Name, Benennung und Anfertigung

Vilya ist ein Name aus dem Quenya und meint die Luft, den offenen Himmel; die geläufige Umschreibung „Ring der Luft“ gibt ihn also eher wieder, als dass sie ihn deutet. Der Ring trägt diesen Namen nicht für sich allein, sondern als Glied einer Dreiheit: Gemeinsam mit Narya und Nenya bildet er die Drei, und die Berichte nennen die drei Namen regelmäßig in einem Zug und ordnen ihnen Feuer, Wasser und Luft zu. Jedem der drei gehört überdies ein eigener Stein; für Vilya ist es ein Saphir, was die Benennung nach der Luft von der Farbe her noch einmal stützt. Unter den dreien gilt er als der kraftvollste, ohne dass diese Rangfolge weiter erläutert würde.

Die Zeittafel des Zweiten Zeitalters hält den Hergang knapp fest: Die Elbenschmiede erreichten, durch fremde Unterweisung gefördert, um die Mitte des Zeitalters den Gipfel ihres Könnens und begannen mit den Ringen der Macht; um das Jahr 1590 waren die Drei in Eregion vollendet, und erst danach entstand in Mordor der Eine. Der Rat in Bruchtal hebt den Unterschied hervor, der daran hängt: Die Drei wurden nicht als Waffen geschmiedet, ihre Meister suchten weder Herrschaft noch gehortetes Gut, sondern Erkenntnis, Werk und Heilung; Saurons Hand hat sie niemals berührt, und sie blieben vor ihm verborgen. Eine unmittelbare Beschreibung des Reifs selbst gibt der Haupttext nur einmal: Gold, gefasst mit einem großen blauen Stein.

Wer die Drei geschaffen hat, sagen erst die posthum herausgegebenen Berichte deutlich. Sie nennen Celebrimbor, den vornehmsten der Schmiede Eregions, der sie zuletzt und mit eigener Hand fertigte, verborgen vor jenem Ratgeber, der sich den Schmieden als Annatar, als Herr der Gaben, empfohlen hatte. Daraus erklärt sich zugleich, weshalb Vilya und seine beiden Gefährten ungetrübt blieben, während die übrigen Werke jener Zeit einen fremden Anteil in sich trugen. Diese Überlieferung liefert auch die Ordnung von Namen, Elementen und Steinen, in der Vilya als der mächtigste der Drei erscheint; der zu Lebzeiten veröffentlichte Text setzt diese Einordnung voraus, ohne sie herzuleiten.

Wesen, Wirkung und Grenzen

Was Vilya vermag, sagt der zu Lebzeiten veröffentlichte Text niemals für ihn allein, sondern stets für die Drei gemeinsam und immer im Verhältnis zum Einen. Solange Sauron den Herrscherring trug, blieben sie ungebraucht, denn nichts, was mit ihnen gewirkt worden wäre, hätte er übersehen; erst nachdem ihm der Eine abgenommen und dieser verloren war, konnten ihre Träger sie überhaupt anrühren. Diese Freiheit ist geborgt: Käme der Eine wieder in Saurons Hand, so lägen die Drei offen vor ihm, und alles, was unter ihnen aufgebaut worden ist, wäre preisgegeben. Der Rat zieht daraus einen nüchternen Schluss – gegen den Einen richten die Drei nichts aus, und zu seiner Vernichtung taugen sie nicht.

Auch nach außen hält sich der Ring zurück. Seine Träger sprachen nicht von ihm, und in der langen Zeit der Wachsamkeit bleibt er den Augen der Erzählung entzogen; sichtbar beschrieben wird er ein einziges Mal, an den Grauen Anfurten, als die Heimlichkeit gegenstandslos geworden war und Elrond ihn unverhüllt an der Hand trug. Ebenso zurückhaltend ist der Text bei den Taten: Keine einzelne Wirkung wird Vilya ausdrücklich zugeschrieben. Selbst dort, wo in Bruchtal eine Macht sichtbar eingreift und die Wasser des Bruinen sich gegen die Verfolger erheben, führt die Erzählung dies auf Elrond selbst zurück, dem der Fluss des Tales gehorcht, nicht auf den Reif an seinem Finger.

Allgemeiner, aber nicht genauer wird die posthum herausgegebene Darstellung. Sie umschreibt die Kraft der Drei als ein Bewahren: Wer sie führte, konnte dem Verfall wehren, den Dingen ihre Unversehrtheit erhalten und die Müdigkeit der Welt aufschieben – ein Erhalten des Bestehenden also, kein Mehren von Macht und kein Zwang über andere. Zugleich benennt sie dieselbe Abhängigkeit noch einmal von der anderen Seite her: Weil die Drei mit dem Einen in einer Ordnung verbunden blieben, endet mit dessen Untergang auch ihre Wirksamkeit, und was durch sie gehalten wurde, beginnt zu verblassen. Was den mächtigsten der Drei vor den beiden anderen auszeichnet, bleibt in beiden Überlieferungen unausgesprochen; der Rang wird festgestellt, nicht in eine eigene Fähigkeit übersetzt.

Der Weg durch die Zeitalter

Der Weg Vilyas beginnt mit einer Entfernung von seinem Entstehungsort. Als in Mordor der Eine aufgesetzt wurde und die Schmiede Eregions erkannten, wozu er dienen sollte, brachte man die Drei fort, noch ehe der Krieg das Land erreichte. Vilya gelangte nach Lindon in die Obhut Gil-galads, des letzten Hochkönigs der Noldor in Mittelerde; damit lag der stärkste der Drei nicht bei einem Schmied, sondern bei einem König, und zwar weit genug im Westen, dass ihn der Untergang Eregions nicht berührte. Die posthum herausgegebenen Berichte erzählen diesen ersten Übergang beiläufig und begründen ihn nicht eigens: Er ergibt sich aus der Bedrohung, nicht aus einer Bestimmung, die dem Ring eingeschrieben wäre.

Der zu Lebzeiten veröffentlichte Text gibt dazu nur das Gerüst der Jahreszahlen und schweigt über die Träger. Die Zeittafel verzeichnet für 1600 des Zweiten Zeitalters die Schmiedung des Einen, für 1693 den Ausbruch des Krieges zwischen den Elben und Sauron samt der Verbergung der Drei, für 1697 die Verwüstung Eregions, den Tod Celebrimbors und den Rückzug Elronds mit dem Rest der Noldor, aus dem die Zuflucht Bruchtal hervorging. Wer in diesen Jahrzehnten welchen Reif führte, steht dort nicht; die Ringe treten aus der Aufzeichnung heraus, sobald sie in Sicherheit gebracht sind. Diese Lücke ist weniger ein Mangel der Überlieferung als ihr Gegenstand, denn die Verbergung gehört zur Geschichte des Ringes selbst.

Wann Vilya an Elrond überging, berichten erst die nachgelassenen Darstellungen, und sie stimmen darin nicht überein. Nach der einen geschieht es früh, als Gil-galad seinen Herold zum Statthalter über Eriador machte und dieser das Tal als Zuflucht einrichtete; nach der anderen erst spät, kurz bevor der König mit seinem Heer zum Letzten Bündnis nach Osten zog. Das Ergebnis ist in beiden Fassungen dasselbe: Als Gil-galad im Jahr 3441 des Zweiten Zeitalters im Sturz Saurons fiel, war der Ring nicht mehr bei ihm. Er wechselte also aus der Hand eines Lebenden weiter und nicht als Erbe eines Gefallenen, was ihn von der Geschichte des Einen von Anfang an unterscheidet. Der Haupttext bestätigt von diesem Zusammenhang nur den Rahmen, indem Elrond im Rat erwähnt, dass er als Herold Gil-galads mit dessen Heer zog.

Erst mit dem Verlust des Einen am Ende des Zweiten Zeitalters wurde der Ring überhaupt brauchbar, und diese Spanne fällt beinahe vollständig mit Elronds Trägerschaft zusammen. Zwischen jenem Sturz und der Vernichtung des Einen liegen mehr als dreitausend Jahre, in denen Bruchtal Bestand hat, die Kriege gegen Angmar übersteht und zuletzt den Rat beherbergt, auf dem über das weitere Schicksal des Herrscherringes entschieden wird. Der Rat selbst zieht die Folgerung für die Drei, ehe der Beschluss gefasst ist, und niemand widerspricht ihr. Am 25. März 3019 des Dritten Zeitalters tritt sie ein: Von diesem Tag an ist Vilya kein wirkendes Werk mehr, sondern ein Schmuckstück aus Gold mit einem blauen Stein, und die Frist seiner Träger läuft ab.

Das Ende dieser Geschichte ist kein Untergang, sondern ein Fortgang. Am 29. September 3021 des Dritten Zeitalters kam Elrond an die Grauen Anfurten und ging mit den übrigen Trägern der Drei und den Ringträgern des Auenlands an Bord des weißen Schiffes; erst dort, wo Verschwiegenheit keinen Zweck mehr hatte, war der Reif an seiner Hand für jeden zu sehen. Mit dieser Ausfahrt endet nach der Zeittafel das Dritte Zeitalter. Vilya verließ Mittelerde also unversehrt und in der Hand dessen, der ihn zuletzt geführt hatte – weder zerstört wie der Eine noch geraubt, verschollen oder von seinem Träger getrennt, wie es den meisten anderen Ringen der Macht ergangen ist. Über sein weiteres Dasein jenseits des Meeres sagen die Quellen nichts; die Erzählung lässt ihn dort aus dem Blick treten, wo ihre eigene Welt aufhört.

Erzählerische Rolle und Bedeutung

Für den Leser gibt es Vilya fast die ganze Erzählung hindurch nicht. Bruchtal wird über seine Wirkungen eingeführt – als Ort der Rast und der Heilung, als Haus, in dem alte Geschichte gegenwärtig bleibt und in dem sich der Rat versammelt –, ohne dass je ein Grund dafür benannt würde. Bei Nenya verfährt der Text anders: In Lórien nimmt Frodo den Reif an Galadriels Hand wahr, und sie selbst spricht davon. Der Ring an Elronds Hand dagegen bleibt ihm verborgen, und erst im letzten Kapitel, als der Abschied bereits beschlossen ist, fällt sein Name. Damit ordnet die Erzählung ihre eigenen früheren Kapitel nachträglich um: Was in Bruchtal geschah, erscheint im Rückblick auch als Werk dieses Ringes, ohne dass der Text die Verbindung je ausspräche.

Als Gegenstand steht Vilya im Buch für das Gegenteil dessen, was der Eine bedeutet. Der Herrscherring drängt seinen Träger nach außen, macht andere dienstbar und zieht alles an sich; der stärkste der Drei erhält lediglich einen Ort, an dem sich Reisende erholen, Verwundete genesen und Wissen aufbewahrt wird. Beide begegnen einander in keiner einzigen Szene, und Vilya wird nirgends gegen Sauron ins Feld geführt – seine Stärke zeigt sich nur darin, dass etwas fortbesteht. Gerade weil der Ring in Bruchtal liegt, hat die Beratung dort ihr Gewicht: Der Beschluss wird an dem Ort gefasst, den er selbst am härtesten trifft.

Daraus bezieht der Ring seine letzte erzählerische Aufgabe: Er beziffert den Preis des guten Ausgangs. Der Sieg über den Einen ist zugleich das Ende dessen, was Vilya jahrtausendelang gehalten hat, und der Träger des mächtigsten der Drei ist es, der ihn befürwortet, obwohl er weiß, was ihn das kostet. So gehört der Ring nicht zu den Siegern der Geschichte, sondern zu jenen, die mit dem Gewinn ihr eigenes Werk verlieren. Dass die Zeittafel das Zeitalter erst mit der Ausfahrt seiner Träger enden lässt und nicht mit dem Fall Saurons, hält diesen Zusammenhang fest: Die Erzählung schließt nicht mit dem Triumph, sondern mit dem Abschied.

In Verfilmungen und Hörspielen

In den älteren Bearbeitungen bleibt Vilya ohne eigenes Gewicht. Ralph Bakshis Zeichentrickfilm bricht nach dem Kampf am Hornburg-Tal ab und erreicht das Ende der Geschichte gar nicht, sodass der einzige Augenblick, in dem der Ring im Buch überhaupt sichtbar wird, entfällt; Elrond, gesprochen von André Morell, tritt nur als Herr des Rates in Bruchtal auf. Die BBC-Hörfassung von 1981 ist mit sechsundzwanzig Teilen die ausführlichste der frühen Bearbeitungen und führt die Handlung bis zum Abschied an den Anfurten; Elrond spricht dort Hugh Dickson. Peter Jacksons Trilogie nennt den Namen Vilya in keiner Szene und räumt dem Ring keinen eigenen Auftritt ein – anders als bei Galadriel, deren Reif in Lothlórien eigens zur Sprache kommt. Hugo Weavings Elrond wird also nicht als Ringträger eingeführt, und Gil-galad erscheint nur in der einleitenden Vorgeschichte (Mark Ferguson), ohne dass die Weitergabe des Ringes berührt würde. Auch in derselben Regie entstandene Hobbit-Trilogie, die Elrond und den Weißen Rat breit ausbaut, greift den Gegenstand nicht auf.