kamen. Frodo war entschlossen, dennoch hier einzudringen, doch Gollum überredete ihn zu einem anderen, südlicheren Weg ins Land. Die beiden Hobbits kehrten dem Tor den Rücken und zogen durch Ithilien davon. Das Morannon blieb damit für die Ringträger eine Schwelle, die sie gesehen, aber nie überschritten haben.4
Wenige Wochen später wurde das Tor zum Ziel eines Heeres. Am 18. März brach das Heer des Westens unter Aragorn von Minas Tirith auf, nicht in der Hoffnung auf einen Sieg, sondern um Saurons Blick vom Ringträger abzulenken. Vor dem Tor trat ihnen der Mund Saurons entgegen, zeigte Stücke aus Frodos und Sams Ausrüstung vor und forderte eine Unterwerfung, die Gandalf zurückwies. Daraufhin brachen die Streitkräfte Mordors aus dem Tor und aus den umliegenden Bergen hervor und schlossen das Heer auf den Hügeln ein. Die Zeittafel verzeichnet diese Umzingelung für den 25. März.5
Derselbe Tag beendete die Geschichte der Befestigung. Als der Ring in den Schicksalsklüften vernichtet wurde, schwankten die Türme der Zähne und stürzten ein, der Wall zerfiel, und das Tor wurde zertrümmert. Saurons Heere lösten sich auf: Die Orks und anderen Geschöpfe seines Willens flohen ziellos, während viele der Menschen aus dem Osten und Süden sich ergaben oder zu fliehen suchten. Von einem Wiederaufbau oder einer späteren Nutzung des Ortes berichtet das Werk nichts. Das Morannon endet in ihm als Trümmerstätte, errichtet von Gondor gegen Sauron, von ihm übernommen und mit seiner Macht zugleich zerbrochen.6
- 1Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 3, The Black Gate is Closed
- 2Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 3, The Black Gate is Closed; Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv), Gondor and the Heirs of Anárion; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 3Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 3, The Black Gate is Closed
- 4Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 3, The Black Gate is Closed
- 5Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 10, The Black Gate Opens; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 6Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 4, The Field of Cormallen; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
Besatzung, Herren und Nachbarn

Das Morannon war nie ein Ort, an dem ein Volk sesshaft lebte. Es war eine Wachanlage, und wer sich hier aufhielt, tat es im Dienst. Solange Gondor die Türme hielt, lagen darin Wachmannschaften des Reiches, die den Pass von außen im Auge behielten. Unter Sauron änderte sich die Besatzung von Grund auf. In den unzähligen Höhlen unter den Hügeln lagen Orks in großer Zahl bereit, jederzeit auf ein Zeichen hin hervorzuquellen, und die Türme selbst dienten als wachsame Augen über dem Vorland. Das Tor war damit weniger eine Grenze als eine Schleuse, die nur öffnete, wer dazu Befugnis hatte.1
Der eigentliche Herr des Tores saß nicht am Pass, sondern in Barad-dûr. Deutlich wird das an der Gesandtschaft, die dem Heer des Westens entgegenritt: Ihr Anführer trug keinen eigenen Namen mehr, sondern nannte sich den Mund Saurons und bekleidete das Amt eines Statthalters des Dunklen Turms. Nach dem Bericht des Werkes gehörte er zu den Schwarzen Númenórern, jenen Nachfahren der Seekönige, die sich dem Feind zugewandt hatten, und war in dessen Dienst getreten, als der Turm wieder emporwuchs. Dass gerade er aus dem Tor hervortrat, zeigt die Rangordnung: Die Befestigung war ausführendes Glied eines Willens, der anderswo entschied. Auch Gollum wusste, dass über Zutritt und Abweisung allein Mordors Herr bestimmte.2
Nachbarn im eigentlichen Sinn hatte das Tor keine. Vor ihm erstreckten sich verlassene Landstriche, in denen niemand wohnte, und die nächste bewohnte Macht war Gondor, dessen einstiges Bollwerk es gewesen war und dessen Gegner es nun verkörperte. Verwandt ist es mit einer zweiten Pforte weiter südlich: Den Turm von Cirith Ungol hatte Gondor ebenfalls als Wacht gegen Mordor errichtet, und die Erzählung stellt ihn ausdrücklich neben Narchost und Carchost. Beide Sperren gingen nach dem Verfall der gondorischen Wacht an den Feind über. Gerade diese Nachbarschaft entschied über den Weg der Ringträger, denn Gollum wies Frodo von der einen Pforte zur anderen.3
- 1Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 3, The Black Gate is Closed
- 2Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 10, The Black Gate Opens; Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 3, The Black Gate is Closed
- 3Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 1, The Tower of Cirith Ungol; Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 3, The Black Gate is Closed
Rolle in der Erzählung

In der Erzählung ist das Morannon zuerst der Weg, den man nicht gehen kann. Nach der Wanderung durch Sümpfe und Ödland steht Frodo vor dem einen offenkundigen Eingang in das Land, zu dem er muss, und erkennt, dass dieser Eingang für ihn zugleich der unmöglichste ist. Das Kapitel macht aus dem Anblick keine Kampfszene, sondern eine Entscheidung. Frodo muss abwägen, ob er einem Führer folgen will, der ihn von der sichtbaren Gefahr fort zu einer verborgenen lenkt, und mit seinem Ja bindet er den weiteren Weg enger an Gollum als je zuvor. Mitten in dieser bedrückten Beratung fragt Sam nach den Olifanten und sagt ein Kinderreimchen aus dem Auenland auf, ein komischer Zug, der die Beklemmung kurz aufbricht, ohne sie aufzuheben.1
Die beiden Kapitel, die am Tor spielen, antworten einander. Im vierten Buch bleibt es den Wanderern verschlossen, im fünften öffnet es sich, aber nur, um ein Heer zu verschlingen. Zwischen beiden Szenen wandelt sich sein Sinn vom Hindernis zur Bühne. Die Heerführer ziehen dorthin, weil dies der Ort ist, auf den Saurons Blick fällt, und ihr offener Marsch ist das bewusste Gegenstück zum heimlichen Gang der Hobbits: Die einen sollen gesehen werden, damit die anderen ungesehen bleiben. Erzählt wird der Zug zum Tor weitgehend aus der Sicht Pippins, der als Soldat Gondors mitmarschiert, während Merry zurückbleiben muss.2
Am Tor fällt keine Entscheidung; es ist der Ort des Ausharrens, während das Schicksal anderswo gewendet wird. Pippin erschlägt im Getümmel einen riesigen Troll, wird unter dessen Leib begraben und hört, bevor ihm die Sinne schwinden, den Ruf, dass die Adler kommen. Dabei denkt er an Bilbos alte Geschichte, und so klingt am Ende des Ringkriegs bewusst das Ende des Hobbit nach. Gandalf deutet das Kommen der Adler als Zeichen, dass der Ringträger sein Werk vollbracht hat, und bricht von eben diesem Schlachtfeld auf Gwaihirs Rücken zum Schicksalsberg auf. Der Ort, an dem das Heer nur warten konnte, wird so zum Ausgangspunkt der Rettung.3
In Verfilmungen und Hörspielen
Das Morannon kommt in Peter Jacksons Filmtrilogie in zwei Teilen vor, und zwar an denselben Stellen wie im Roman. Im zweiten Film erreichen Frodo und Sam mit Gollum das Tor, sehen, wie ein Heerzug von Menschen eingelassen wird, und lassen sich schließlich auf einen anderen Weg lenken. Im dritten Film wird das Tor zum Ziel des Heeres unter Aragorn. Die Filme folgen damit dem Grundmuster der Vorlage: Zuerst ist das Tor ein Hindernis für die Ringträger, danach der Ort, an dem Saurons Blick festgehalten werden soll. Die frühen Trickfilme reichen nicht bis dorthin. Bakshis Film bricht deutlich vorher ab.1
Die auffälligsten Abweichungen betreffen die Begegnung vor dem Tor und die Aufstellung des Heeres. Der Mund Saurons ist nur in der erweiterten Fassung des dritten Films zu sehen. Dort spielt ihn Bruce Spence, während die Kinofassung die Unterredung ganz auslässt. Auch der Ausgang dieser Begegnung ist geändert: Im Buch weist Gandalf die Forderung zurück und der Gesandte zieht sich zurück, im Film tötet Aragorn den Unterhändler. Eine zweite Änderung betrifft die Hobbits im Heer. Der Roman lässt Merry zurück und zeigt die Schlacht mit Pippin als einzigem Hobbit unter den Kämpfenden. Der Film dagegen lässt beide mitziehen und gemeinsam in den Kampf stürmen. Der Einsturz der Anlage in dem Augenblick, in dem der Ring vergeht, entspricht in den Grundzügen der Vorlage.2



