Herkunft und Namen
Der Name Elemmíre gehört dem Quenya an und ist aus zwei Bestandteilen gefügt, die im Anhang der Namenselemente eigens verzeichnet sind: elen, „Stern“, und mírë, „Juwel“. Die doppelte Konsonanz in der Wortmitte erklärt sich aus der Angleichung des auslautenden n an das folgende m, ein Vorgang, der in den elbischen Sprachen regelmäßig auftritt. Als Wiedergabe liegt „Sternjuwel“ am nächsten, und der Name reiht sich damit in eine breite Gruppe von Bildungen ein, die das Sternenlicht zum Bild edler Dinge nehmen. Eine Deutung des Namens im Sinne einer Namensgebung durch Eltern oder Verwandte wird nirgends geboten; überliefert ist allein die Form selbst.
Bemerkenswert ist, dass derselbe Name im Werk zweimal begegnet. Unter den Sternen, die Varda vor dem Erwachen der Elben aus dem Tau der Silberbaumes formte und an das Himmelsgewölbe setzte, steht ein Elemmíre neben Carnil und Luinil, neben Nénar, Lumbar und Alcarinquë. Ob zwischen dem Gestirn und der Person eine Beziehung besteht — etwa eine Benennung nach dem Stern —, sagen die Quellen nicht; sprachlich sind beide Vorkommen ununterscheidbar, erzählerisch bleiben sie getrennt. Für die Einordnung der Person ist die Sternenliste daher kein Beleg, wohl aber ein Hinweis darauf, wie geläufig die Namensbildung im Quenya war.
Als Person wird Elemmíre den Vanyar zugerechnet, dem ersten und kleinsten der drei Geschlechter der Eldar, die dem Ruf nach Westen folgten. Diese zogen unter Ingwe vollständig über das Meer und wandten sich später ganz Manwe und Varda zu, in deren Nähe auf den Höhen Valinors sie wohnten; ihre Neigung zu Dichtung und Gesang ist im Werk mehrfach hervorgehoben, und Elemmíre steht sichtlich in dieser Überlieferung. Weiteres ist nicht festgehalten: keine Abstammung, kein Haus, kein Amt, keine Lebensdaten. Genannt wird der Name im Zusammenhang mit der Aldudénië, jener Klage, an die sich die Erinnerung an Elemmíre knüpft — was es damit auf sich hat, gehört an anderen Ort.
Geschichte
Eine Zeitrechnung im engeren Sinne lässt sich für Elemmíre nicht aufstellen. Weder eine Geburt noch ein Tod ist verzeichnet, und auch das Werk, an das sich der Name knüpft, trägt in der veröffentlichten Fassung des „Silmarillion“ keine Jahreszahl. Was sich sagen lässt, ergibt sich aus der Einordnung: Elemmíre gehörte den Vanyar an, und diese hatten den Großen Marsch vollendet, bevor die Ereignisse eintraten, an die die Erinnerung an Elemmíre gebunden ist. Die Lebenszeit fällt damit in die Jahre der Bäume, in jene lange Epoche vor dem Aufgang von Sonne und Mond, in der Valinor allein vom Licht Telperions und Laurelins erhellt wurde. Alles Weitere gehört nicht zur Person, sondern zu dem Geschehen, dessen Zeuge sie war.
Diesem Geschehen ging eine lange Vorbereitung voraus. Melkor war nach drei Zeitaltern der Haft vor Manwe gebracht und, da er Reue heuchelte, freigelassen worden; er blieb in Valinor und bewegte sich unter den Eldar. Sein Wirken traf vor allem die Noldor, unter denen er Gerüchte über Waffen, Herrschaft und ein Land jenseits des Meeres ausstreute, bis Zwietracht in das Haus Finwes kam und Feanor verbannt wurde. Als seine Urheberschaft offenbar wurde, entzog er sich dem Zugriff und verschwand aus dem Blickfeld der Valar. Die Vanyar blieben von diesen Wirren weitgehend unberührt; sie wohnten in der Nähe Manwes und Vardas und hatten an den Streitigkeiten der Noldor keinen Anteil. Für Elemmíre bedeutet das: Die Katastrophe traf jemanden, der nicht zu ihren Ursachen gehörte.
Der Wendepunkt kam mit dem Fest, das Manwe auf Taniquetil ausrichten ließ, um die Entzweiung der Noldor zu heilen. Die Vanyar zogen mit hinauf, dazu viele der Noldor und auch Vertreter der Teleri; die Häuser Feanors und Fingolfins traten dort noch einmal, wenn auch nur in Worten, versöhnt zusammen. Während die Berge sangen, waren Melkor und Ungoliant unbemerkt nach Ezellohar gelangt. Das Wesen aus Avathar, das Licht verschlang und in Unlicht verwandelte, trank die Bäume leer, nachdem Melkor sie durchstoßen hatte; Telperion und Laurelin verdorrten, und über Valinor legte sich eine Finsternis, die mehr war als das bloße Fehlen von Helligkeit. Ob Elemmíre auf Taniquetil weilte oder anderswo, sagen die Quellen nicht — nur dass die Klage aus dieser Stunde stammt.
Aus der Verdunkelung ging die einzige überlieferte Tat hervor. Der Erzähler des „Silmarillion“ hält an eben dieser Stelle inne und verweist für die volle Darstellung des Untergangs auf ein anderes Werk: die Aldudénië, die Elemmíre von den Vanyar verfasst habe und die allen Eldar bekannt sei. Der Text der Klage selbst wird nicht wiedergegeben, weder in Auszügen noch dem Umfang oder der Form nach; überliefert ist allein, dass sie besteht, wem sie zugeschrieben wird und wie weit sie verbreitet war. Damit gehört Elemmíre zu der kleinen Zahl von Verfassern, deren Werke innerhalb der Erzählung als Quelle namhaft gemacht werden — vergleichbar Maglor, dessen Noldolantë den Fall der Noldor beklagt und ebenfalls nur als Titel und Zuschreibung erscheint.
Nach diesem Punkt schweigen die Quellen. Elemmíre erscheint in keiner der folgenden Erzählungen wieder: nicht bei der Verweigerung der Silmaril durch Feanor, nicht beim Auszug der Noldor, der ohnehin ein Aufbruch der Noldor und nicht der Vanyar war, und nicht bei der Rückkehr Fingolfins Volk über das Eis. Die Vanyar blieben in Aman; erst als das Heer des Westens zum Krieg des Zorns nach Beleriand übersetzte, verließen sie in großer Zahl Valinor, geführt von Ingwion, doch wird bei dieser Gelegenheit kein Elemmíre genannt. Ein Todesjahr fehlt folglich nicht durch Zufall — für einen der Unvermischten, die nie in die Verbannung gingen, gibt es an dieser Stelle schlicht nichts zu berichten.
Was von Elemmíre bleibt, ist deshalb weniger eine Lebensgeschichte als eine einzelne, fest umrissene Wirkung. Die Bemerkung, die Klage sei allen Eldar bekannt, setzt eine Überlieferung voraus, die den Untergang der Bäume überdauerte und in Valinor wie später unter den Verbannten weitergegeben wurde; sie erklärt zugleich, warum der Name in einem Werk auftaucht, das sonst kaum Verfasser nennt. Dass ausgerechnet ein Angehöriger jenes Volkes die maßgebliche Klage schuf, das den Valar am nächsten wohnte und dessen Neigung zu Dichtung und Gesang eigens hervorgehoben wird, fügt sich stimmig, ist aber nirgends als Begründung ausgesprochen. Die Zuschreibung steht für sich, ohne Kommentar und ohne Fortsetzung.
Rolle und Fähigkeiten
Ein Amt lässt sich Elemmíre nicht zuschreiben. Das „Silmarillion“ nennt keinen Rang, keine Gefolgschaft, keine Aufgabe im Gefüge Valinors; bestimmt wird die Person allein durch die Zugehörigkeit zum ersten Geschlecht und durch das eine Werk. Die Rolle, die sich daraus ergibt, liegt nicht auf der Ebene der Handlung, sondern im Aufbau des Berichts: An der finstersten Stelle hält die Erzählung inne und weist auf eine Darstellung, die sie selbst nicht bietet. Die ausführliche Fassung des Geschehens liegt damit außerhalb des Textes, den man vor sich hat, und der Name Elemmíre markiert genau diese Grenze — er bezeichnet weniger eine Figur als eine Zuständigkeit für das, was der Bericht auslässt.
Von Fähigkeiten im engeren Sinne ist nirgends die Rede. Elemmíre erscheint weder als Schmied noch als Ratgeber, weder unter den Fürsten der Eldar noch unter den Boten, die zwischen den Völkern verkehren; auch die Nähe der Vanyar zu Manwe und Varda begründet für einzelne Angehörige keine besondere Gabe. Was die Quellen erlauben, ist die schlichte Feststellung, dass hier jemand aus dem Volk der Sänger ein Lied gemacht hat. Die Grenze dieses Vermögens zeigt das Ereignis selbst: Die Klage entstand nach dem Verderben, sie hat es nicht abgewendet und nichts zurückgeholt. Was von den Bäumen blieb — eine letzte Blüte, eine letzte Frucht —, verdankte sich Yavannas Wirken und Niennas Tränen, nicht einem Gesang.
Diese Nüchternheit ist bemerkenswert, weil Gesang im Legendarium andernorts unmittelbar wirkt: Aus der Musik der Ainur ging die Welt hervor, und Finrod trat Sauron mit Liedern der Macht entgegen. Für die Aldudénië wird dergleichen an keiner Stelle behauptet. Sie ist als Erinnerung an ein Unglück eingeführt, nicht als Tat, und nichts deutet darauf, dass ihr Verfasser über die Künste verfügt hätte, die den Sängern von Macht zugeschrieben werden. Ebenso wenig ist über die Beschaffenheit des Werkes etwas gesagt: nicht, ob es gesungen oder gesprochen wurde, nicht, in welcher Sprache oder in welchem Maß, nicht, ob es schriftlich weitergegeben wurde, obwohl seit Rúmil Zeichen für die Aufzeichnung von Rede und Gesang bestanden. Jede Aussage über die Wirkung des Liedes ginge daher über die Belege hinaus.
Beziehungen
Über verwandtschaftliche Bindungen Elemmíres ist nichts festgehalten: kein Vater, keine Mutter, kein Ehegatte, kein Nachkomme, nicht einmal ein Haus, dem der Name zugeordnet würde. Das ist im „Silmarillion“ kein Einzelfall, fällt aber auf, sobald man es neben die Noldor hält, deren Geschlechterfolge über Ehen, Kinder und Enkel hinweg genau verzeichnet ist und aus deren Verzweigung ein guter Teil der Erzählung überhaupt erst entsteht. Für die Vanyar fehlt eine vergleichbare Aufschlüsselung fast vollständig; namentlich tritt nur eine kleine Zahl von ihnen hervor. In dieser kleinen Zahl steht Elemmíre ohne jede Verknüpfung zu den übrigen.
Bemerkenswert ist, wodurch die anderen genannten Vanyar bestimmt werden: fast durchweg durch eine Verbindung zu den Noldor. Indis, nahe Verwandte Ingwes, wurde Finwes zweite Gemahlin und Mutter Fingolfins und Finarfins; Amarie, der Finrods Zuneigung galt, blieb zurück, weil ihr die Verbannung verwehrt war; Elenwe, Turgons Frau, kam beim Übergang über das Eis ums Leben. Ihre Erwähnung hängt jeweils an einer Ehe oder einer Liebe, also am Leben eines anderen. Elemmíre bildet dazu die Ausnahme — kein Band zu einem der Fürstenhäuser, kein fremdes Schicksal, in dessen Bericht der Name mitliefe. Auch zu Ingwe, dem Ersten des Volkes und Oberherrn aller Elben, wird keine persönliche Beziehung hergestellt, sondern allein die allgemeine Zugehörigkeit.
Ebenso fehlen Gegenspieler. Melkor und Ungoliant sind die Urheber dessen, was die Klage beklagt, doch keine Begegnung, kein Wortwechsel, keine Handlung verbindet sie mit Elemmíre; das Verhältnis ist das eines Zeugen zu einem Ereignis, nicht das zweier Personen. Was bleibt, ist eine einzige, mittelbare Bindung: die zu denen, die das Lied kannten und weitergaben, quer durch die Geschlechter der Eldar, in Aman wie unter den Fortgezogenen. Wo andere Gestalten des Werkes durch Eide, Bündnisse und Feindschaften umrissen werden, umreißt Elemmíre die Weitergabe eines Textes. Das ist eine lockerere Verbindung als Verwandtschaft oder Gefolgschaft, aber es ist die einzige, die die Quellen benennen.
Entwürfe und Varianten
Die Bestandteile des Namens sind in Tolkiens Sprachnotizen früh belegt: Die „Etymologies“ verzeichnen die Wurzel für „Stern“ mit der Form elen und daneben die Wurzel, aus der míre, „Juwel“, hervorgeht. Der zusammengesetzte Name selbst gehört jedoch einer späten Schicht an. In der 1937 liegen gebliebenen Quenta Silmarillion wird Vardas Sternenwerk zwar geschildert, doch nennt der Text dort vor allem Sternbilder, die als Zeichen an den Himmel gesetzt werden; die Reihe der sechs Einzelsterne, in der Elemmíre steht, fehlt. Erst die „Annals of Aman“ aus der Zeit um 1951 führen diese Gruppe ein, und aus ihnen ist sie in den veröffentlichten Text übernommen worden.
Dasselbe gilt für die Person. Der Hinweis auf die Klage um die Bäume und ihren Verfasser aus dem Volk der Vanyar steht in den „Annals of Aman“; von dort stammt die Stelle, an der die spätere Darstellung innehält und auf ein anderes Werk verweist. Die älteste Fassung des Geschehens, die in den „Lost Tales“ erzählte Verfinsterung, kennt weder den Titel noch einen benannten Dichter — dort endet der Bericht über Melko und die Spinne, ohne dass eine Überlieferung außerhalb der Erzählung angeführt würde. Ein Vorläufer unter anderem Namen lässt sich für die Figur nicht ausmachen; sie tritt mit dem späten Text in die Geschichte ein und wird in den Entwürfen ebenso knapp behandelt wie im gedruckten Buch. Auch die Frage, ob der Name des Sterns und der Name der Person bewusst aufeinander bezogen sind, bleibt in den Papieren unbeantwortet.