Name und Benennung

Der Name Túna begegnet in der Erzählung über die Gründung Eldamars, und zwar im selben Zug, in dem vom Aufwerfen des Hügels berichtet wird. Die Eldar schütteten ihn in der Lücke der Berge auf, durch die das Licht der Bäume zum Meer hinausfiel, und der Text nennt die Erhebung sogleich bei ihrem Namen. Wer genau den Namen gab und aus welchem Anlass, sagt die Stelle nicht. Sie berichtet nur, dass er dem Hügel von Anfang an zugehört. Ort und Name erscheinen damit als Werk desselben Volkes und derselben Zeit.1

Sprachlich gehört der Name dem Quenya an, der Sprache der Eldar in Aman. Eine Deutung gibt das veröffentlichte Werk jedoch nicht: Das Namensverzeichnis des „Silmarillion“ bestimmt Túna allein nach seiner Lage, nämlich als grünen Hügel in der Calacirya, auf dem die Stadt errichtet wurde. Auch die Übersicht der Namensbestandteile im Anhang erklärt ihn nicht. Wer dem Wort eine Bedeutung zuschreiben will, stützt sich daher auf spätere Editionen aus Tolkiens Nachlass und bewegt sich außerhalb dessen, was die erzählenden Texte selbst festhalten. Diese Sektion lässt die Frage deshalb bewusst offen.2

Anders als beim Hügel ist der Name der Stadt, die er trägt, erklärt. Tirion leitet sich aus einem Element für „wachen, Ausschau halten“ ab und bezeichnet einen großen Wachturm. Die Bezeichnung passt zu einer Siedlung, deren höchster Turm weit über das Meer hinweg sichtbar war. Die Texte halten beide Namen sorgfältig auseinander und verbinden sie oft zu einer festen Wendung, in der die Stadt „auf Túna“ steht. So benennt Túna den Grund, Tirion das Bauwerk darauf. Diese Doppelung macht den Hügelnamen zu einem der beständigen Ortsbezüge, wann immer in späteren Kapiteln von der Stadt der Noldor die Rede ist.3

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië
  2. 2Das Silmarillion, Index of Names; Das Silmarillion, Anhang, Elements in Quenya and Sindarin Names
  3. 3Das Silmarillion, Anhang, Elements in Quenya and Sindarin Names; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië

Lage und Gestalt

Túna ist keine natürliche Erhebung, sondern ein aufgeschütteter Berg, ein Werk der Eldar selbst. Er steht in der Calacirya, dem einzigen großen Durchlass durch die Pelóri, jene gewaltige Bergkette, die Valinor gegen das Meer hin abschirmt. Damit liegt der Hügel an der Nahtstelle zweier Welten: Westlich hinter ihm öffnet sich die Ebene Valinors mit dem Sitz der Valar, östlich vor ihm senkt sich das Land zur Küste Eldamars und zur Bucht, in der die Einsame Insel Tol Eressea ruht. Der Text beschreibt den Hügel knapp als hoch und grün. Mehr über seine Form, seine Hänge oder seinen Umfang hält er nicht fest.1

Was Túna auszeichnet, ergibt sich aus dieser Mittellage. Das Licht der Zwei Bäume strömte durch den Pass nach Osten, fiel über den Hügel hinweg auf die Küste und auf die dunklen Wellen dahinter, sodass gerade dieser Landstrich beschienen war, während die übrigen Gestade im Schatten lagen. Auf dem Gipfel erhob sich die Stadt mit ihren weißen Mauern und Terrassen. Ihr höchster Turm, der Mindon Eldalieva, trug eine silberne Lampe, deren Schein weit hinaus in die Nebel des Meeres reichte. Unter diesem Turm wuchs zudem ein Abbild des Baumes Telperion, das Yavanna den Eldar geschenkt hatte. Der Hügel war damit zugleich Standort, Aussichtspunkt und Leuchtzeichen für die Seefahrenden.2

Die späteren Kapitel greifen die Gestalt des Hügels vor allem über seinen Gipfel auf. Oben auf Túna lag der große Platz Tirions, auf dem sich die Noldor versammeln konnten. In der Zeit der Verdunkelung rief Feanor sie dort im Fackelschein zusammen, und von hier aus nahm ihr Aufbruch nach Mittelerde seinen Anfang. Nördlich an der Küste lag Alqualonde, die Stadt der Teleri, sodass der Weg vom Hügel hinab zum Meer die beiden Völker leicht zueinander führte. Eine genauere Lagebestimmung, etwa eine Entfernung zum Taniquetil oder zur Küste, geben die Texte nicht.3

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië
  3. 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9, Of the Flight of the Noldor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië

Geschichte

Die Geschichte Túnas beginnt mit der Ankunft der ersten Eldar in Aman. Als Vanyar und Noldor das Gestade des Segensreiches erreicht hatten, wiesen ihnen die Valar ein eigenes Land zu. Damit sie das Licht der Bäume auch dort genießen konnten, wo sie wohnten, wurde der Durchlass durch die Berge geöffnet. In diesem Durchlass türmten die Eldar ihren Hügel auf und bauten darauf die Stadt, in der die beiden Völker lange Zeit gemeinsam lebten. Genaue Jahreszahlen nennt die Überlieferung für diese Frühzeit nicht. Alles Folgende spielt in den Jahren der Bäume, deren Zählung die erzählenden Texte nicht an einzelne Ereignisse um Túna knüpfen.1

Später folgten die Teleri über das Meer und ließen sich an der Küste nieder, wo ihre Hafenstadt entstand. Zwischen ihnen und den Noldor auf dem Hügel wuchs eine enge Freundschaft. Die Noldor schenkten den Seefahrern Edelsteine in großer Zahl, denn das Ersinnen und Schleifen von Steinen war ihre besondere Kunst. Mit der Zeit veränderte sich jedoch die Besiedlung Túnas selbst. Die Vanyar zog es immer stärker zum ungebrochenen Licht der Bäume, und sie verließen die gemeinsame Stadt, um am Berg Manwes oder in den weiten Landschaften Valinors zu wohnen. Von da an gehörte Tirion den Noldor allein. Finwe war ihr König, während Ingwe, dem die Oberherrschaft über alle Elben zustand, fern am Taniquetil lebte.2

Die Blütezeit der Stadt fiel in die Jahre, in denen Melkor nach seiner Freilassung unter den Eldar umherging. Seine Einflüsterungen säten Misstrauen unter den Noldor und zwischen den Söhnen Finwes. Der Streit brach offen aus, als Feanor mit gezogenem Schwert gegen seinen Halbbruder Fingolfin auftrat. Die Valar hielten darüber Gericht und verbannten Feanor für zwölf Jahre aus Tirion. Er zog nach Norden und errichtete dort eine befestigte Stätte, und Finwe folgte ihm aus Liebe zu seinem ältesten Sohn. In Tirion führte nun Fingolfin die Noldor. Túna war damit erstmals nicht mehr der Sitz des Königs, und die Spaltung des Hauses hatte einen sichtbaren Ort bekommen.3

Den tiefsten Einschnitt brachte die Verdunkelung Valinors. Nach dem Tod der Bäume und dem Mord an Finwe kehrte Feanor trotz der noch geltenden Verbannung zurück und rief die Noldor auf dem Gipfel des Hügels zum Aufbruch, wie bereits erwähnt. Der größte Teil des Volkes verließ daraufhin die Stadt und zog nach Norden an die Küste, teils aus Überzeugung, teils aus Treue zu seinen Fürsten. Nach dem Sippenmord bei Alqualonde und dem Urteilsspruch gegen die Abtrünnigen kehrte Finarfin mit einem Teil seines Gefolges um. Er fand Vergebung bei den Valar und übernahm die Herrschaft über jene Noldor, die in Aman geblieben waren. Als die Valar danach das Segensreich abschirmten und die Berge noch höher auftürmten, ließen sie den Pass um der treuen Eldar willen offen, sicherten ihn aber. Finarfin regierte weiterhin in der Stadt auf dem grünen Hügel.4

Noch einmal rückt Túna gegen Ende des Ersten Zeitalters ins Blickfeld. Als Earendil als erster Sterblicher das Ufer Amans betrat, stieg er durch den Pass hinauf und kam in die Stadt. Er traf dort jedoch kaum jemanden an, denn es war eine Festzeit, zu der fast alle Elben nach Valinor oder zum Taniquetil gegangen waren. So ging er durch leere Straßen, und der Staub, der sich auf seine Kleider legte, glänzte wie Edelsteingrus. Beklommen von der Stille wandte er sich wieder zum Meer, wo ihn Eonwe, der Herold Manwes, ansprach und vor die Valar rief. Von einer Zerstörung Túnas oder Tirions berichten die Texte nirgends. Der Hügel bleibt in der Überlieferung als bewohnter Ort im Segensreich bestehen, auch nachdem dieses später dem Zugang der Menschen entzogen wurde.5

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië
  3. 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 7, Of the Silmarils and the Unrest of the Noldor
  4. 4Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9, Of the Flight of the Noldor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 11, Of the Sun and Moon and the Hiding of Valinor
  5. 5Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 24, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath

Bewohner und Herrschaft

Nach dem Fortgang der Vanyar war Túna der Mittelpunkt der Noldor in Aman. Ihr Siedlungsraum beschränkte sich jedoch nicht auf den Hügel und seine Stadt. Er reichte über die ganze Calacirya und in das Bergland zu beiden Seiten des Passes, bis hin zu Gegenden, in denen das Rauschen des Meeres noch zu hören war. Die Überlieferung beschreibt dieses Volk vor allem über sein Tun. Die Noldor galten als Freunde Aules, der sie in vielen Fertigkeiten unterwies, und ihr Wissensdrang richtete sich auf Sprache, Schrift und das Werk der Hände. So wurde Tirion eine Stadt der Handwerker und Gelehrten, deren Kunst über die Grenzen des Hügels hinaus gesucht war.1

Die Herrschaft über die Eldar in Aman war dreigeteilt. Ingwe stand als Oberhaupt aller Elben über den beiden anderen Königen, übte diese Würde aber aus der Ferne aus. Olwe führte die Teleri an der Küste, und Finwe war der König der Noldor mit dem Sitz in Tirion. Das Königshaus der Noldor war mit den Vanyar durch Heirat verbunden. Finwes zweite Gemahlin Indis stammte aus diesem Volk und war eine nahe Verwandte Ingwes. Aus dieser Ehe gingen Fingolfin und Finarfin hervor, während Feanor der Sohn aus Finwes erster Ehe war. Die spätere Folge der Herrscher auf dem Hügel, von Finwe über die Stellvertretung Fingolfins bis zu Finarfin, blieb damit durchweg in diesem einen Haus.2

Auch zu den Nachbarn am Meer knüpfte das Haus Finwes eine verwandtschaftliche Bindung. Finarfin nahm Earwen zur Frau, die Tochter Olwes aus Alqualonde. Ihre Kinder trugen damit das Blut aller drei Völker der Eldar in Aman. Diese Verbindung gewann Gewicht, als Finarfin nach seiner Umkehr die Herrschaft über die in Aman verbliebenen Noldor übernahm. Mit ihm stand ein König auf Túna, der durch seine Ehe den Teleri verbunden war, die unter dem Sippenmord am schwersten gelitten hatten. Über die Art seiner Regierung und über das Leben in der Stadt nach dem Auszug der Mehrheit berichten die erzählenden Texte nichts Näheres.3

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 6, Of Fëanor and the Unchaining of Melkor
  3. 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9, Of the Flight of the Noldor

In der Erzählung

Im „Silmarillion“ ist Túna selten selbst Schauplatz einer ausgeführten Szene. Meist bildet der Hügel den festen Bezugspunkt, an dem das Geschick der Noldor gemessen wird. Er steht für das, was dieses Volk in Aman besaß und aufgab: eine Stadt des Lernens, aus der etwa Rúmil stammte, der Gelehrte Tirions, der als Erster Zeichen für Rede und Gesang ersann. Zugleich ist der Gipfel der Ort, an dem sich das Unheil bindet. Auf dem Platz der Stadt leisteten Feanor und seine Söhne ihren Eid, den sie später nicht mehr lösen konnten. Der Hügel, auf dem die Kunst der Noldor gedieh, wird so auch zum Ausgangspunkt ihres Verhängnisses.1

Nach dem Auszug bleibt Túna in der Erzählung als Erinnerung gegenwärtig. Am deutlichsten zeigt sich das bei Turgon, der in Beleriand eine verborgene Stadt plante und sie im Gedenken an Tirion auf seinem Hügel anlegen wollte. In Gondolin schuf er Abbilder der Bäume Valinors und gab der Stadt einen hohen Königsturm. Die Stadt in der Verbannung wird damit als Nachbildung des Verlorenen erzählt, nicht als bloße Festung. Túna wirkt auf diese Weise über das Meer hinweg fort, obwohl kaum einer der Exilierten den Hügel je wiedersah.2

Am Ende schließt sich mit Túna ein erzählerischer Kreis. Die Stadt, die der größte Teil der Noldor im Zorn verlassen hatte, wird zum Ziel des Boten, der für Elben und Menschen um Hilfe bitten soll. Die bereits geschilderte Leere, in die Earendil hineingeht, lässt sich als Bild für das Verhältnis beider Welten lesen: Mittelerde sucht Aman auf, findet aber zunächst nur die stille Stätte, an der die Geschichte der Verbannten ihren Anfang nahm. Erst jenseits des Hügels, vor den Valar, wendet sich das Geschick.3

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 6, Of Fëanor and the Unchaining of Melkor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9, Of the Flight of the Noldor
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 15, Of the Noldor in Beleriand
  3. 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 24, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath

Entwürfe und Varianten

In den frühesten Erzählungen, die Tolkien noch während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg niederschrieb, trägt der Hügel einen anderen Namen. Dort heißt er Kôr, und dieselbe Bezeichnung gilt zugleich für die Stadt der Elben, die auf ihm entsteht. Hügel und Siedlung sind in dieser Frühfassung noch nicht begrifflich getrennt. Der Grundgedanke steht jedoch bereits fest: Die Elben errichten ihren Wohnsitz auf einer Erhebung nahe der Küste, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Licht Valinors und zu den Seefahrern am Meer. Die spätere Anordnung von Pass, Hügel und Hafenstadt ist in diesen Texten also im Kern vorgebildet, auch wenn Namen und viele Einzelheiten noch abweichen.1

Die Trennung der beiden Namen vollzieht sich erst in den Fassungen des „Quenta“ aus den späteren Jahren. Kôr bleibt dort dem Hügel vorbehalten, während die Stadt nun Tûn heißt. Auf einer noch späteren Stufe tritt Tirion als Stadtname an die Stelle von Tûn, und der Hügel erhält die Form Túna. Der neue Hügelname scheint damit aus dem früheren Stadtnamen hervorgegangen zu sein: Was zunächst die Siedlung bezeichnete, wandert auf den Grund, der sie trägt. Kôr verschwindet in diesen Überarbeitungen aus dem Bestand der Ortsnamen. Die Entwürfe zeigen so, wie Tolkien die anfänglich ungeschiedene Einheit von Ort und Stadt schrittweise in zwei klar unterschiedene Benennungen auflöste, die im veröffentlichten Werk dann fest verbunden erscheinen.2

  1. 1Das Buch der verschollenen Geschichten. Teil 1, The Coming of the Elves and the Making of Kôr
  2. 2The Shaping of Middle-earth, The Quenta; The Lost Road and Other Writings, Quenta Silmarillion; Morgoth's Ring, The Later Quenta Silmarillion