Herkunft, Wesen und Namen
Maeglin kam in Nan Elmoth zur Welt, jenem dichten Wald östlich von Doriath, dessen hohe Bäume kaum Tageslicht auf den Boden ließen. Sein Vater war Eol, den man den Dunkelelben nannte: ein Sinda und Verwandter Elu Thingols, der die Sonne mied, die Nacht und die Sterne liebte und mit den Zwergen der Ered Lindon in freundschaftlichem Verkehr stand. Seine Mutter Aredhel Ar-Feiniel, die Weiße Frau der Noldor, war eine Tochter Fingolfins und in Valinor geboren; sie hatte sich in Nan Elmoth verirrt und blieb dort als Eols Gemahlin. In dem Sohn trafen somit zwei Linien zusammen, die einander mit Misstrauen begegneten: das ältere Geschlecht der Sindar Beleriands und das der aus dem Westen zurückgekehrten Noldor.
Sein Vater ließ ihn lange namenlos. Erst als zwölf Jahre vergangen waren, gab Eol ihm den Sindarin-Namen Maeglin, was so viel wie „Scharfer Blick“ bedeutet — ein Name, der auf die Durchdringlichkeit des Blicks und des Verstandes zielt, mit denen der Sohn die Gedanken anderer erfasste. Die Mutter hatte ihn zuvor heimlich Lómion genannt, „Sohn der Dämmerung“, in der Hochsprache der Noldor, denn Quenya war in Beleriand seit Thingols Erlass geächtet, und Eol duldete die Rede der Noldor in seinem Hause nicht. So trug er von Anfang an einen offen gesprochenen und einen verschwiegenen Namen. Die Schreibung „ae“ ist dabei als Zwielaut zu lesen, so dass der Name etwa „Maiglin“ lautet.
Von Gestalt und Angesicht glich Maeglin dem Geschlecht seiner Mutter: hochgewachsen, dunkelhaarig und von heller Haut, den Nachkommen Fingolfins ähnlicher als den Waldelben. Im Gemüt jedoch war er der Sohn seines Vaters — schweigsam, beobachtend, mit einem Willen, der sich früh verbarg. Bei Eol erlernte er die Schmiedekunst und die Kenntnis der Erze, und er begleitete ihn zu den Zwergenstädten Nogrod und Belegost im Blauen Gebirge, wo man den jungen Elben freundlich aufnahm und er von ihnen mancherlei über Bergbau und Metallkunde erfuhr. Zugleich hörte er auf die Erzählungen seiner Mutter von den Fürsten der Noldor und ihren Werken, und in ihm wuchs eine Neigung zu jenem Teil seiner Verwandtschaft, den sein Vater verachtete.
Geschichte
Der erste Wendepunkt in Maeglins Leben ergab sich, als Eol zu einem Fest der Zwerge in die Ered Lindon aufbrach und Mutter und Sohn für längere Zeit in Nan Elmoth zurückließ. Maeglin bat Aredhel, ihm den Weg zu ihren Verwandten zu zeigen, und sie willigte ein; heimlich nahmen sie Pferde aus den Ställen und ritten nach Westen, ehe das Gesinde des Hauses sie aufhalten konnte. Ihr Weg führte sie über die Furten des Aros und durch Himlad, das Land Celegorms und Curufins, weiter zur Furt des Brithiach und schließlich in das Tal der Umzingelnden Berge. Eol aber kehrte früher heim als erwartet, nahm die Verfolgung auf und wurde in Himlad von Curufins Reitern gestellt, der ihm spöttisch bestätigte, dass Weib und Sohn vorausgezogen seien, und ihm riet umzukehren. Der Dunkelelb ritt dennoch weiter und fand die verborgene Spur, die zu dem geheimen Tor führte.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
In Gondolin wurden Aredhel und ihr Sohn mit großer Freude aufgenommen, denn Turgon hatte die Schwester seit vielen Jahren verloren geglaubt. Maeglin galt fortan als Schwestersohn des Königs und stand in hoher Ehre. Als jedoch Eol vor den Thron geführt wurde, stellte ihn Turgon vor die Wahl, die das Gesetz der verborgenen Stadt jedem Fremden auferlegte: dort zu bleiben oder zu sterben, denn niemand durfte den Weg nach Gondolin wieder hinausgehen. Eol verlangte seinen Sohn zurück und schleuderte, als man ihm dies verweigerte, einen vergifteten Wurfspieß nach ihm; Aredhel warf sich dazwischen und wurde an der Schulter getroffen. Die Wunde schien gering, doch das Gift wirkte, und sie starb noch in derselben Nacht. Am folgenden Tag wurde Eol vom Caragdûr, der Felsklippe an der Nordseite des Amon Gwareth, in die Tiefe gestürzt; im Fallen verfluchte er seinen Sohn und sagte ihm dasselbe Ende voraus. Maeglin hatte bei alldem geschwiegen und keine Hand für den Vater gerührt.
In den folgenden Jahrhunderten wuchs sein Ansehen stetig. Was er bei den Zwergen und in der Werkstatt seines Vaters gelernt hatte, kam der Stadt zugute: Er wurde zum ersten unter den Schmieden Gondolins, führte die Erzsucher in die Umzingelnden Berge und richtete in Anghabar im Norden des Gebirgsrings ein Bergwerk ein, aus dem Metall für Waffen und Rüstungen kam. Im Rat des Königs hatte er gewichtige Stimme, und in der Gunst Turgons stand er, abgesehen von dessen Tochter, allen anderen voran. Als Turgon wider seine Gewohnheit mit einem Heer aus der Verborgenheit trat und in die Nirnaeth Arnoediad zog, kämpfte Maeglin an seiner Seite und erwarb sich Ruhm im Felde. Nach dem Rückzug jener Streitmacht wurde Gondolin gänzlich verschlossen, und wer darin lebte, verließ es nicht mehr.
Über all die Jahre hatte Maeglin seine Base Idril geliebt, ohne Aussicht auf Erwiderung: Die Eldar schlossen keine Ehen zwischen so nahen Verwandten, und Idril begegnete ihm mit einer Zurückhaltung, die aus früher Ahnung erwuchs. Als der Mensch Tuor, von Voronwe geleitet, in die Stadt gelangte und die Botschaft Ulmos vor den König brachte, war Maeglin der schärfste Widersacher seines Rates. Die Vermählung Tuors mit Idril und die Geburt ihres Sohnes Earendil verkehrten seine unerfüllte Neigung endgültig in Hass, den er hinter höfischer Haltung verbarg. Trotz des königlichen Verbots, den Bergring zu überschreiten, zog er weiter auf Erzsuche über die Berge hinaus; dabei fiel er Orks in die Hände und wurde nach Angband geschleppt. Aus Furcht vor der Marter und aus Gier verriet er dort die Lage der verborgenen Stadt und die Wege, die zu ihr führten; Morgoth versprach ihm dafür die Herrschaft über Gondolin und Idril als Beute und schickte ihn zurück, damit kein Verdacht aufkomme.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Der Angriff erfolgte im Jahr 510 des Ersten Zeitalters, als die Stadt das Fest der Sommerpforten beging und die Bewohner auf den Mauern den Sonnenaufgang erwarteten. Aus dem Norden kam ein Heer von Balrogs, Drachen und Orks über das nun nicht mehr geheime Gebirge, und die Verteidigung zerbrach binnen eines Tages. Während der Plünderung suchte Maeglin gezielt nach Idril und dem Knaben Earendil und legte Hand an beide, um sich zu nehmen, was ihm zugesagt worden war. Tuor stellte sich ihm, rang ihn nieder und warf ihn über die Mauer; der Leib schlug im Sturz mehrfach gegen die Felsen des Amon Gwareth, ehe er in den Bränden am Fuß der Höhe verging. So erfüllte sich der Fluch Eols, denn Vater und Sohn fanden denselben Tod an derselben Klippe. Idril, Tuor und Earendil entkamen durch den verborgenen Gang, den Idril in stiller Vorsorge hatte anlegen lassen.
Stellung, Fähigkeiten und deren Grenzen
Maeglins Rang in Gondolin ruhte auf zwei Grundlagen, die in seiner Person ungewöhnlich zusammentrafen: auf der Blutsverwandtschaft mit dem Königshaus und auf handwerklicher Leistung. Väterlicherseits gehörte er keinem der Fürstenhäuser der Noldor an, und ein Erbanspruch auf Herrschaft stand ihm nicht zu; was er galt, hatte er sich durch den Nutzen erworben, den er der Stadt brachte. In der Überlieferung von Tuors Ankunft wird die Ordnung dieses Hofes in einem einzigen Bild greifbar: Zur Rechten des Thrones steht der Schwestersohn des Königs, zur Linken dessen Tochter. Rang und Zuneigung sind damit zugleich benannt und voneinander geschieden. Da Turgon keinen Sohn hatte, hing die Frage der Nachfolge an Idril, und in dieser Lage lag von früh an der Keim eines Ehrgeizes, den Maeglin niemals aussprach.
Sein Vermögen war das des Wissens und der Hand, nicht das verborgener Kräfte. Weder Sehergabe noch Werke von eigener Wirkkraft werden ihm zugeschrieben, und von keinem Gegenstand seiner Fertigung ist ein Name überliefert — anders als bei manchen Schmieden vor ihm, deren Erzeugnisse die Erzählungen überdauerten. Was er besaß, hatte er sich genommen: Aus dem Hause seines Vaters entwendete er das Schwert Anguirel, eine von zwei Klingen, die Eol aus dem Eisen eines gefallenen Sterns geschmiedet hatte; die zweite gelangte als Anglachel in Thingols Schatzkammer. Die Fähigkeit, hinter Wort und Miene die Absicht anderer zu erkennen, verschaffte ihm im Rat Gewicht, doch sie war einseitig wirksam: Idril las ihn, ohne dass er es bemerkte.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Die Grenzen dieser Macht zeigen sich an drei Punkten, die der Bericht nüchtern nebeneinanderstellt. Außerhalb des Bergrings galt seine Stellung nichts; er wurde ergriffen wie jeder andere, und es bedurfte keines Ringens der Willen, sondern der bloßen Aussicht auf Marter, um ihn zu brechen. Im Fall der Stadt unterlag er einem Sterblichen im Griff, ohne dass Kunstfertigkeit oder Rang ihm halfen. Und schließlich blieb sein Verrat auf lange Sicht unvollständig: Der verborgene Ausgang, den Idrils Vorsorge geschaffen hatte, entzog Morgoth gerade jenen Teil der Beute, aus dem später die Fahrt Earendils erwuchs. In der Anlage des Legendariums ist Maeglin damit weniger Widersacher als Werkzeug — die Stelle, an der die Verborgenheit als letzter Schutz der Noldor von innen her versagt.
Verwandtschaft, Rivalität und Gefolgschaft
In Maeglin liefen zwei Verwandtschaftslinien zusammen, die einander im Beleriand des Ersten Zeitalters kaum berührten. Über den Vater war er dem Hause Elu Thingols verbunden und damit dem ältesten Königtum des Landes; über die Mutter gehörte er zum Geschlecht Fingolfins. Von der ersten dieser Linien machte er niemals Gebrauch — nach Doriath führte ihn kein Weg, und von Eols Erbe behielt er allein die Handwerkskunst und den freundlichen Umgang mit den Zwergen, nicht aber dessen Abneigung gegen die Heimkehrer aus dem Westen. Turgons Zuneigung wiederum war zu gutem Teil eine übertragene: Was der König an der lange verlorenen Schwester gehangen hatte, kam nach ihrem Tod dem Sohn zugute. Gerade diese Gunst wurde zur festesten Deckung, die Maeglin besaß, denn ein offener Zweifel an ihm hätte das Urteil des Königs selbst in Frage gestellt.
Die zweite Ordnung seiner Bindungen ist die des Hofes, und sie war von Anfang an einseitig. Idril hielt Abstand, noch ehe sie einen Grund dafür hätte benennen können; das Gesetz der Eldar, das Ehen unter so nahen Verwandten ausschloss, gab ihr eine Begründung, die sie nicht zu verteidigen brauchte, doch es war nicht der eigentliche Anlass ihrer Kühle. Mit Tuor trat dann ein Sterblicher in die Stadt, ein Fremder aus einem Geschlecht von kurzer Dauer, der binnen weniger Jahre empfing, was dem Schwestersohn des Königs verwehrt blieb. Damit war die Rivalität für Maeglin nicht nur verloren, sondern in einer Weise entschieden, die er als Herabsetzung empfand. Earendil war dieser Ausgang in leiblicher Gestalt, und dass Maeglin auch das Kind in seine Feindschaft einschloss, zeigt, wie weit die Kränkung reichte.
Das Verhältnis zu Morgoth schließlich war kein Bündnis aus Überzeugung, sondern ein Handel, und der genannte Preis sagt mehr über den Verräter als über den Feind: zugesagt wurden ihm eine Frau und eine Stadt, also genau die beiden Ansprüche, die er in Gondolin nie hatte durchsetzen können. Der Dunkle Herrscher musste ihm nichts Neues eingeben; er musste nur aussprechen, was längst vorhanden war. Darin liegt die Eigenart der Figur: Jede ihrer Bindungen bleibt unerwidert oder ungleich — die Forderung des Vaters, die er nicht stützte, die Gunst des Onkels, die er nicht mit Offenheit vergalt, die Neigung zur Base, die keine Antwort fand. Am Ende stand er dem Mann gegenüber, der alles besaß, was er verlangt hatte, und die Einzige, die ihn von früh an richtig gelesen hatte, war eben jene, nach der er die Hand ausstreckte.
Entwürfe und Fassungen
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Die Figur gehört zu den ältesten Bestandteilen des Legendariums. In der Erzählung vom Fall Gondolins, die Tolkien gegen Ende des Ersten Weltkriegs niederschrieb und die im zweiten Band der „Verschollenen Geschichten“ überliefert ist, trägt sie den Namen Meglin; Vater und Mutter heißen dort bereits Eol und Isfin, die Schwester Turgons. Auffällig ist die abweichende äußere Zeichnung: Der frühe Meglin wird als von unschönem Ansehen geschildert, gedrungen und dunkel von Haut, während die späteren Texte gerade seine Ähnlichkeit mit dem hochgewachsenen Geschlecht seiner Mutter betonen. In dieser Fassung führt er zudem das Volk des Maulwurfs, eine Schar von Bergleuten, die schwarze Rüstung ohne Zeichen trug und mit Hauen und Äxten statt mit Schilden ins Feld zog — ein Zug, den Tolkien später fallen ließ. Der Kern der Handlung stand dagegen schon fest: der Widerstand gegen Tuors Botschaft, die Gefangennahme bei den Erzgruben außerhalb des Bergrings, der Handel mit Melko um Idril und die Herrschaft über die Stadt und zuletzt der Sturz von den Mauern.
In den zusammenfassenden Darstellungen der Zwischenzeit — der Skizze der Mythologie und der Quenta Noldorinwa der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre sowie der Quenta Silmarillion von 1937 — hielt sich die Namensform Meglin, und die Vorgeschichte im Osten Beleriands wurde nur in wenigen Sätzen gestreift. Die Formen Maeglin und Aredhel gehören erst den Überarbeitungen der Nachkriegsjahre an, in denen auch die Deutung des Namens als „scharfer Blick“ ausgearbeitet wurde. Ihre volle erzählerische Gestalt erhielt die Vorgeschichte jedoch erst in einem sehr späten Prosatext, den Christopher Tolkien unter dem Titel „Maeglin“ im dritten Teil von „The War of the Jewels“ mitteilte: Er entfaltet die Werbung Eols, die heimliche Reise von Mutter und Sohn nach Westen, die Verfolgung und die Auseinandersetzung vor Turgons Thron weit ausführlicher, als es die veröffentlichte Fassung erkennen lässt, und ist von Fragen der Zeitrechnung begleitet, die Tolkien in seinen letzten Arbeitsjahren beschäftigten. Das gedruckte Kapitel des „Silmarillion“ ist aus diesem Text gekürzt.