Herkunft und Bedeutung des Namens
„Barad-dûr“ ist ein sindarinischer Name aus den Bestandteilen „barad“ („Turm“) und „dûr“ („dunkel, finster“) und bedeutet demnach wörtlich „dunkler Turm“. Diese Bedeutung ist im Legendarium selbst verankert: An der Stelle, an der der Bau der Festung erwähnt wird, erscheint der Name unmittelbar zusammen mit seiner deutenden Übertragung, sodass Eigenname und Beiname von Anfang an untrennbar miteinander verbunden sind. In der weiteren Überlieferung wird die Festung fast ausschließlich unter dieser doppelten Form angeführt – als „Barad-dûr“ und zugleich als „der Dunkle Turm“ –, während ein rein beschreibender, von der Bedeutung losgelöster Name nirgends begegnet.
Daneben ist ein zweiter, gänzlich anderer Name überliefert: „Lugbúrz“, wie ihn Saurons eigene Diener untereinander gebrauchten. Der Ausdruck stammt aus jener Sprachform, in der sich die Orks Mordors verständigten, und ist damit dem eigentlichen Machtbereich Saurons zugeordnet, während „Barad-dûr“ der Name ist, unter dem die Festung in den Berichten seiner Gegner erscheint. Auf Frodos und Sams letztem Weg durch Mordor wird dieser Name in mitgehörten Gesprächen der Orks laut, als beiläufiger Beleg dafür, dass der Turm auch innerhalb des eigenen Reiches unter einer eigenen, von der elbischen Tradition unabhängigen Bezeichnung bekannt war.
In den chronikalischen Anhängen, die dem Roten Buch der Westmark beigegeben sind, ist „Barad-dûr“ von der ersten Erwähnung an der feststehende Name, unter dem der Turm Eingang in die Geschichtsschreibung Mittelerdes findet. Die Aufzeichnungen geben ihn dort unverändert in seiner sindarinischen Form wieder und begleiten ihn durchgehend mit der Umschreibung „der Dunkle Turm“; ein eigener westronischer, also allgemein gebräuchlicher Name für die Festung selbst ist dagegen nicht überliefert.
Lage und Landschaft
Barad-dûr erhob sich auf der Hochebene Gorgoroth im Nordwesten Mordors, unweit des Schicksalsbergs, dessen Nähe die Wahl dieses Standortes bestimmte. Mordor selbst wird im Norden von den Aschenbergen und im Westen wie im Süden vom Schattengebirge begrenzt, sodass das Land als ein von Gebirgswällen umschlossenes Becken erscheint; nur am Zusammentreffen dieser beiden Ketten, beim Schwarzen Tor, öffnet sich ein bewachter Zugang von außen. Innerhalb dieses abgeschlossenen Raumes bildete der Turm gewissermaßen das Gegenstück zu diesem Tor: Während Letzteres die Grenze nach außen sicherte, war Barad-dûr der Mittelpunkt und Herrschaftssitz im Innern des Landes.
Von der Festung aus führten Straßen in die übrigen Gebiete Mordors, die es erlaubten, das Land rasch zu durchqueren und zu überwachen; einer dieser Wege wird auf Frodos und Sams letztem Weg durch die Ebene ausdrücklich als von Barad-dûr ausgehend erwähnt. Der Turm selbst wird als eine gewaltige und starke Feste geschildert, die inmitten der kahlen, aschebedeckten Ebene weithin sichtbar aufragte und schon durch ihre schiere Höhe alles Umliegende überragte.
Diese exponierte, alles überragende Lage machte den Turm zugleich zum sichtbaren Zeichen der Herrschaft über das Land: Wer sich der Ebene Gorgoroth näherte, erblickte Barad-dûr lange bevor er selbst entdeckt werden konnte. So behauptete die Festung schon durch ihre bloße Gegenwart die Kontrolle über das umliegende Gebiet, ohne dass es innerhalb der schützenden Gebirgsketten und des Schwarzen Tores weiterer Grenzbefestigungen bedurft hätte.
Geschichte
Der Bau Barad-dûrs setzte, den Aufzeichnungen des Zweiten Zeitalters zufolge, um das Jahr 1000 jenes Zeitalters ein, als Sauron sich in Mordor niederließ und daranging, seine Macht in dem abgeschiedenen Land zu festigen. Die Errichtung des Turms zog sich über Jahrhunderte hin und war mit einem zweiten, verborgeneren Vorhaben aufs Engste verknüpft: der Schmiedung des Einen Rings, die um das Jahr 1600 desselben Zeitalters vollendet wurde. In diesen Ring hatte Sauron einen erheblichen Teil seiner eigenen Kraft gelegt, und ebendiese Bindung sollte sich später als entscheidend für das Schicksal des Turms erweisen: Solange der Ring bestand, ruhte auch das Fundament Barad-dûrs auf dessen Macht und war dadurch vor endgültiger Zerstörung bewahrt.
Im weiteren Verlauf des Zweiten Zeitalters wuchs Barad-dûr zum Mittelpunkt von Saurons offen ausgeübter Herrschaft heran, bis sein Streben nach Vorherrschaft über Mittelerde in den Krieg mit dem Letzten Bündnis der Elben und Menschen mündete. Am Ende dieses Krieges belagerten die verbündeten Heere den Turm über sieben Jahre hinweg, ehe Sauron selbst überwunden und ihm der Ring vom Finger geschlagen wurde; sein Sturz beendete das Zweite Zeitalter im Jahr 3441.
Mit Saurons Niederlage wurde Barad-dûr niedergeworfen, doch nicht restlos ausgelöscht: Weil seine Grundmauern mit der Macht des Rings errichtet worden waren, blieben sie erhalten, solange der Ring selbst nicht vernichtet ward. So lag der Turm während weiter Strecken des Dritten Zeitalters als leere, gebrochene Ruine in der Ebene Gorgoroths, ein Wahrzeichen vergangener Macht, das gleichwohl niemals ganz aus der Welt geschafft werden konnte.
Erst gegen Ende des Dritten Zeitalters wandte sich das Blatt: Nachdem Sauron als Nekromant im Düsterwald Gestalt angenommen hatte, kehrte er heimlich nach Mordor zurück und bekannte sich schließlich offen zu seiner alten Macht. In den folgenden Jahrzehnten ließ er Barad-dûr auf den erhalten gebliebenen Grundmauern neu errichten, und der Turm wuchs von Neuem zum Sitz seiner Herrschaft heran, während seine Diener das Land ringsum wieder unter seine Kontrolle brachten.
Im Krieg um den Ring bildete der wiedererstandene Turm bis zuletzt das Zentrum von Saurons Macht, bis der Eine Ring in den Rissen des Schicksals am 25. März des Jahres 3019 vernichtet wurde. In demselben Augenblick gaben die Grundmauern, die all die Zeit über von der Kraft des Rings getragen worden waren, nach: Barad-dûr stürzte mit einem gewaltigen Krachen in sich zusammen und verschwand in einer aufsteigenden Wolke aus Rauch und Trümmern, sodass von der einst so gewaltigen Feste nichts als Schutt zurückblieb.
Bewohner und Herrschaft
Barad-dûr kannte im eigentlichen Sinne keine Dynastie und keinen Hofstaat, wie sie andere Reiche Mittelerdes prägten: Der Turm war allein der Sitz eines einzigen, unangefochtenen Willens. Sauron beherrschte Mordor nicht als Erster unter Gleichen, sondern als selbsternannter Dunkler Herrscher, dessen Macht sich unmittelbar aus seinem eigenen Wesen und aus dem in den Einen Ring gelegten Anteil seiner Kraft speiste. Eine Nachfolgeordnung oder ein Rat gleichrangiger Fürsten, wie sie etwa in Gondor oder unter den Elbenreichen bestanden, ist für Barad-dûr nicht überliefert; Herrschaft und Person des Turmherrn fielen hier vollständig zusammen.
Unterhalb Saurons selbst stand eine gestufte Dienerschaft im Turm. Als Mund Saurons wird ein Mann aus dem Geschlecht der Schwarzen Númenorer genannt, der in Saurons Dienst getreten und dabei so tief in dessen Lehre eingedrungen war, dass er seinen eigenen Namen vergessen hatte; als Statthalter des Turms und Kenner der Zauberkünste seines Herrn trat er bei der Unterredung am Schwarzen Tor als dessen Sprecher vor die Heerführer des Westens. Die Nazgûl, die neun einst zu Königen der Menschen gewordenen und durch ihre Ringe an Sauron gebundenen Ringgeister, hatten ihren eigenen Sitz im nahen Minas Morgul, blieben aber Saurons Willen unmittelbar untertan und wirkten als seine obersten Heerführer, allen voran der Hexenkönig. Die eigentliche Streitmacht des Turms und des ganzen Landes stellten die Orks Mordors, die die Ebenen um Barad-dûr bevölkerten und aus denen sich Saurons Heere speisten.
Nach außen war Barad-dûr weniger auf Nachbarschaft als auf Gefolgschaft angelegt: Die Völker aus Rhûn und Harad im Osten und Süden standen zu Sauron in einem Verhältnis der Untertänigkeit und stellten ihm im Krieg um den Ring Krieger; von einem Bündnis unter Gleichen ist nicht die Rede. Anders lag der Fall bei Isengart, dessen Herr Saruman sich zeitweise mit Sauron verband, dabei aber eigene Ziele verfolgte und keineswegs als bloßer Vasall des Turms galt. Das eigentliche Gegenüber Barad-dûrs im Westen blieb Gondor, dessen Grenzwacht entlang des Anduin und in Ithilien über Jahrhunderte die einzige beständige Schranke gegen die vom Turm ausgehende Macht bildete.
Rolle in der Erzählung
Innerhalb der Handlung tritt Barad-dûr weniger als begehbarer Schauplatz denn als beständig gegenwärtige Bedrohung in Erscheinung, die den Figuren meist nur aus der Ferne oder in Visionen begegnet. Von Amon Hen aus erblickt Frodo, kaum dass er den Ring angelegt hat, für einen Augenblick das Auge Saurons, das seinerseits nach ihm zu tasten scheint, und auch in Galadriels Spiegel zeichnet sich der Turm als drohendes Wahrzeichen ab. Später, als Pippin unversehens in den Palantír von Isengart blickt, wird er unmittelbar mit demselben suchenden Blick konfrontiert, der von Barad-dûr auszugehen scheint. So fungiert der Turm im Erzählgefüge vor allem als optisches und mentales Gegenüber: Er markiert die Richtung, in die sich die Furcht der Gefährten wendet, lange bevor irgendeine Figur seine Mauern tatsächlich erreicht.
Im weiteren Verlauf der Handlung wird Barad-dûr zum Bezugspunkt einer bewussten Täuschung: Der Feldzug der Heere des Westens zum Schwarzen Tor dient nicht der Eroberung des Turms, sondern soll das Auge Saurons von Mordors Innerem ablenken und so Frodo und Sam auf ihrem letzten, unbeobachteten Weg zum Schicksalsberg decken. Vor dem Tor, im Angesicht des fernen Turms, kommt es zur Unterredung mit dem Mund Saurons, in der die Gesandten des Westens Saurons Bedingungen zurückweisen und damit die Konfrontation endgültig besiegeln. Bezeichnend für diese Funktion der Festung in der Erzählung ist, dass keiner der Protagonisten den Turm je betritt; er bleibt bis zuletzt ein Ziel, das man umgeht, ablenkt oder aus der Ferne fürchtet, niemals eines, das man einnimmt.
Seine erzählerische Erfüllung findet der Turm folgerichtig nicht durch eine Handlung an ihm selbst, sondern durch das, was in seiner Ferne geschieht: den Untergang des Rings in den Rissen des Schicksals. Frodo und Sam nehmen den Einsturz aus nächster Nähe wahr, während zugleich die vor dem Schwarzen Tor versammelten Heere den fernen Zusammenbruch als sichtbares Zeichen des Sieges erleben. In diesem Doppelblick – aus der unmittelbaren Nähe der Retter und aus der Ferne der Kämpfenden – bündelt sich die Funktion, die Barad-dûr für die Erzählung insgesamt trägt: als Verkörperung einer Macht, deren Fall erst den ganzen Krieg um den Ring entscheidet und dessen Höhepunkt bildet.
Adaptionen
In Peter Jacksons Filmtrilogie ist der Dunkle Turm über weite Strecken präsent, allerdings in einer Deutung, die von der Vorlage abweicht: Saurons Auge erscheint dort als ein tatsächlich sichtbares, flammendes Auge auf der Turmspitze und bleibt zugleich die einzige Erscheinungsform, die dem Dunklen Herrscher in der Gegenwartshandlung zugestanden wird, während der Roman ihn als leibhaftig vorhanden voraussetzt und das Auge vor allem als Bild für seinen suchenden Willen führt. Auch die Vorgeschichte ist gerafft: Von der langjährigen Belagerung der Festung durch das Letzte Bündnis ist nichts zu sehen, die Entscheidung fällt stattdessen unmittelbar am Hang des Schicksalsbergs. In der Prologsequenz wird Sauron von Sala Baker verkörpert; den Mund Saurons, den Statthalter des Turms, spielt Bruce Spence – eine Figur, die erst die erweiterte Fassung des dritten Teils aufnimmt und die dort ein anderes Ende findet als im Buch, da Aragorn den Gesandten tötet, statt ihn davonreiten zu lassen.
Die älteren Bearbeitungen zeigen den Turm nur ausschnitthaft. Ralph Bakshis Zeichentrickfilm bricht nach der Schlacht um Helms Klamm ab, sodass Mordor und die Festung dort nie als Ziel der Handlung erreicht werden; ein geplanter zweiter Teil kam nicht zustande. Den fehlenden Schluss nahm 1980 ein Fernsehfilm der Rankin/Bass-Studios auf, der als Gegenstück zu deren Hobbit-Verfilmung von 1977 entstand und den letzten Teil der Geschichte stark verkürzt erzählt, ohne an Bakshis Fassung anzuschließen. Die Hörspielfassung der BBC ist mit sechsundzwanzig halbstündigen Folgen die vollständigste der älteren Bearbeitungen und gilt als die vorlagentreueste; da sie ohne Bild auskommt, besteht Barad-dûr hier ausschließlich in den Worten der Sprecher.