Ursprung und Benennung

Der Name Narsil verweist, den Überlieferungen des Ersten Zeitalters zufolge, unmittelbar auf das Licht von Sonne und Mond: In der vollendeten Klinge sei neben dem feurigen, rötlichen Schein der Sonne auch das kühlere, weiße Schimmern des Mondes sichtbar gewesen, und danach erhielt das Schwert seinen Namen. Diese doppelte Lichtsymbolik blieb dem Namen als eigentliche Bedeutung zugeordnet, auch wenn die Quellen selbst keine weitere sprachliche Herleitung der einzelnen Namensbestandteile liefern.

Geschmiedet wurde Narsil im Ersten Zeitalter von Telchar, einem Schmied aus Nogrod, der unter den Zwergen seiner Zeit als bedeutender Meister seines Handwerks galt. Aus derselben Hand stammte auch das Messer Angrist, mit dem später ein Silmaril aus Morgoths eiserner Krone geschnitten wurde, was Telchars Ruf als einer der fähigsten Schmiede seines Volkes begründete. Wie Narsil selbst in den Besitz des Hauses Elendils gelangte, wird in den Quellen nicht erklärt; überliefert ist allein ihre Herkunft aus Telchars Hand im fernen Ersten Zeitalter.

Neben dem eigentlichen Namen ist die Waffe unter mehreren Beinamen bekannt, die an unterschiedliche Stationen ihrer Geschichte anknüpfen. Die Bezeichnung „das zerbrochene Schwert“ geht auf einen Vers zurück, der schon vor Aragorns Auftreten in Bruchtal in Umlauf war und dort die Erwartung an Isildurs Erben weckte. „Schwert Elendils“ wiederum benennt die Klinge schlicht nach ihrem ersten und bekanntesten Träger; in dieser Form erscheint sie auch in der Erinnerung an das Bündnis gegen Sauron, wo sie neben Gil-galads Speer Aiglos als eine der beiden Waffen genannt wird, denen im Krieg des Letzten Bündnisses nichts standhielt.

Beschaffenheit und Wesen

In seiner ursprünglichen Gestalt galt Narsil als Werk von besonderer Kunstfertigkeit: Der Überlieferung zufolge war der geschmiedeten Klinge ein Widerschein von Sonne und Mond eingeschmolzen, sodass sie nicht nur eine gewöhnliche Waffe war, sondern auch ein rötlich-goldenes und zugleich kühl-weißes Leuchten zeigte. Diese doppelte Lichtwirkung, die schon dem Namen zugrunde lag, wird in den Quellen als Eigenschaft des Metalls selbst beschrieben, nicht bloß als äußerliche Verzierung – Narsil erscheint damit als eine Klinge, deren Glanz über das hinausging, was gewöhnliche Schmiedekunst zu leisten vermochte.

Von dieser besonderen Machart blieb auch die Klinge in ihrem zerbrochenen Zustand nicht unberührt. Als sie im Krieg des Letzten Bündnisses unter ihrem Träger brach, blieb neben mehreren kleineren Splittern vor allem der größere Teil mit dem Heft erhalten. Dass dieser Rest trotz des Bruchs noch scharf genug war, um Metall zu durchtrennen, erwies sich, als Isildur mit ihm dem besiegten Sauron den Ring vom Finger schnitt: Selbst als gebrochene Waffe behielt Narsil offenbar genug von seiner ursprünglichen Schärfe, um diesen letzten, entscheidenden Hieb zu führen.

Erst in Bruchtal gaben kundige Schmiede der Klinge ihre volle Gestalt zurück. Beim Neuschmieden wurde in das Blatt ein Zeichen von sieben Sternen eingelassen, gesetzt zwischen Sonne und Mondsichel, dazu eine Reihe von Runen. In dieser erneuerten Form erschien das Schwert heller als zuvor: Rötlich schimmerte darin das Licht der Sonne, kühl-weiß das des Mondes, und seine Schneide war so hart und scharf, wie sie es zuvor nie gewesen war. Diese sichtbare Erneuerung der alten Lichtwirkung im Blatt war es auch, die dem Schwert unter dem Namen Andúril, „Flamme des Westens“, seinen Platz in Aragorns Krieg gegen Sauron gab.

Geschichte durch die Zeitalter

Elendil trug das Schwert bei seiner Flucht aus dem untergehenden Númenor über das Meer nach Mittelerde und führte es fortan als Zeichen seiner Königswürde über die von ihm gegründeten Reiche Arnor und Gondor. Als Hochkönig der Dúnedain im Exil vereinte er seine Streitmacht mit den Elbenheeren Gil-galads zum Letzten Bündnis gegen Sauron; in der entscheidenden Schlacht vor dessen Reich, im Jahr 3441 des Zweiten Zeitalters, fiel Elendil, und mit seinem Sturz zerbrach die Klinge unter ihm.

Sein Sohn Isildur barg nach der Schlacht die abgebrochene Scherbe mitsamt dem Heft und bewahrte sie seither als Erbstück seines Hauses. Er trug sie bei sich, als er zunächst noch in Gondor blieb, um dort die Herrschaft seines Bruders Anárion zu ordnen, und auch, als er schließlich gen Norden nach Arnor aufbrach, um selbst dort zu herrschen. Am Anduin geriet er dabei in einen Hinterhalt ziehender Orks und wurde erschlagen, im zweiten Jahr des Dritten Zeitalters. Nur sein Knappe entkam dem Überfall; er brachte die Schwertscherben in Sicherheit und trug sie schließlich nach Bruchtal, wo Elrond sie fortan verwahrte.

Dort blieben die Scherben über Jahrhunderte hinweg unversehrt liegen, ohne dass jemand es wagte, sie neu zu schmieden. Nach dem Untergang des Nordreichs Arnor gingen sie, zusammen mit dem Ring Barahirs und den übrigen Erbstücken von Isildurs Haus, auf die Häuptlinge der Dúnedain des Nordens über, die von Geschlecht zu Geschlecht ihre Abkunft von Elendil bewahrten. Unter den Weisen ging derweil eine alte Kunde um, wonach das zerbrochene Schwert erst dann neu geschmiedet werden solle, wenn Isildurs Erbe sich erhöbe, um an der Seite der freien Völker gegen Sauron zu ziehen.

Aragorn, der als Häuptling seines Volkes lange Jahre unerkannt unter dem Namen Streicher durch die Wildnis Eriadors zog, führte die Bruchstücke zunächst nur als stilles Erbstück mit sich, ohne dass sie zur Waffe wurden. Erst als der Eine Ring wiedergefunden war und der Rat von Elrond in Bruchtal den offenen Krieg gegen Sauron beschlossen hatte, ließ Elrond die Schmiede seines Hauses die Reste der Klinge neu zusammenfügen. So ging um das Jahr 3018 des Dritten Zeitalters aus den Bruchstücken Narsils die Klinge Andúril hervor, die Aragorn kurz vor dem Aufbruch der Gemeinschaft des Rings von Bruchtal erhielt.

Als Andúril begleitete das Schwert Aragorn fortan durch die Feldzüge des Kriegs um den Ring, auf dem Pfad der Toten ebenso wie in der Schlacht auf den Pelennor-Feldern und beim letzten Vorstoß vor das Schwarze Tor. Mit Saurons endgültigem Sturz und Aragorns Krönung zum König Elessar von Arnor und Gondor fand die Klinge, die einst unter Elendil zerbrochen war, nach mehr als dreitausend Jahren ihre eigentliche Bestimmung als Schwert des Königs wieder.

Rolle in der Erzählung

Innerhalb der Erzählung fungiert das zerbrochene Schwert zunächst als Rätsel und Erkennungszeichen zugleich. Ehe die Gefährten erfahren, dass der Waldläufer Streicher der gesuchte Erbe Isildurs ist, kündigt die Kunde von einem Schwert, das einst zerbrach, seine wahre Herkunft bereits an und verschafft aufmerksamen Lesern einen Wissensvorsprung vor den Hobbits. Erst im Rat von Elrond werden die Scherben selbst vorgezeigt: Vor den versammelten Vertretern der freien Völker beglaubigen sie Aragorns Anspruch auf die Nachfolge Elendils und heben ihn, der bis dahin nur als unscheinbarer Waldläufer aufgetreten war, sichtbar aus dem Kreis der übrigen Ratsteilnehmer heraus. Die Waffe dient damit weniger als Kampfmittel denn als Beweisstück einer Identität, die ihr Träger lange verborgen gehalten hatte.

Die Neuschmiedung zu Andúril markiert innerhalb der Handlung den Augenblick, in dem Aragorn seine Zurückhaltung ablegt und offen als Anwärter auf den Thron von Gondor auftritt. Der Übergang vom namenlosen Streicher zum Träger eines erneuerten Königsschwerts vollzieht sich parallel zum Aufbruch der Gemeinschaft des Rings und verbindet damit den persönlichen Weg der Figur unmittelbar mit dem Verlauf des Krieges gegen Sauron. Das wiederhergestellte Schwert steht sinnbildlich für die Wiederherstellung des Königtums selbst, das seit Isildurs Tod ohne Träger geblieben war, und nimmt in verdichteter Form vorweg, was erst mit der Krönung am Ende der Erzählung vollendet wird. In diesem Sinn ist die Klinge weniger ein Werkzeug des Sieges über Sauron als ein Zeichen dafür, dass die Zeit für Isildurs Erben gekommen ist, seinen Platz einzunehmen.

Auf den Pelennor-Feldern wird der bloße Anblick der Klinge schließlich selbst zum Kriegsereignis. Als Aragorn mit gezücktem Schwert unter die Belagerer Minas Tiriths reitet, verbreitet sich unter Freund und Feind die Kunde, das zerbrochene Schwert sei wiedergekehrt, und diese Erkenntnis wirkt auf die einen ermutigend, auf die anderen erschütternd. Die Waffe wird damit vom stillen Erbstück eines Verbannten zu einem öffentlichen Zeichen, an dem sich für alle sichtbar entscheidet, was mit Saurons drohender Niederlage auf dem Spiel steht. So steht Narsil am Ende jener Geschichte, die mit seinem Zerbrechen unter Elendil begonnen hatte, für die Wiederkehr des rechtmäßigen Königs und für die Hoffnung, dass selbst das, was zerbrochen scheint, wiederhergestellt werden kann.

Adaptionen

In Peter Jacksons Filmtrilogie (2001–2003) tritt das Schwert bereits im Prolog des ersten Teils auf: Elendil führt es in der Schlacht gegen Sauron, es zerbricht, und Isildur schneidet mit der Scherbe den Ring von der Hand des Feindes – insoweit folgt die Verfilmung dem Buch. Deutlich abweichend ist der weitere Weg der Bruchstücke. Sie werden nicht als Erbstück von den Häuptlingen der Dúnedain mitgeführt, sondern liegen in Bruchtal aufgestellt, wo Boromir sie vor dem Rat in die Hand nimmt; Aragorn trägt sie zu keinem Zeitpunkt bei sich. Vor allem aber unterbleibt die Neuschmiedung vor dem Aufbruch der Gemeinschaft: Aragorn zieht mit einer anderen Klinge aus, und erst im dritten Film bringt Elrond ihm das fertige Andúril in das Heerlager der Rohirrim. Damit verschiebt die Filmfassung den Übergang vom unerkannten Waldläufer zum offenen Königsanwärter aus dem Rat von Elrond in die Spätphase des Krieges und verknüpft Aragorns Entschluss zugleich mit dem Schicksal Arwens, einem Motiv, das im Roman an dieser Stelle keine Entsprechung hat.

Die älteren Bearbeitungen behandeln die Klinge knapper. Ralph Bakshis Zeichentrickfilm (1978) fasst die Vorgeschichte um Isildur und den Ring in einem stark verkürzten Prolog zusammen und bricht nach der Schlacht um Helms Klamm ab, sodass die Wiederherstellung des Schwerts dort ohnehin außerhalb des erzählten Abschnitts bleibt. Die Hörspielfassung von BBC Radio 4 (1981) verteilt den Stoff auf sechsundzwanzig halbstündige Folgen und gilt als die buchnächste der frühen Bearbeitungen; als reines Hörwerk kann sie den Gegenstand nur über die Rede der Figuren gegenwärtig halten, behält dabei aber die Abfolge des Romans samt Neuschmiedung in Bruchtal vor dem Aufbruch der Gemeinschaft bei.