Herkunft und Namen

Lowdham ist kein Bewohner Mittelerdes. Er gehört jener Rahmenebene an, von der aus in Tolkiens späten Anläufen überhaupt erst auf die ältere Welt geblickt wird: ein Gelehrter der Gegenwart, dessen Fach die alten Sprachen des Nordens sind und dem die eigene Überlieferung näher liegt als jede erfundene. Tolkien hat seine Absicht, das Erfundene an England zu binden und ihm dort einen Boden zu geben, gegenüber Verlegern und Briefpartnern unmissverständlich ausgesprochen; ein englischer Mittler, durch dessen Kenntnis und Abkunft das Ältere in die Gegenwart hereinreicht, ist innerhalb eines solchen Aufbaus keine Randfigur, sondern die Gelenkstelle. Art und Wesen sind entsprechend schlicht bestimmt: ein Mensch, keinem der älteren Völker zugehörig, ausgestattet mit den gewöhnlichen Mitteln der Wissenschaft.

Der Rufname trägt den eigentlichen Sinn. Er setzt sich aus den altenglischen Bestandteilen für „Elb“ und für „Freund“ zusammen, und „Elbenfreund“ ist in Tolkiens abgeschlossenem Werk kein beiläufiges Lob, sondern eine Bezeichnung mit eigener Geschichte. Gildor spricht Frodo im Auenland so an, nachdem dieser ihn in der Sprache der Hochelben gegrüßt hat, und stellt ihn damit in eine Reihe, die weit zurückreicht. In Númenor hießen so jene, die den Eldar die Treue hielten, als das Reich sich von ihnen abwandte und die Freundschaft zur Gefahr wurde. Wer diesen Namen führt, steht der Form nach in dieser Reihe, ehe von irgendeiner Tat die Rede sein kann.

Der zweite Vorname weist in eine andere Richtung, aufs Meer und auf das Licht über dem Meer. Im Hintergrund steht Earendil, der Seefahrer, der den Silmaril nach Westen über die Wasser trug und zuletzt als Stern am Himmel erschien. Tolkien hat mehrfach berichtet, dass ihn das altenglische Wort earendel, das ihm in einem geistlichen Gedicht angelsächsischer Überlieferung begegnete, wegen seines besonderen Glanzes früh beschäftigt und ihm den Namen dieser Gestalt geliefert habe. Der Familienname dagegen ist ein gewöhnlicher englischer Name; eine gedeutete Bedeutung wird ihm nirgends beigelegt. So ordnet sich die Namensfolge von selbst: zwei Vornamen, die Älteres anklingen lassen, und ein Nachname, der nichts verrät.

Geschichte

Eine datierte Lebensgeschichte im älteren Sinn hat Lowdham nicht; er handelt nicht in Mittelerde, sondern empfängt. Was sich an ihm chronologisch fassen lässt, ist deshalb nicht seine eigene Laufbahn, sondern die Kette, an deren Ende er steht: eine Überlieferung, die in der Zweiten Ära beginnt und über Bruchstücke, Träume und Abschriften bis in eine Gegenwart reicht, in der niemand mehr weiß, woher die Sätze kommen. Dass ein solcher Weg für Tolkien kein bloßer Kunstgriff war, hat er selbst mehrfach dargelegt. In Briefen berichtet er von einem wiederkehrenden Traum, in dem eine unaufhaltsame Woge über grünes Land steigt, und davon, dass er diesen Traum nicht für sich behalten, sondern einer Gestalt des abgeschlossenen Werkes übergeben habe. Der Weg, auf dem Vergangenes in einen Schlafenden hineinkommt, ist damit bereits in Tolkiens eigenem Bericht angelegt, ehe eine Figur ihn beschreitet.

Der Ausgangspunkt der Kette ist datiert. Nach der Zeittafel erhielten die Edain im Jahr 32 der Zweiten Ära die Insel im Westen des Meeres, und ihre Schiffe erschienen von 600 an wieder an den Küsten Mittelerdes. Über die folgenden Jahrhunderte wuchs die Macht Númenors, und mit ihr wuchs der Zwiespalt zwischen denen, die den Eldar treu blieben, und dem Königshof, der sich abwandte. Im Jahr 3262 wurde Sauron als Gefangener auf die Insel gebracht und gewann dort binnen weniger Jahrzehnte die Herrschaft über den Willen des Königs. Der Untergang selbst fällt in das Jahr 3319; Elendil und seine Söhne entkamen der Flut mit ihren Schiffen nach Osten, und schon 3320 gründeten sie die Reiche in der Verbannung. Diese wenigen Jahreszahlen bilden das Gerüst, an dem alles Spätere hängt.

Wie der Untergang zustande kam, erzählt die Akallabêth ausführlicher. Ar-Pharazôn, der letzte König, rüstete am Ende die große Flotte und segelte gegen das Verbot nach Westen, um dem Unsterblichen mit Waffen abzugewinnen, was ihm nicht zugedacht war. Die Antwort war keine Schlacht, sondern eine Veränderung der Welt: Das Meer öffnete sich, die Insel versank mit allem, was auf ihr stand, und die Gestalt der Erde wurde eine andere, sodass der alte gerade Weg nach Westen den gewöhnlichen Schiffen nicht mehr offenstand. Neun Schiffe der Getreuen wurden von Sturm und Woge nach Osten getragen und retteten, was zu retten war. Von jenen Seefahrern späterer Zeiten aber, die den verlorenen Weg dennoch suchten, heißt es, dass die meisten nur die neue, gekrümmte Welt umrundeten und heimkehrten, ohne gefunden zu haben, wonach sie ausgefahren waren. Das ist die Katastrophe, deren Nachhall die Überlieferung nie ganz verloren hat.

Dass ein solcher Nachhall über Jahrtausende in den Schlaf eines Nachgeborenen hineinreichen kann, zeigt das abgeschlossene Werk an einer Stelle selbst. Faramir, der auf den Mauern von Minas Tirith mit Éowyn steht, erkennt in der heraufziehenden Finsternis das Bild, das ihn seit je zu Zeiten im Traum heimsucht: die dunkle Woge, die über grünes Land und über die Hügel steigt, und er nennt beim Namen, woher es stammt — Westernis, das versank. Er hat den Untergang nicht erlebt und keinen Bericht darüber gelesen; die Erinnerung ist ihm mit der Abkunft zugefallen. Ebenso zäh hält sich das Sprachliche: Das Adûnaische, die Sprache Númenors, ging mit der Insel nicht unter, sondern wurde an den Küsten weitergegeben und wuchs dort zu jener Gemeinsamen Sprache aus, die im Dritten Zeitalter fast überall verstanden wurde. Vererbtes Traumbild und überlebende Sprache sind die beiden Kanäle, auf denen Älteres ohne Buch und ohne Lehrer ankommt.

Den dritten Kanal, die Handschrift, hat Tolkien im fertigen Buch mit einer Genauigkeit ausgeführt, die einer Bibliotheksgeschichte gleichkommt. Die Aufzeichnungen Bilbos und Frodos bildeten den Grundstock des Roten Buches der Westmark; eine Abschrift gelangte nach Gondor, wurde dort ergänzt und um Anmerkungen gelehrter Hand vermehrt, und im Auenland entstand daraus wiederum jene Fassung, die man das Buch des Thain nennt. Findegil, der Schreiber des Königs, vollendete seine Abschrift im Jahr 1592 der Auenland-Zeitrechnung, dem Jahr 172 der Vierten Ära. Am Ende dieser Reihe steht kein Zauber, sondern ein Text, der kopiert, verglichen und aufbewahrt wurde. Lowdhams Ort im Gefüge ist der desselben Amtes unter anderen Bedingungen: Er ist derjenige, bei dem die Reihe wieder ansetzt, nachdem Buch und Abstammung längst abgerissen sind, und der mit den Mitteln seines Faches herauszubringen versucht, was ihm ungebeten zufällt. Ein eigenes Datum trägt er dabei nicht bei; er hält die Kette, deren Jahreszahlen sämtlich hinter ihm liegen.

Rolle und Fähigkeiten

Die Rolle, die einer Gestalt wie Lowdham im Gefüge zufällt, ist die des Übersetzers und Herausgebers — und diese Rolle beschreibt das abgeschlossene Werk in seinem Anhang über die Sprachen selbst. Dort erklärt der Erzähler, der vorliegende Bericht sei nicht in der Sprache abgefasst, in der er entstand: Das Westron der Verfasser sei durchweg ins Englische übertragen worden, und die Verwandtschaft zwischen den Sprachen der nördlichen Menschen habe man durch entsprechende Stufen des Englischen nachgebildet, weshalb die Zunge Rohans in altenglischem Gewand erscheine, während die Namen der Elben unübersetzt stehen bleiben. Wer diese Konstruktion ernst nimmt, dem ist ein Fachmann für Angelsächsisch und vergleichende Sprachwissenschaft keine Zierde am Rand, sondern das Werkzeug, ohne das nichts ankommt. Vermögen heißt hier also: Lautvergleich, Formenkenntnis, Textkritik. Die Grenze ist dieselbe wie bei jedem Übersetzer — jede Übertragung verschiebt etwas, und was die Überlieferung nicht mitgebracht hat, kann auch die geübteste Hand nicht ergänzen.

Übernatürliche Fähigkeit ist ihm nirgends zugesprochen, und Tolkien hat sich in seinen Briefen ausdrücklich dagegen verwahrt, das, was in seinem Werk Zauber genannt wird, als eine verfügbare Technik zu lesen. Er unterscheidet die Kunst der Eldar, die ein Ding hervorbringt und keinen fremden Willen beugt, von jener anderen Ausübung, die auf Beherrschung zielt, und er führt den Verfall in der erzählten Welt eben auf das Verlangen zurück, sich der Dinge mit Mitteln zu bemächtigen. Für einen sterblichen Gelehrten der Gegenwart folgt daraus, dass ihm kein Vermögen zuwächst außer dem, was Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Handwerk hergeben. Was ihn erreicht, erreicht ihn ungefragt: Er kann es nicht herbeirufen, nicht lenken und nicht auf Wunsch wiederholen.

Wie unzuverlässig solches Zufallen ist, führt das abgeschlossene Werk an seinen eigenen Wissenden vor. Beim Rat in Bruchtal legt Gandalf dar, wie lange der Eine Ring unerkannt geblieben war, obwohl der entscheidende Bericht die ganze Zeit über in den Archiven von Minas Tirith lag und nur niemand ihn gelesen hatte. Ebenso zeigt der Stein von Orthanc Wahres und führt dennoch in die Irre, weil nicht der Betrachter bestimmt, welcher Ausschnitt ihm vorgelegt wird. Beides umreißt die Grenze genau: Ein offener Kanal in Vergangenes macht den, der an ihm sitzt, weder zu dessen Herrn noch zum Bürgen seiner Richtigkeit. Was bleibt, ist die mühsame Arbeit des Prüfens — und die Möglichkeit, dass sie zu keinem Ergebnis führt.

Verwandtschaft und Freundschaft

Für eine Gestalt, die nichts weitergibt als Gehörtes, ist die wichtigste Beziehung die zwischen einem Älteren und einem Jüngeren. Das abgeschlossene Werk führt dieses Verhältnis an Bilbo und Frodo vor: Der eine nimmt den anderen zum Erben an, und was übergeht, ist nicht nur Besitz, sondern eine Aufgabe am Text. Frodo führt fort, was Bilbo begonnen hat, und gibt es zuletzt an Sam weiter, der es aufbewahrt und in seiner eigenen Familie bleiben lässt. Nichts daran ist mündliche Zauberei; es ist eine Kette von Personen, die einander vertrauen. Wo eine solche Kette abreißt, muss sie ein Einzelner ersetzen — und genau das ist die Lage eines Nachgeborenen, dem Ältestes ohne Vorgänger und ohne Lehrer zufällt.

Die zweite prägende Form ist der Kreis, nicht der Einzelne. In Elronds Haus versammeln sich Menschen, Elben und Zwerge, von denen jeder ein Bruchstück beiträgt, und erst im Vergleich der Berichte ergibt sich, worum es geht; keiner der Anwesenden hätte den Zusammenhang allein aufgestellt. Dass dort zugleich ein alter Hobbit an Übertragungen aus dem Elbischen arbeitet, während um ihn her die Kundigen sitzen, ist kein Zufall der Szenerie, sondern die Bedingung solcher Arbeit. Wer Fremdes vor sich hat, braucht Hörer, die widersprechen, nachfragen und die Schreibung festhalten. Freundschaft erscheint hier als Arbeitsverhältnis: Gesellschaft, die prüft.

Die dritte Beziehungsform ist die gefährdete. In Númenor hielten die Getreuen an der Freundschaft mit den Eldar fest, als der Hof sie längst als Untreue auslegte; Verwandtschaft und Herkunft schieden die Häuser, und die Nähe zum Westen wurde zum Verdacht. Ein Gegenspieler im gewöhnlichen Sinn fehlt einer Gestalt wie dieser, doch die Zumutung bleibt dieselbe: Zuwendung zu etwas, das die Umgebung für erledigt oder für Einbildung hält. Dazu tritt der alte Preis der Seefahrt. Die Geschichte Aldarions und Erendis' zeigt, wie die Sehnsucht nach dem Meer eine Ehe zerreibt und ein Kind mit der Abwesenheit des Vaters aufwächst. Wer nach Westen fährt, hinterlässt Wartende — und deren Warten ist selbst eine Bindung.

Entwicklung in den Entwürfen

Die Aufzeichnungen des Notion Club sind ein unvollendetes Werkstück: Tolkien nahm sie Mitte der vierziger Jahre in Angriff, während der Herr der Ringe liegen blieb, und brach sie ab, ehe der angelegte Bogen geschlossen war. Erst Christopher Tolkien machte sie zugänglich und legte dabei die Textschichten offen, in denen Namen und Zuschnitt der Mitglieder noch schwanken; die Schreibung des Familiennamens erscheint in früheren Stufen als Loudham. Bedeutsamer als die Orthografie ist die Verschiebung der Rolle: Was als Kollegenporträt beginnt — ein Sprachhistoriker, der nebenher Spottverse verfasst —, wächst im Verlauf der Niederschrift zu der Figur heran, durch die überhaupt fremdes Sprachmaterial in den Text gelangt. Bruchstücke in altenglischer und in adunaischer Gestalt dringen ihm gleichsam ungefragt zu, und ein eigener Abschnitt der Papiere ist seinem Bericht über das Adunaische gewidmet.

Die Vornamen tragen die eigentliche Verbindung nach rückwärts. Alwin ist die neuzeitliche Form von Ælfwine, „Elbenfreund“, und der verschollene Vater der Figur heißt Edwin, also Eadwine — dieselbe Paarung, die Tolkien Jahre zuvor in dem gleichfalls abgebrochenen Versuch einer Zeitreise-Erzählung durchgespielt hatte, dort in den Namen Alboin und Audoin Errol. Beide Ansätze arbeiten mit derselben Voraussetzung: Ein Vater und ein Sohn tragen denselben Namen in wechselnden Sprachstufen, und aus Träumen oder unwillkürlichem Sprechen steigen Sätze einer versunkenen Vergangenheit herauf. Das Verschwinden des Vaters auf einer Fahrt nach Westen bindet den Faden an Númenor. Auch den zweiten Vornamen deutet die Figur selbst als Anklang an Earendil, was den Zug ins Meerkundliche verstärkt. Lowdham ist damit weniger eine neue Erfindung als der letzte Anlauf eines Entwurfsplans, den Tolkien zweimal begann und zweimal liegen ließ.