Herkunft, Volk und Name
Der Name Elentir ist nach Bau und Klang eine Quenya-Bildung und setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen, die in den Namenverzeichnissen zum Silmarillion beide belegt sind: elen, das Wort für den Stern, und tir, das Schauen und Wachen, wie es auch in Palantír oder in Minas Tirith wiederkehrt. Daraus ergibt sich als nächstliegende Lesart etwa „der auf die Sterne blickt“ oder „Sternenwächter“. Eine ausdrückliche Übersetzung durch Tolkien selbst ist für diesen Namen nicht überliefert; die Deutung bleibt also aus den Elementen erschlossen und sollte mit entsprechender Zurückhaltung gelesen werden. Beinamen oder Zweitnamen sind nicht bezeugt.
Nach seiner Herkunft gehört Elentir zu den Menschen von Númenor, und zwar in jenen Zweig des Hauses Elros, der auf Silmarien zurückgeht, die Tochter Tar-Elendils. Aus ihrer Linie stammten die Herren von Andúnië, die im Westen der Insel saßen und deren Haus über die Jahrhunderte hin zum Rückhalt der Getreuen wurde, also derer, die den Eldar und den Valar die Freundschaft nicht aufkündigten. Als Vater Elentirs nennt der Steckbrief Númendil, den die Akallabêth als Vater Amandils führt, des letzten Herrn von Andúnië. Damit steht Elentir in einer Generation, deren Umfeld gut bezeugt ist, auch wenn die Namen der mittleren Herren von Andúnië bei Tolkien durchweg fehlen.
Ein Name aus elbischem Sprachgut ist in diesem Haus keine Beiläufigkeit, sondern ein Bekenntnis. In den späten Jahrhunderten Númenors legten die Könige die Namen der Hochsprache ab und nahmen adûnaische an, während die Getreuen an den Sprachen der Eldar festhielten; wer damals einen Quenya-Namen trug, ordnete sich sichtbar der einen Seite dieses Zwistes zu. Der Sternenbezug fügt sich zudem in die Namengebung der Andúnië-Sippe insgesamt, wie sie etwa bei Elendil zutage tritt. Anzumerken bleibt, dass der Name Elentir selbst weder im Herrn der Ringe noch in den posthum herausgegebenen Erzählwerken erscheint; was über ihn gesagt ist, stammt allein aus dem nachgelassenen Entwurfsmaterial und wird in der Sektion zu Entwürfen und Varianten behandelt.
Geschichte
Eine Lebensgeschichte im engeren Sinn lässt sich für Elentir nicht erzählen. In den zu Lebzeiten Tolkiens veröffentlichten Büchern kommt er nicht vor, und auch die Akallabêth, die den Untergang Númenors und den Weg der Getreuen ausführlich behandelt, nennt ihn an keiner Stelle. Die einzige Handlung, die ihm überhaupt zugeschrieben wird, steht im nachgelassenen Entwurfsmaterial und ist deshalb in der Sektion zu Entwürfen und Varianten aufgehoben, nicht hier. Was an dieser Stelle sinnvoll erzählt werden kann, ist der datierbare Rahmen: die Geschichte des Hauses, dem er nach den Angaben des Registers angehörte, und die Jahrzehnte, in die seine Lebenszeit demnach fiel. Dieser Rahmen ist gut bezeugt, und er erklärt zugleich, warum ein Mann dieser Sippe in den Erzählungen leicht namenlos bleiben konnte.
Die Herren von Andúnië saßen im Westen der Insel und standen dem Königshaus über Jahrhunderte hin nahe, im Rat wie in der Verwandtschaft; die Mutter Tar-Palantirs stammte selbst aus ihrer Sippe, und ihre Ehe mit Ar-Gimilzôr blieb ohne Zuneigung. Unter eben diesem König verschärfte sich der Zwist, der Númenor seit langem durchzog: Die elbischen Sprachen wurden untersagt, der Verkehr mit den Eldar unterbunden, und die Getreuen, die bis dahin vorwiegend im Westen wohnten, wurden gezwungen, sich an der Ostküste um Rómenna niederzulassen, wo man sie leichter beobachten konnte. Für das Haus von Andúnië bedeutete das eine doppelte Stellung: äußerlich noch immer hochgeachtet, innerlich der verdächtigten Partei zugehörig. Wer in diesen Jahrzehnten in der Sippe geboren wurde, wuchs in eine Loyalität hinein, die zugleich Rang und Gefahr bedeutete.
Eine kurze Wende brachte Tar-Palantir, der die Bräuche seiner Väter wieder aufnahm und den Weißen Baum erneut pflegte; die Zeittafel setzt seine Umkehr in das Jahr 3175 des Zweiten Zeitalters und verzeichnet für dieselbe Zeit einen Bürgerkrieg auf der Insel. Erben aus eigenem Leib hatte er nur in seiner Tochter Míriel. Nach seinem Tod nahm Pharazôn, der Sohn seines Bruders Gimilkhâd, sie gegen ihren Willen zur Frau und griff nach dem Zepter; die Zeittafel nennt dafür das Jahr 3255. Damit war das Königtum in der Hand jener Partei, die den Getreuen seit Generationen entgegenstand, und die Aussicht auf Ausgleich, die Tar-Palantirs Regierung eröffnet hatte, war dahin. In diese Jahre fällt nach der Genealogie des Registers die Lebenszeit Elentirs.
Was danach geschah, betraf das Haus unmittelbar. Ar-Pharazôn fuhr mit einer Streitmacht nach Mittelerde und führte Sauron als Gefangenen mit sich zurück; binnen weniger Jahre war der Gefangene der einflussreichste Ratgeber des Königs. Der Weiße Baum wurde gefällt, ein Tempel errichtet, und die Getreuen gerieten in offene Verfolgung, wobei man sie der Untreue bezichtigte und Opfer aus ihren Reihen nahm. Amandil, der zuvor im Rat gesessen hatte und mit dem König aus jungen Jahren vertraut gewesen war, wurde entlassen und zog sich mit den Seinen nach Rómenna zurück. Als sich das Verhängnis nicht mehr abwenden ließ, fuhr er heimlich mit drei Gefährten nach Westen, um für sein Volk um Erbarmen zu bitten; er kehrte nicht zurück, und niemand erfuhr, was aus ihm wurde.
Die Zeittafel setzt den Bau der Großen Flotte in das Jahr 3310 und ihren Aufbruch in das Jahr 3319. In demselben Jahr geschah der Untergang: Das Land versank, und von den Getreuen entkamen Elendil und seine Söhne Isildur und Anárion mit neun Schiffen nach Mittelerde, wo sie die Reiche in Exil begründeten. In keinem dieser Berichte wird ein Bruder Amandils erwähnt, weder unter den Geretteten noch unter den Umgekommenen. Diese Lücke ist kein Versehen der Überlieferungsträger, sondern der Zustand der Quellen selbst: Die veröffentlichten Werke kennen für die Zeit vor dem Untergang aus dem Haus von Andúnië nur wenige Namen, und Elentir gehört nicht dazu. Wo also ein Leben zu erwarten wäre, bleibt der Text stumm, und alles Weitere hängt an einer einzelnen nachgelassenen Notiz.
Rolle und Fähigkeiten
Von einer Rolle Elentirs im Legendarium lässt sich nur mittelbar sprechen. Die veröffentlichten Werke weisen ihm kein Amt zu, keine Rede und keine Tat; er ist eine Gestalt der Abstammungslinie, nicht der Handlung. Was der Steckbrief mit „Erbe“ bezeichnet, meint eine Rechtsstellung, nicht ausgeübte Macht: Die Herrschaft über Andúnië ging im Hause Silmariens vom Vater auf das Kind über, und ihre Inhaber zählten zu den Ratgebern des Königs, solange dieser Rat noch angenommen wurde. Ein Herrentitel bedeutete dort Rang, Landbesitz und Zugang zum Hof, nicht Befehlsgewalt über die Insel. Mehr als diesen Rahmen gibt die Überlieferung für Elentirs Stellung nicht her, und der Rahmen selbst ist nicht sein Verdienst, sondern der seiner Sippe.
Fähigkeiten im Sinne übernatürlicher Gaben sind für die Menschen von Númenor ohnehin nicht anzusetzen. Was ihnen zuteil wurde, waren Lebensjahre weit über das Maß der übrigen Menschen hinaus, dazu Kraft, Wissen und eine Meisterschaft in Schiffbau und Seefahrt, die sie zu den größten Seeleuten der Sterblichen machte; von Zauberei ist bei ihnen nicht die Rede, wohl aber von Handwerk, Heilkunde und Sternkunde. Ebenso deutlich sind die Grenzen gezogen: Sie blieben sterblich, die verlängerte Frist war eine Gabe und kein Anspruch, und das Verbot der Valar untersagte ihnen die Fahrt nach Westen über die Sichtweite der eigenen Küsten hinaus. Wer aus diesem Volk stammte, verfügte also über Können und Lebenszeit, nicht über Macht im Sinne der Eldar oder der Istari. Für Elentir gilt das ohne jede Einschränkung, denn nichts Eigenes ist von ihm bezeugt.
Das eigentliche Gewicht der Getreuen lag nicht in Waffen oder Gaben, sondern in dem, was sie bewahrten und schließlich hinüberretteten: die Freundschaft mit den Eldar, deren Sprachen und deren Geschenke, aus denen später die Reiche in Mittelerde ihre Zeichen bezogen. Ob Elentir daran Anteil hatte, sagt keine der veröffentlichten Quellen; sein Name erscheint weder unter denen, die diese Dinge trugen, noch unter denen, die dafür litten. Damit bleibt seine Bedeutung eine rein relationale — er steht als Glied zwischen Númendil und Amandil in einer Linie, deren Fortgang bezeugt ist, während er selbst es nicht ist. Die einzige Handlung, die ihm überhaupt zugeschrieben wurde, entstammt nachgelassenem Entwurfsmaterial und wird an anderer Stelle behandelt; sie taugt nicht dazu, ihm Fähigkeiten oder Einfluss zuzurechnen, die der Text nirgends nennt.
Beziehungen
Elentirs Beziehungsgefüge ist ungewöhnlich schmal, und gerade darin liegt seine Eigenart: Es besteht nahezu vollständig aus Verwandtschaft. Der Vater, Númendil, ist in den veröffentlichten Werken selbst kaum mehr als ein Name; die Akallabêth führt ihn allein als den Mann ein, dessen Sohn Amandil war, und gibt ihm weder Rede noch Tat. Auch das Verzeichnis der Könige in den Nachgelassenen Erzählungen, das die Abkunft der Andúnië-Sippe aus dem Königshaus festhält, verweilt bei den Zwischengliedern dieser Linie nicht. Die Bindung an den Vater ist damit die Bindung eines Namens an einen Namen: verzeichnet, aber ohne jede Szene, in der beide zugleich vorkämen.
Schwerer wiegt die Geschwisterbindung an Amandil, und zwar wegen ihrer Ungleichheit. Kein veröffentlichter Text lässt die Brüder gemeinsam auftreten: Es gibt keine Beratung zwischen ihnen, keinen Abschied, keine geteilte Fahrt. Amandil handelt in der Akallabêth durchweg allein oder an der Seite seines Sohnes, und wo überhaupt von den Seinen die Rede ist, bleiben diese Menschen ungenannt. Hinzu kommt eine Spannung, die sich in einem Beziehungsartikel nicht übergehen lässt: Die Herrschaft über Andúnië erscheint in den Quellen ohne Umweg bei Amandil und geht von ihm auf dessen Sohn über. Die Anrede als Erbe Númendils steht also neben einer bezeugten Nachfolge, die an Elentir vorbeiführt.
Nach unten hin läuft die Linie ebenfalls über den Bruder. Elendil, den die Akallabêth als Sohn Amandils führt, wäre nach der Genealogie des Registers Elentirs Neffe, Isildur und Anárion seine Großneffen; über sie setzt sich jene Abfolge fort, aus der die Könige von Arnor und Gondor hervorgingen und die die Anhänge des Herrn der Ringe bis in das Dritte Zeitalter hinein verzeichnen. Eine Ehe ist für Elentir nicht bezeugt, ein Nachkomme ebenso wenig. Auffällig ist schließlich, dass ihm die Überlieferung auch keinen Gegenspieler zuweist: Die Feindschaft, die sein Haus traf, galt den Getreuen als Partei, nicht einzelnen Männern aus ihrer Mitte. Was von ihm bleibt, sind mithin ausschließlich Kanten zu anderen — eine Stellung im Netz, die nur deshalb sichtbar wird, weil die Namen ringsum es sind.
Entwürfe und Varianten
Elentir gehört zu jenen Gestalten, die erst durch die Nachlassbände sichtbar wurden, und er ist dort nur ein einziges Mal bezeugt. Die Stelle findet sich im zwölften Band der History of Middle-earth, im Umfeld der späten Abhandlung über den Lautwandel im Namen Feanors, an die sich eine Reihe von Aufzeichnungen zu númenórischen Namen und Verhältnissen anschließt. Eine Vorstufe des Namens gibt es nicht: In den älteren Schichten des Númenor-Stoffs, wie sie in Der verlorene Weg und in Sauron Defeated ediert sind, begegnet keine Figur, die als Vorläufer gelten könnte. Erschwerend kommt hinzu, dass die Handschrift an dieser Stelle schwer zu entziffern ist; das Wort, das Elentir als den älteren der beiden Brüder ausweisen würde, liest der Herausgeber nur unter Vorbehalt und setzt ein Fragezeichen dazu.
Inhaltlich steht die Notiz quer zu der Fassung, die in die veröffentlichte Erzählung vom Untergang Númenors eingegangen ist. Dort greift Pharazôn nach dem Zepter und nimmt die Tochter Tar-Palantirs gegen ihren Willen zur Frau, ohne dass von einer früheren Bindung die Rede wäre; die Aufzeichnung dagegen kennt eine solche Bindung und weist sie Elentir zu, dem sie vor Pharazôns Zugriff verlobt gewesen sei. Tolkien hat diesen Gedanken nicht weiterverfolgt: Er blieb Notiz, ging in keinen fortlaufenden Text ein und wurde auch nicht mit der älteren Darstellung ausgeglichen. Damit hat Elentir streng genommen keine Entwicklungsgeschichte, sondern nur einen Beleg. Wer über ihn spricht, spricht über eine einzelne späte Randbemerkung, deren Wortlaut an einer Stelle unsicher ist und deren Aussage der bekannten Erzählung widerspricht.