Name und Herkunft

Der Name Gwaith-i-Mírdain ist sindarinisch und bedeutet „Volk der Juwelenschmiede“. Das erste Glied, gwaith, bezeichnet eine Schar oder Gemeinschaft von Menschen. Der zweite Teil setzt sich aus mír, „Juwel“ oder „Kleinod“, und einer Pluralform für Werkleute und Schmiede zusammen. Dass die Zunft einen sindarinischen und keinen quenyanischen Namen trug, ist bezeichnend. Die Noldor in Mittelerde hatten längst die Sprache der Grauelben zu ihrer Alltagssprache gemacht. Der Name gehört damit in die Welt, in der die Schmiede lebten, und nicht in das Land, aus dem ihre Vorfahren gekommen waren.1

Die Wiedergabe als „Volk“ darf nicht dazu verleiten, in den Mírdain ein eigenes Geschlecht zu sehen. In der Darstellung der Nachrichten aus Mittelerde erscheinen sie als Vereinigung oder Bruderschaft, die sich die Handwerker Eregions selbst geschaffen hatten. Sie gewann im Land erheblichen Einfluss. Ihre Mitglieder verband also nicht die Abstammung, sondern das gemeinsame Handwerk. Celebrimbor stand als Meister an ihrer Spitze. In ihm, einem Nachkommen Feanors, lebte die Überlieferung des berühmtesten noldorischen Schmieds fort.2

Ihre Wurzeln reichen in die Zeit nach dem Ende des Ersten Zeitalters zurück. Damals blieben viele Noldor in Mittelerde und zogen nach Osten. Am Westrand des Nebelgebirges gründeten sie Eregion, das die Menschen Hulsten nannten. Den Ort wählten sie in der Nähe von Khazad-dum, wo man das Mithril gefunden hatte. Zwischen den Elbenschmieden und den Zwergen der Tiefe entstand eine Freundschaft, wie sie zwischen beiden Völkern sonst selten bestand. Noch in späterer Zeit bezeugte das Westtor Morias diese Verbindung. Seine Zeichen hatte Celebrimbor gezogen, und in ihnen blieben Hand und Kunst der Zunft über ihre eigene Zeit hinaus sichtbar.3

  1. 1Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age; Das Silmarillion, Of the Noldor in Beleriand
  2. 2Nachrichten aus Mittelerde, The History of Galadriel and Celeborn; Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 4; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years

Geschichte

Im Zweiten Zeitalter wuchs Eregion zu einem blühenden Land heran, und mit ihm wuchs das Ansehen seiner Schmiede. Um das Jahr 1000 hatte sich Sauron in Mordor festgesetzt und dort mit dem Bau seiner Festung begonnen. Etwa zwei Jahrhunderte später wandte er sich den Elben zu. Er verbarg seine Herkunft und trat in schöner, freundlicher Gestalt auf, als Bote, der Wissen und Hilfe anbot. In Lindon hatte er damit keinen Erfolg: Gil-galad und Elrond trauten ihm nicht und ließen ihn nicht in ihr Land. Bei den Schmieden Eregions dagegen fand er offene Türen.1

Dass gerade die Mírdain ihm Gehör schenkten, lag an ihrem eigenen Verlangen. Sie wollten ihre Kunst immer weiter treiben, und viele wünschten sich, Mittelerde möge so schön werden wie das Land jenseits des Meeres. Der Fremde, der sich den Namen Annatar gab, „Herr der Geschenke“, bestärkte sie darin und teilte sein Wissen mit ihnen. Unter seiner Anleitung erreichte die Zunft um das Jahr 1500 den Gipfel ihres Könnens und begann, Ringe zu schmieden. Zunächst entstanden geringere Werke, eher Übungsstücke, danach die Ringe der Macht. An den Sieben und den Neun wirkte Sauron selbst mit; die Drei aber schuf Celebrimbor allein, und sie wurden um 1590 vollendet.2

Um 1600 schmiedete Sauron im Feuer des Schicksalsberges heimlich den Einen Ring, der über alle anderen gebieten sollte. Doch in dem Augenblick, als er ihn aufsetzte, merkten die Elben, was vorging, und durchschauten seine Absicht. Sie nahmen ihre Ringe ab und gebrauchten sie nicht mehr. Celebrimbor erkannte, wen er in seine Werkstätten gelassen hatte. Die Drei, an denen Saurons Hand keinen Anteil hatte, wurden in Sicherheit gebracht und verborgen. Sauron verlangte daraufhin offen die Herausgabe aller Ringe, denn ohne seine Unterweisung, so meinte er, hätten die Schmiede sie nie herstellen können.3

Als die Elben sich weigerten, begann 1693 der Krieg. Zwei Jahre später fielen Saurons Heere in Eriador ein, und Gil-galad schickte Elrond mit Truppen nach Eregion. Die Hilfe kam zu spät: 1697 wurde das Land verwüstet, Celebrimbor fand den Tod, und die Zwerge schlossen die Tore ihrer Stadt im Gebirge. Sauron brachte die übrigen Ringe der Macht an sich, die Sieben und die Neun, und verteilte sie später an andere Völker. Elrond zog sich mit denen zurück, die von den Noldor Eregions übrig geblieben waren, und gründete in einem verborgenen Tal die Zuflucht Bruchtal.4

Erst 1701 wurde Sauron mit der Hilfe einer Flotte aus Númenor aus Eriador vertrieben, doch die Zunft der Juwelenschmiede lebte danach nicht wieder auf. Ihr Land blieb leer; im Dritten Zeitalter wohnten dort keine Elben mehr, und nur Ruinen und die Stechpalmen, die dem Land seinen Namen gaben, erinnerten an die frühere Besiedlung. Fortbestand hatte allein ihr Werk. Die Drei blieben in den Händen der Elben und dienten dem Bewahren und Heilen, blieben aber an das Schicksal des Einen gebunden. Mit dessen Vernichtung am Ende des Dritten Zeitalters schwand auch ihre Kraft, und damit verlor sich die letzte Wirkung dessen, was in Eregion geschaffen worden war.5

  1. 1Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
  2. 2Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
  3. 3Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age; Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 2
  4. 4Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age
  5. 5Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 3; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age

Handwerk, Zweck und das Problem der Zeit

Was die Mírdain zusammenhielt, war keine Herrschaft und keine Blutsbande, sondern die Werkstatt. Ihr Rang in Eregion beruhte auf dem, was sie herzustellen vermochten, und ihr Ruf als Meister der Schmiedekunst war so groß, dass die Überlieferung nur Feanor über sie stellt. Ihr Stolz galt dem Können selbst: dem Wissen um Stoffe, Feuer und Form und dem Wunsch, dieses Wissen fortwährend zu erweitern. Celebrimbor verkörperte diese Haltung am deutlichsten. Die Nachrichten aus Mittelerde zeichnen ihn als einen Elben, dessen Denken fast ganz vom Handwerk ausgefüllt war, mit einer Hingabe an das Werk, die eher an die Zwerge erinnerte als an seine eigenen Verwandten. Aus dieser Lust am Machen erklärt sich auch die Offenheit der Zunft für jeden, der neues Wissen versprach.1

Worauf ihre Kunst zielte, lässt sich an den Drei ablesen, dem einzigen Werk, das ganz ihr eigenes blieb. Elrond betont im Rat zu Bruchtal, dass diese Ringe nicht als Waffen gedacht waren und weder Eroberung noch Stärke im Kampf verliehen. Ihre Schöpfer hätten weder Herrschaft noch angehäufte Schätze gesucht. Was sie wollten, waren Verstehen, Erschaffen und Heilen, und dazu die Kraft, das Bestehende vor Verderbnis zu bewahren. Das unterscheidet die Mírdain von ihrem Verführer ebenso wie von den Kriegsherren ihrer Zeit: Ihr Ehrgeiz richtete sich auf die Dinge, nicht auf die Willen anderer.2

Gerade in diesem Bewahren liegt jedoch der Kern ihres Verhängnisses, wie Tolkien selbst es deutet. Die Elben sind an die Welt gebunden und sterben nicht an Alter; sie erleben daher den Wandel Mittelerdes nicht als natürlichen Lauf, sondern als stetigen Verlust. Die Schmiede Eregions wollten in Mittelerde bleiben und zugleich die Unversehrtheit festhalten, die sie aus dem Westen kannten. Tolkien beschreibt diesen Wunsch als Versuch, die Zeit anzuhalten, und vergleicht ihn mit einer Art Einbalsamierung: Schönheit wird nicht mehr neu geschaffen, sondern nur noch gegen das Vergehen verteidigt. Aus einer Sehnsucht, die an sich nicht böse war, wurde so die Stelle, an der Sauron ansetzen konnte.3

  1. 1Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age; Nachrichten aus Mittelerde, The History of Galadriel and Celeborn
  2. 2Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 2
  3. 3Briefe, Letter 131

Glieder und Häupter der Zunft

Eine Gliederung in Häuser oder Sippen kennen die Quellen für die Mírdain nicht. Nirgends ist von Zweigen, Werkstattgeschlechtern oder Unterzünften die Rede, und auch die Namen einzelner Mitglieder bleiben ungenannt. Deutlich hervorgehoben wird allein ihr Haupt. Das Silmarillion führt Celebrimbor als Sohn Curufins und damit als Enkel Feanors. Schon im Ersten Zeitalter hatte er sich von seinem Vater losgesagt, als dieser in Nargothrond sein Unrecht beging, und war dort zurückgeblieben. Die Zunft stand also unter einem Meister aus dem Hause Feanors, der mit dessen Schuld gebrochen, dessen Kunst aber bewahrt hatte.1

Schärfer ziehen die Nachrichten aus Mittelerde eine andere Grenze: die zwischen der Bruderschaft und der Herrschaft über Eregion. In einer der dort wiedergegebenen Fassungen lag die Führung des Landes zunächst bei Galadriel und Celeborn, nicht bei den Schmieden. Unter dem Einfluss Saurons sagten sich die Mírdain von dieser Herrschaft los, und Celebrimbor trat an die Spitze Eregions. Galadriel verließ das Land durch Khazad-dum und ging nach Lórinand jenseits des Gebirges. Die Fassungen dieser Erzählung weichen im Einzelnen voneinander ab; sicher ist nur, dass die Zunft sich hier als eigene Macht im Land zeigt, die ihren eigenen Weg gehen konnte.2

Außerhalb der Zunft, aber mit ihr verbunden, nennt der Herr der Ringe einen einzigen Namen. Die Inschrift am Westtor Morias hält fest, dass der Zwerg Narvi das Tor gebaut und Celebrimbor die Zeichen darauf gesetzt habe. Narvi gehörte nicht zu den Mírdain, doch neben ihrem Meister ist er der einzige Handwerker aus ihrem Umkreis, dessen Name überliefert ist.3

  1. 1Das Silmarillion, Of Beren and Lúthien; Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age
  2. 2Nachrichten aus Mittelerde, The History of Galadriel and Celeborn
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 4

Rolle in der Erzählung

Im Herrn der Ringe betreten die Mírdain die Bühne nie selbst. Der Leser begegnet ihnen nur im Rückblick und in dem, was sie hinterlassen haben: in Elronds Bericht vor dem Rat, im verlassenen Land, das die Gefährten auf dem Weg nach Süden durchqueren, und am Tor, vor dem sie später ratlos stehen. Gerade diese Abwesenheit gehört zu ihrer Aufgabe in der Geschichte. Die Zunft ist der verschüttete Ursprung des Gegenstands, um den sich die ganze Handlung dreht. Der Ring in der Tasche eines Hobbits geht mittelbar auf Werkstätten zurück, an die sich im Dritten Zeitalter außer den Weisen niemand mehr erinnert.1

Im Silmarillion bildet die Bruderschaft den Angelpunkt, an dem die Erzählung vom Zweiten Zeitalter in die Geschichte des Ringkriegs übergeht. Ihr Schicksal liest sich wie eine Wiederholung dessen, was mit Feanor begann: Wieder schaffen Elbenschmiede Werke, die ihre Urheber überdauern und das Geschick späterer Geschlechter bestimmen. Das Böse entsteht dabei nicht in der Esse, sondern aus der Gemeinschaft, die die Schmiede eingehen. So zeigt der Bericht beispielhaft, wie Sauron vorgeht, nämlich nicht durch Gewalt, sondern durch Mitarbeit und geteiltes Wissen. Die Mírdain erscheinen deshalb nicht als Schurken, sondern als Begabte, die zu Werkzeugen eines Fremden werden, ohne es zu bemerken.2

Tolkien selbst hat erklärt, sein Werk handle im Kern vom Fall, von der Sterblichkeit und von dem, was er die Maschine nannte: vom Versuch, den eigenen Willen mit Hilfe von Kunstgriffen und Werkzeugen unmittelbar in der Welt durchzusetzen. Die Ringe sind das deutlichste Bild dafür. Die Geschichte der Juwelenschmiede zeigt diese Versuchung in ihrer verständlichsten Gestalt, weil sie aus dem Wunsch erwächst, Gutes zu bewirken. Darin liegt die eigentliche Schärfe ihrer Rolle: Nicht die Gier nach Macht führt hier in die Katastrophe, sondern ein edler Ehrgeiz, der sich zu wenig nach seinen Mitteln fragt.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 2; Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 3; Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 4
  2. 2Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age
  3. 3Briefe, Letter 131