Name und Herkunft

Der Name, unter dem das Geschlecht in der Überlieferung steht, ist jünger als das Volk selbst. Als die Menschen über die Blauen Berge nach Beleriand zogen, kamen sie in drei getrennten Scharen, und die dritte, zugleich die zahlreichste, folgte einem Anführer namens Marach. Nach ihm hießen diese Leute zunächst das Volk Marachs; erst Generationen später, als einer seiner Nachfahren zu besonderem Ansehen gelangte, ging die Bezeichnung auf dessen Namen über. Die Elben Beleriands rechneten Marachs Leute, zusammen mit den Gefolgschaften Beors und den Haladin, zu den Edain, wie sie diese befreundeten Menschen in ihrer Sprache nannten, und zählten sie als das Dritte Haus.1

Die Linie, die dem Haus später den Namen gab, lässt sich von Marach an lückenlos verfolgen. Sein Sohn Malach suchte den Hof Fingolfins in Hithlum auf, blieb dort lange Jahre und nahm bei den Noldor den elbischen Namen Aradan an; das Annehmen eines Elbennamens zeigt früh, wie eng sich diese Menschen an die Eldar banden. Auf Malach folgten Magor und auf diesen Hathol, und Hathols Sohn war Hador. Er trat schon als junger Mann in Fingolfins Dienst und gewann dessen Vertrauen so weit, dass ihm das Land Dor-lómin übertragen wurde. Von da an sprach man vom Haus Hadors, und die Söhne Galdor und Gundor setzten die Linie fort.2

Hadors Beiname Lórindol bedeutet sinngemäß „Goldhaupt“ und verweist auf ein Merkmal, das für sein ganzes Volk als kennzeichnend galt: Die Leute dieses Hauses werden überwiegend als hochgewachsen, hellhaarig und blauäugig beschrieben. Sie lernten die Sprache der Elben rasch und gebrauchten sie gern, gaben darüber aber ihre eigene Mundart nicht auf. Aus dieser Sprache, so berichtet die Überlieferung, ging später die gemeinsame Sprache Númenors hervor, sodass das Erbe des Hauses weit über Beleriand hinaus fortwirkte.3

  1. 1Das Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West
  2. 2Das Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West
  3. 3Das Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West; Das Silmarillion, Index of Names

Geschichte

Nach dem Übergang über die Blauen Berge blieb das Volk Marachs zunächst nicht an einem Ort. Ein Teil verweilte eine Zeit lang in Estolad, dem Lagerland östlich von Doriath, wo auch die übrigen Scharen der Menschen ihre ersten Wohnsitze in Beleriand fanden. Nach und nach zogen jedoch viele nach Westen und Norden, um in den Dienst der Noldorfürsten zu treten, und die Nähe zu Fingolfins Reich in Hithlum bestimmte die weitere Richtung. Mit der Übertragung Dor-lómins an Hador, von der schon die Rede war, fand diese Wanderschaft ihr Ziel. Das Land wurde zum festen Sitz der Sippe, und seine Männer bildeten fortan einen wesentlichen Teil der Heeresmacht, mit der Fingolfin den Norden gegen Angband hielt.1

Die erste schwere Prüfung kam mit der Dagor Bragollach, als Morgoth die Belagerung Angbands mit Feuer und Heeresmacht durchbrach. Hador, inzwischen ein alter Mann, kämpfte an der Seite seines Herrn und fiel bei Eithel Sirion, als er dessen Rückzug deckte; mit ihm starb sein jüngerer Sohn Gundor. Die Herrschaft ging an Galdor über, der die Grenzen Hithlums gegen die folgenden Angriffe verteidigte, bis auch er wenige Jahre später bei einem Sturm auf Eithel Sirion von einem Pfeil getroffen wurde. In dieser unruhigen Zeit gerieten seine Söhne Húrin und Huor bei einem Aufenthalt unter den Haladin in Brethil in Bedrängnis und wurden von Adlern nach Gondolin gebracht, wo König Turgon sie ein Jahr lang beherbergte. Nach Galdors Tod trat Húrin, noch sehr jung, an die Spitze des Hauses; durch seine Ehe mit Morwen aus dem Hause Beors verband sich die Linie mit dem Ersten Haus der Edain.2

Den tiefsten Einschnitt brachte die Nirnaeth Arnoediad, die Schlacht der Ungezählten Tränen. Die Männer Dor-lómins zogen mit Fingon in den Kampf, und als das Bündnis der Elben und Menschen zerbrach und die Ostlinge zum Feind überliefen, übernahmen Húrin und Huor die Nachhut. In den Sümpfen von Serech hielten sie den Übergang, damit Turgon mit seinem Heer nach Gondolin entkommen konnte. Huor fiel dort, ins Auge getroffen, und die Männer seines Volkes wurden bis auf den Letzten erschlagen. Húrin kämpfte als Einziger weiter, bis er lebend gefangen und vor Morgoth gebracht wurde, der ihn auf dem Thangorodrim festsetzte und ihn zwang, das Unglück seiner Nachkommen mitanzusehen.3

Mit dem Verlust fast aller wehrfähigen Männer war das Haus in seiner Heimat gebrochen. Morgoth wies die Ostlinge nach Hithlum, verbot ihnen, das Land wieder zu verlassen, und überließ ihnen die Reste des Volkes Hadors, zumeist Alte, Frauen und Kinder, die sie unterdrückten und zu Knechten machten. Morwen blieb unter diesen Bedingungen in Dor-lómin, schickte jedoch ihren Sohn Túrin nach Doriath, um ihn in Sicherheit zu wissen. Túrins weiterer Weg und der seiner Schwester Nienor endeten, wie es Morgoths Fluch über Húrins Nachkommen vorgesehen hatte, im Unheil. Auch Húrin selbst, nach vielen Jahren freigelassen, fand in der Welt keinen Platz mehr, sodass der ältere Zweig des Hauses mit dieser Generation erlosch.4

Fortbestand hatte das Haus durch Huors Linie. Sein Sohn Tuor wuchs bei den Grauelben von Mithrim auf, geriet in die Knechtschaft der Ostlinge, entkam und gelangte auf Geheiß Ulmos nach Gondolin, wo er Turgons Tochter Idril heiratete. Ihr Sohn Earendil überlebte mit den Eltern den Fall der Stadt und wuchs an den Mündungen des Sirion auf; seine Fahrt nach Westen führte zum Eingreifen der Valar und zum Ende Morgoths. Nach dem Krieg des Zorns erhielten die Edain die Insel Númenor zur Wohnstatt, und Earendils Sohn Elros, der das Los der Menschen wählte, wurde ihr erster König. In den Königen Númenors und später in den Herrschern von Arnor und Gondor lebte so das Blut Hadors weiter, verbunden mit dem der beiden anderen Edain-Häuser und dem der Eldar.5

  1. 1Das Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West
  2. 2Das Silmarillion, Kap. 18, Of the Ruin of Beleriand and the Fall of Fingolfin
  3. 3Das Silmarillion, Kap. 20, Of the Fifth Battle: Nirnaeth Arnoediad
  4. 4Das Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar; Nachrichten aus Mittelerde, Narn i Hîn Húrin
  5. 5Das Silmarillion, Kap. 23, Of Tuor and the Fall of Gondolin; Das Silmarillion, Kap. 24, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath; Das Silmarillion, Akallabêth

Lebensweise und Eigenart

Im Selbstverständnis des Hauses stand der Waffendienst an erster Stelle. Hadors Leute hatten sich den Noldor aus Fingolfins Linie verpflichtet, und diese Bindung wurde über die Generationen nicht neu ausgehandelt, sondern wie ein Erbe weitergegeben: Wohin das Haus der Hohen Könige in den Krieg zog, dorthin folgten die Männer Dor-lómins. Ihr Ansehen unter Elben und Menschen gründete sich weniger auf Gelehrsamkeit als auf Ausdauer und Tapferkeit im Feld. Wie diese Haltung aussah, zeigt Húrin in der Schlacht der Ungezählten Tränen, als er den Schild fortwarf, die Axt mit beiden Händen führte und bei jedem Hieb in der Sprache der Elben ausrief, dass der Tag wiederkehren werde. Der Ruf verbindet kriegerische Zähigkeit mit einer Hoffnung, die über die verlorene Schlacht hinausreicht.1

Vom Alltag in Dor-lómin geben vor allem die Erzählungen um Túrins Kindheit ein Bild. Húrins Haus war ein Herrenhof in einem bäuerlich besiedelten Land, in dem auch Männer, die zum Kriegsdienst nicht mehr taugten, ihren Platz fanden; der Holzhandwerker Sador, seit einer Verletzung lahm, gehörte als Diener zum Hausstand und wurde dem jungen Túrin ein vertrauter Gefährte. Das kostbarste Erbstück des Hauses war dagegen fremde Arbeit: Der Drachenhelm, den der Zwergenschmied Telchar in Nogrod gefertigt hatte, kam über Azaghâl von Belegost, Maedhros und Fingon an Hador und blieb bei dessen Erben, bis er Túrin in Doriath erreichte. Die Reihe seiner Besitzer zeigt, wie fest das Haus in das Gefüge aus Gaben und Treueverhältnissen zwischen Elben, Zwergen und Menschen eingebunden war.2

Wie alle Menschen waren Hadors Leute sterblich, und ihr Tod blieb den Eldar, deren Geschick an die Welt gebunden ist, ein Rätsel: Die Menschen verlassen nach ihrem Ende den Kreis der Welt, und wohin sie gehen, bleibt auch den Elben verborgen. Am deutlichsten hat Húrin gefasst, was diese Sterblichkeit für sein Haus bedeutete. Als Morgoth ihn gefangen hielt und sich zum Herrn über das Schicksal seiner Sippe erklärte, hielt Húrin ihm entgegen, dass seine Macht an den Grenzen der Welt ende und er die Menschen darüber hinaus nicht verfolgen könne. Der Tod erscheint in dieser Antwort nicht als Niederlage, sondern als Grenze, die der Feind nicht überschreiten kann, und gerade diese Weigerung zog den Fluch nach sich, von dem schon die Rede war.3

  1. 1Das Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West; Das Silmarillion, Kap. 20, Of the Fifth Battle: Nirnaeth Arnoediad
  2. 2Nachrichten aus Mittelerde, Teil 1, III, Narn i Hîn Húrin
  3. 3Das Silmarillion, Kap. 12, Of Men; Das Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar

Sippen und Zweige

Das Volk Marachs und das Haus Hador decken sich nicht vollständig. Als Hador Dor-lómin erhielt, zog er den größeren Teil seiner Verwandtschaft dorthin, doch nicht alle Nachkommen Marachs folgten ihm. Ein Beispiel für einen Seitenzweig ist Amlach, ein Enkel Marachs über dessen Sohn Imlach. In Estolad geriet er in einen Streit um das Bündnis mit den Eldar: Ihm wurden Reden gegen die Elben zugeschrieben, die er selbst nicht gehalten hatte. Danach verband er sein Geschick nicht mit Fingolfin, sondern trat in den Dienst von Maedhros. Die Überlieferung kennt also eine Nachkommenschaft Marachs auch außerhalb der Linie, nach der das Haus später benannt wurde.1

Hadors Hauptlinie war durch Ehen eng mit den beiden anderen Häusern der Edain verbunden. Zwei Ehen banden sein Haus an die Haladin: Gloredhel, seine Tochter, wurde die Frau Haldirs, des Sohnes Halmirs; Galdor, sein Sohn, nahm Halmirs Tochter Hareth. Die doppelte Heirat verband Dor-lómin fest mit Brethil. Húrin und Huor waren deshalb über ihre Mutter Verwandte der Haladin, und Haldirs Sohn Handir war ihr Vetter. Eine Generation später wandte sich die Linie dem Ersten Haus zu: Huor heiratete Rían, die Tochter Belegunds, und stand damit seinem Bruder nahe, der Morwen aus derselben Sippe geheiratet hatte.2

Mit Galdors Söhnen teilte sich das Haus in zwei Zweige, die der Text klar auseinanderhält. Zum Zweig Húrins gehörten neben Túrin und Nienor noch eine ältere Tochter, Urwen. Ihres heiteren Wesens wegen nannte man sie Lalaith, doch sie starb schon als Kind, als eine Seuche aus dem Norden über Dor-lómin kam. Der Zweig Huors bestand allein in Tuor fort. Daneben nennen die Erzählungen weitere Verwandte, die in Dor-lómin zurückblieben, etwa Aerin, eine Verwandte Húrins. Sie wurde nach der Niederlage gezwungen, den Ostling Brodda zu heiraten, und hielt dennoch heimlich zu den Resten ihres Volkes.3

  1. 1Das Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West
  2. 2Das Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West; Die Kinder Húrins, Kap. 1, The Childhood of Túrin
  3. 3Die Kinder Húrins, Kap. 1, The Childhood of Túrin; Das Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar

Stellung in der Erzählung

Im „Silmarillion“ verschiebt sich mit dem Haus Hador der Blickpunkt der Erzählung. Die frühen Kapitel handeln von Valar und Elben, Menschen treten nur am Rand auf. In den späteren Kapiteln stehen dagegen Nachkommen Hadors im Mittelpunkt: Die Geschichte Túrins, die Ankunft Tuors in Gondolin und die Fahrt Earendils bilden den erzählerischen Faden, der das Werk zu seinem Ende führt. Tolkien selbst hat in seinem langen Brief an Milton Waldman die Geschichten um Túrin und um den Fall Gondolins als eigenständige, größere Erzählungen innerhalb des Ganzen hervorgehoben. Das Haus ist damit weniger ein Volk, das beschrieben wird, als eine Familie, durch deren Schicksal die Lage der Menschen in Beleriand erzählbar wird.1

Erzählerisch trägt die Teilung in zwei Brüderlinien eine eigene Bedeutung. Húrins Zweig steht für die Möglichkeit, dass Standhaftigkeit gegen den Feind in Unheil umschlägt, wenn dieser die Deutung der Ereignisse beherrscht; Túrins Geschichte ist als Tragödie angelegt, in der jeder Ausweg tiefer in den Fluch führt. Huors Zweig hält dagegen die Hoffnung offen. Schon an den Sümpfen von Serech lässt der Text Huor gegenüber Turgon voraussagen, dass aus der Verbindung ihrer beiden Häuser ein neuer Stern hervorgehen werde. Diese Vorausdeutung verknüpft den Untergang der Nachhut mit der späteren Rettung durch Earendil und gibt dem Opfer einen Sinn, der erst Generationen später sichtbar wird.2

Im „Herrn der Ringe“ erscheint das Haus nur noch als ferne Erinnerung, doch gerade dadurch gewinnt es Gewicht. Faramir stellt im Gespräch mit Frodo die Rohirrim in eine Verwandtschaft mit den Edain der Altvorderenzeit und vermutet, sie stammten zwar kaum von Hador selbst ab, wohl aber von Menschen seines Stammes, die nicht über das Meer nach Westen gezogen waren. So wird Hadors Volk zum Maßstab, an dem sich die Menschen des Dritten Zeitalters messen lassen. Für den Leser, der beide Werke kennt, schlägt es die Brücke zwischen den alten Bündnissen mit den Elben und den Reitern der Mark, die im Ringkrieg erneut an der Seite der Freien Völker stehen.3

  1. 1Das Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar; Das Silmarillion, Kap. 23, Of Tuor and the Fall of Gondolin; Briefe, Letter 131
  2. 2Das Silmarillion, Kap. 20, Of the Fifth Battle: Nirnaeth Arnoediad; Das Silmarillion, Kap. 24, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 5, The Window on the West

Entwürfe und Varianten

In den frühesten Erzählungen, die Christopher Tolkien in den „Verlorenen Geschichten“ herausgegeben hat, gibt es noch kein Haus Hador. Die Stoffe, die später durch diese Sippe verbunden sind, stehen dort als getrennte Geschichten nebeneinander. Der Vater des tragischen Helden heißt Úrin, und seine Familie wird nicht als Glied eines Menschenhauses im Dienst der Noldor erzählt. Tuor, der Gondolin erreicht, trägt in der frühen Fassung vom Fall der Stadt einen Vater namens Peleg, und eine Verwandtschaft mit Úrins Linie ist nicht erkennbar. Die beiden Überlieferungsstränge, die das spätere „Silmarillion“ als zwei Zweige einer Familie behandelt, waren ursprünglich also nicht aufeinander bezogen.1

Erst in den Entwürfen, die auf die „Verlorenen Geschichten“ folgten, werden Tuors Vater Huor und Húrin zu Brüdern, und damit entsteht die Doppellinie, die für das Haus bestimmend bleibt. Auch die Vorgeschichte der Sippe veränderte sich noch lange. In den Annalen und im „Quenta Silmarillion“ der 1930er Jahre führt Hador sein Volk selbst über die Berge nach Beleriand; Marach und die Generationen zwischen ihm und Hador fehlen dort noch. Sie kamen erst in den späten Annalen hinzu, die in „The War of the Jewels“ abgedruckt sind. Durch diese Erweiterung wird die Zeit zwischen der Ankunft der Menschen und dem Aufstieg Hadors deutlich gedehnt. Der Name des Hauses stammt daher aus einer älteren Schicht der Erzählung, in der Hador noch der erste Anführer seines Volkes war.2

  1. 1Das Buch der verschollenen Geschichten. Teil 2, Turambar and the Foalókë; Das Buch der verschollenen Geschichten. Teil 2, The Fall of Gondolin
  2. 2The Shaping of Middle-earth, The Quenta; The Lost Road and Other Writings, The Later Annals of Beleriand; The War of the Jewels, The Grey Annals