Name und Bedeutung

Der Name Alqualonde ist quenyarisch und setzt sich aus zwei Gliedern zusammen, die der Namensanhang des „Silmarillion“ einzeln aufschlüsselt. Das erste, alqua, bezeichnet den Schwan; das Sindarin kennt dafür die verwandte Form alph. Das zweite, londe, meint nicht einen beliebigen Hafen, sondern eine vom Land umschlossene Bucht, einen geschützten Ankerplatz. Zusammengelesen ergibt sich „Schwanenhafen“, und in genau dieser Umschreibung erscheint die Stadt in der Erzählung auch immer wieder neben ihrem eigentlichen Namen.1

Warum gerade der Schwan, erklärt die Erzählung von der Ankunft der Teleri in Aman. Osse lehrte sie den Schiffbau, und als ihre Schiffe fertig waren, gab er ihnen zum Abschied starkschwingige Schwäne mit, die die weißen Fahrzeuge über das windstille Meer nach Eldamar zogen. Die Schiffe selbst trugen Schwanengestalt, mit goldenen Schnäbeln und dunklen Augen. Der Name hält also fest, was die Teleri von allen anderen Eldar unterschied: ein Volk, das über das Wasser kam und dessen Stadt vom ersten Tag an aus Hafen und Flotte bestand. Er beschreibt weniger die Lage als das Selbstverständnis ihrer Bewohner.2

Das Glied londe steht nicht allein. Dasselbe Wort kehrt in Sindarin-Gestalt als lond in Mithlond wieder, dem Namen der Grauen Anfurten an der Küste Mittelerdes; der Anhang führt beide Namen unter demselben Stichwort. So verbindet ein einziges Element den Hafen der Teleri im Westen mit dem Hafen, von dem aus später die Schiffe nach Westen ablegen. Für die deutsche Schreibung gilt, was die Ausgaben seit Carroux durchgehend praktizieren: Sie lassen das Trema weg und schreiben Alqualonde, während die englische Tradition die Form Alqualonde beibehält, deren Schlusszeichen lediglich anzeigt, dass das auslautende e gesprochen wird.3

  1. 1Das Silmarillion, Anhang, Elements in Quenya and Sindarin Names
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië
  3. 3Das Silmarillion, Anhang, Elements in Quenya and Sindarin Names

Lage und Gestalt des Hafens

Alqualonde lag an der Ostküste Amans, dort, wo das Land der Valar in die Bucht von Eldamar abfällt. Den Hintergrund bildeten die Pelóri, das hohe Randgebirge Valinors, durch das allein der Pass des Calacirya einen Weg nach Westen öffnete. Die Stadt der Teleri stand nördlich dieses Passes, an den äußersten Rändern Elbenheims, nicht weit von Tirion auf dem grünen Hügel Túna, der Stadt der Noldor in der Mündung des Calacirya. Draußen in der Bucht lag Tol Eressea, die Insel, auf der die Teleri lange gewohnt hatten, bevor sie ans Festland übersetzten. So war Alqualonde der seewärtigste Ort der Eldar in Aman: vor ihm das Meer, hinter ihm die Berge und dahinter das Licht der Bäume.1

Die Erzählung zeichnet die Stadt mit wenigen, aber eigentümlichen Zügen. Ihr Tor war kein gemauertes Werk, sondern ein Bogen aus lebendem Fels, den das Meer selbst ausgewaschen hatte; die Hallen und Häuser waren mit Perlen gebaut, und zahlreiche Lampen erhellten den Hafen. Weil die Stadt am Rand von Eldamar lag, fiel das Licht der Bäume dort schwächer, und die Sterne standen hell und klar über der Küste. Die Strände waren mit Edelsteinen bestreut, die die Noldor den Teleri geschenkt hatten, und auch die Teiche am Ufer bargen solche Gaben. Die Freundschaft der beiden Völker hatte sich also buchstäblich in den Boden des Hafens eingeschrieben.2

Was Alqualonde von allen anderen Städten Amans unterschied, war seine Ausrichtung auf das Wasser. Die Teleri blieben auch in Aman ein Volk der Küste; sie wanderten am Strand, lauschten der Brandung und zogen nicht wie Vanyar und Noldor ins Innere des Landes. Das Herz der Stadt war der Hafen selbst, in dem die weißen Schiffe vor Anker lagen. Als Feanor sie für den Auszug der Noldor verlangte, erwiderte Olwe, diese Schiffe seien für sein Volk, was den Noldor ihre Juwelen bedeuteten: ein Werk, das sich nicht ein zweites Mal schaffen lasse. In dieser Antwort zeigt sich, dass der Hafen für seine Bewohner mehr war als ein Ankerplatz, nämlich der eigentliche Besitz und das Gedächtnis ihrer Überfahrt.3

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië
  3. 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9, Of the Flight of the Noldor

Geschichte

Die Geschichte Alqualondes beginnt mit dem letzten Schritt der langen Wanderung der Teleri. Nachdem sie eine lange Zeit auf Tol Eressea verbracht hatten, erwachte in ihnen der Wunsch nach dem Licht der Bäume und nach der Gemeinschaft mit den übrigen Eldar, und auf Ulmos Geheiß brachte Osse ihnen den Schiffbau bei. Mit ihrer Flotte setzten sie nach Eldamar über und gründeten dort, unter der Herrschaft Olwes, ihre Stadt an der Küste. Eine Jahreszahl nennt das „Silmarillion“ für diese Gründung nicht; die Ereignisse in Aman werden dort nach den Zeitaltern der Bäume erzählt, nicht nach einem gezählten Kalender. Fest steht nur die Reihenfolge: Die Teleri kamen als Letzte der drei Eldar-Völker in das Land der Valar.1

Es folgte eine lange Zeit des Friedens, in der die Stadt mit den anderen Siedlungen Eldamars eng verbunden war. Besonders zu den Noldor in Tirion bestanden Bande der Freundschaft und bald auch der Verwandtschaft: Finarfin, der jüngste Sohn Finwes, nahm Earwen, die Tochter Olwes, zur Frau, sodass ihre Kinder Blut beider Häuser in sich trugen. Als Melkor nach seiner Freilassung unter den Eldar Unruhe säte, richtete er sein Augenmerk vor allem auf die Noldor. Die Teleri blieben von seinen Einflüsterungen unberührt; Olwe konnte später mit Recht sagen, sein Volk habe Morgoth weder angehört noch bei sich aufgenommen.2

Die Wende kam mit der Verdunkelung Valinors. Nachdem die Bäume vernichtet waren und Feanor mit seinen Söhnen den Eid geschworen hatte, zog der größte Teil der Noldor aus Tirion nach Norden. Da der Weg nach Mittelerde über das Meer führte, begab sich Feanor nach Alqualonde und verlangte von den Teleri ihre Schiffe. Olwe lehnte ab: Sein Volk werde weder Schiffe herleihen noch beim Bau neuer helfen, solange dies gegen den Willen der Valar geschehe. Statt sich dem Auszug anzuschließen, versuchten die Teleri vielmehr, ihre Verwandten von dem Unternehmen abzubringen, und vertrauten darauf, dass Ulmo und die übrigen Mächte das Unheil wenden würden.3

Feanor wartete, bis sein Heer eingetroffen war, und ließ dann die Schiffe besetzen. Die Teleri setzten sich zur Wehr und stießen viele der Eindringlinge ins Wasser; daraufhin griffen die Noldor zu den Waffen. Auf den Schiffen, an den Kais und auf den Molen, im Schein der Hafenlampen, entbrannte ein Kampf, in dem die Teleri zuletzt unterlagen, weil sie nur leicht bewaffnet waren. Fingon, der mit der Vorhut von Fingolfins Heer herankam, griff ein, ohne den Anlass des Streits zu kennen. Viele Seeleute Alqualondes fanden den Tod, und die Noldor ruderten mit den geraubten Schiffen die Küste entlang nach Norden. Uinen trauerte um die Erschlagenen, und das Meer erhob sich gegen die Täter, sodass ein Teil der Flotte zerschellte.4

Dieser erste Sippenmord unter den Eldar wirkte weit über den Hafen hinaus. Die Weissagung von Mandos, die die Noldor im Norden traf, legte ihnen das vergossene Blut zur Last und kündigte ihnen den Fluch an, der ihre Kriege in Mittelerde begleiten sollte. Finarfin kehrte darauf um, erlangte die Verzeihung der Valar und blieb in Aman. Die geraubten Schiffe gingen später bei Losgar in Flammen auf. In Beleriand blieb die Tat lange verborgen, bis Angrod sie Thingol offenbarte; der König, selbst ein Bruder Olwes, untersagte daraufhin in seinem Reich den Gebrauch der Sprache der Noldor.5

Alqualonde selbst ging nicht unter, sondern blieb die Stadt der Teleri. Als am Ende des Ersten Zeitalters das Heer der Valar gegen Morgoth aufbrach, hatten die Teleri das Geschehen im Hafen nicht vergessen. Mit Rücksicht auf Elwing, die ihrem Geschlecht entstammte, erklärten sie sich dennoch bereit, die Schiffe zu führen, die das Heer über das Meer trugen; in den Krieg zogen sie selbst nicht, und keiner von ihnen betrat die Küsten Mittelerdes. Von einer Zerstörung der Stadt berichtet kein Werk. Mit dem Untergang Numenors wurde Aman jedoch aus den Kreisen der Welt genommen, und seither liegt auch der Hafen der Teleri außerhalb der Reichweite sterblicher Seefahrer.6

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9, Of the Flight of the Noldor
  3. 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9, Of the Flight of the Noldor
  4. 4Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9, Of the Flight of the Noldor
  5. 5Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9, Of the Flight of the Noldor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 15, Of the Noldor in Beleriand
  6. 6Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 24, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath; Das Silmarillion, Akallabêth

Bewohner und Herrschaft

Die Bewohner Alqualondes waren Teleri, Angehörige der dritten und zahlreichsten der drei Scharen, die einst von Cuiviénen nach Westen aufgebrochen waren. Geführt hatten sie zwei Brüder, Elwe und Olwe. Elwe blieb in den Wäldern von Nan Elmoth zurück, und so wurde Olwe allein zum Herrn jener Teleri, die die Reise über das Meer schließlich vollendeten. Nicht alle folgten ihm: Die Sindar blieben bei Elwe in Beleriand, und die Küstenelben unter Círdan verharrten aus Liebe zum Meer an den Ufern Mittelerdes. In Aman nannte man die Angekommenen auch Falmari, die Seeelben. Während ihres langen Aufenthalts auf Tol Eressea hatte sich ihre Sprache von der der Vanyar und Noldor entfernt, sodass sie auch dem Wort nach ein eigenes Volk blieben.1

Eine Herrscherfolge im eigentlichen Sinn kennt die Überlieferung nicht. Olwe ist der einzige Fürst, den die Erzählung für Alqualonde nennt, und er bleibt es durch alle berichteten Zeiten; ein Nachfolger wird nirgends erwähnt. Über ihm stand, dem Rang nach, Ingwe, der Fürst der Vanyar, den man als Hohen König aller Elben ansah. Eine Unterordnung im Alltag der Stadt lässt sich daraus freilich nicht ableiten. Enger als an jeden Elbenkönig war das Volk an die Mächte des Meeres gebunden: Osse, der sie einst zurückgehalten und dann den Schiffbau gelehrt hatte, blieb ihr Freund, und Uinen galt ihnen als Hüterin der Seefahrer.2

Das Verhältnis zu den Nachbarn prägten vor allem die Bande des Blutes. Weil Olwes Tochter in das Haus Finwes eingeheiratet hatte, trugen deren Kinder auch telerisches Erbe in sich, und das wirkte bis nach Mittelerde fort. Als die Noldor in Beleriand eintrafen, durften allein die Kinder Finarfins das Reich Doriath betreten, denn Thingol sah in ihnen über ihre Mutter seine eigenen Verwandten. Auf diesem Weg gelangte Galadriel an den Hof Melians und blieb dort lange. So reichte der Einfluss der Stadt am Meer weit über ihre Küste hinaus, lange nachdem die Schiffe der Teleri verloren waren.3

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië; Das Silmarillion, Valaquenta, Of the Maiar
  3. 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 13, Of the Return of the Noldor

Rolle in der Erzählung

Im „Silmarillion“ tritt Alqualonde kaum als Schauplatz eines eigenen Geschehens hervor. Die Stadt steht im Wesentlichen für einen einzigen Augenblick, und an ihm hängt der weitere Gang der Erzählung. Bis dahin ist der Auszug der Noldor ein Aufbegehren gegen die Valar, ein Bruch mit Gehorsam und Geduld. Im Hafen der Teleri wird er zur Schuld. Bezeichnend ist, dass Morgoth an diesem Ort gar nicht anwesend ist: Was er gesät hat, trägt Frucht allein durch die Hände der Eldar. Dem stellt die Erzählung Olwes Haltung gegenüber, das Warten auf die Mächte statt der Eile, das Festhalten statt des Aufbruchs. So wird die friedlichste Stadt Amans zur Probe, an der sich die beiden Wege scheiden.1

Zugleich setzt der Hafen ein Muster, das die Erzählung bis zu ihrem Ende nicht mehr loslässt. Der Streit um die Schiffe ist der erste Sippenmord, aber nicht der letzte: Der Eid Feanors treibt seine Söhne später in den Angriff auf Doriath und schließlich auf die Siedlungen an den Mündungen des Sirion. Wer die späteren Kapitel liest, erkennt in ihnen die Wiederholung dessen, was in Alqualonde begann. Die Erzählung selbst verweist darauf, dass das Geschehen früh Gegenstand der Klage wurde: Maglor soll ein Lied darüber gedichtet haben, das den Namen „Noldolante“ trägt, der Fall der Noldor, bevor er verschollen ging.2

Wie sehr Tolkien den Ort als Prüfstein für seine Figuren verstand, zeigt eine späte Fassung der Geschichte Galadriels. Dort nimmt sie nicht am Überfall teil, sondern kämpft im Hafen gegen Feanor, zur Verteidigung der Verwandten ihrer Mutter. Die Stelle bleibt eine Variante neben der Erzählung des „Silmarillion“, doch sie macht sichtbar, welche Last der Name der Stadt trägt: Wer dort auf welcher Seite stand, entscheidet über das Urteil, das die Überlieferung über ihn fällt.3

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9, Of the Flight of the Noldor
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9, Of the Flight of the Noldor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 22, Of the Ruin of Doriath; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 24, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath
  3. 3Nachrichten aus Mittelerde, Teil 2, Kap. 4, The History of Galadriel and Celeborn

Entwürfe und Varianten

In den frühesten Fassungen der Mythologie, den „Verschollenen Geschichten“, trägt der Hafen noch einen anderen Namen: Er heißt dort Kópas Alqalunte, und das erste Glied bedeutet schlicht „Hafen“. Die Bedeutung „Schwanenhafen“ steht damit von Anfang an fest, nur die Form des Namens ändert sich später. Auch das Volk, das diesen Hafen bewohnt, heißt in diesen Texten anders. Die Seeelben der späteren Überlieferung erscheinen dort als Solosimpi, ein Name, der sie als Pfeifer am Strand kennzeichnet. Der Name Teleri gehörte in dieser frühen Schicht dagegen der ersten der drei Elbenscharen, jener, die im ausgearbeiteten Werk Vanyar heißt. Erst in den späteren Entwürfen ging er auf das Volk am Meer über. Wer die frühen Texte liest, muss daher mit dieser Verschiebung rechnen, um die Völker richtig zuzuordnen.1

Der Kern der späteren Erzählung ist dagegen schon in dieser ersten Fassung vorhanden. Auch hier brauchen die Noldoli, wie die Noldor in den frühen Texten heißen, für ihren Aufbruch aus Valinor die Schiffe der Seeelben. Als diese sie ihnen verweigern, nehmen sie sie mit Gewalt, und im Hafen fließt Blut. Die Tat ist also nicht erst nachträglich in die Geschichte eingefügt worden. Sie gehört zu den ältesten Bausteinen der Mythologie und blieb durch alle Umarbeitungen hindurch der Punkt, an dem der Auszug der Noldor zur Schuld wird. Verändert haben sich im Lauf der Jahrzehnte vor allem die Namen und die Einbettung. Der Vorgang selbst blieb in seinen Grundzügen gleich.2

  1. 1Das Buch der verschollenen Geschichten. Teil 1, The Coming of the Elves and the Making of Kôr
  2. 2Das Buch der verschollenen Geschichten. Teil 1, The Flight of the Noldoli