Name und Herkunft

„Maiar“ (Einzahl „Maia“) ist ein Quenya-Wort und der Sammelname, unter dem die Valaquenta des Silmarillion jene Geisterschar fasst, die neben den Valar zu den Ainur zählt, jedoch von geringerem Rang und geringerer Macht ist. Der Name bezeichnet damit in erster Linie eine Rangstufe innerhalb der Ainur, nicht einen selbstgewählten Eigennamen: Ein Wort, mit dem sich diese Geister selbst benannt hätten, wird in den Überlieferungen nicht genannt.

Wie die Valar gehören auch die Maiar zu den Ainur, jenen Geistern, deren Dasein schon vor der Erschaffung der Welt im großen Gesang begann, mit dem Ilúvatar den Plan Ardas offenbarte. Als die Valar sich entschlossen, in die Welt einzugehen, um sie nach diesem Plan zu gestalten, folgte ihnen eine große Zahl von Maiar; ursprünglich reine, gestaltlose Geister, nahmen sie dabei – wie die Valar selbst – Form und Gestalt an, um in Arda wirken und den späteren Kindern Ilúvatars begegnen zu können.

Innerhalb dieser Schar trugen einzelne Maiar in der Überlieferung der Elben eigene Namen, die zumeist ihr Amt oder Wirken widerspiegeln: Eonwe etwa, Herold und Bannerträger Manwes, verdankt seinen Namen dieser Aufgabe, während Arien, die die Sonne lenkte, und Tilion, der den Mond geleitete, nach ihrem jeweiligen Wirken benannt sind. Solche Namen wurden in der Sprache Valinors geprägt und erst später, wenn ein Maia dauerhaft unter den Kindern Ilúvatars in Mittelerde wirkte, um weitere, in deren eigenen Sprachen geschaffene Namen ergänzt. „Maiar“ blieb dabei stets die übergeordnete Bezeichnung der Ordnung, kein Beiname des Einzelnen.

Geschichte

Schon in den Frühzeiten Ardas, als die Valar mit ihren Maiar an der Gestaltung der Welt arbeiteten, erwies sich die Zugehörigkeit zu dieser Ordnung nicht als Bürgschaft für Beständigkeit. Melkor, selbst der mächtigste unter den Ainur, gewann eine Reihe von Maiar für seine eigenen Absichten, indem er ihnen Anteil an Macht und Wissen versprach. Unter den so Verführten war ein Geist aus dem Gefolge Aules, der später unter dem Namen Sauron zu Melkors mächtigstem und getreuestem Diener aufstieg. Andere folgten ihm auf ähnlichen Wegen, sodass sich früh eine Kluft innerhalb der Maiar auftat zwischen jenen, die den Valar treu blieben, und jenen, die sich Melkors Willen unterwarfen.

Eine der Maiar, Melian, verließ schon in den Zeiten vor dem Erwachen der Elben ihr Wirken in den Gärten Lóriens und wanderte ungebunden zwischen Valinor und den dämmrigen Wäldern des fernen Mittelerde. In Nan Elmoth begegnete sie dem Sindar-Fürsten Thingol, verband sich mit ihm und wurde an seiner Seite Königin von Doriath. Um dieses Reich webte sie mit ihrer Macht die Girdel von Melian, ein unsichtbares Bollwerk, das Doriath über viele Jahrhunderte des Ersten Zeitalters hindurch vor dem Zugriff Morgoths und seiner Diener bewahrte, während andere Reiche der Elben und Menschen in Beleriand nacheinander fielen.

Zu den Maiar, die sich ganz Melkors Herrschaft unterworfen hatten, zählten auch jene Geister des Feuers, die in seinem Dienst zu den furchtbaren Balrogs wurden, gehüllt in Schatten und Flamme. Sie kämpften an vorderster Front in den großen Schlachten Beleriands und zählten zu den gefürchtetsten Waffen Morgoths gegen Elben und Menschen. Als am Ende des Ersten Zeitalters die Heere Valinors im Krieg des Zorns gegen Morgoth zu Feld zogen, wurde die Herrschaft Angbands gebrochen und mit ihr die Macht fast aller Balrogs vernichtet, sodass nur vereinzelte Geister dieser Art dem Untergang entkamen und sich in verborgenen Tiefen der Erde verbargen.

Sauron selbst entzog sich der endgültigen Vernichtung im Krieg des Zorns und verbarg sich zunächst, ehe er im Zweiten Zeitalter unter schöner Gestalt erneut in Mittelerde hervortrat. In Eregion gewann er das Vertrauen der elbischen Schmiede und half ihnen bei der Kunst, die Ringe der Macht zu schaffen, während er insgeheim den Einen Ring schmiedete, um durch ihn die anderen zu beherrschen. Als sein Verrat offenbar wurde, entbrannten lange Kriege zwischen ihm und den Elbenreichen, und erst das Letzte Bündnis von Elben und Menschen vermochte am Ende des Zweiten Zeitalters seine Gestalt zu stürzen und ihn für lange Zeit aus der sichtbaren Welt zu vertreiben.

Als Saurons Schatten im Dritten Zeitalter erneut über Mittelerde zu wachsen begann, sandten die Valar fünf Maiar in der Gestalt betagter, sterblich wirkender Männer aus, um Elben, Menschen und die anderen freien Völker im Widerstand gegen ihn zu bestärken, ohne selbst mit offener Macht oder Herrschaft aufzutreten. Zu diesen Istari zählten Gandalf, Saruman und Radagast, die im Westen Mittelerdes wirkten, sowie zwei weitere, als Blaue Zauberer bekannte Maiar, die in den fernen Osten zogen und über deren weiteres Schicksal in den überlieferten Berichten kaum etwas verzeichnet ist.

Am Ende des Dritten Zeitalters, als der Eine Ring im Feuer des Schicksalsberges vernichtet wurde, verlor Sauron endgültig die Kraft, je wieder eine wahrnehmbare Gestalt anzunehmen, und schied als bloßer, machtloser Schatten aus der Geschichte Mittelerdes. Während sein Weg und der der ihm gefolgten Balrogs und Istari zu den bekanntesten Kapiteln der Maiar zählt, wirkten zugleich zahllose andere ihrer Ordnung, wie Osse und Uinen an den Küsten der Meere, über die gesamten Zeitalter hinweg still im Dienst ihrer Valar fort, ohne dass ihr Wirken in eigenen, ausführlichen Erzählungen festgehalten wurde.

Wesen, Werk und Wandelbarkeit

Ihrem Wesen nach sind die Maiar reine Geister ohne eigenen Leib; erst beim Eintritt in Arda legten sie sich Gestalten zu, die es ihnen erlaubten, in der sichtbaren Welt zu wirken und den späteren Kindern Ilúvatars zu begegnen. Anders als Elben oder Menschen waren sie an diese Hüllen nicht gebunden, sondern konnten sie nach eigenem Willen ablegen, verändern oder ganz meiden. Diese Freiheit war jedoch nicht unbegrenzt: Wer einen erheblichen Teil seiner ursprünglichen Kraft in ein Werk außerhalb seiner selbst investierte oder, wie später die als Istari gesandten Maiar, durch fremden Willen in Gestalt und Vermögen eingeschränkt wurde, blieb fortan enger an die angenommene Form gefesselt, als es seiner eigentlichen Natur entsprach.

Ihr Wirken in Arda folgte meist den Fähigkeiten und Neigungen, die sie schon vor dem Eintritt in die Welt mit dem jeweiligen Vala verbanden, dem sie sich zugesellt hatten. So waren manche als Schmiede und Handwerker in der Gefolgschaft Aules geschult, andere als Heiler und Kenner von Kraut und Wachstum den Gärten Estes und Vánas nahe, wieder andere Meister von Wind, Woge oder Flamme. Anders als die Valar traten sie einzeln selten in großer Macht hervor; ihr Beitrag zur Gestaltung Ardas lag vor allem in solcher zugeordneten, oft im Verborgenen verrichteter Arbeit, die den Werken ihrer Herren erst zur Vollendung verhalf.

Sterblichkeit im Sinne der Kinder Ilúvatars kannten die Maiar nicht; ihre Lebensspanne war an das Bestehen Ardas selbst gebunden, und sie erlebten dessen Zeitalter nicht als Folge kurzer, abgeschlossener Leben, sondern als fortwährende Gegenwart. Gleichwohl waren sie nicht unverletzlich: Ihre angenommene Gestalt ließ sich zerstören, und wer, wie Sauron es tat, eigene Kraft dauerhaft in ein Werk außerhalb seiner selbst goss, minderte damit sein Wesen auf eine Weise, von der in den Überlieferungen keine Umkehr berichtet wird. In ihrer ursprünglichen, unter den Ainur gebräuchlichen Sprache verständigten sie sich untereinander, nahmen jedoch, sobald sie dauerhaft unter Elben oder Menschen wirkten, häufig deren Sprachen und Namen an.

In der Erzählung

Innerhalb der eigentlichen Erzählung von Der Hobbit und Der Herr der Ringe fällt der Sammelbegriff „Maiar“ praktisch nie; Gandalf, Saruman und Radagast begegnen Hobbits und Lesern zunächst nur als reisende, alt wirkende Männer, deren wahre Herkunft der fortlaufende Text kaum benennt und erst in den Anhängen knapp als Sendung aus dem Westen erklärt wird. Dieses Verschweigen lässt Gandalfs Wissen und seine gelegentlich aufblitzende Macht zunächst als kaum greifbares Geheimnis erscheinen. Denselben Effekt erzeugt umgekehrt der namenlose Balrog von Khazad-dûm, dessen wahre Natur der Gefährtenschaft verborgen bleibt und sich erst in Gandalfs eigenem Erkennen des Gegners auf der Brücke andeutet – ein Zusammentreffen zweier Geister derselben uralten Ordnung, doch entgegengesetzter Bindung.

Im Silmarillion erfüllen die Maiar eine andere erzählerische Funktion: Sie bilden die Brücke, über die das ferne Wirken der Valar in die persönlich erzählten Schicksale von Elben und Menschen hineinreicht. Am deutlichsten geschieht dies in Melian, die durch ihre Bindung an Thingol und ihre Mutterschaft für Lúthien selbst zur handelnden Figur einer höfischen, persönlichen Geschichte wird, statt fern und unbeteiligt zu bleiben. Über Lúthien und deren Verbindung mit dem sterblichen Beren führt diese Linie bis zu den halb-elbischen Nachkommen, die weit über das Erste Zeitalter hinaus die Handlung des Legendariums mittragen.

Dass Sauron und Gandalf derselben geistigen Ordnung entstammen, wird im Text nie ausdrücklich erklärt, doch ihr Gegensatz prägt die moralische Statik der Erzählung: Wo der eine seine Macht in beherrschende Werke wie den Einen Ring gegossen hat, tritt der andere bewusst als zurückhaltender Ratgeber auf. Besonders deutlich wird dies, als Gandalf in Beutelsend Frodos Angebot, den Ring an sich zu nehmen, entschieden zurückweist, aus Furcht, durch ihn selbst zu einem furchtbaren Herrscher zu werden. Sarumans Weg, der aus ähnlicher Sendung in Verrat und eigener Ringsucht endete, zeigt zudem, dass Herkunft allein keinen Schutz vor demselben Abgrund bietet. So steht das Wirken der Maiar in der Erzählung weniger für eine feste Rangordnung als für die stets neu zu treffende Entscheidung zwischen Dienst und Herrschaft.

Entwürfe und Varianten

In den frühesten Fassungen der Mythologie, den Verlorenen Geschichten, existierte die feste zweistufige Ordnung von Valar und Maiar noch nicht. Geister von der Art der späteren Maiar erscheinen dort lose als „Feen“ oder Wesen aus dem Gefolge der Götter, ohne dass ein eigener Rangbegriff sie von den Valar scheidet. Am deutlichsten zeigt sich dies an der Vorläuferin Melians: Sie trägt in der Geschichte von Tinúviel den Namen Gwendeling (auch Wendelin) und wird als Feenkönigin der Wälder eingeführt, verbunden mit Tinwelint, der Frühform Thingols, doch ohne die spätere Bezeichnung als Maia oder die genealogische Präzision, mit der das Silmarillion ihre Herkunft aus dem Volk der Ainur festlegt.

Der Begriff „Maiar“ selbst gehört zu den späten Schichten von Tolkiens Werk und fehlt den Entwürfen der Zwischenkriegs- und Kriegsjahre noch. Erst in der Überarbeitung der Quenta Silmarillion nach Abschluss des Herrn der Ringe, wie sie Christopher Tolkien aus den Schreibtischpapieren rekonstruiert, tritt die feste Unterscheidung zwischen den großen Valar und den ihnen dienenden, geringeren Ainur klar hervor und erhält mit „Maiar“ ihren endgültigen Namen. Vor dieser Systematisierung wurden entsprechende Geister meist schlicht als Angehörige oder Volk der Valar bezeichnet, ohne dass ein eigenständiger Ordnungsbegriff für sie bestand; die schärfere begriffliche Trennung war also das Ergebnis jahrzehntelanger Überarbeitung, nicht eine von Anfang an feststehende Struktur des Legendariums.