Name und Ursprung des Rates
Der Weiße Rat war kein Volk mit eigener Abstammung, sondern eine Versammlung. Sein Name beschreibt deshalb weniger eine Herkunft als einen Kreis von Personen. Die Überlieferung kennt zwei gleichrangige Bezeichnungen: „Weißer Rat“ und „Rat der Weisen“. Die zweite knüpft an einen festen Sprachgebrauch der späteren Drittzeitalter-Chroniken an. Dort meint „die Weisen“ jene kleine Gruppe von Eldar und Istari, die das Wissen um die alten Mächte bewahrte und das Wiedererstarken des Feindes zu deuten vermochte. Schon im „Hobbit“ erscheint die Versammlung, ohne einen festen Namen zu tragen. Dort ist nur umschreibend von einer großen Beratung weißer Zauberer die Rede, von Meistern der Kunde und der guten Magie. Aus dieser Umschreibung ging der spätere Eigenname hervor.1
Die Gründung steht am Ende einer langen Vorgeschichte, die die Zeittafel der Anhänge knapp festhält. Um das Jahr 2060 fürchteten die Weisen erstmals, die Macht in Dol Guldur könne der zurückgekehrte Sauron sein. Wenig später suchte Gandalf die Festung auf, und der Schatten wich nach Osten aus. Damit begann der sogenannte Wachsame Friede, der rund vier Jahrhunderte währte. Als der Feind um 2460 mit gewachsener Stärke nach Dol Guldur zurückkehrte, blieb es nicht bei einzelnen Erkundungen. Wenige Jahre später verzeichnet die Chronik die Bildung des Rates als eigene Einrichtung.2
Nach der Darstellung im „Silmarillion“ vereinte der Rat Herren der Eldar aus verschiedenen Reichen, darunter Círdan von den Grauen Anfurten, mit zwei Angehörigen des Ordens der Istari. Diese beiden waren Mithrandir und Curunír, wie Gandalf und Saruman bei den Elben hießen. Curunír erhielt den Vorsitz, weil er sich am längsten mit den Künsten und Plänen Saurons befasst hatte. Die Unvollendeten Geschichten zeigen außerdem, dass der Rat keine ständig tagende Körperschaft war. Seine Mitglieder lebten weit verstreut und kamen nur zu einzelnen Zusammenkünften zusammen. Für manche von ihnen waren diese Treffen fast die einzige Gelegenheit, einander überhaupt zu begegnen.3
Geschichte des Rates
Wer den Anstoß zur Gründung gab, sagt Galadriel später selbst. Im Gespräch am Spiegel in Lothlórien erklärt sie, sie habe den Rat als Erste einberufen. Wäre es nach ihr gegangen, hätte Gandalf ihn geleitet. Der Grauwanderer lehnte das Amt jedoch ab. Nach der Überlieferung wollte er an keinen Ort und an keine Bindung gefesselt sein und niemandem verpflichtet als denen, die ihn gesandt hatten. So fiel der Vorsitz um 2463 an Saruman, und diese Entscheidung sollte die Geschichte der Versammlung bis zu ihrem Ende prägen.1
Über die ersten Jahrhunderte des Rates schweigen die Chroniken weitgehend. Einen Wendepunkt verzeichnen sie erst für das Jahr 2850. Gandalf wagte sich ein zweites Mal nach Dol Guldur hinein und fand dort Gewissheit, dass der Herr der Festung tatsächlich Sauron war. Dieser sammelte die Ringe der Macht, forschte nach dem Einen und suchte nach dem Erben Isildurs. In den Kerkern traf Gandalf auf den sterbenden Zwergenkönig Thráin und empfing von ihm Karte und Schlüssel, die später für die Fahrt zum Erebor Bedeutung gewannen.2
Im folgenden Jahr, 2851, trat der Rat zusammen. Gandalf drängte darauf, Dol Guldur anzugreifen, solange der Feind noch nicht zu voller Stärke gelangt war. Saruman jedoch setzte sich mit seinem Einwand durch, und die Versammlung beschloss, abzuwarten. Zugleich begann er insgeheim, in der Gegend der Schwertelfelder zu suchen, wo Isildur einst den Ring verloren hatte. Das „Silmarillion“ deutet sein Verhalten als Ausdruck eines verborgenen Wunsches: Er begehrte den Einen Ring inzwischen für sich selbst und hoffte, er werde sich zeigen, wenn sein Meister sich rege.3
Erst neunzig Jahre später kam es zur Tat. 2941, im Jahr von Thorins Fahrt und Bilbos Abenteuer, beriet der Rat erneut, und diesmal stimmte Saruman dem Angriff zu. Der Grund lag nicht in einem Sinneswandel, sondern in eigenem Kalkül: Er wollte verhindern, dass Sauron seinerseits den Anduin nach dem Ring absuchte. Der Nekromant gab seine Festung im südlichen Düsterwald auf. Die Zeittafel vermerkt allerdings, dass er seine Pläne längst geschmiedet hatte, bevor er wich. Im „Hobbit“ erklärt sich so Gandalfs lange Abwesenheit von der Zwergengesellschaft.4
Der Erfolg war kurzlebig. 2951 trat Sauron in Mordor offen hervor, ließ Barad-dûr wieder errichten und schickte drei der Nazgûl, um Dol Guldur erneut zu besetzen. Zwei Jahre später, 2953, versammelte sich der Rat zum letzten Mal, und im Mittelpunkt der Aussprache standen die Ringe. Saruman gab vor, herausgefunden zu haben, dass der Eine Ring den Anduin hinab ins Meer gelangt sei. Danach zog er sich nach Isengart zurück, nahm es als eigenen Besitz in Anspruch und befestigte es. Aus Neid und Furcht ließ er fortan Gandalfs Wege durch Späher beobachten und nahm dabei auch dessen Anteilnahme am Auenland wahr.5
Eine weitere Zusammenkunft ist nicht bezeugt; der Rat zerfiel, ohne förmlich aufgelöst zu werden. Seine Mitglieder handelten von nun an jeder für sich, und das Misstrauen gegenüber dem Vorsitzenden wuchs, ohne dass man seine Absichten schon durchschaute. Rückblickend räumte Gandalf in Bruchtal ein, dass auch er sich zu lange auf Sarumans Ringkunde verlassen und eigene Zweifel zurückgestellt hatte. Als dort 3018 über das Schicksal des Ringes beraten wurde, geschah dies in einem neuen Kreis, dem der frühere Vorsitzende nicht mehr angehörte. Der Weiße Rat endete damit nicht durch den Feind von außen, sondern an der Spaltung in seiner eigenen Mitte.6
- 1Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 7; Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age
- 2Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 3Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age
- 4Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Hobbit, Kapitel 19, The Last Stage
- 5Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 6Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 2; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
Wege und Werke der Weisen
Anders als die Reiche, aus denen seine Mitglieder kamen, besaß der Weiße Rat weder Land noch Heer. Er wirkte ausschließlich durch das, was seine Teilnehmer wussten, beobachteten und einander mitteilten. Für die beiden Istari unter ihnen war diese Zurückhaltung Teil ihres Auftrags. Nach den Anhängen waren die Zauberer gesandt worden, um den Widerstand gegen Sauron zu wecken. Es war ihnen jedoch verwehrt, seiner Macht mit gleicher Macht zu begegnen oder Elben und Menschen durch Zwang und Furcht zu lenken. So verstand sich der Rat eher als Kreis der Deutung und des Rates im Wortsinn denn als Werkzeug der Herrschaft. Die Kraft zum Handeln lag bei den Fürsten, die heimkehrten und in ihren eigenen Ländern entschieden.1
Was den Rat zusammenhielt, war zugleich sein bestgehütetes Geheimnis: Drei der Weisen verwahrten die Elbenringe. Elrond und Galadriel trugen je einen davon. Frodo erkennt Nenya in Lothlórien an Galadriels Hand, und sie bestätigt ihm, was er gesehen hat. Dass auch Gandalf einen der Drei besaß, zeigt sich offen erst bei der Abfahrt von den Grauen Anfurten. Dort trägt er den roten Ring sichtbar am Finger. In Bruchtal betont Elrond, die Drei seien nicht als Waffen geschaffen worden. Galadriel aber sieht klar, dass ihr Wirken an das Geschick des Einen gebunden ist. Fiele dieser an Sauron, lägen ihre Gedanken bloß vor ihm; würde er zerstört, verginge, was die Drei bewahrt hatten. Das Wissen um den Ring, mit dem sich der Rat befasste, berührte seine Mitglieder deshalb unmittelbar.2
Das „Silmarillion“ bestimmt die Absicht der Drei genauer. Sie dienten dem Verstehen, dem Schaffen und Heilen, und sie sollten die Dinge der Welt vor Verfall bewahren, nicht beherrschen. Darin zeigt sich das Verhältnis der elbischen Mitglieder zur Zeit. Ihr Streben galt dem Erhalt des Gewordenen gegen das Vergehen, nicht dem Gewinn neuer Macht. Sarumans Kunde war anders ausgerichtet. Sie galt dem Handwerk der Ringe selbst und damit gerade jener Kunst, aus der Saurons Stärke erwachsen war. Nach den Unvollendeten Geschichten hatte Círdan seinen Ring schon früh an Gandalf gegeben. Saruman erfuhr später davon und nahm es ihm übel. Unter der gemeinsamen Beratung lag so von Anfang an eine Ungleichheit des Wissens und des Vertrauens.3
Die im Rat vertretenen Geschlechter
Da der Weiße Rat eine Versammlung einzelner Personen war, lassen sich Sippen und Häuser in ihm nur über die Herkunft seiner Mitglieder fassen. Die Überlieferung nennt zwei Gruppen: Fürsten der Eldar und Abgesandte aus dem Westen. Menschen oder Zwerge werden unter den Teilnehmern nicht genannt, obwohl der Rat über Dinge beriet, die auch ihre Reiche betrafen. Innerhalb der elbischen Seite verbanden sich Linien von sehr verschiedener Geschichte, die auf den Ältesten Tagen jenseits des Meeres und in Beleriand zurückgingen.1
Elrond war nach dem Stammbaum weder rein elbisch noch sterblich. Als Sohn Earendils vereinte er Abkunft aus Häusern der Elben und der Menschen. Ihm war die Wahl gegeben, welchem Geschlecht er zugerechnet werden wollte, und er entschied sich für die Erstgeborenen. Galadriel gehörte zu den Noldor und stammte aus dem Haus Finarfins. Sie zählte zu den Letzten, die einst aus Valinor nach Mittelerde gezogen waren und dort noch verweilten. Círdan, dessen Herrschaft im Rat bereits erwähnt wurde, entstammte dagegen den Teleri, die Mittelerde nie verlassen hatten. So saßen im Rat Vertreter aller drei großen Wege, die die Eldar seit ihrem Erwachen genommen hatten.2
Die Istari bildeten keine Sippe im eigentlichen Sinn, sondern einen Orden. Nach der Zeittafel tauchten sie um das Jahr 1000 des Dritten Zeitalters in Mittelerde auf. Die Unvollendeten Geschichten bestimmen ihre Natur näher: Sie waren Maiar, also Geister vom Geschlecht der Valar-Diener, die in der Gestalt alter Männer über das Meer gekommen waren. Ihre Herkunft lag damit außerhalb aller Häuser der Kinder Ilúvatars. Im Rat trafen sie auf die elbischen Fürsten nicht als Verwandte, sondern als Boten einer Macht, der auch die Eldar einst gefolgt waren.3
Der Rat in der Erzählung
Im „Hobbit“ bleibt der Rat fast unsichtbar. Er gehört zu jener größeren Welt, die hinter dem Rand der Erzählung liegt und nur in Andeutungen hereinragt. Erst auf der Heimreise in Bruchtal erfährt Bilbo, wohin der Zauberer verschwunden war und dass der Nekromant aus seiner Feste vertrieben wurde. So verbindet sich die Geschichte eines Drachenschatzes beiläufig mit dem Kampf gegen eine ältere Macht. Der nachgelassene Bericht über die Fahrt zum Erebor macht diesen Zusammenhang später ausdrücklich. Gandalf erscheint dort als einer, der sich nicht allein auf die zögernde Versammlung verließ, sondern fürchtete, Sauron könne den Drachen gegen die Reiche des Nordens einsetzen, und der deshalb auf eigene Verantwortung ein kleines Unternehmen neben dem großen in Gang setzte.1
Im „Herrn der Ringe“ ist der Rat bereits Vergangenheit. Er begegnet nur in Rückblicken, vor allem in Gandalfs langem Bericht vor der Versammlung in Bruchtal, und erhält so den Rang einer Vorgeschichte, deren Versäumnisse auf der Gegenwart lasten. Die Erzählung stellt ihm dort eine Beratung anderer Art gegenüber. In Elronds Kreis sitzen Elben, Menschen, Zwerge und Hobbits beisammen, und die Last fällt am Ende nicht einem der Mächtigen zu, sondern einem Halbling, der sich selbst dafür meldet. Das Buch verschiebt damit das Gewicht vom Wissen der Wenigen auf die Bereitschaft der Geringen.2
Wofür der Rat steht, zeigt sich am deutlichsten an seinem Vorsitzenden. Elrond gibt in Bruchtal zu bedenken, dass die tiefe Beschäftigung mit den Künsten des Feindes gefährlich sei, gleich in welcher Absicht; Saruman ist das Beispiel dafür. In Orthanc hatte er Gandalf ein Bündnis mit der aufsteigenden Macht angetragen und es als Weg zu Wissen und Ordnung ausgegeben. Die übrigen Weisen bestehen ihre Probe dagegen durch Verzicht: Gandalf weist den Ring zurück, als Frodo ihn ihm im Auenland anbietet, und auch Galadriel lehnt ihn in Lothlórien ab. So wird der Rat zum Bild einer Weisheit, deren Stärke im Nicht-Ergreifen der Macht liegt und deren Versagen dort beginnt, wo Wissen in Begehren umschlägt.3
Der Rat in den Verfilmungen
Als handelnde Versammlung erscheint der Rat erst in Peter Jacksons dreiteiliger Verfilmung des „Hobbit“. Die Filme besetzen ihn mit vier Gestalten: Ian McKellen spielt Gandalf, Christopher Lee Saruman, Hugo Weaving Elrond und Cate Blanchett Galadriel. Alle vier übernahmen damit Rollen, die sie schon in Jacksons früherer Trilogie nach dem „Herrn der Ringe“ verkörpert hatten; dort tritt der Rat selbst jedoch nicht als Gremium auf. Círdan und die übrigen Fürsten der Eldar, die die Überlieferung dem Kreis zurechnet, fehlen. So schrumpft die Versammlung auf jene Figuren, die dem Kinopublikum bereits vertraut waren. Zugleich verlegen die Filme eine Zusammenkunft nach Bruchtal, in die Tage, in denen Thorins Gesellschaft dort rastet, und verknüpfen Beratung und Zwergenfahrt damit enger, als es der Roman tut.1
Die gewichtigste Abweichung betrifft den Wissensstand der Weisen. Im Buch war seit Gandalfs zweiter Erkundung geklärt, wer in Dol Guldur herrschte; die Filme halten diese Frage bis in die Handlung des Jahres 2941 offen und lassen Saruman die Warnzeichen als unbegründet abtun. Hinzuerfunden ist außerdem eine Gefangenschaft Gandalfs in der Festung, die Tolkien für dieses Jahr nicht kennt. Den Angriff auf den Nekromanten, von dem der Roman nur im Rückblick erfährt, gestalten die Filme als offenen Kampf, an dem Galadriel, Elrond und Saruman persönlich beteiligt sind. Dabei treten bereits Ringgeister in Erscheinung, obwohl nach der Zeittafel erst ein Jahrzehnt später drei von ihnen nach Dol Guldur entsandt wurden. Die Verfilmung macht so aus einer im Hintergrund gefassten Entscheidung einen sichtbaren Handlungsstrang neben der Fahrt zum Erebor.2