Herkunft und Namen
Die Zwei Bäume entstanden nicht aus gewöhnlichem Samen, sondern durch das unmittelbare Wirken der Vala Yavanna, die in der Überlieferung der Eldar als Herrin alles Wachsenden gilt. Ehe sie zu singen begann, weinte Nienna in der Stille über dem Hügel Ezellohar, der auch Corollairë genannt wird, und benetzte den Grund mit ihren Tränen. Erst danach erhob Yavanna ihre Stimme, und aus der so vorbereiteten Erde trieben zwei schlanke Schößlinge, die vor den Augen der versammelten Valar heranwuchsen, bis sie zu jenen mächtigen Bäumen wurden, deren Licht später ganz Valinor erfüllte.
Innerhalb der eldarischen Überlieferung trug keiner der beiden Bäume nur einen Namen. Der silberne Baum wurde neben Telperion auch Silpion genannt sowie Ninquelótë, ein Name, der auf seine zahllosen weißen Blüten verweist; daneben kennt die Überlieferung noch weitere Bezeichnungen, die im Lauf der Zeitalter verlorengingen. Der goldene Baum erscheint neben Laurelin ebenso unter den Namen Malinalda und Culúrien. Diese Vielzahl an Namen ist kein Zeichen von Unklarheit, sondern spiegelt wider, in wie vielen Liedern und Sprachen die Bäume von den Eldar besungen wurden, wobei jeder Name eine andere Eigenschaft ihres Lichts oder Wuchses hervorhebt.
Telperion galt unter den beiden als der ältere, da sein silbernes Licht zuerst zur vollen Blüte erwachte; nach seinem Erwachen wurde jene Stunde gezählt, mit der später auch die Zeitrechnung der Elben ihren Anfang nahm. Als gemeinsame Bezeichnung für beide Bäume setzte sich in der Erzähltradition der Titel Die Zwei Bäume von Valinor durch, unter dem sie in den späteren Zeitaltern erinnert wurden, auch wenn Telperion und Laurelin in Liedern und Erzählungen weiterhin einzeln genannt wurden.
Beschaffenheit und Wesen
Die beiden Bäume waren keine Pflanzen im gewöhnlichen Sinn, sondern Träger eines eigenen, lebendigen Lichts, das aus ihrem Wuchs selbst hervorging. Telperions Laub war auf der Oberseite dunkelgrün, auf der Unterseite silbern schimmernd, und von seinen Zweigen fiel ein taugleicher, glänzender Tau. Laurelins Blätter zeigten ein junges, hellgrünes Gold mit gleißenden Rändern, und von seinen Blüten troff ein warmer, goldener Regen. Aus diesem Tau und Regen sammelten die Valar das Licht, das die Bäume ausstrahlten, und bewahrten es in Gefäßen, so dass es auch fern von Ezellohar noch zu Nutzen und Segen diente.
Kennzeichnend für die Bäume war ihr Wechsel: Keiner der beiden schien je ganz zu verlöschen, doch wuchs und schwand ihr Licht in einem gleichmäßigen Rhythmus, so dass auf das Erstarken des einen stets das Nachlassen des anderen folgte. Diese Abfolge von Lichtstunden und Dämmerzeiten bildete das Maß, nach dem in Valinor die Zeit gezählt wurde, ehe es Sonne und Mond gab. Über Jahrhunderte hinweg blieb dieser Wechsel unverändert und ungestört, so dass das Land der Valar in einem beständigen, milden Wandel von Silber- und Goldlicht lag, ohne die schroffen Übergänge, die spätere Zeitalter kennzeichnen sollten.
Von entscheidender Bedeutung für das weitere Geschick Mittelerdes wurde, dass sich das Licht der Bäume in gewissem Maß bewahren und weitergeben ließ: Nicht nur floss es in die von den Valar gesammelten Gefäße, sondern Feanor gelang es, einen Teil seines Glanzes dauerhaft in den drei Silmaril einzuschließen, wie bereits an anderer Stelle berichtet. Diese Fähigkeit, verdichtet und weitergetragen zu werden, unterschied das Licht der Bäume von gewöhnlichem Sonnen- oder Sternenschein und machte es zu etwas, das über den Ort seines Ursprungs hinaus wirken konnte. Der Text schreibt den Bäumen selbst darüber hinaus keine handelnde Kraft oder eigenen Willen zu; ihre Wirkung bestand allein in diesem Licht und seiner Bewahrung.
Geschichte
Solange Melkor in den Kerkern Mandos’ gebannt war, blieb der Wechsel von Silber- und Goldlicht ungestört, und die Jahre der Bäume verstrichen in ungetrübtem Frieden über Valinor. Erst nach seiner Freilassung und der Rückkehr an den Hof der Valar begann er heimlich, den Groll der Noldor gegen die Herrschenden zu schüren, während sein eigentlicher Neid dem Licht von Ezellohar galt. In der Einöde Avathar, südlich der Bucht von Eldamar, fand er die Unholdin Ungoliant, die in Gestalt einer riesigen Spinne dort hauste und sich seit Langem von allem Licht nährte, das sie erreichen konnte; mit ihr schmiedete Melkor den Plan, die Bäume selbst zu vernichten.
Der Anschlag gelang zu jener Stunde, da sich die Valar zum großen Fest versammelt hatten und Ezellohar nahezu unbewacht lag. Ungoliant durchbohrte mit Melkors Hilfe die Rinde beider Bäume und sog Saft und Licht aus ihnen, bis nichts als schwarze, tote Stämme zurückblieben; ihren unstillbaren Durst löschte sie damit nicht, sondern nährte ihn nur weiter. Mit dem letzten Schimmer, den sie aufsaugte, erlosch das Licht, das Valinor seit den Tagen seiner Gründung erhellt hatte, und eine Finsternis breitete sich aus, gegen die selbst die Augen der Valar zunächst nichts auszurichten vermochten.
Als sich die Valar am erloschenen Hügel versammelten, erklärte Yavanna, ein letzter Funke des ursprünglichen Lichts könne die Bäume noch wecken, wenn er ihr zurückgegeben würde – und dieser Funke war allein in den Silmaril bewahrt, die Feanor geschaffen hatte. Feanor, den zu dieser Stunde bereits die Nachricht vom Tod seines Vaters Finwe und vom Raub der Steine durch Melkor erreichte, weigerte sich, und so blieb der letzte Weg zur Rettung der Bäume verschlossen, ehe er überhaupt beschritten werden konnte.
Ehe Telperion und Laurelin ganz erstarben, brachten sie unter der Klage Yavannas und Niennas noch je ein letztes Mal hervor, was ihnen an Kraft verblieben war: der silberne Baum eine einzelne große Blüte, der goldene eine einzelne reife Frucht. Die Valar nahmen beides und schufen daraus zwei Gefäße, die Manwe den Wächtern Tilion und Arien anvertraute; so wurden aus der Blüte der Mond und aus der Frucht die Sonne, und mit ihrem ersten Aufgang endeten die Jahre der Bäume, während zugleich die Jahre der Sonne begannen, mit denen auch für die Elben und später für die Menschen eine neue Zeitrechnung anhob.
Die abgestorbenen Stämme der Bäume blieben der Überlieferung nach noch lange in Valinor stehen, als stumme Zeugen dessen, was verloren war. Yavanna jedoch ließ zum Trost der Noldor, die Valinor verließen, einen jungen Baum nach dem Ebenbild Telperions erwachsen, Galathilion genannt, der in Tirion gepflanzt wurde; von seinem Geschlecht stammte über mehrere Zwischenglieder jener Baum ab, den die Eldar später den Bewohnern Númenors schenkten und der dort als Nimloth blühte. Auf diesem Weg reicht die Blutlinie der Zwei Bäume mittelbar bis in die späteren Zeitalter Mittelerdes hinein, bis hin zu jenem Weißen Baum, der einst in Minas Tirith stand.
Rolle in der Erzählung
Innerhalb der Erzählstruktur des Silmarillion bildet der Untergang der Bäume die entscheidende Zäsur, von der aus sich der gesamte weitere Gang der Geschichte herleitet. Erst der Verlust ihres Lichts treibt Feanor zu seinem Schwur und die Noldor zum Auszug aus Valinor, der wiederum die langen Kriege gegen Melkor in Mittelerde auslöst; ohne diesen einen Bruch bliebe die Handlung der Quenta Silmarillion in ihrer Gesamtheit unbegründet. Die Bäume selbst treten dabei kaum als handelnde Figuren auf, sondern wirken als Ursprung und Maßstab: Alles, was danach geschieht, wird von den Erzählern implizit an dem gemessen, was mit Ezellohar verlorenging.
Über das Silmarillion hinaus reicht die erzählerische Wirkung der Bäume bis in Der Herr der Ringe hinein, wo ihr Licht, mehrfach vererbt und verdichtet, noch einmal unmittelbar in die Handlung eingreift. Die Phiole, die Galadriel Frodo in Lothlórien schenkt, birgt das Licht von Earendils Stern und damit, über etliche Zwischenstufen, einen Abglanz jenes Lichts, das einst von Telperion und Laurelin ausging; in Kankras Höhle wird gerade dieser Rest den Trägern des Rings zur Rettung. Damit fungieren die Bäume als fernes, kaum mehr fassbares Ursprungslicht, dessen letzte Spuren noch am Ende des Dritten Zeitalters Bestand haben.
Für die Elben selbst, wie sie im Werk immer wieder Ausdruck finden, stehen die Zwei Bäume vor allem für einen Zustand, der sich nicht wiederherstellen lässt: Jedes folgende Zeitalter erscheint gegenüber dem Licht von Valinor als Verminderung, nicht als Fortschritt. Tolkien selbst beschrieb die Grundstimmung seiner Erzählung an anderer Stelle als die eines „langen Verlierens“, in dem auch die größten Siege den ursprünglichen Glanz nicht zurückbringen; die Bäume liefern für dieses Thema das erste und deutlichste Bild, an dem sich spätere Verluste – der Untergang Beleriands, das Verblassen der elbischen Reiche in Mittelerde – erzählerisch spiegeln.
Entwürfe und Varianten
In den frühesten Fassungen der Mythologie, den Verlorenen Geschichten, trugen die beiden Bäume bereits die Namen Silpion und Laurelin, doch die Erzählung um ihr Wachsen und ihr Ende fiel weit verzweigter aus als später in der Quenta Silmarillion. Die Spinne, die in der reifen Mythologie als Ungoliant bekannt ist, erscheint hier noch unter den Namen Móru und Gwerlum, auch Wirilómë genannt, und ihr Anschlag auf die Bäume war in ein weit dichteres Geflecht von Nebenfiguren und Ereignissen eingebettet, das Tolkien in späteren Fassungen zugunsten einer knapperen, geradlinigeren Erzählung wieder strich.
Auch die Herkunft von Sonne und Mond war in dieser frühen Stufe anders ausgestaltet: Statt der schlichten Vorstellung von letzter Blüte und letzter Frucht kannte die frühe Mythologie bemannte Fahrzeuge, gelenkt von eigens benannten Wesen wie der Feuermaid Urwendi für die Sonne und dem Geist Ilinsor für den Mond, die überdies von Melkos Dienern verfolgt wurden. Auch die Nachbildungen der Bäume, die Turgon in Gondolin errichten ließ, trugen zunächst andere Namen als später: In der frühesten Fassung hießen sie Glingol und Bansil, ehe Tolkien sie in der überarbeiteten Erzählung von Gondolins Fall in Glingal und Belthil änderte. Solche Umbenennungen zeigen, wie lange Tolkien an der Nomenklatur seiner Mythologie noch feilte, während die Grundgestalt der Zwei Bäume selbst schon in den frühesten Entwürfen feststand.