Herkunft, Wesen und Namen

Varda gehört zu den Ainur, jenen Geistern, die aus dem Gedanken Ilúvatars hervorgingen, ehe die Welt geschaffen war; mit denen, die nach der Musik hinabstiegen, trat sie in Arda ein und band ihr Dasein an dessen Bestand. Unter den Valier, den Königinnen der Valar, ist sie die erste, und sie ist Manwes Gemahlin; beide zählen zu den Aratar, dem engsten Kreis der acht mächtigsten Herrscher Ardas. Ihr Sitz sind die Hallen von Ilmarin auf der Höhe des Taniquetil, den die Elben auch Oiolossë nennen. Von dort überschauen die beiden gemeinsam die Welt, denn Manwes Blick reicht am weitesten, während Varda die Stimmen deutlicher vernimmt als alle anderen Ohren; selten sind sie voneinander getrennt. Ihr Name ist Quenya und wird als „die Erhabene“ gedeutet.

Unter den Elben trägt sie mehr Namen als jede andere Macht, und die überlieferten Formen verteilen sich auf beide Sprachen der Eldar. Im Hochelbischen heißt sie Elentári, die Königin der Sterne, und Tintallë, die Entzünderin — beide Bezeichnungen stehen nebeneinander in dem Klagelied, das Galadriel bei der Abfahrt aus Lothlórien singt, und beide verweisen auf dasselbe Werk am Himmel. Im Grauelbischen entsprechen ihnen Elbereth, die Sternenherrin, und Gilthoniel, die Sternenzünderin; in dieser Verbindung ist der Name im Dritten Zeitalter am geläufigsten. Daneben erscheint in den Anrufungen der Beiname Fanuilos, der an die weiße Höhe ihres Wohnsitzes rührt. Dass gerade die verbannten Noldor und die Grauelben Westmittelerdes diese Formen bewahrten, zeigt, wie eng die Erinnerung an sie mit der Sprache selbst verwachsen war.

Ihr Wesen wird in der Überlieferung weniger durch Machtfülle als durch Licht bestimmt: Ihre Schönheit lässt sich in den Worten weder der Elben noch der Menschen fassen, denn in ihrem Antlitz ruht noch immer ein Abglanz des Lichtes Ilúvatars. Schon vor der Musik der Ainur kannte sie Melkor und durchschaute ihn; sie wies ihn ab und wandte sich Manwe zu, und seither fürchtet und hasst er sie mehr als jeden anderen der Valar. Aus dieser Nähe zum ungetrübten Licht erklärt sich auch, weshalb die Elben ihr eine Verehrung entgegenbringen, die keiner der übrigen Mächte in gleichem Maß gilt.

Geschichte

Vardas erste überlieferte Tat fällt in die Zeit vor der Gestaltung Ardas: Als die Valar in die Welt hinabstiegen, war sie unter denen, die sie bereiteten. In den Tagen der Lampen, als Aule die beiden Leuchtsäulen Illuin und Ormal errichtete, füllte Varda sie mit Licht, und Manwe weihte sie; unter ihrem Schein grünte die Erde in einem ersten Frühling, dessen Mitte der Insel Almaren gehörte. Melkor stürzte die Lampen und zerbrach damit die Ordnung dieses Anfangs. Die Valar zogen sich nach Westen zurück und errichteten Valinor, und Varda nahm mit Manwe Wohnung auf dem höchsten Berg des Landes.

Als Yavanna die Zwei Bäume in Ezellohar erweckte, sammelte Varda ihren Tau in großen Becken, den Kesseln Kulúrien, und aus diesem gehüteten Licht schöpfte sie später, was den Himmel füllen sollte. In den Jahren der Bäume standen die Sterne des älteren Himmels bereits über Mittelerde, doch die Länder außerhalb Valinors lagen unter Melkors Schatten. Vor dem Erwachen der Erstgeborenen nahm Varda das Silber aus den Becken Telperions und schuf neue und hellere Sterne; zugleich ordnete sie Zeichen am Himmel, unter ihnen die Sichel der Valar, die sie als Drohung gegen Melkor über den Norden setzte. In der Stunde, da die Elben am Cuiviénen erwachten, war es dieses neu entzündete Licht, das sie zuerst erblickten — und daraus erwuchs die Verehrung, die sie ihr seither entgegenbringen.

In den Jahrhunderten von Valinors Blütezeit tritt Varda seltener handelnd hervor, doch an den entscheidenden Wendungen ist sie zugegen. Als Melkor nach seiner Freilassung Zwietracht unter den Noldor säte und schließlich den Bann brach, erkannte sie ihn wie schon zu Anbeginn; nach dem Verderben der Bäume durch Melkor und Ungoliant und dem Aufbruch der Noldor sprach Manwes Herold den Fluch über sie aus. Varda selbst zog daraufhin das Recht der Verbannten am Licht Valinors ein: Feanors Geschlecht sollte des seligen Reiches nicht mehr teilhaftig werden. Ihre schwerste Antwort auf den Eid und den Sippenmord galt Feanor persönlich, den sie mit Worten traf, die seinen Namen an sein eigenes Werk banden.

Nach der Vernichtung der Bäume schufen die Valar aus deren letzter Frucht und letzter Blüte Sonne und Mond, und Varda bestimmte ihre Bahnen und übertrug ihre Führung Arien und Tilion. Zuvor hatte sie den geretteten Silberglanz des Baumes noch einmal verwandt und den Himmel mit weiteren Sternen bereichert, als sich die Elben in Mittelerde regten. Am Ende des Ersten Zeitalters, als Earendil mit dem Silmaril nach Westen fuhr und Fürsprache für beide Geschlechter hielt, wurde sein Schiff Vingilot über die Grenzen der Welt gehoben; Varda wies ihm den Weg durch die Himmel, und der Stern, den die Völker Mittelerdes seither als Zeichen der Hoffnung sahen, ist ihr letztes großes Werk am Firmament.

Im Zweiten Zeitalter blieb ihr Name den Númenórern gegenwärtig: Der Abendstern galt ihnen als ihr Zeichen, und in Elendils Geschlecht bewahrte man die Erinnerung an sie über den Untergang der Insel hinaus. Für das Dritte Zeitalter ist Varda nicht mehr als handelnde Macht bezeugt, wohl aber als angerufene. In Bruchtal wird ihr zu Ehren eine Hymne im Grauelbischen gesungen, die Frodo Beutlin dort zum ersten Mal hört; Galadriels Abschiedslied am Anduin nennt sie unter ihren hochelbischen Namen und beklagt die Ferne des Lichtes, das sie einst entzündete. Wo Furcht am dichtesten wird, greifen die Reisenden nach diesem Namen: Frodo ruft ihn den Nazgûl an der Furt von Bruinen entgegen, und in Kankras Höhlen ist es dieselbe Anrufung, die dem Sternenglas Galadriels seine Kraft gibt und Sam Gamdschie den Weg freimacht.

Rolle und Macht

Im Gefüge der Valar herrscht Varda über keinen Stoff der Welt: Nicht die Winde sind ihr zugeordnet wie Manwe, nicht die Wasser wie Ulmo, nicht das Wachsende wie Yavanna und nicht die Gesteine wie Aule. Ihr Bereich ist das Licht, und ihr Werk liegt in der Höhe — in den Zeichen des Himmels und in der Ordnung, die sie ihnen gibt. Damit ist sie im Rat der Valar weniger eine Handelnde als eine Ratende; das Königtum über Arda liegt bei Manwe, und die Entscheidungen ergehen in seinem Namen. Ihre Bedeutung für die Elben ist gleichwohl größer als die jeder anderen Macht, weil das, was sie schuf, über Valinor hinausreicht und auch dort noch sichtbar bleibt, wohin die Valar selbst nicht mehr kommen.

Ihre Fähigkeiten sind durchweg solche des Bewahrens, Wandelns und Weihens, nicht des Erschaffens aus dem Nichts. Das Licht, aus dem die Sterne wurden, hatte sie zuvor gesammelt; sie gab ihm Gestalt und Ort, doch seinen Ursprung hatte es in den Bäumen. Am deutlichsten zeigt sich ihre Macht an den Silmaril: Sie weihte die Steine, so dass kein sterbliches Fleisch, keine unlauteren Hände und nichts Böses sie anrühren konnte, ohne zu verbrennen — ein Schutz, der Melkors Hände für immer zeichnete, seinen Raub aber nicht verhinderte. Ebenso wenig lag es in ihrer Kraft, das einmal Zerstörte zurückzuholen: Die Bäume konnten weder von ihr noch von einer der übrigen Mächte wieder zum Leben gebracht werden, und was blieb, war die Verwertung ihres letzten Restes. Die Grenze ihrer Macht ist damit die Grenze aller Valar — sie sind an Arda gebunden und wirken innerhalb dessen, was im Anfang gesetzt wurde.

In den Ereignissen des Dritten Zeitalters tritt sie an keiner Stelle sichtbar hervor, und die Überlieferung schreibt ihr dort auch kein Eingreifen zu. Was wirkt, ist ihr Name, und er wirkt nicht als Zwang: Auf keine der Anrufungen folgt eine Antwort oder eine erkennbare Hilfe von außen. Sam Gamdschie spricht die Worte, ohne die Sprache zu kennen, in der er sie spricht; ihre Wirkung liegt darin, dass die Furcht des Rufenden nachlässt und die Finsternis vor ihm zurückweicht. Galadriels Lied wiederum benennt gerade den Abstand — das Licht, von dem es handelt, liegt jenseits des Meeres und ist für die in Mittelerde Verbliebenen unerreichbar geworden. Vardas Macht erscheint im Dritten Zeitalter also nur mittelbar, als Erinnerung an ein Werk und als Kraft eines Namens, nicht als Gegenwart.

Beziehungen

Unter allen Bindungen Vardas ist die zu Manwe die einzige, die die Überlieferung als dauerndes Verhältnis schildert, und sie ist nicht als Unterordnung angelegt. Im Rang steht Manwe über allen Mächten Ardas, in der Zuneigung der Elben aber steht Varda über ihm — eine Spannung, die die Quellen unaufgelöst nebeneinander stehen lassen. Wie eng das Paar verbunden ist, zeigt sich sogar an der Siedlungsordnung Valinors: An den Hängen des Taniquetil wohnen die Wanjar unter Ingwe, dem Hochkönig aller Elben, der den beiden von allen Erstgeborenen am nächsten lebt. Der Gegenpol dazu ist Ulmo, der ohne Gemahlin blieb, den Ratsversammlungen fernbleibt und in den äußeren Wassern haust; an ihm wird sichtbar, dass die Zweisamkeit auf dem Berg unter den Valar keineswegs die Regel ist.

Die Feindschaft mit Melkor ist die zweite Bindung, die ihr Wesen kenntlich macht, und sie hat eine ungewöhnliche Form: Sie führt niemals zu einem unmittelbaren Zusammenstoß. In keiner der Schlachten um Mittelerde tritt Varda handelnd auf; die Waffen führen Tulkas und Orome, und die Kette, die den Feind bindet, ist Aules Werk. Ihr Anteil am Widerstand liegt in dem, was sie über ihn hinaufsetzt und was er nicht in seine Gewalt bringen kann — Zeichen, die außer seiner Reichweite stehen, und geweihte Dinge, die seine Hände nicht zu halten vermögen. Sein Hass richtet sich eben darauf; er gilt nicht einem Gegner im Feld, sondern einem Besitz, der ihm grundsätzlich entzogen bleibt. Auch im späteren Zeitalter setzt sich dieses Verhältnis fort, ohne dass beide je aufeinanderträfen: Vor ihrem Namen weichen seine Diener zurück, während sie selbst nirgends erscheint.

Neben Ehe und Feindschaft steht ein drittes Verhältnis, das sich schwerer fassen lässt: das zu ihren Dienern und zu den Elben. Unter den Maiar wird Ilmare als ihre Dienerin genannt, dem Herold Eonwe an Rang gleich; Arien und Tilion führen die Gestirne in ihrem Auftrag. Doch von Weisungen, Prüfungen oder Zorn berichtet die Überlieferung nichts — es sind Zuordnungen, keine Geschichten, und Varda bleibt darin eine Herrin ohne Gefolgschaftserzählung. Ähnlich einseitig ist ihr Verhältnis zu den Elben: Diese richten Lieder und Anrufungen an sie, in Bruchtal ebenso wie auf den Wegen nach Mordor, und geben ihr mehr Namen als jeder anderen Macht, ohne dass eine Erwiderung überliefert wäre. Was sie zur meistverehrten Gestalt der Erstgeborenen macht, ist also kein Verkehr mit ihren Verehrern, sondern die Beständigkeit dessen, was sie einst an den Himmel setzte.

Entwürfe und Varianten

Die Gestalt gehört zu den ältesten der Mythologie: Schon in den Verschollenen Geschichten steht Varda unter diesem Namen neben Manwe auf dem heiligen Berg, doch die später vertrauten Beinamen fehlen noch. Sie heißt dort Tinwetári, Königin der Sterne, und in der Sprache der Gnomen Bridhil oder Tim-Bridhil; Elbereth ist erst hinzugetreten, als das grauelbische Namengut seine spätere Gestalt fand. Auch das Sternenwerk wird anders erzählt. Varda schöpft das Silber aus dem Tau des silbernen Baumes und streut es über den Himmel, wobei ihr in der Eile ein großer Stern aus der Hand fällt — Morwinyon, der seither tief im Westen glänzt; diese Erklärung entfällt in den späteren Fassungen ersatzlos. Die Sichel, die sie über den Norden setzt, trägt hier den Namen der silbernen Sichel und gilt bereits als Drohung gegen Melko, dessen Name in dieser Schicht noch ohne das spätere Schluss-r geschrieben wird.

Ein zweiter Unterschied betrifft die Verwandtschaft. In den frühen Texten zeugen die Valar Kinder, und Manwe und Varda haben deren zwei: Fionwë Úrion und Erinti. Fionwë tritt dort als Herold und Streiter seines Vaters auf; in der endgültigen Ordnung wird aus ihm Eonwe, der kein Sohn mehr ist, sondern zu den Maiar zählt — einer der einschneidendsten Umbauten, die Tolkien am Kreis der Mächte vorgenommen hat. Die Namen wiederum erhalten ihre bleibende Deutung erst in den Etymologien, wo Elbereth als Verbindung der Elemente für Stern und Königin erklärt und dem Noldorin zugewiesen wird, also jener Sprache, die Tolkien später umbenannte und als Sindarin neu bestimmte. Die durchgearbeitete Erzählung von den zwei Sternenwerken schließlich, auf der das gedruckte Silmarillion beruht, stammt aus den Annalen von Aman und gehört damit einer späten Schicht an.