Herkunft und Namen
Alatar gehört zu den fünf Gesandten, die in Mittelerde als Istari bekannt wurden. Der Sammelname stammt aus dem Quenya, wo istar den Wissenden bezeichnet, Plural istari; das Sindarin bildet dazu ithron mit dem Plural ithryn. Das Wort der Gemeinsprache, das üblicherweise mit „Zauberer“ wiedergegeben wird, zielt dagegen auf äußere Kunstfertigkeit und trifft den Rang der so Benannten nur unvollkommen, denn es beschreibt eine Wirkung und nicht ein Wesen. Gandalf nennt den Verband der fünf Heren Istarion, den Orden der Zauberer. Innerhalb dieser Aufzählung steht Alatar an fester Stelle, ohne dass ihm ein eigener Titel oder ein Amt beigelegt würde.
Im Westen von Mittelerde blieb Alatar so gut wie unbekannt, und er trägt dort keinen eigenen Namen; überliefert ist nur die Doppelbezeichnung Ithryn Luin, die Blauen Zauberer, die ihn mit seinem Gefährten Pallando zusammenfasst. Sie geht auf die Farbe ihrer Gewänder zurück, ein Meerblau, wie das Weiß Sarumans, das Grau Gandalfs und das Braun Radagasts die übrigen kennzeichnen. „Alatar“ selbst ist die valinorische Namensform, ebenso wie Curumo, Aiwendil und Olórin; während diese drei in Mittelerde neue Namen erhielten – Curunír und Saruman, Radagast, Mithrandir und Gandalf –, ist für Alatar keine zweite Namensform bezeugt. Eine gesicherte Deutung des Wortes gibt der veröffentlichte Text nicht, sodass sich über seine Bedeutung nichts Verbindliches sagen lässt.
Seinem Wesen nach ist Alatar kein Mensch, sondern ein Geist aus der Ordnung der Maiar, die zu Beginn der Welt in das Gefolge der Valar traten. Für die Sendung nach Mittelerde nahmen die Istari Leiber an, die denen alter Männer glichen: gealtert, aber zäh, dem Hunger, der Furcht und der Müdigkeit ebenso unterworfen wie der Möglichkeit zu irren. Ihre Macht war dabei verhüllt, denn sie sollten nicht durch Zwang wirken, sondern raten und stärken. Tolkien hat diese Verkörperung ausdrücklich als Menschwerdung eines engelhaften Wesens beschrieben, mit allen Beschränkungen, die ein solcher Leib mit sich bringt. Näheres zu Alatars Ursprung nennt die Überlieferung nicht; als einzige Zuordnung bleibt seine Verbindung zu Orome, dem Jäger unter den Valar, was ihn in die Nähe der Wälder und der Jagd auf das Böse rückt, ohne dass daraus mehr abzuleiten wäre.
Geschichte
Die einzige Szene, in der Alatar selbst handelnd auftritt, liegt vor seiner Ankunft in Mittelerde. Als die Valar beschlossen, dem wachsenden Schatten nicht mit Heeren, sondern mit Ratgebern zu begegnen, berief Manwe einen Rat und suchte unter den Maiar nach Boten, die bereit wären, Macht und Sicherheit gegen einen sterblichen Leib und ein ungewisses Ende zu tauschen. Die Überlieferung hält ausdrücklich fest, dass nur zwei von sich aus vortraten: Curumo, den Aule für die Aufgabe bestimmte, und Alatar, der von Orome ausgesandt wurde. Die übrigen kamen auf andere Weise zustande – Olórin trat erst auf Manwes Geheiß hinzu, und Aiwendil ging auf Yavannas Bitte hin mit. In dieser Aufstellung liegt die einzige nähere Aussage über Alatars Charakter, die der Text gestattet: Er gehört zu den Willigen, nicht zu den Beauftragten.
Zum zweiten Mal wird Alatar in derselben Erzählung genannt, als es um die Zusammensetzung des Ordens geht. Er nahm Pallando mit sich, und die Quelle betont, dass er dies aus Freundschaft tat. Der Kontrast zum Nebeneinander von Curumo und Aiwendil ist deutlich: Jenen hatte Yavanna dem Erwählten des Aule gleichsam ans Herz gelegt, und Curumo trug ihm diese Beigabe nach; Alatar dagegen wählte seinen Gefährten selbst. Damit sind die beiden Blauen Zauberer von Anfang an ein Paar, das zusammen aufbricht und zusammen aus der Überlieferung verschwindet – ein Umstand, der erklärt, weshalb der Westen sie später nur unter einem gemeinsamen Namen kannte.
Die Ankunft der Istari in Mittelerde fällt nach der westlichen Zeitrechnung in die Zeit um das Jahr 1000 des Dritten Zeitalters. Die Chronik hält dazu fest, dass sie aus dem fernen Westen kamen und als Boten gesandt waren, um der Macht Saurons entgegenzuwirken, dass es ihnen jedoch verwehrt war, Macht mit Macht zu beantworten oder Elben und Menschen durch Zwang oder Schrecken zu lenken. Diese Bindung gilt für alle fünf gleichermaßen und ist der Maßstab, an dem ihr Wirken zu messen wäre. Für Alatar fehlt jede Angabe darüber, wo er das Meer verließ, wer ihn empfing und wie lange er sich überhaupt in den westlichen Ländern aufhielt.
Über den weiteren Weg berichtet allein die Notiz zu den Ithryn Luin, und sie ist knapp: Die beiden zogen mit Curunír nach Osten. Curunír kehrte von seinen Reisen in jene Gegenden zurück und nahm im Westen die Stellung ein, die ihn später zum Ersten des Weißen Rates machte; Alatar und Pallando kehrten nie zurück. Ein Jahr ist für diesen Aufbruch nicht überliefert, ebenso wenig ein Ziel, ein Verbündeter oder eine Tat. Der gesamte östliche Abschnitt einer Wirkungszeit von rund zweitausend Jahren liegt damit außerhalb dessen, was die Aufzeichnungen der Eldar und der Dúnedain fassen konnten.
Die Quelle lässt den Ausgang offen und nennt drei Möglichkeiten nebeneinander: dass die beiden im Osten blieben und dort weiterhin dem Auftrag dienten, für den sie gesandt worden waren; dass sie umkamen; oder dass sie – so hielten es manche – von Sauron umgarnt wurden und in seinen Dienst gerieten. Entschieden wird nichts. Ein Nebensatz derselben Erzählung wirft allerdings ein Licht darauf, wie das Urteil ausfiel: Von den fünf Gesandten sei nur einer treu geblieben, und das war der zuletzt Gekommene. Wie streng dieser Satz auf Alatar zu beziehen ist, bleibt offen; sicher ist nur, dass ihn die Überlieferung nicht zu den Gelungenen zählt.
Außerhalb der Erzählwerke hat sich Tolkien einmal brieflich zu den beiden geäußert und dabei eingeräumt, über sie nichts Genaues zu wissen, da sie die Geschichte des Nordwestens nicht berührten. Er vermutete, sie seien als Abgesandte in ferne Gegenden im Osten und Süden gegangen, und knüpfte daran den Gedanken, dort könnten sie zu Urhebern geheimer Kulte und magischer Überlieferungen geworden sein, die den Sturz Saurons überdauerten. Diese Auskunft ist Kommentar des Verfassers, nicht Bericht aus Mittelerde, und sie ersetzt keine Handlung; sie erklärt jedoch, warum in den erzählten Büchern von Alatar nichts weiter zu finden ist. Sein Anteil an der Geschichte des Dritten Zeitalters besteht aus einer Entscheidung in Valinor, einer Wahl des Gefährten und einem Aufbruch nach Osten – alles Übrige ist nicht überliefert.
Rolle und Fähigkeiten
Was Alatar in Mittelerde zu leisten hatte, ergibt sich ausschließlich aus dem Auftrag des Ordens, dem er angehörte, denn eine eigene Aufgabe wird ihm nirgends zugewiesen. Die Valar hatten sich bewusst für Boten und gegen ein Eingreifen mit Heeresmacht entschieden, sodass die Wirkung der Gesandten von der Zustimmung derer abhing, denen sie rieten. Positiv gefasst hieß das: die Zerstreuten sammeln, den Mut der Bedrängten wecken, Wissen und Einsicht derer mehren, die Sauron widerstanden, damit die Völker Mittelerdes aus eigener Kraft standhielten. Die bereits erwähnte Bindung an Rat statt Zwang ist dabei nicht als Schwäche gedacht, sondern als Bedingung des Erfolgs: Ein durch Beugung fremder Willen errungener Sieg hätte die Herrschaftsform fortgesetzt, gegen die er sich richtete.
Über die Mittel, die Alatar dafür zu Gebote standen, sagt die Überlieferung nur das, was sie über alle fünf sagt. Ihre Macht war in den angenommenen Leibern verhüllt, nicht aufgehoben; sie übertrafen die Sterblichen an Geist und Kunstfertigkeit, doch sollte sich das im Rat und im gesprochenen Wort zeigen und nicht in sichtbarer Gewalt. Für Alatar persönlich nennt kein Text eine einzige Tat, kein Werk, keinen Schüler und kein Gerät. Der Vergleich macht die Lücke sichtbar: Mithrandir empfing von Círdan bei seiner Ankunft den Roten Ring und wirkte durch ihn verborgen über Jahrhunderte, Curunír vertiefte sich in die Ringkunde und richtete sich in Isengart eine feste Stellung ein. Von Alatar ist nichts dergleichen bezeugt – weder ein Land noch ein Gefolge noch ein Sitz im Weißen Rat.
Ebenso deutlich sind die Grenzen bezeichnet. Der sterbliche Leib machte die Gesandten nicht nur müde und verwundbar, er setzte sie auch der Gefahr aus, den Auftrag über der eigenen Absicht zu vergessen; dass diese Gefahr keine bloße Möglichkeit blieb, zeigt der Fall Curunírs, der seine Kunst zuletzt gegen den Zweck kehrte, für den sie ihm gelassen worden war. Hinzu kommt eine Grenze der Kenntnis: Was Alatar mit dem ihm Verbliebenen ausrichtete, entzieht sich jeder Prüfung, weil die Aufzeichnungen des Westens den Osten nicht erreichten. Für ihn lässt sich daher weder ein Gelingen noch ein Versagen an dem Maßstab messen, den der Auftrag setzt. Alles, was über sein Vermögen gesagt werden könnte, wäre Schluss aus der Zugehörigkeit zum Orden, nicht Bericht über einen Träger von Macht.
Beziehungen
Unter den Mächten des Westens steht Alatar allein Orome nahe, und diese Zuordnung ist das Einzige, was ihn innerhalb des Ordens persönlich kennzeichnet. Orome ist derjenige der Herren von Valinor, der in den frühen Zeitaltern am häufigsten über das Meer ritt und die Geschöpfe Melkors in den noch dunklen Wäldern verfolgte; von ihm wurden die Elben an ihrem Erwachen gefunden und nach Westen gewiesen. Ein Bote aus seinem Umkreis trägt damit eine andere Prägung als der Erwählte des Schmiedes Aule oder der Begleiter, den Yavanna erbat, deren Sorge den Werken der Hand und den wachsenden Dingen galt. Was aus dieser Nähe im Osten wurde, verzeichnet keine Quelle; die Verbindung bleibt einseitig, denn eine Rückmeldung des Gesandten an den Sendenden ist nirgends bezeugt.
Die zweite Bindung, und die einzige selbst gewählte, ist die an Pallando. Ein Anlass oder eine Vorgeschichte wird nicht mitgeteilt, nur der Beweggrund: Freundschaft. Ihre Folgen sind gleichwohl erheblich, denn von der Überfahrt an treten die beiden nirgends getrennt auf, keine Handlung wird dem einen vor dem anderen zugeschrieben, und selbst die Vermutungen über ihr Ende gelten stets beiden zugleich. Wie viel darin liegt, zeigt der Gegenfall: Das von außen gestiftete Nebeneinander von Curumo und Aiwendil hielt nicht stand. Curunír sprach in späteren Zeiten mit offener Geringschätzung von Radagast, hielt ihn für einfältig und bediente sich seiner ahnungslos als Lockmittel, um Mithrandir nach Isengart zu bringen.
Auffälliger als das Vorhandene ist das Fehlende. Für Alatar nennt keine Quelle einen Verbündeten unter den Völkern Mittelerdes – kein Königshaus, keinen Elbenherrn, keinen Schüler, keinen Gastgeber. Der Weiße Rat, in dem Curunír, Mithrandir, Galadriel, Elrond und Círdan zusammentraten, zeigt im Vergleich, welches Geflecht ein im Westen gebliebener Istar knüpfen konnte; Alatars Aufbruch nach Osten hat ihn aus jedem solchen Geflecht herausgenommen. Ebenso fehlt ein benannter Gegenspieler: Sauron erscheint in seinem Zusammenhang nur als der Feind, gegen den die Sendung überhaupt ergangen war, und als die nicht ausgeschlossene Möglichkeit, dass die beiden ihm zuletzt anheimfielen. Es bleibt eine Gestalt aus zwei Linien – einer, die ihn beauftragt, und einer, die er selbst gewählt hat.
Entwürfe und Varianten
Die veröffentlichten Entwürfe zeigen, dass Tolkien die beiden Blauen Zauberer spät noch einmal grundlegend anders gedacht hat. In einer seiner letzten Aufzeichnungen zu diesem Gegenstand, abgedruckt im zwölften Band der History of Middle-earth, tragen sie nicht die valinorischen Namen Alatar und Pallando, sondern Morinehtar und Rómestámo, gedeutet als „Dunkelheitstöter“ und „Osthelfer“. Welcher der beiden Namen auf welche Person zu beziehen wäre, sagt der Text nicht; er behandelt sie durchweg als Paar. Verschoben ist auch der Zeitpunkt ihres Kommens: Sie treten nicht mit den übrigen Gesandten im Dritten Zeitalter auf, sondern bereits im Zweiten, um jene Jahre, in denen der Eine Ring geschmiedet wurde, und in zeitlicher Nähe zu Glorfindels Rückkehr nach Mittelerde. Damit entfällt zugleich die Rahmenerzählung vom Rat der Valar, aus der sich sonst die Zuordnung zu Orome ergibt.
Ebenso verschieden fällt die Bewertung ihres Wirkens aus. Die Notiz weist ihnen einen eigenen Auftrag im Osten und Süden zu: Sie sollten die Völker, die unter Saurons Herrschaft standen, ihm abspenstig machen und die dort gesammelte Macht schwächen, damit der Westen nicht der ungeteilten Übermacht des Ostens gegenüberstünde. Ihr Erfolg wird dabei nicht offengelassen, sondern behauptet – ohne ihren Anteil, so der Gedanke, wäre der Krieg gegen Sauron im Westen nicht zu gewinnen gewesen. Weder das ungewisse Ende noch der Verdacht des Abfalls, die die andere Fassung nebeneinanderstellt, kommen hier vor. Christopher Tolkien hat die Entwicklungsstufen unausgeglichen nebeneinander stehen lassen; eine abschließende Überarbeitung, die eine von ihnen ersetzt hätte, existiert nicht. Für Alatar heißt das, dass zwei unvereinbare Bilder überliefert sind: der willig vortretende Bote, dessen Weg sich im Osten verliert, und der früh entsandte Widerpart Saurons, dessen Wirken als entscheidend gilt.