Herkunft und Namen

Der Name Angelimir gehört dem Fürstenhaus von Dol Amroth an, dessen Angehörige eine eigene, untereinander erkennbar verwandte Namensreihe tragen. Eine Deutung liefert der überlieferte Text nicht: Weder wird das Wort übersetzt noch in seine Bestandteile zerlegt, und es lässt sich nicht ohne Weiteres aus dem Sindarin auflösen, das sonst die Benennung in Gondor prägt. Hinzu kommt eine Schwankung der Schreibung, die dem Leser zuerst auffällt: Die gedruckte Fassung der Unfinished Tales führt ihn sowohl im Text als auch im Register unter der Form Angelimar, während die maßgebliche Gestalt des Namens Angelimir lautet. Wer die Stelle nachschlägt, muss also mit zwei Formen desselben Trägers rechnen; die Abweichung ist eine Frage der Textgeschichte, nicht der Sprache.

Angelimir ist ein Mensch und gehört zu den Dúnedain Gondors, genauer zu dem Fürstengeschlecht, das in Belfalas über Dol Amroth gebietet. Die Überlieferung des Hauses zählt ihn als zwanzigsten Fürsten in ununterbrochener Abfolge von Galador, dem ersten Herrn von Dol Amroth. Dieser Galador wiederum galt als Sohn Imrazôrs, eines Númenórers, der in Belfalas saß, und der Elbin Mithrellas, die zum Gefolge Nimrodels gehörte und nach deren Verschwinden im Süden zurückblieb. Damit steht am Anfang des Hauses eine Verbindung von menschlicher und elbischer Abkunft, und die Fürsten führen ihren Rang nicht auf eine Verleihung, sondern auf diese Ahnenreihe zurück.

Innerhalb dieser Reihe steht Angelimir unmittelbar vor den Namen, die aus dem Ringkrieg vertraut sind: Sein Sohn ist Adrahil, und dessen Kinder sind Imrahil, der zur Zeit des Krieges in Dol Amroth herrscht, und Finduilas, die Denethor zur Frau nahm. Der Herr des Roten Buches nennt Adrahil an dieser Stelle beiläufig, ohne dessen Vater zu erwähnen, sodass Angelimir erst aus den späteren Aufzeichnungen zur Geschichte des Hauses hervortritt. Eine Bestätigung der elbischen Herkunftssage von außen findet sich gleichwohl im Erzähltext selbst, wo Legolas dem Volk Imrahils einen Einschlag von Elbenblut anmerkt — eine Beobachtung, die genau jene Abstammung voraussetzt, auf die sich Angelimirs Haus beruft.

Geschichte

Die Zeitrechnung des Hauses, in dem Angelimir seinen Platz hat, setzt spät im Dritten Zeitalter ein. Im Jahr 1981 verließen viele der Waldelben Lóriens ihre Wohnstätten und zogen nach Süden; in demselben Jahr gingen Amroth und Nimrodel verloren, er auf See vor der Küste von Belfalas, sie zuvor im Gebirge. Der Hügel über der Bucht trägt seither den Namen des verlorenen Herrn, und die Aufzeichnung, die das Fürstenhaus zählt, setzt Galadors Lebenszeit auf die Jahre 2004 bis 2129 — also unmittelbar nach jenen Ereignissen. Von diesem Anfang bis zu Angelimir liegen neunzehn weitere Namen, und damit rund neun Jahrhunderte: Seine Zeit fällt in die letzten Menschenalter vor dem Ringkrieg.

Gondor stand in diesen Jahrhunderten unter der Herrschaft der Truchsessen, und die Fürsten von Dol Amroth gehörten zu den ersten unter den Lehnsherren des Südens, die dem Truchsess Volk und Schiffe stellten. Die Küstenlande waren dabei nicht bloß Hinterland: Von Umbar her machten die Korsaren die See unsicher, bis Thorongil im Jahr 2980 mit einer kleinen Flotte in ihren Hafen einbrach, den Herrn der Häfen erschlug und die Schiffe verbrannte. Wer in diesen Jahrzehnten in Dol Amroth gebot, hatte also die südliche Seeflanke des Reiches zu hüten, während die Hauptlast der Landverteidigung östlich auf Osgiliath und den Anduin fiel. Der gedruckte Bericht nennt bei alldem keinen Fürsten mit Namen, sodass sich Angelimirs Anteil daran nicht bestimmen lässt.

Der eine Vorgang, der das Haus in diesen Jahren erkennbar mit der Geschichte des Reiches verknüpft, ist eine Heirat. Im Jahr 2976 nahm Denethor, der Sohn Ecthelions II., Finduilas von Dol Amroth zur Frau, die Tochter Adrahils; zwei Jahre darauf wurde Boromir geboren, 2983 Faramir. Finduilas starb bereits 2988, nach nur zwölf Jahren in Minas Tirith, und die Überlieferung sagt, sie habe sich in der steinernen Stadt nach der See und der freien Luft ihrer Heimat gesehnt. Für das Fürstenhaus bedeutete diese Verbindung, dass die Söhne des Truchsessen zur Hälfte aus Belfalas stammten — eine Nähe, die im Krieg noch eine Rolle spielen sollte. Angelimir gehört der Generation vor Adrahil an; ob er diese Heirat noch erlebte, verzeichnen die veröffentlichten Werke nicht.

Als der Ringkrieg im Jahr 3019 seinen Höhepunkt erreichte, gebot in Dol Amroth bereits Imrahil, Adrahils Sohn. Er zog mit siebenhundert Bewaffneten und seinen Rittern zur Verteidigung von Minas Tirith, führte im Kampf auf dem Pelennor den linken Flügel, übernahm nach Denethors Ende zusammen mit Gandalf die Ordnung der Stadt und ritt später mit dem Heer vor das Schwarze Tor. Daraus folgt für die Abfolge des Hauses zweierlei: Angelimir und nach ihm Adrahil waren vor Kriegsausbruch gestorben, und die Herrschaft war ohne erkennbaren Bruch auf den Enkel übergegangen. Die Reihe, an deren zwanzigster Stelle Angelimir steht, tritt also erst mit dem übernächsten Fürsten in die eigentliche Erzählung ein.

Damit bleibt die Bilanz seiner Geschichte schmal, und sie schmal zu halten ist die genauere Auskunft. Keine Schlacht, kein Vertrag, keine Reise ist ihm zugeschrieben; die einzige veröffentlichte Erwähnung steht in einer Anmerkung zur Herkunft des Hauses und nennt ihn allein als Glied einer Zählung. Auch Jahreszahlen zu seiner Geburt, seinem Regierungsantritt oder seinem Tod sucht man dort vergeblich — was an solchen Daten umläuft, stammt aus nachgelassenen genealogischen Papieren und wird an anderer Stelle dieses Artikels behandelt. Was sich sicher sagen lässt, ist die Stellung: ein Fürst der späten Truchsessenzeit, dessen Bedeutung für die Überlieferung darin besteht, dass durch ihn die Linie von Galador her zu jenen führt, die den Krieg mitkämpften.

Rolle und Wirkungskreis

Was über Angelimir auszusagen ist, betrifft ein Amt und nicht eine Tat: Er trug den Fürstenrang von Dol Amroth, und dieser Rang ist in den veröffentlichten Werken deutlicher beschrieben als jeder einzelne seiner Träger vor dem Ringkrieg. Der Fürst gebietet über Belfalas als erblicher Lehnsherr unter dem Truchsess und stellt auf dessen Aufruf Bewaffnete; als die Lehen des Südens nach Minas Tirith aufbrachen, führte der damalige Fürst ein Gefolge von Rittern und Fußvolk heran, dessen Banner ein Schiff mit Schwanenbug auf blauem Grund zeigte. Der Titel „Fürst“ selbst hebt das Haus aus der Reihe der übrigen Lehnsherren heraus, die im Erzähltext schlicht als Herren ihrer Landschaften erscheinen. Angelimirs Wirkungskreis ist also der eines regionalen Fürsten mit eigener Gefolgschaft, eigener Küste und eigenen Schiffen — nicht der eines Amtsträgers in Minas Tirith.

Die Grenzen dieser Stellung sind im selben Zusammenhang mitgeteilt. Die Lehen des Südens konnten stets nur einen Teil ihrer Streitkraft entsenden, weil die eigenen Küsten gegen die Bedrohung von Umbar her besetzt bleiben mussten; wer in Dol Amroth gebot, verfügte über Männer, die zugleich anderswo gebraucht wurden. Hinzu kommt die staatsrechtliche Schranke: Gondor wurde in diesen Jahrhunderten von den Truchsessen im Namen eines abwesenden Königs regiert, und kein Lehnsherr, so alt sein Geschlecht auch war, leitete daraus einen Anspruch auf die Herrschaft ab. Der Fürst von Dol Amroth ist Vasall, Ratgeber und Heerführer, nicht Mitregent.

Von übernatürlichen Fähigkeiten ist im Zusammenhang mit dem Haus nirgends die Rede. Die Abkunft, auf die sich die Fürsten berufen, wirkt in der Überlieferung als Herkunftszeichen und als Erklärung für einen bestimmten Zug im Aussehen ihres Volkes, nicht als Quelle einer Gabe; weder längeres Leben noch Seherblick noch Macht über Dinge wird ihnen zugeschrieben, und die Anmerkung, die das Haus auf seinen Anfang zurückführt, spricht ausschließlich von Abstammung. Für Angelimir folgt daraus die schmalste denkbare Auskunft über sein Vermögen: Er verfügte über das, worüber ein Fürst seines Hauses verfügte — Land, Gefolgschaft, Schiffe und den Rang, der ihm eine Stimme im Süden des Reiches gab. Alles Weitere wäre Zusatz ohne Beleg.

Verwandtschaft und Verbindungen

Wer nach Angelimirs Beziehungen fragt, stößt zuerst auf eine Eigentümlichkeit der Überlieferung: Er ist in den veröffentlichten Werken fast ausschließlich als Bezugspunkt anderer Personen greifbar. Die eine Stelle, die ihn nennt, tut es in der Form einer Herkunftsangabe für seinen Sohn — sie bestimmt ihn als dessen Vater und als Glied einer Zählung, und mehr gibt sie nicht her. Weder seine Mutter noch seine Gemahlin werden genannt, von Geschwistern ist nirgends die Rede, und kein Ratgeber, kein Hauptmann, kein Freund tritt an seine Seite. Seine Verbindungen laufen damit ausschließlich senkrecht, von den Vorfahren zu den Nachkommen, und sie tragen keine einzige waagerechte Linie.

Nach unten hin ist die Auskunft dafür ungewöhnlich reich, wenn man sie über zwei Glieder hinaus verfolgt. Boromir und Faramir, die Söhne des Truchsessen, sind Angelimirs Urenkel, und mit dem Fürsten von Dol Amroth, der zur Kriegszeit gebot, verband den Truchsess Denethor die Schwägerschaft: Der eine hatte die Schwester des anderen zur Frau genommen. Aus dieser Nähe erklärt sich, dass das Haus in den Tagen der Belagerung nicht als fremdes Lehen in Minas Tirith erscheint, sondern als Verwandtschaft, die man kennt und der man traut. Nach dem Krieg blieb Faramir Truchsess und erhielt zugleich Ithilien als Fürstentum — der Urenkel Angelimirs trug damit in Gondor beide Ämter zugleich.

Eine zweite Linie führt über die Grenzen Gondors hinaus. Lothíriel, die Tochter jenes Fürsten und mithin Angelimirs Urenkelin, wurde die Gemahlin Éomers, des Königs der Mark, und ihr Sohn Elfwine folgte dem Vater auf dem Thron von Rohan. Das Blut des Hauses, das in Belfalas über eine Küste und eine Flotte gebot, stand nach dem Ringkrieg also zugleich im Truchsessenhaus, in Ithilien und im Königsgeschlecht der Rohirrim. Ein Gegenspieler wird Angelimir dabei an keiner Stelle zugeordnet; die Feinde seines Hauses sind in der Überlieferung stets kollektiv und nie an seine Person geknüpft. Was seine Beziehungen über ihn erzählen, ist deshalb weniger ein Charakterzug als eine Stellung: Er ist das Gelenk, an dem eine lange, bis dahin abseits verlaufende Ahnenreihe in die Geschlechter einbiegt, die das Ende des Dritten Zeitalters bestimmen.

Entwürfe und Varianten

Angelimir gehört zu den Namen, die erst durch die nachgelassenen genealogischen Papiere greifbar werden. In dem Material, das unter dem Titel „The Heirs of Elendil“ veröffentlicht ist, findet sich eine Tafel der Nachkommen Adrahils, die Tolkien einem der Manuskripte — dem als C bezeichneten — beigegeben hat; auf ihr sind diejenigen Glieder eigens gekennzeichnet, die den Fürstenrang trugen. Bemerkenswert ist der Anlass: Die Aufstellung entstand nicht als selbständiges Vorhaben, sondern im Zuge der Arbeit an der Linie, die von der Erwähnung von Denethors Ehe mit Finduilas ausgeht. Die Ahnenreihe wurde also gleichsam rückwärts erschlossen, von einer Verbindung her, die in der erzählten Geschichte eine Rolle spielt, und Angelimir steht am Kopf dessen, was diese Nachforschung zutage förderte. Unter der Tafel steht überdies eine Notiz, die den Anfang des Hauses behandelt.

Von einer Entwicklung der Figur im engeren Sinn lässt sich nicht sprechen: Es sind keine früheren Namensformen, keine verworfenen Rollen und keine widersprüchlichen Fassungen überliefert, die eine andere Gestalt dieses Fürsten erkennen ließen. Was sich in den Entwurfspapieren dagegen klären lässt, ist die Herkunft der abweichenden Schreibung, die den Leser der Unfinished Tales irritiert. Die handschriftliche Tafel bezeugt die Form Angelimir; die abweichende Lesart des gedruckten Bandes ist somit kein Zeichen eines schwankenden Konzepts, sondern ein Versehen der Herausgabe, das sich in Text und Register gleichermaßen fortgesetzt hat. Für die Beurteilung der Überlieferung folgt daraus, dass die entwurfsnahe Quelle hier die maßgebliche ist und die posthum edierte Erzählsammlung an dieser Stelle nach ihr zu berichtigen wäre.