Herkunft, Wesen und Namen
Yavanna gehört zu den Ainur, jenen Geistern, die aus dem Gedanken Ilúvatars hervorgingen, ehe die Welt bestand, und die später in Eä eintraten, um Arda zu bereiten. Innerhalb der Schar der Valar zählt sie zu den Valier, den sieben Königinnen, und wird in der Aufzählung der Valaquenta unmittelbar nach Varda genannt; unter den Eldar steht ihr Name in besonderer Ehrfurcht. Sie gehört überdies zu den Aratar, den acht Mächtigsten des Reiches Arda. Ihr Gemahl ist Aule der Schmied, dessen Sinn den Stoffen und Werkstücken gilt, während der ihre den wachsenden Dingen zugewandt bleibt; Vána, die Immerjunge, ist ihre jüngere Schwester. Ein Zeitpunkt ihrer Entstehung lässt sich nicht angeben, denn wie alle Ainur ist sie älter als jede Zählung der Jahre Ardas.
Ihr Bereich umfasst alles, was aus der Erde hervorwächst. Die Überlieferung schreibt ihr eine umfassende Kenntnis der lebenden Formen zu, von den turmhohen Wäldern früher Zeitalter bis zum Moos auf den Steinen und den kleinen, verborgenen Dingen im Boden. Wenn sie sichtbare Gestalt annimmt, erscheint sie zumeist als hochgewachsene Frau in grünem Gewand; bisweilen jedoch zeigt sie sich als Baum, der unter den Himmel aufragt, von der Sonne bekrönt, während von seinen Zweigen goldener Tau fällt und die Erde darunter Korn treibt. Aus dieser Zuwendung zum Wachsenden erklärt sich auch ihre Sorge um die ungeschützten Dinge, die weder fliehen noch sich wehren können.
Der Name Yavanna ist Quenya und lässt sich als „Spenderin der Früchte“ deuten; er verbindet das Element yávë „Frucht“ mit anna „Gabe“, das auch in anderen Eigennamen der Eldarin-Sprachen begegnet. Daneben führt sie den Beinamen Kementári, „Königin der Erde“, gebildet aus kemen „Erde“ und tári „Königin“ — dasselbe Element, das in Vardas Beinamen Elentári, „Königin der Sterne“, wiederkehrt. Beide Namen sind also nicht Eigenbezeichnungen, sondern Zuschreibungen der Elben, die ihr Wirken deuten; die deutschen Entsprechungen „Spenderin der Früchte“ und „Königin der Erde“ geben sie sinngemäß wieder. Die Betonung von Yavanna folgt der in den Anhängen dargelegten Regel: Der doppelte Mittelkonsonant beschwert die vorletzte Silbe, sodass ya-VAN-na zu sprechen ist.
Geschichte
Die frühesten überlieferten Werke Yavannas fallen in die Zeit, da die Valar Arda erst zurechtformten; eine Zählung der Jahre gab es damals noch nicht. Nachdem Länder und Meere ihre erste Gestalt gewonnen hatten, senkte sie Samen in den Boden, die lange unerweckt ruhten, weil kein stetiges Licht auf sie fiel. Erst als Aule die beiden großen Lampen schuf — Illuin im Norden, Ormal im Süden — und Varda sie mit Licht füllte, begann jener Abschnitt, den die Überlieferung den Frühling Ardas nennt: Moose und Gräser überzogen die Erde, Farne wuchsen empor, und die ersten Wälder erhoben sich, während die Valar auf der Insel Almaren inmitten eines großen Sees wohnten. Diese erste Blüte endete jäh, als Melkor die Lampen niederwarf; Feuer und Aufruhr verwüsteten die Länder, und das meiste, was Yavanna gepflanzt hatte, ging zugrunde oder verwilderte.
Nach dem Verlust der Lampen zogen sich die Valar über das Meer nach Aman zurück und errichteten hinter den Pelóri ihr Reich. Dort vollbrachte Yavanna ihr bekanntestes Werk: Auf dem grünen Hügel Ezellohar vor den Toren Valmars sang sie ein Lied der Macht, während Nienna weinte und die Erde mit ihren Tränen netzte, bis zwei Bäume aufwuchsen — Telperion mit silbernem Licht und Laurelin mit goldenem. Ihr wechselndes Erblühen und Verlöschen gliederte fortan die Stunden, und nach ihnen wurde die Zeit in Valinor gerechnet. In denselben Zeitraum fällt eine zweite, stillere Entscheidung: Da Melkor in Mittelerde ungehindert herrschte, legte Yavanna über vieles, was dort wuchs und lebte, einen Schlaf, damit es unter der Finsternis nicht vollends verderbe.
Noch vor dem Erwachen der Elben kam es zu jener Auseinandersetzung, die den Unterschied zwischen Yavanna und ihrem Gemahl am deutlichsten zeigt. Aule hatte heimlich die Väter der Zwerge gebildet, und als Yavanna davon erfuhr, sorgte sie sich um die wachsenden Dinge, die Axt und Feuer nichts entgegenzusetzen haben. Sie trug ihr Anliegen Manwe vor, und in dessen Schau eröffnete sich, dass mit den Kindern Ilúvatars auch Geister eintreten würden, die Yavannas Gedanken antworten: Hirten der Bäume, die Onodrim, sowie die Adler, die in den Höhen wohnen sollten. So konnte sie Aule entgegnen, dass seine Geschöpfe künftig auf Bäume treffen würden, die sich zu wehren wüssten. Der Bericht ordnet damit den Ursprung der Ents ausdrücklich ihrem Fürwort zu.
Der schwerste Einschnitt ihrer Geschichte ist die Verfinsterung Valinors. Melkor, aus der Haft entlassen und nach der Ermordung Finwes auf der Flucht, führte Ungoliant an die Zwei Bäume heran; das Ungeheuer sog ihr Licht aus und ließ sie erstorben zurück. Yavannas Macht reichte nicht hin, sie wiederzubeleben. Im Ring des Gerichts erklärte sie den versammelten Valar, dass allein das in den Silmarilli bewahrte Licht der Bäume ihr genügen könnte, um das Erloschene zu erneuern, wenn Feanor bereit wäre, die Juwelen zu opfern. Feanor verweigerte es — und kurz darauf traf die Nachricht ein, dass Melkor die Silmarilli bereits geraubt hatte. Damit war der Verlust endgültig, und er blieb der einzige Punkt, an dem ihr Wirken offen scheiterte.
Aus den toten Stämmen gewann sie dennoch ein Letztes. Lange sang Yavanna vor den erloschenen Bäumen, und Nienna weinte, bis Telperion eine einzige silberne Blüte trieb und Laurelin eine einzige goldene Frucht. Beide nahm Yavanna an sich, und das Volk Aules schuf Gefäße, um ihr Licht zu fassen; Varda setzte sie als Isil und Anar an den Himmel. Mit dem ersten Aufgang der Sonne über Mittelerde begann die Rechnung der Sonnenjahre, und die Wildnisse, über die sie den Schlaf gelegt hatte, erwachten neu. Yavanna selbst zog nicht mit den Heeren aus, doch das Licht, das sie hervorgebracht hatte, bestimmte fortan den Rahmen aller weiteren Geschichte Ardas.
In den späteren Zeitaltern tritt sie nicht mehr handelnd hervor, wohl aber ihr Werk. Noch während der Jahre der Bäume schuf sie für die Noldor in Tirion Galathilion, ein Abbild Telperions, das kein eigenes Licht trug; von ihm stammten der Baum Celeborn auf Tol Eressea, Nimloth im Hof der Könige von Númenor und schließlich der Weiße Baum von Gondor, dessen Schicksal die Chronik bis in die Tage des Ringkriegs verfolgt. Auch die Onodrim, deren Kommen sie erwirkt hatte, bestehen im Dritten Zeitalter im Wald von Fangorn fort. Yavannas Geschichte endet daher nicht mit ihrem letzten Auftritt in der Erzählung, sondern setzt sich in Nachkommenschaften fort — in Bäumen, die von Hand zu Hand weitergereicht wurden, und in Hütern, die sie sich erbeten hatte.
Rolle und Vermögen
Yavannas Stellung im Gefüge der Valar ist die einer Fürsprecherin des Wachsenden, nicht einer Kriegerin oder Richterin. Ihr Vermögen zeigt sich vor allem als schöpferischer Gesang: Was sie hervorbringt, entsteht, indem sie ein Lied der Macht singt, dem die Erde antwortet. Auf dieselbe Weise vermag sie das Leben in Schlaf zu legen, wo Gefahr droht, oder es später wieder zu wecken. Die Überlieferung schreibt ihr überdies eine Kenntnis zu, die jeden gewachsenen Stoff umfasst, und die Elben nannten sie deshalb nach der Erde selbst. Ihr Reich in Aman sind die Wälder und Gefilde des Landes, wo sie sich dem Wachstum zuwendet, während Aule in der Schmiede arbeitet.
Diese Macht hat deutlich benannte Grenzen. Yavanna kann Wachsendes hervorrufen und behüten, doch was einmal gänzlich erloschen ist, vermag sie aus eigener Kraft nicht zurückzuholen; sie sagte den versammelten Valar selbst, dass ihr Vermögen dazu nicht hinreiche und dass nichts von dem, was sie einmal gemacht habe, ein zweites Mal ebenso werden könne. Auch das Licht, das ihre größten Werke trugen, stammte nicht allein von ihr: Nienna hatte den Boden benetzt, und die Gefäße für Mond und Sonne kamen aus der Hand anderer, während Varda sie an den Himmel setzte. Ihr Wirken ist mithin eingebettet in das Zusammenspiel der Valar und nicht auf sich gestellt.
Eine zweite Grenze liegt in ihrer Stellung selbst. Über die Kinder Ilúvatars und über die Sendung von Hütern verfügt sie nicht; sie muss ihr Anliegen Manwe vortragen, und erst dessen Schau der Musik gibt Auskunft darüber, was Ilúvatar bestimmt hat. Ebenso wenig kann sie Aules Werk rückgängig machen oder verhindern, dass Feuer und Beil in ihren Bereich greifen — sie kann nur erwirken, dass dem Wachsenden ein Schutz beigegeben wird. In den Erzählungen der späteren Zeitalter tritt sie darum nicht als handelnde Macht auf, sondern durch ihre Werke und durch jene, die in ihrem Auftrag wachen. Ihre Rolle im Legendarium ist damit vermittelnd und bewahrend: Sie stellt Leben in die Welt, überlässt es dann aber der Zeit und dem Willen anderer.
Verwandtschaft, Gefährten und Gegnerschaft
Die Verbindung mit Aule ist die aufschlussreichste Beziehung ihres Lebens, weil sie Nähe und Gegensatz zugleich enthält. Beide gehören zu den hervorbringenden Mächten, doch der eine formt aus Stoff, den er beherrscht, während die andere hegt, was aus sich selbst heraus wächst und darum verletzlich bleibt. Die Überlieferung bemerkt ausdrücklich, dass die Gatten nicht immer eines Sinnes waren; ihr Wortwechsel über das heimlich Geschaffene und über die Bäume, die kein Beil abwehren können, ist kein Zerwürfnis, sondern die Prüfung zweier Ordnungen aneinander. Zu ihrer engsten Sippe zählt ferner Vána, deren Wesen dem blühenden Anfang gilt, wo Yavanna auch Reife und Ernte umfasst; über die Schwester ist ihr Orome verbunden, der als einziger der Valar die Wildnisse jenseits des Meeres beritt und dort dieselben Wälder liebte, um die sie sich sorgte.
Gegenüber Manwe tritt sie stets als Bittstellerin auf, nicht als Gleiche im Entscheid — ihre Anliegen erlangen Gewicht erst, wenn der Ältere der Könige sie vor Ilúvatars Gedanken hält. Neben dieser aufwärts gerichteten Beziehung steht das stille Einvernehmen mit Nienna, deren Trauer ihrem Gesang zweimal zu Hilfe kam. In Mittelerde wirkt sie vor allem durch andere: Melian, die vor ihrem Fortgang in den Gärten Valinors lebte, wird als Yavanna wesensverwandt bezeichnet, und in der Erzählung von der Sendung der Istari erbat Yavanna, dass Aiwendil, den die Menschen später Radagast nannten, mit den übrigen ziehen dürfe — ein Fürwort, das der Erste unter den Abgesandten nur widerwillig annahm.
Ihre Gegnerschaft ist einseitig und dauerhaft: Melkor bekämpft nicht sie, sondern trifft sie stets in ihren Werken, sei es durch den Sturz der Leuchten oder durch Ungoliant, deren Verzehren des Lichts das genaue Gegenbild ihres Hervorbringens darstellt. Der Widerstand, den sie leisten kann, besteht nicht in Waffen, sondern darin, Leben zu bergen und Hüter zu erbitten. Auch unter den Kindern Ilúvatars steht ihr ein Verweigerer gegenüber: Feanor, der die einzige Bitte abschlug, die sie je an einen Sterblichen richtete. Beide Feindschaften zeigen dasselbe — dass ihre Macht andere braucht, um bewahrt zu bleiben, und dass gerade darin ihre Beständigkeit liegt.
Entwürfe und Varianten
Die älteste greifbare Gestalt der Figur findet sich in den Verschollenen Geschichten, den frühesten zusammenhängenden Aufzeichnungen des Legendariums. Dort tritt sie überwiegend als Palúrien auf, daneben unter dem Namen Kémi, der Erdherrin, während Yavanna zunächst nur als eine Benennung neben diesen älteren Formen steht. Deutlich abweichend ist in dieser Schicht die Ordnung der Verwandtschaft: Die Valar zeugen einander Kinder, und Orome erscheint als Sohn Aules und Palúriens — eine Genealogie, die Tolkien später vollständig aufgab, als die Ainur zu Geistern ohne leibliche Nachkommenschaft wurden und die Verbindung zu Orome nur noch mittelbar über die Schwester bestand. Auch die beiden Bäume tragen dort noch andere Namen; der silberne heißt Silpion, und die Erzählung ihrer Entstehung ist umständlicher und von mehr Mitwirkenden begleitet als in der späteren Überlieferung.
In den Fassungen der 1930er Jahre hält sich der Doppelname Yavanna Palúrien; die Etymologien führen die zweite Form auf eine Wurzel zurück, die die weite Fläche oder Oberfläche der Erde bezeichnet, sodass beide Namen dasselbe Amt aus verschiedenen Blickwinkeln benennen. Erst in der späteren Bearbeitungsphase tritt Kementári hinzu und verdrängt Palúrien allmählich in die Stellung eines Nebennamens. Von noch jüngerem Datum ist der Bericht über Aules heimliches Werk und Yavannas Fürwort für die Hirten der Bäume: Er entstand erst nach dem Abschluss des Herrn der Ringe und wurde nachträglich in den Bestand der Quenta eingefügt. Die älteren Entwürfe kennen weder die Onodrim noch Yavannas Gang zu Manwe, sodass eines der bekanntesten Stücke ihrer Überlieferung zugleich das späteste ist.